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Die Wahrheit über Leonardo


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 44/2019 vom 25.10.2019

Er war Maler, Erfinder, Universalgenie. Doch derMann aus Vinci hatte auch viele unbekannte Seiten. Das verblüffende Porträt eines wissenshungrigen Außenseiters


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 44/2019

Florenz, 9. April 1476. Bei der Sittenpolizei werden anonym vier Männer „unsittlicher Beziehungen“ zu dem 17-jährigen Goldschmiedelehrling Jacopo bezichtigt. Unter ihnen ist auch ein gewisser Lionardo di ser Piero da Vinci. Der junge Künstler hat Glück: Die Anklage wird fallen gelassen. Ausgerechnet diese Denunziation zählt zu den wenigen Dokumenten über da Vincis frühe Jahre in Florenz.
Heute bewundern wir Leonardos Gemälde wie die „Mona ...
Fest steht: Leonardo passte nicht ins höfische Leben seiner Zeit. Als unehelicher Sohn des Florentiner Notars ser Piero da Vinci (1427 – 1504) und des 16-jährigen Waisenmädchens Caterina Lippi wurde er am 15. April 1452 in Vinci geboren. Er wuchs im Haushalt seines Vaters und Großvaters auf. Seine Mutter heiratete später einen Bauern und Ziegelbrenner aus der Umgebung. Nach heutigen Maßstäben erreichte Leonardo bestenfalls mittlere Reife. Höhere Schule oder Universität? Keine Chance. ...

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Florenz, 9. April 1476. Bei der Sittenpolizei werden anonym vier Männer „unsittlicher Beziehungen“ zu dem 17-jährigen Goldschmiedelehrling Jacopo bezichtigt. Unter ihnen ist auch ein gewisser Lionardo di ser Piero da Vinci. Der junge Künstler hat Glück: Die Anklage wird fallen gelassen. Ausgerechnet diese Denunziation zählt zu den wenigen Dokumenten über da Vincis frühe Jahre in Florenz.
Heute bewundern wir Leonardos Gemälde wie die „Mona Lisa“, sind verblüfft von seinen Erfindungen, bestaunen die mehr als 7000 erhaltenen Seiten seiner Notizbücher. Doch zu Lebzeiten wurde er noch nicht als Universalgenie gefeiert, im Gegenteil. „Als unehelicher, homosexueller, zweimal der Unzucht beschuldigter Künstler wusste er genau, wie es war, als anders zu gelten und sich selbst als anders zu betrachten“, erklärt US-Biograf Walter Isaacson („Leonardo da Vinci“, Propyläen, 752 Seiten, 39 Euro). „Doch wie bei vielen Künstlern erwies sich das Dasein als Außenseiter letztlich als Vorteil für ihn.“
Fest steht: Leonardo passte nicht ins höfische Leben seiner Zeit. Als unehelicher Sohn des Florentiner Notars ser Piero da Vinci (1427 – 1504) und des 16-jährigen Waisenmädchens Caterina Lippi wurde er am 15. April 1452 in Vinci geboren. Er wuchs im Haushalt seines Vaters und Großvaters auf. Seine Mutter heiratete später einen Bauern und Ziegelbrenner aus der Umgebung. Nach heutigen Maßstäben erreichte Leonardo bestenfalls mittlere Reife. Höhere Schule oder Universität? Keine Chance.

Auf der Suche nach Respekt

Für die kulturellen Trendsetter der Zeit galt er als ungebildet und unfähig, über anspruchsvolle Themen mitzureden. Dem „ungelernten Mechaniker“ schlug immer wieder Spott entgegen. „Andererseits war er stolz darauf, dass das Fehlen einer formalen Schulausbildung es ihm erlaubte, aus Versuch und Praxis zu lernen“, stellt Isaacson klar. Leonardo hatte wenig Respekt vor Autoritäten und war bereit, überliefertes Wissen infrage zu stellen. Genau das wurde später zu seiner großen Stärke.
Wer sich als unehelicher Spross durchsetzen wollte, entwickelte oft doppelten Ehrgeiz. Nicht aber Leonardo. In der Werkstatt des Malers und Bildhauers Andrea del Verrocchio (1435 – 1488), in die er um 1466 als Lehrling eintrat, blieb er länger als üblich. Mit Verträgen nahm es der Künstler von Anfang an nicht so genau. Ein Altarbild fürs Kloster San Donato a Scopeto? Unvollendet. Ein Reiterstandbild für den Hof der Sforza? Kam nie übers Tonmodell hinaus. Ehrenvolle Aufträge von Fürstinnen und Fürsten lehnte er mit fadenscheinigen Begründungen ab. Leonardos Unzuverlässigkeit wurde sprichwörtlich.

UNZERTRENNLICH Sein Gemälde „Mona Lisa“ gab Leonardo (l.) zu Lebzeiten nicht her


DER GEFÄHRTE Gian Giacomo Caprotti (1480 – 1524) kam bereits im Alter von zehn Jahren in Leonardos Werkstatt. Er taucht in vielen Bildern des Meisters auf


DIE SKIZZEN Leonardo da Vinci entwarf auch Kriegsgeräte wie diese Riesenarmbrust. In den Notizbüchern gibt es Zeichnungen von Panzerwagen, Fluggeräten, Taucheranzügen. Das Besondere: Er verfasste alle Texte in Spiegelschrift


DER FÖRDERER Frankreichs König Franz I. (1494 – 1547) überließ Leonardo Schloss Clos Lucé und zahlte ihm ein sicheres Einkommen


Auf der Suche nach Wissen

Fast scheint es, als hätte er sein malerisches Talent gering geschätzt. Monatelang rührte er den Pinsel nicht an, um stattdessen die Natur zu studieren. Er beobachtete den Vogelflug, fertigte Pflanzenskizzen an, erforschte mit dem Skalpell verborgene Winkel des menschlichen Körpers. Als Außenseiter konnte er sich das leisten. „Leonardos Brillanz umfasste eine Vielzahl von Disziplinen, was ihm ein tiefes Gespür für die Muster und Strömungen der Natur verlieh“, erklärt Isaacson. „Wegen der unstillbaren Neugier, die ihn antrieb, zählt er zu den wenigen Menschen, die jemals versuchten, alles zu erfahren, was es über die Welt zu wissen gibt.“
Wie so viele Genies war er leichtfertig und unbeständig. Kein Wunder also, dass sich sein Ruhm zu Lebzeiten in Grenzen hielt. „Als er sich seinem 30. Geburtstag näherte, hatte Leonardo zwar seine Genialität unter Beweis gestellt, aber nur wenig vorzuweisen, was er der Öffentlichkeit hätte präsentieren können“, betont Isaacson. Er malte vermutlich nur etwa 20 Bilder selbst, die Notizbücher mit genialen Zeichnungen kamen gesammelt erst Jahrzehnte nach seinem Tod an die Öffentlichkeit. Die fehlende Anerkennung schmerzte doch. Er versuchte, sich den Jargon der Kulturschickeria anzueignen. Vom mäßigen Erfolg zeugen selbst angelegte Vokabellisten. Außerdem arbeitete er an seiner eigenen Legende. Zum Image gehörte mit zunehmendem Alter ein fast geckenhaftes Auftreten. In seiner Kleidertruhe fanden sich etwa eine Robe aus Taft, ein arabischer Burnus, ein Cape aus Purpur mit Samtkapuze, ein Mantel aus purpurfarbenem Satin und altrosa Strümpfe.
Dazu passt, dass der heute als Universalgenie verehrte Künstler große Erfolge als Planer von Festen feierte. Heute würde man sagen: als Eventmanager. Mit stetig wachsender Begeisterung inszenierte er Festspiele, entwarf Umzüge, glänzte mit Spektakeln, malte Kulissen, konstruierte Bühnenmaschinen. Seine unerschöpfliche Fantasie bahnte ihm den Weg zum begehrten Regisseur der vornehmen Welt.

DAS SCHLAFGEMACH In diesem Zimmer auf Schloss Clos Lucé starb das Genie im Alter von 67 Jahren


DER AUKTIONSREKORD Im November 2017 erzielte das verschollen geglaubte Bild „Salvator Mundi“ 450 Millionen US-Dollar


Auf der Suche nach Zuneigung

Was das Privatleben des Meisters betrifft, so sind seine Biografen weitgehend auf zeitgenössische Berichte und Spekulationen angewiesen. Die Notizbücher enthalten Skizzen und Entwürfe sowie an den Rand gekritzelte Listen über Ausgaben und zu erledigende Arbeiten. „Das Einzige, was fehlt, sind vertrauliche oder gar intime persönliche Eintragungen“, bedauert Isaacson. Belegt ist: Gian Giacomo Caprotti da Oreno (1480 – 1524) kam im Alter von nur zehn Jahren in die Werkstatt und den Haushalt des damals 38-jährigen Leonardo. Er wurde „Salai“ genannt: „kleiner Teufel“. „Diebisch, verlogen, trotzig, gefräßig“, notierte der Künstler einmal wütend. Denn Salai stahl und nutzte die Zuneigung aus. „Hübsch und träge, mit Engelslocken und einem teuflischen Grinsen sollte er in Dutzenden Zeichnungen und Notizbuchskizzen Leonardos auftauchen und fast Leonardos ganzes Leben lang sein Gefährte bleiben“, berichtet Walter Isaacson.
Zum Schluss könnte die Beziehung zu seinem Lieblingsgefährten abgekühlt sein. Als Leonardo am 23. April 1519, acht Tage nach dem 67. Geburtstag, sein Testament abfasste, bedachte er Salai nur mit einer Hälfte seines Mailänder Weingartens. Haupterbe war Francesco Melzi (circa 1491 – 1570). Leonardo war im Jahr 1507 dem damals jugendlichen Sohn eines Adligen begegnet. Melzi wurde sein Schüler, Assistent, Sekretär, Ziehsohn – ein ehrgeiziger, talentierter Künstler und dazu von ähnlich sanfter Schönheit wie Salai.

Ruhe und Anerkennung fand Leonardo erst in seinen letzten Jahren. Auf Einladung des jun-gen französischen Königs Franz I. (1494 – 1547) zog er in Begleitung seiner Schüler Salai und Melzi ins Schloss Clos Lucé in Amboise, das ihm zusammen mit einer großzügigen Pension überlassen wurde. Franz I. hatte dieselben universellen Interessen und war genauso unersättlich beim Erwerb von Wissen. Der König bewunderte Leonardo bedingungslos, drängte ihn niemals, ein Gemälde zu vollenden, ließ ihn seine Vorliebe für Architektur und Ingenieurwesen ausleben. Es war die vielleicht glücklichste Zeit. Auf Schloss Clos Lucé starb das Universalgenie am 2. Mai 1519.
Was bleibt, sind unsterbliche Werke wie die rätselhaft lächelnde „Mona Lisa“. Sie steht auch im Mittelpunkt der großen Leonardo- Ausstellung zum 500. Todesjahr, die vom 24. Oktober 2019 bis 24. Februar 2020 im Pariser Louvre stattfindet. Viel später Ruhm für einen Mann, dem es eigentlich nur ums Wissen ging.

DAS UNVOLLENDETE Leonardo malte Die „Anbetung der Könige aus dem Morgenland“ vermutlich um 1481. Das Gemälde war ursprünglich als Altarbild für ein Kloster vorgesehen. Heute hängt es in den Uffizien in Florenz


FOTOS: S. 18-19: AKG-IMAGES (3), BRIDGEMANIMAGES.COM, URTADO/LEWANDOWSKI/BPK (2), PRIVATE COLLECTION ALOIS FOUNDATION LIECHTENSTEIN; S. 20-21: AKG-IMAGES (3), CLARY/GETTY IMAGES