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Die Wahrheit über den Sonnenkönig


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 49/2022 vom 02.12.2022
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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 49/2022

SOUVERÄN Der Ausspruch ?L?état, c?est moi!?, also ?Der Staat bin ich!?, wird Ludwig XIV. zugeschrieben, ist aber nicht belegt

E rwählte sich als Symbol die Sonne, ging als „Sonnenkönig“ in die Geschichte ein. Wie kein zweiter steht Frankreichs Regent Ludwig XIV. (1638 – 1715) für die uneingeschränkte Alleinherrschaft, den Absolutismus. Nun beleuchtet der britische Historiker Philip Mansel in einer Biografie (siehe Buchtipp S. 35) den Monarchen, dessen Widersprüchlichkeit der Forschung bis heute Rätsel aufgibt.

So schuf Ludwig XIV. das prunkvolle Schloss Versailles, hielt sich einen irrwitzig großen Hofstaat, förderte und inspirierte mehr Künstler als jeder andere König vor oder nach ihm. Er liebte Theater und Ballett, Blumen und Gartengestaltung. Zudem war er ein großer Förderer der Frauen, gründete etwa die beste Mädchenschule des Landes. Gleichzeitig führte er mit Begeisterung Kriege, ließ seine Armeen morden, vergewaltigen und brandschatzen. Er verfolgte die Hugenotten unerbittlich und trieb sie außer Landes. Und er ...

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... war besessen von Ruhm – für sich und sein Land. „Er gründete Kolonien in Amerika, Afrika und Indien“, zählt Biograf Mansel auf, „versuchte Siam – wie man Thailand damals nannte – einzunehmen, schickte Missionare und Mathematiker zum Kaiser von China und stieg in den Kampf um die globalen Märkte ein, der noch heute andauert.“

Er ist Weltrekordhalter: Niemand regierte länger

Nachdem er mit vier Jahren zum König ausgerufen worden war, regierte Ludwig 72 Jahre und 110 Tage – bis heute Weltrekord! Die Amtsgeschäfte übernahm er allerdings erst 1661 aktiv, am Tag, an dem sein Mentor, Kardinal Mazarin, starb.

Zur höfischen Erziehung gehörte damals das Tanzen. Mansel merkt beinahe schwärmerisch an: „Mehrere Tanzmeister nacheinander verwandelten den schüchternen Jungen in einen königlich wirkenden Monarchen von großer körperlicher Gewandtheit und würdevollem Auftreten.“ Auf öffentlichen Bühnen wie bei privaten Bällen tanzte Ludwig bis über seinen 30. Geburtstag hinaus, übernahm 60 Rollen in 23 Ballettstücken.

Ludwig war laut Mansel „ein sanfter Jugendlicher, seiner Mutter, den Frauen und der Gitarre zugetan, ein hingebungsvoller Soldat und Jäger und dazu noch ein hart arbeitender Bürokrat“. Und in seinem Denken sehr fortschrittlich: Er ermutigte beispielsweise viele Frauen, Rollen bei Hofe und im öffentlichen Leben zu übernehmen. Als der frühe Feminist François Poullain de La Barre 1673 eine Abhandlung über die Gleichheit der Geschlechter veröffentlichte, geschah das mit ausdrücklicher Billigung des Königs, der sein Monogramm auf die Titelseite drucken ließ.

Mit seinem wichtigsten und mächtigsten Minister Jean-Baptiste Colbert, zuständig für die Finanzen, betrieb Ludwig zudem ein beispielloses Förderprogramm für Handel und Gewerbe. Die Qualität französischer Waren sollte Maßstäbe setzen. Tatsächlich wurde Paris zur ersten Adresse für Luxusprodukte. Die Stadt selbst wurde zu einer der modernsten in Europa ausgebaut. Wegweisende Architektur entstand, darunter der Louvre, das Hôpital de la Salpêtrière für verarmte Kranke, Frauen und Kinder sowie das Hôtel Royal des Invalides, eine gigantische Militärstadt, in der alte und kriegsversehrte Soldaten umfassend versorgt wurden.

Spiel und Zerstreuung im Spaßpalast Versailles

Ludwigs Meisterstück war jedoch der Bau von Versailles, jener gewaltigen Schlossund Parkanlage, die ihresgleichen sucht. Er kannte jedes Detail und war oft auf der Baustelle anzutreffen, die rund um die Uhr in Betrieb war und auf der ungezählte Arbeiter verletzt wurden oder starben.

Für den König und seine Entourage wurde Versailles zu einer Vergnügungsmaschinerie. Wer sich Ludwigs Gunst erfreute, konnte täglich an Bällen, Balletten, Komödien, Konzerten, Jagden und Gelagen teilnehmen. Doch diese Spaßgesellschaft hatte auch eine martialische Seite: „Kriege führte man nicht nur, um Eroberungen zu machen“, schreibt Mansel. „Der König hatte Spaß daran, und noch mehr als 34 der Hof selbst galt der Krieg als eine Notwendigkeit, um den französischen Adel zu zähmen und zufriedenzustellen. Im Krieg stiegen die Chancen des Adels auf Beförderung, Geld, Ruhm und emotionale Befriedigung.“ Von den 54 Jahren, die Ludwig persönlich regierte, befand sich Frankreich 33 Jahre im Krieg.

Hatte Venedigs Botschafter 1666 als Ludwigs herausragende Gaben noch „Menschlichkeit und eine Abscheu vor Blutvergießen und Grausamkeit“ genannt, war der Sonnenkönig 1672 völlig verwandelt: In den Niederlanden verübten seine Soldaten abscheulichste Verbrechen. In Belgien sah es nicht anders aus, das Bombardement von Brüssel war ein Inferno. Auch im Rheintal ging Ludwigs Armee barbarisch vor, verwandelte es „von Düsseldorf im Norden bis Freiburg 370 Kilometer weiter südlich in eine einzige Ödnis“, so Mansel.

Der freundliche, höf liche, kultivierte Ludwig XIV. war mit 40 Jahren so von der Macht korrumpiert, vom Erfolg verwöhnt und von Schmeichlern verblendet, dass „Narzissmus, Taktlosigkeit, Mangel an Realitätssinn und die Unfähigkeit, Folgen seiner Entscheidungen abzuschätzen, zu seinen Charaktermerkmalen geworden waren“, so Mansel. Die 1680er-Jahre nennt er „Ludwigs Jahrzehnt des Größenwahns“, in dem französische Kriegsschiffe christliche wie muslimische Städte beschossen, Diplomatie und Menschlichkeit nichts mehr galten. Die Religionsfreiheit für die Protestanten, die Hugenotten, widerrief er 1685. Mansel vermutet dahinter „einen Wunsch nach großer Geste“.

Hintergrund: Nach der verheerenden Niederlage der Osmanen vor Wien war Ludwigs Rivale Leopold I. zum Helden der Katholiken geworden. „Um die Schande seiner Verbindung mit dem Osmanischen Reich zu tilgen, musste Ludwig XIV. sich katholischer gebärden als der römisch-deutsche Kaiser.“

Alle Hugenotten, die konnten, f lüchteten ins Exil. Aus gehorsamen Untertanen wurden so Gegner des Königs, die gegen ihren Verfolger kämpften, predigten und schrieben. Mansel: „Tausende Soldaten und Offiziere und vielleicht 15 bis 20 Prozent der Besatzungen der französischen Kriegsmarine desertierten und kämpften fortan größtenteils aufseiten der Feinde Ludwigs XIV.“ Die kulturellen, gewerblichen und technischen Errungenschaften Frankreichs verbreiteten die Hugenotten nun in den Ländern, die sie aufnahmen, etwa in den Niederlanden, England und im Kurfürstentum Brandenburg.

Er hinterließ ein ruiniertes und isoliertes Reich

Philip Mansels Bilanz: Ludwig XIV. hätte durchaus das Zeug gehabt, der größte Monarch der Geschichte zu werden. „Doch als seine Herrschaft endete, war Frankreich nicht mehr die Vormacht Europas.“ Führungsstärke und harte Arbeit hatten seine Kriegsliebe und mangelnde Urteilsfähigkeit nicht ausgleichen können. Hatte Frankreich bei Mazarins Tod 1661 noch Pakte mit zahlreichen Ländern, schloss sich Europa durch Ludwigs Kriege und Verfolgungen gegen ihn zusammen. „Bei seinem Tod 1715 hatte Frankreich nur noch Spanien, Schweden, Bayern und das Osmanische Reich als Verbündete.“ So hinterließ Ludwig XIV. sein Königreich zwar größer, als er es geerbt hatte, doch politisch isoliert und dem Ruin nahe.

THOMAS RÖBKE

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