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DIE WEISHEIT DER WALE


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 04.10.2018

Pottwale sind die größten Raubtiere der Erde, gleichzeitig aber familienorientiert und intelligent, verspielt und anlehnungsbedürftig. Kaum ein Mensch ist den Giganten nähergekommen als TV-Regisseur Rick Rosenthal. Hier erzählt er seine Erlebnisse.


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FOTO: GETTY IMAGES

Rastende Pottwale Die meiste Zeit verbringen die Wale einsam auf der Jagd durch die Tiefsee. Begegnen sie sich an der Oberfläche, begrüßen und berühren sie einander. Das stärkt den Zusammenhalt der Gruppe, in der mehrere Muttertiere mit ihren Jungen zusammenleben.

Profi-Taucher unter sich Pottwale stoßen beständig Klicklaute aus und bilden ...

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... sich aus dem Echo ein dreidimensionales Bild ihrer Umwelt. Den Taucher im Hintergrund hat dieser Wal deshalb längst auf dem Radar. In der Dunkelheit der Tiefsee könnte die helle Pigmentierung seines Mauls als tödliches Lockmittel für Kalmare wirken.


In der riesigen Nase des Pottwals steckt das raffinierteste und genaueste Echolot-System der Tierwelt. Doch was die Menschen, die diesen Giganten begegnen, wirklich berührt, ist deren sanfte Gelassenheit.


FOTO: THOMS HAIDER

RICK ROSENTHAL KENNT SICH AUS IM MEER. DER DRAHTIGE KALIFORNIER IST SEIT 50 JAHREN auf und im Wasser unterwegs.

Seit 30 Jahren dokumentiert der gelernte Biologe das, was ihm hier begegnet, mit der Kamera. Es war also reine Routine, als er vor einigen Jahren sein Unterwassermikrofon über die Reling eines Forschungsschiffs ins türkise Wasser der Karibik senkte. „Wir hörten die Klickgeräusche einer ganzen Herde von Pottwalen“, erzählt er. Experten vermuten, dass die Meeressäuger sich mit solchen Lautäußerungen unterhalten, doch zum Entschlüsseln ist es noch ein weiter Weg. Mehrere Forschergruppen unternehmen deshalb regelrechte Lauschangriffe auf die Meeressäuger.

Auch Rosenthal lauschte und lauschte. Ein paar Vokabel der Walsprache verstehen die Experten – und Routiniers wie Rosenthal – bereits.

Doch was war jetzt? Waren die Tiere dabei abzutauchen? Dann hätte er in den kommenden 50 Minuten keine Chance, sie zu filmen. Oder würden sie sich gleich an der Wasseroberfläche zeigen? Doch die Wale wurden immer leiser und leiser. Schließlich war gar nichts mehr zu hören.

Waren sie lautlos entwischt? Rosenthal schnappte sich Taucherbrille, Schnorchel und Kamera und ließ sich ins Wasser gleiten. „Ich blickte mich um – und da waren sie.“ Ungefähr zehn Meter unter der Wasseroberfläche trieben die bis zu 55 Tonnen schweren Meeressäuger senkrecht im Wasser. Ihre gewaltigen Nasen nach oben gerichtet, die Schwanzflossen nach unten. Rosenthal, noch immer fasziniert: „Essah aus wie in einem Wald voller riesiger Bäume.“ Die Wale schliefen.

Das Auge des Beobachters Pottwale verfügen über einen guten Sehsinn. Die Augäpfel sind zwar unbeweglich, doch bei Gefahr können die Tiere die Augen ein wenig nach innen ziehen; dann sind diese durch dicke Hautwulste geschützt.

FOTO: MAURITIUS IMAGES


Da sah ich das Auge des Wales. Das Tier bewegte sich ein wenig, beobachtete mich aber weiter ganz genau. Wie um mir zu sagen: ‚Ich weiß, dass du da bist. Also mach keinen Unsinn.‘“


Rick Rosenthal über seine Begegnung mit einem schläfrigen Pottwal

Muttertier mit Nachwuchs
In den Rudeln haben die erwachsenen Damen das Sagen. Sie sind es auch, die den Jungtieren die besten Jagdstrategien beibringen.


Pottwale, das wusste Rosenthal, sind Ungetüme.

Es gibt auf diesem Planeten keine größeren Raubtiere. Ihre Zähne sind rund 20 Zentimeter lang, und sie können Geräusche erzeugen, die so laut sind wie eine neben dem Ohr abgefeuerte Schusswaffe. Wahrscheinlich lähmen sie Beutetiere durch bloßes Anbrüllen. Eine Begegnung mit der mächtigen Fluke, der Schwanzflosse, ist für einen Menschen ohnehin tödlich.

Rosenthal holte noch einmal tief Luft, dann tauchte er, die Kamera voraus, auf die Wale zu.

Als er nahe genug war, drückte er den Auslöser. Die Kamera begann zu sirren, ihr metallenes Unterwasser-Gehäuse verstärkte das Geräusch. „Da sah ich das Auge eines der Wale. Er bewegte sich ein wenig, beobachtete mich aber weiterhin ganz genau. Wie um zu sagen: ‚Ich weiß, dass du da bist. Also mach keinen Unsinn.‘ Der Wal wirkte in seiner Gelassenheit unendlich weise.“ Bald erwachten auch die anderen Tiere, und sie schwammen alsbald davon.

Zurück blieb ein verzauberter Rick Rosenthal.

Seit damals haben ihn die Wale nicht mehr losgelassen. Bei jeder Gelegenheit sucht er die Begegnung mit den Meeressäugern. So reiste er auch in den vergangenen zwei Jahren nach Alaska, um Buckelwale dabei zu beobachten, wie sie schwimmende Fischfarmen plündern. In Mexiko filmte er Grauwale, die sich wie Surfer von großen Wellen an den Strand spülen ließen – immer und immer wieder. Vor den Falklandinseln sah er Orcas im perfekt abgestimmten Teamwork auf Treibjagd gehen. All diese Augenblicke zeigt die Terra-Mater-Dokumentation „Das Wesen der Wale“, die Anfang Dezember bei ServusTV ausgestrahlt wird. Und natürlich musste Rosenthal mit seinem Team für seinen Film zu den Azoren.

Treffpunkt Azoren
Die vulkanischen Inseln ragen steil aus dem 2.000 Meter tiefen Atlantik. Die nährstoffreichen Gewässer ringsum sind der perfekte Lebensraum für Wale und Fische.


FOTOS: FRANCO BANFI, KAI BENSON

Das Meer um die Vulkaninseln ist 2.000 Meter tief, und der Golfstrom sorgt zuverlässig für Nährstoff-Nachschub. Das macht die Region zum idealen Revier für Fische – und für Pottwale.

HETZJAGD AUF DIE JÄGER

Ab den 1830er-Jahren gingen Fischer und Bauern von den Inseln aus auf Waljagd, wenn sich einer an die Küste heranwagte. Unter Anleitung britischer und amerikanischer Profis wurden die Einwohner der Azoren zu immer effizienteren Waljägern. Sie bauten Türme, um das Meer besser nach Walen absuchen zu können.

Einen Wal zu töten war gefährlich, aber einträglich. Die Walfänger hatten nämlich in den grotesk großen Nasen der Pottwale einen Schatz gefunden: pro Fang etwa 2.000 Liter einer weißen Flüssigkeit, das Walrat. Zunächst hielten sie die Flüssigkeit aus dem akustischen Organ für das Sperma des Wales, im Englischen heißt der Pottwal bis heute Sperm Whale. Die Substanz ließ sich teuer verkaufen und zu Kerzen, Kosmetikartikeln oder Schmiermitteln verarbeiten.

Aus dem bis zu 200 Meter langen Verdauungstrakt schnitten die Walfänger zudem Ambra-Klumpen. Mit dieser grauen, wächsernen Substanz umhüllen die Wale Unverdaubares, etwa scharfkantige Schnäbel von Tintenfischen. Die Menschen machten daraus Parfum.

Zur Hochblüte töteten die Jäger von den Azoren rund 20.000 Pottwale pro Jahr. Erst vor 30 Jahren beendeten internationale Abkommen das Schlachten. Die Türme aber sind noch da, von ihnen aus wird immer noch nach Walen Ausschau gehalten. Lässt sich eine Gruppe blicken, stechen nach wie vor Boote in See. Doch heute sitzen darin nicht Walfänger mit Harpunen, sondern Touristen mit Kameras.

Dickes Ende Im Verhältnis zur Körpergröße ist die Schwanzflosse eines Pottwals größer als die jedes anderen Wals. Zum Abtauchen hebt der Wal diese „Fluke“ hoch über die Wasseroberfläche. Um einen Fotografen abzuschütteln, reichen hingegen ein paar langsame Bewegungen.

FOTO: BIOSPHOTO


Auf der Suche nach Nahrung durchstreifen männliche Pottwale sämtliche Weltmeere und legen dabei tausende Kilometer zurück. Die warmen Gewässer in der Nähe des Äquators überlassen sie dabei den Weibchen und den Jungtieren.


UNSERE WALVERWANDTSCHAFT

Pottwale zeigen einige menschlich wirkende Verhaltensweisen. Eine Auswahl: Spieltrieb: Gegenstände auf der Wasseroberfläche erkunden sie mit ihrem Echolot, aber auch mit ihrem Sehund Tastsinn. Was ihnen interessant erscheint, schubsen sie sich gegenseitig zu.

Jähzorn: Genervte Pottwale sind gefährlich. 1820 versenkte ein Pottwal im Südpazifik das WalfangsegelschiffEssex– Basis für das Buch „Moby Dick“. Und ein Internet-Video zeigt, wie japanische Fischer von einem Tier aus ihrem Motorboot gestoßen werden.

Familiensinn: Wal-Weibchen versammeln ihren Nachwuchs in Kindergruppen und wechseln sich bei der Aufsicht ab. Manchmal stillen Wale den Nachwuchs anderer Mütter.

Müdigkeit: Anders als viele andere Meeresbewohner können Pottwale beide Hirnhälften gleichzeitig herunterfahren. Am liebsten schlummern sie abends bis Mitternacht.

Nicht alle Whale-Watching-Anbieter halten sich an die Regeln und fahren zu schnell und zu laut an die Meeressäuger heran. Für Meeresbiologen wird das wohlmeinende Interesse der zahlenden Gäste zunehmend problematisch. „Pottwale sind vorsichtig. Wenn sich jemand zu schnell und zu laut nähert, tauchen sie ab“, sagt Rosenthal.

Wegen dieser Scheu kamen Verhaltensforscher und Dokumentarfilmer lange Zeit nicht so recht an die Tiere heran. „In den alten Filmen sieht man nur flüchtende Wale von hinten“, so Rosenthal. Er aber wollte mehr vom Leben der Tiere sehen. Wie sollte das funktionieren? Den entscheidenden Hinweis lieferte ein schmales Büchlein über Pottwale, verfasst von einem britischen Schiffsarzt, der im 19. Jahrhundert mit Walfängern unterwegs war. Rosenthal: „Der wusste Dinge über Pottwale zu erzählen, die niemand von uns je beobachtet hatte.“ Er grübelte, wie das möglich war. Und kam zum logischen Schluss: Walfänger waren damals ja in Ruderbooten unterwegs! Damit kamen sie näher an die Wale heran als Forscher in ihren Motorbooten.

TEILNEHMENDE BEOBACHTUNG

Rosenthal verwendet deshalb ein Kajak, bei dem er über eine Mechanik mit den Beinen Kunststoff-Flossen unter dem Rumpf antreibt. Damit steuert er fast lautlos übers Wasser und hat beide Hände frei für die Kamera. Wenn er taucht, verzichtet er auf Pressluftflaschen: Auch Luftblasen aus dem Atemautomaten irritieren die Wale. „Natürlich wissen die Tiere trotzdem, dass ich da bin“, so Rosenthal. Das ist gut, denn Wale sind, trotz ihrer Größe, schreckhaft: „Einmal habe ich mich schwimmend von einem Tier weggedrückt. Ich konnte sehen, wie der riesige Koloss vor Schreck zusammengezuckt ist.“ Längst nutzen auch Verhaltensforscher sanfte Methoden, um das wahre Wesen der Wale zu ergründen. Erste fundamentale Erkenntnis: Pottwal-Rudel werden von erfahrenen Muttertieren geleitet, sie scharen andere Weibchen und den Nachwuchs um sich. Bullen bleiben nach ihrer Geburt sechs Jahre lang in diesen Verbänden.

Danach ziehen die Halbstarken in Gangs los, später wandern sie als Einzelgänger in die Polregionen und überlassen den Matriarchinnen die wärmeren Jagdgründe. Mit 20 Jahren werden sie geschlechtsreif und kehren zu den Rudeln zurück.

Ein Lebensplan, verblüffend ähnlich dem der Elefanten.

Rosenthal ist fasziniert von der ständigen Interaktion und Kommunikation im Rudel. „Sie berühren einander immer wieder, scheinen ihre sozialen Beziehungen auf diese Weise zu bestätigen.“ Was für eine Überraschung: Die größten Räuber der Welt sind Kuschel-Tiere.

Und sie senden ständig Klicklaute aus, die sie in ihren großen Nasen produzieren. Bei Männchen kann dieses Organ rund ein Drittel des gesamten Körpers ausmachen. Ein Meeresbiologe nannte Pottwale deshalb einmal scherzhaft „Nasen mit Außenbordmotor“.

Die Klicklaute entstehen an der Nasenspitze. Doch sie sind nach hinten gerichtet. Die Schallwellen durchlaufen also zunächst die weiße Flüssigkeit, werden dann von luftgefüllten Knochenstrukturen des Schädels nach vorne reflektiert, passieren das Walrat und dringen erst dann nach außen (siehe Illustration rechts). Der Sinn des Ganzen: Je nach Bedarf können die Pottwale ihr Klicken modulieren und fokussieren.

Wenn Männchen ihre Fitness annoncieren wollen, klicken sie in tiefen Frequenzen. Das Geräusch ist so laut, dass es Pottwale in einem Umkreis von 60 Kilometern hören können. Die Signale lassen sich wie ein digitaler Code aus Schall und Stille, aus Nullen und Einsen lesen.

Ein wenig davon können die Forscher mit ihren Mikrofonen und Computern bereits entschlüsseln.

Ein paar aufgefangene Klicks reichen, um mit einer Genauigkeit von einem Meter die Länge des klickenden Wals zu ermitteln.

Regisseur Rick Rosenthal bei der Arbeit
Vor Jahren schreckte der Routinier seine Protagonisten mit einer surrenden Filmkamera auf. Heute taucht er mit geräuschlosen Digitalkameras.


Rick Rosenthal
Für Terra Mater reiste der vierfache Emmy-Gewinner zwei Jahre lang um den Globus, um Wale zu filmen.


Wenn Pottwale nicht balzen, sondern jagen, klicken sie in ganz anderen Frequenzen und richten ihre Laute gezielt nach der Beute aus. Das Echo nehmen sie über ihre Ohren sowie über Fettpölster an Stirn und Wangen auf. Alle einlaufenden Signale werden verarbeitet. Insgesamt verfügen Pottwale über 160.000 Rezeptoren. Das ist fünfmal so viel wie der Mensch hat. Und generell mehr als jedes andere Lebewesen.

Die Auswertung der aufgefangenen Signale übernimmt das Hirn. Es ist – wieder ein Rekord – das größte aller Arten, die je gelebt haben. Bei Untersuchungen von gestrandeten Walen fanden Forscher im Gehirn sogenannte Spindelzellen.

Diese besonders geformten Neuronen hatte als Erster der Wiener Psychiater und Neurologe Constantin Freiherr Economo von San Serff in den 1920er-Jahren im menschlichen Gehirn entdeckt.

Sie treten besonders konzentriert in einer Hirnregion auf, die Insula genannt wird. Die wird immer dann besonders aktiv, wenn wir Anteil am Schicksal anderer nehmen oder Gefühle wie Liebe, Hass, Zurückweisung oder Selbstsicherheit empfinden.

Ob Spindelneuronen in Walen vergleichbare Aufgaben erfüllen, ist noch unerforscht. Eindrucksvoll jedoch, wozu das Walhirn sonst fähig ist: Aus dem Echo der ausgestoßenen Schallwellen errechnet es ein detailliertes dreidimensionales Bild seiner Umgebung. Einen 20 Zentimeter kleinen Kopffüßer etwa kann ein Pottwal aus einer Entfernung von zwei Kilometern lokalisieren.

Das funktioniert auch in der Dunkelheit der Tiefsee. Noch sind Wissenschaftler uneins darüber, ob Pottwale Ansitzjäger sind, die ihr weißes Maul aufreißen, um Kalmare hineinzulocken.

Oder doch aktive und agile Jäger, die ihre Beute auch mal bewusstlos brüllen. Dass sie dazu prinzipiell in der Lage sind, hat der Bioakustiker Fabrice Schnöller am eigenen Leib erfahren. Er stellt Pottwalen mit Unterwassermikrofonen und Kameras nach, um ihre Sprache zu erforschen.

FOTOS: KAI BENSON, CATERS NEWS AGENCY

Pottwal von vorne Der Unterkiefer ist überraschend schmal. Das hindert das Raubtier aber nicht, täglich bis zu 900 Kilogramm Fische und Tintenfische zu verschlingen.

Einmal kam er dabei einem Jungtier allzu nahe. Als er sich von der Schnauze des Tieres abstieß, verspürte er einen brennenden Schmerz, der sich von der Hand bis zum Oberarm ausbreitete. Das Jungtier hatte den Forscher mit Schalldruck verletzt.

Noch Stunden später war Schnöllers Arm wie gelähmt.

Rick Rosenthal ist auch nach Drehschluss seines neuesten Filmes noch lange nicht fertig mit den Pottwalen. Zu faszinierend sind diese Tiere: Er hat sie beobachtet, wie sie sich gegenseitig ein auf der Wasseroberfläche treibendes Knäuel aus Kunststoff und Muscheln zuspielen.

Er hat verfolgt, wie Pottwale vor Alaska gelernt haben, Langleinenfischern die Beute vom Haken zu klauen. „Sie warten, bis die Fischer ihre Seilwinden in Gang setzen, dann kommen sie und holen sich, was sie wollen.“ Und er hat verfolgt, wie sich dieser Trick unter den Walen in kürzester Zeit bis Chile „durchgesprochen“ hat. „Ich könnte tagelang über diese Tiere erzählen“, sagt Rosenthal, tut es dann aber eben doch nicht. Vielleicht, weil sich das, was er erlebt hat, mit Worten nur unvollkommen vermitteln lässt.

Und weil er weiß, dass er mit seinen bewegten Bildern noch besser erzählen kann.

Zum Vormerken: Rick Rosenthals imposante Wal-Dokumentation wird am 12. Dezember bei ServusTV ausgestrahlt.

Zum Vertiefen: „Der Geist des Ozeans“ – ein faktenreiches Pottwal-Porträt des Terra-Mater-Autors Kurt de Swaaf. Erschienen bei Benevento.

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Walbeobachtungsturm auf der Azoreninsel Pico Neue Nutzung für alte Mauern.


UNTER GIGANTEN

Wale beobachten auf den Azoren

WAS MACHE ICH DORT?

Zahlen sprechen lassen.

Rund ein Drittel aller Walund Delfinarten passieren die Azoren auf ihren Wanderungen. Daher stehen die Chancen gut, hier den Meeressäugern zu begegnen. Falls die See zu stürmisch ist für Bootstouren: Auf Faial und Pico erzählen Museen die wilde Geschichte des Walfangs. Beobachtungsposten (Vigias) säumen heute noch die Küste – vor allem auf São Miguel. Statt den Walfängern dienen sie heute allerdings Walbeobachtern.

UNBEDINGT PROBIEREN

Beinahe jedes Restaurant auf den Azoren serviert Cozido, den traditionellen Eintopf aus Gemüse und Fleisch. In Furnas schmurgelt dieser zuvor stundenlang im heißen vulkanischen Boden.

Traditioneller Eintopf
Stundenlang geschmort dank der Hitze aus dem Erdinneren.


WIE KOMME ICH HIN?

Flug über Lissabon nach Ponta Delgada (ab 230 Euro). Im Sommer verkehren zwischen den Inseln Fähren und Flugzeuge.

BESTE REISEZEIT

Für Pottwale und Grindwale: ganzjährig. Für Buckel-, Blau-, Finn- und Seiwale: April und Mai.