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Die wahre Geschichte der Hausfrau


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 23/2022 vom 03.06.2022

GESCHICHTE

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 23/2022

Trautes Heim, Glück allein? Eine ?moderne? Hausfrau um 1960

Der Tisch ist hübsch gedeckt, aus dem Ofen duftet der Braten, die Kinder sind gekämmt. Die Tür geht auf, der Ehemann kommt nach Hause. Seine Gattin, angetan mit adrettem Kleid, nimmt ihm die Aktentasche ab und serviert danach das Essen. Besteck klappert, genüssliches Schweigen. Dann lobt der Gatte das Mahl, sie lächelt erleichtert. Das Idyll ist perfekt.

So stellte man sich in den 50er- und 60er-Jahren Familie vor. „In den Ratgebern jener Zeit gab es zuhauf Tipps für Hausfrauen“, sagt Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes, Autorin des Buchs „Die Erfindung der Hausfrau“ (Harper Collins, 288 Seiten, 22 Euro). „Etwa jene, dass die Frau ihren hart arbeitenden Mann verwöhnen sollte, wie sie es bei einem Gast tun würde. Sie sollte sich für ihn hübsch machen, Probleme mit Haushalt und Kindern von ihm fernhalten.“

Unbezahlt und unsichtbar

Die Geschlechterrollen waren klar ...

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... verteilt: Er brachte als Alleinverdiener das Geld nach Hause. Sie stemmte „das bisschen Haushalt“, unbezahlt und unsichtbar. Der Mann eroberte die Welt, die Frau einen Mann. Hochzeit, Haus und Kinder waren der perfekte Mädchentraum. So war es auch in der Familie von Michèle Dominici. Die französische Filmemacherin fand die Tagebücher ihrer Mutter aus den 1960ern – und wunderte sich: Die Memoiren endeten im Jahr der Hochzeit.

Danach sei ja nichts Interessantes mehr zu berichten, begründete die Mutter. „Ihre Erfahrung und sicher auch die allgemeine Geringschätzung des Hausfrauenstandes hatten sie schließlich von ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit überzeugt“, berichtet Michèle Dominici in ihrer berührenden Filmcollage (siehe TV-Tipp), die Privataufnahmen, historische Bilder und Tagebuchzitate von einem Dutzend Frauen miteinander verwebt. „Warum fühle ich mich nur so müde und lustlos?“, heißt es etwa bei Anna. „Jeden Tag verrichte ich dieselben Handgriffe, ein eintöniges Leben!“

Die anfängliche Euphorie nach der Hochzeit wird bei vielen verdüstert durch Überforderung, Einsamkeit, Müdigkeit oder Depressionen. „Der Druck, eine gute Mutter zu sein, war enorm“, bestätigt Rulffes. „Nicht wenige tranken heimlich oder griffen zu Tabletten.“ Technische Errungenschaften wie Spülmaschine oder Kühlschrank brachten zwar Erleichterung, „aber nicht weniger Arbeit, weil die Ansprüche wuchsen“. Bescheidenheit, Fleiß und Sparsamkeit galten als die weiblichen Tugenden. Ausbrechen war schwierig, es gab beispielsweise keine Kinderbetreuung. Mit dem Jawort ging das Vermögen der Braut auf den Mann über. Für ein eigenes Konto, einen Job und Verträge benötigte sie seine Einwilligung. Erst im Jahr 1958 wurde die Gleichberechtigung im Gesetz verankert. Ehefrauen durften nun auch selbst ein Konto eröffnen.

Die Hausfrau stirbt aus

Die Zahl der Hausfrauen wird von amtlichen Statistiken nicht erfasst. Die Erwerbsquote lässt jedoch Rückschlüsse zu und gilt als Gradmesser der Gleichberechtigung. Sie zeigt, wie viele Personen einer Gruppe einer Arbeit nachgehen. Bei verheirateten Frauen in der BRD betrug sie 1950 nur 26 Prozent. Das heißt: Drei Viertel der Ehefrauen waren zu Hause. 30 Jahre später, im Jahr 1980, arbeiteten fast doppelt so viele Frauen: 48 Prozent. Der Anteil stieg weiter. 1996 waren 59 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, 2021 schon 75 Prozent, meist in Teilzeit. Bei Vätern liegt die Erwerbsquote seit Jahrzehnten bei über 90 Prozent. Auch wenn beide Eltern voll berufstätig sind, verbringen Frauen mehr Zeit mit Kinderbetreuung und Hausarbeit: täglich 3,7 Stunden – Väter nur 2,5 Stunden. Die Pandemie hat diese Tendenz noch verstärkt.

Quellen: Mikrozensus, SOEP

Doch die Gesellschaft beharrte auf Tradition, erst die Studentenrevolte brachte die Rollenbilder ins Wanken, die historisch gewachsen schienen. „Aber das war ein Irrtum“, so Rulffes. „Früher war das Ehepaar ein Arbeitspaar.“ Abgesehen von einer kleinen Oberschicht arbeiteten beide. „Das war schon im Mittelalter so. Frauen waren auch in den Zünften selbstständig.“

Sehnsucht nach heiler Welt

Im 18. Jahrhundert gab es die sogenannte Hausmutter, die einen Gutshof leitete. „Niemand erwartete von ihr, dass sie kochte, putzte oder Kinder versorgte. Dafür gab es Personal. Die Idee der Hausfrau, wie wir sie kennen, hat sich erst im 19. Jahrhundert im aufstrebenden Bürgertum entwickelt.“ Damals galt es als Zeichen von Wohlstand, wenn die Frau keinem Beruf nachging.

Nach 1945 förderte auch die Sehnsucht nach heiler Welt, Geborgenheit und Sicherheit das Ideal der „Nur“-Hausfrau. Ihre Leistung war enorm: „Ohne die Haus- und Fürsorgearbeit der Hausfrauen wäre das Wirtschaftswunder unmöglich gewesen“, so Rulffes. Warum gab es dafür kaum Anerkennung? „In einer auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Gesellschaft hat nur das einen Wert, was auch bezahlt wird“, so Rulffes. „Außerdem tat die Frau es ja aus Liebe, wie hätte sie da etwas fordern können? Auch so wurde argumentiert.“ Rulffes ist aber nicht dagegen, dass sich eine Frau, oder ein Mann, gänzlich der Familienarbeit widmet: „Jede Familie sollte frei entscheiden, wie sie leben möchte. Wenn eine Frau zu Hause bleibt, darf das aber nicht in finanzielle Abhängigkeit führen – was noch zu oft der Fall ist.“

DAGO WEYCHARDT