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»Die Welt, wie wir sie kannten, ist am Ende«


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 08.07.2021

GESPRÄCH

Artikelbild für den Artikel "»Die Welt, wie wir sie kannten, ist am Ende«" aus der Ausgabe 5/2021 von Hohe Luft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

SLAVOJ ŽIŽEK LEHRT AM BIRKBECK COLLEGE in London. Mit seiner Frau lebt er in der slowenischen Stadt Ljubljana, wo er die meiste Zeit der Coronavirus-Pandemie verbracht hat und sehr produktiv war. Drei Bücher sind von ihm im letzten halben Jahr erschienen: zwei zur Pandemie und eines mit dem Titel »Sex und das verfehlte Absolute«. Dafür habe er Tag und Nacht gearbeitet, erzählt er im Zoom-Gespräch. »Wissen Sie, dass ich für Sie extra früh aufgestanden bin? Ich arbeite normalerweise bis in die Nacht hinein und schlafe daher morgens. Zu Ihren Ehren bin ich aber schon um neun Uhr aufgestanden. Meine Frau ist da noch extremer und arbeitet gern die ganze Nacht durch.«

HOHE LUFT: Professor Žižek, seit einem Jahr ist die Coronavirus-Pandemie das allumfassende Thema auf der Welt. Wie haben Sie als Philosoph diese globale Krise erlebt?

SLAVOJ ŽIŽEK: In Slowenien war die Lage besonders schlimm. Das war ...

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... deprimierend. Dennoch. Ich konnte die Isolation zu Hause in meiner Wohnung in Ljubljana für mich nutzen, manchmal genießen. Ich habe viel gelesen und geschrieben. Mir gefällt es, allein zu sein. Niemand stört, sonstige Verpflichtungen gibt es auch nicht. Ich bin privilegiert, weil ich kein Geld verdienen muss. Vor einigen Wochen plagte mich ein Augenkatarrh, zwei Wochen lang konnte ich nichts lesen. Das war schlimm ohne Lektüre. Aber jetzt geht es wieder.

Man ist sich nicht sicher, wie man die Pandemie bewerten soll – als Chance, den Blick auf das Wesentliche zu richten, oder als Anlass, ihre zerstörerische Seite zu fürchten. Was überwiegt aus Ihrer Sicht?

Der Vorgang war komplexer, man muss einige Phasen unterscheiden. Erst hieß es, dass keine Gefahr drohe. Als sich das als falsch herausstellte, hatten alle Panik, jeder wollte eine Infektion vermeiden. Mittlerweile sind alle müde und deprimiert. Ein klarer Weg aus dem Lockdown ist ja immer noch nicht erkennbar, stattdessen herrscht eine lähmende Unsicherheit. Es gibt viele neue Haltungen zum Alltagsleben. Manche glauben, dass der lebt man einfach. Sex nun spiritueller ist, nicht einfach körperlich. Dabei greifen viele jetzt Das ist das auf die digitalen Angebote zurück. Wer nicht die Gelegenheit hat, mit anderen Sex zu haben, vergnügt sich so fragt, hat über einen Stream von Pornhub. Das schon verloren. Das funktioniert. Sex zu haben kann sehr einfach im Virtuellen sein. Auch mit ist immer ein dem Partner folgt man Fantasien, die man auch in der virtuellen Welt haben Zeichen der Krise. kann. Warum auch nicht? Die Pandemie konfrontiert uns mit all den versteckten Perversionen von Sex. Und Sex benötigt immer virtuelle Fantasien. Wir sind niemals mit dem Partner allein.

Man lebt immer dann gut, wenn man die Frage nach dem guten Leben nicht stellen muss. Das Leben lebt man einfach. Das ist das Geheimnis. Wer so fragt, hat schon verloren. Das ist immer ein Zeichen der Krise.

Welche Orientierung kann die Philosophie in dieser globalen Krise bieten?

Das Trauma der Pandemie wird uns nicht helfen, die grundlegenden Fragen des Lebens zu beantworten. Ich habe große Zweifel, dass sie dafür irgendwie nützlich sein könnte. Besser man meidet in dieser Zeit die großen metaphysischen Fragen, pflegt stattdessen kleine Rituale, entdeckt Triviales. Das könnte der beste Weg sein, um durchzukommen. Zum Beispiel sich zu überlegen, was man im Fall einer Infektion tut.

Sollte man sich auch die Frage stellen, was das gute Leben ist?

Man lebt immer dann gut, wenn man solche Fragen nicht stellen muss. Das Leben lebt man einfach. Das ist das Geheimnis. Immer wenn man im Existieren begriffen ist, sei es in der Liebe oder im Prozess des Schreibens, vollbringt man ein gutes Leben. Wer so fragt, hat schon verloren. Das ist immer ein Zeichen der Krise.

Dabei haben Philosophen die Frage nach dem guten Leben doch sehr oft gestellt.

Sie waren Philosophen, die etwas Tiefes sagen wollten. Auf der Suche nach Spiritualität. Ich glaube nicht an so etwas. Philosophie ist eine schlechte Philosophie, wenn sie ein spiritueller Ratgeber sein will. Philosophen können dir nicht helfen, wenn es um das Glück im Leben geht. Wenn man in der Pandemie gelernt hat, ein anständiges und nicht entfremdetes Leben zu führen, dann hoffe ich, dass etwas von dieser Haltung die Pandemie überleben wird.

Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass wir die Welt nicht beherrschen können und die Ereignisse für uns unvorhersehbar sind. Welche Lehren sollten wir daraus ziehen?

Die Lehren sind eindeutig. Jürgen Habermas sagte vor einigen Monaten: »Es ist nicht das Besondere im letzten halben Jahr, dass wir viel gelernt hätten, wir haben vielmehr gelernt, wie viel wir nicht wissen.« Den Satz fand ich wunderbar. Man kann das Coronavirus nicht auf eine biologische Tatsache reduzieren. Die Natur wird mehr und mehr in die menschliche Sphäre integriert, das ist nicht nur in China der Fall. Und ohne die Globalisierung hätte es die Pandemie so gar nicht gegeben. Es ist keine unpolitische Krise. Wir sehen es an dem nationalistischen Populismus, der auf eine vollkommene Staatssouveränität in der Krise pocht. Dabei zeigt die gegenwärtige Krise, dass globale Solidarität und Kooperation im Interesse aller sind. Die vielleicht verstörendste Lehre ist die: Wenn die Natur uns mit Viren angreift, schickt sie uns unsere eigene Nachricht zurück. Und die lautet: Was ihr mir angetan habt, tue ich nun euch an. Ich bin mit Bruno Latour einer Meinung, dass die jetzige Pandemie-Krise nur eine Vorübung für die große ökologische Krise der Zukunft ist. Sie ist nur eine kleine Probe für die wirkliche Krise, die später noch kommen wird. Das für unmöglich Gehaltene hat bereits stattgefunden: Unsere Welt ist an ihr Ende gelangt. Wir stehen politisch an dem bedeutendsten Moment unseres Lebens. Bedeutender als das Ende des Kalten Krieges.

Das ist ein düsterer Blick in die Zukunft.

Die Haltung »Lass uns noch ein bisschen leiden, dann wird es wie früher« führt zu nichts. Ich sage Ihnen, die alte Zeit wird nicht wiederkommen, die Welt, wie wir sie kannten, ist am Ende. Es wird immer ein bisschen von Covid-19 bleiben. Was mir dabei Angst macht, ist eine Art Barbarei mit menschlichem Antlitz, also rücksichtslose Überlebensmaßnahmen. Das ist es, was ich als Philosoph sagen kann: Unser altes Leben ist vorüber. Blickt nicht zurück!

Beinhaltet dieser Kampf, dass die Grundlagen der Wahrheit angegriffen werden wie selten zuvor?

Ich bin ein absoluter Gegner des postmodernen Relativismus. Der moderne Relativismus ist für mich wie die Hölle. Es gibt einige, die sich hier einreihen ließen, aber können Sie sich einen heftigeren historischen Relativisten vorstellen als Donald Trump? Er war für mich der ultimative postmoderne Präsident. Er sagt ganz offen, dass Wahrheit keine Rolle für ihn spielt. Politiker wie Jeremy Corbyn in Großbritannien oder Bernie Sanders in den USA erinnern mich an die klassischen politischen Moralisten. Trump hingegen ist ein postmoderner Relativist und Zyniker. Es ist an der Zeit, dass Linke wie Bernie Sanders sich öffentlich hinstellen sollten und erklären, dass sie für Humanität und Normalität stehen. Wer sich für konservativ hält wie Trump, ist es, der in Wahrheit die Grundlagen der Gesellschaft zerstört. Die Konservativen sind die subversiven Kräfte, die für unsere Gesellschaft gefährlich sind.

Benötigen die heutigen Gesellschaften angesichts der Orientierungslosigkeit wieder eine Utopie?

Ich bin ein Hegelianer. Und Hegel sagt, Philosophie malt nur Grau in Grau. Die Aufgabe der Philosophie ist es nach ihm nicht, eine utopische Zukunft zu entwerfen. Ich nehme das wörtlich. Ich kritisiere die bestehende Gesellschaft, ohne mich auf eine alternative normative Ordnung zu beziehen. Hegel prägte hierfür den Begriff der Versöhnung. Sie findet eben nicht statt in der Aufhebung des Antagonismus in einem friedlichen Leben mit voller Anerkennung. Nein! Versöhnen ist für Hegel immer Versöhnen mit den Gegensätzen, die bestehen bleiben. Die Leute lesen immer alle möglichen Dinge in ihn hinein. Wenn er schreibt, die Rechtsphilosophie male Grau in Grau, meint er, dass die Philosophie immer erst dann auftritt, wenn der Kristall des Lebens im Zerfall begriffen ist. An diesem Punkt kann die Philosophie die begriffliche Struktur der Gesellschaft beschreiben, aber sie kommt immer zu spät. Marx sah das anders. Er glaubte, man könne einen Weg in die Zukunft aufzeigen. Aber Hegel hatte recht.

Was hätte dieser Hegel uns für heute mit auf den Weg gegeben?

Hegel machte uns bewusst, was äußerst wertvoll für unsere Erfahrungen des schrecklichen 20. Jahrhunderts war: Was auch immer wir tun, der erste Schritt ist immer ein Fehler. Hegel hätte fürchterlich über das 20. Jahrhundert gelacht. Erst gab es den unglaublichen Fortschritt am Ende des 19. Jahrhunderts, zumindest in Europa. Entwicklung der Industrie, Feminismus, Menschenrechte. Und was folgte? Der Erste Weltkrieg als die große Katastrophe. Mit der bolschewistischen Oktoberrevolution kommt dann endlich der Versuch, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Aber was erntet man? Den Stalinismus! Auf den Fall des Ostblocks formulierte Francis Fukuyama seine These vom Ende der Geschichte. Schauen Sie sich die Welt heute an! Für Hegel war klar, wenn wir etwas planen, wird es schon schiefgehen. Wir müssen durch dieses radikale Scheitern hindurch. Erst in einem zweiten Schritt, in dem man seine Fehler korrigiert, kann man möglicherweise Besseres erreichen. Garantiert ist das aber nicht.

Marx und Hegel haben noch die großen Fragen gestellt. Heute hat die Philosophie diese aus den Augen verloren. Warum hat die moderne Philosophie den Garten verlassen, den Aristoteles oder Platon angelegt haben?

Ich stelle das in meinem Buch fest, ohne eine Analyse hierfür liefern zu können. Der Prozess lässt sich seit 30 Jahren beobachten. Normalerweise hieß Philosophie Kritik der Kritik irgendeines weiteren Buches, Dekonstruktionen, postmoderne Philosophie. Das Tragische ist nun, dass die großen Fragen von den Naturwissenschaften beantwortet werden. Wer heute etwa wissen will, ob die Welt endlich oder unendlich ist, ob die Zeit einen Anfang hat, ob der Mensch einen freien Willen hat, fragt nicht Philosophen. Er erhofft sich eher Antworten von Kosmologen, Hirnforschern oder Quantentheoretikern. Viele Wissenschaftler glauben doch, dass die Philosophie im Grunde genommen tot sei. Sie könne noch einige methodologische Reflexionen anstellen, mehr nicht.

Sie sehen das sicher anders.

Na ja, es gibt eine Reihe von Experimenten, die unterstreichen, dass die Willensfreiheit eine Illusion ist. Wenn man glaubt, eine Handlung aus freiem Willen auszuführen, weiß das Gehirn bereits eine kurze Zeitspanne zuvor, was man tut. Einige nehmen daher an, dass Entscheidungen in Form neuronaler Prozesse ablaufen, noch bevor man bewusst eine Entscheidung trifft. Daraus schließen sie, dass es keinen freien Willen gibt. Stephen Hawking hat in seinem Buch »Der große Entwurf« die Philosophie triumphierend für tot erklärt. Die metaphysischen Fragen, etwa nach dem Ursprung des Universums, seien zwar einmal Gegenstand der philosophischen Spekulation gewesen, könnten heute aber von der experimentellen Wissenschaft beantwortet und empirisch überprüft werden.

Trifft er nicht einen wahren Kern?

So weit sind wir doch nicht! Hawkings Behauptung lässt sich leicht entkräften. Er nimmt die Philosophie doch selbst noch in Anspruch. Ich meine methodologische und ontologische Annahmen, die er als selbstverständlich voraussetzt. Er liefert nicht viel mehr als eine populärwissenschaftliche Erklärung. Es ist doch so: Die Wissenschaft bleibt im hermeneutischen Zirkel gefangen. Alles, was sie entdeckt, unterliegt der Dimension ihres Ansatzes. Ich bin der Überzeugung, dass jetzt die Zeit gekommen ist, die großen altmodischen ontologischen Fragen direkt anzugehen. Die Menschen sind es leid, dass die großen Fragen nur von der Naturwissenschaft beantwortet werden.

Man kann sie ja auch philosophisch beantworten, wenn man die Naturwissenschaft schätzt. Kant war Newtonianer, dennoch hielt er die empirische Realität nur aufgrund der Voraussetzung der transzendentalen Idealität für möglich.

Es ist wichtig, Kant hier zu folgen. Der transzendentale Ansatz ist die größte Errungenschaft der Philosophie. Nach Kant ist der naive Realismus nicht mehr haltbar. Ein Realismus in dem Sinne, dass wir einen globalen Blickpunkt auf die Welt einnehmen könnten, so wie sie an sich ist und wir uns darin selbst objektivieren. Kant hat uns gelehrt, zu reflektieren.

Die Subjektivität ist Teil des Wissens selbst. Sie ist kein Hindernis für das Versagen selbst. objektive Wissen. Alle diese Probleme verwirren mich zutiefst. Von welchem Standpunkt wird uns die Realität dann erscheinen? Von einem marxistischen? Was wir heute als Natur erfahren, ist nach Ansicht des westlichen Marxismus Teil einer sozialen Totalität, des modernen Kapitalismus, der modernen Wissenschaft, ohne dass wir davon abstrahieren könnten. Georg Lukács sagte deshalb: Die Natur ist von jeher eine gesellschaftliche Kategorie. Auch der westliche Marxismus hat die transzendentale Dimension rehabilitiert. Für ihn ist die gemeinsame menschliche Praxis der letzte transzendentale Horizont unseres philosophischen Verständnisses. Ich versuche daraus auszubrechen. Vielleicht irre ich mich, aber da muss ein Weg sein, weiter zu denken.

Sex ist für mich in seiner Grundstruktur eine Art des Versagens. Wenn jemand Lust verspürt, kann er das eigentliche Ziel nicht erreichen. Man zieht Lust aus diesem Versagen selbst.

Sie meinen, einen Weg aus dem Gegensatz zwischen transzendentalem Ansatz und naivem Realismus zu finden?

Unsere Vernunft, unsere Annäherung an die Realität, endet notwendig in Antinomien. Sobald wir grundlegende Fragen wie die nach unserer Willensfreiheit erreichen – Sind wir frei oder nicht? Ist die Welt endlich oder unendlich? –, verstricken wir uns in Widersprüche. Das war es, was Kants erkenntniskritische Untersuchungen letztlich ergeben haben. Die letzte Folgerung von Kants Transzendentalismus ist die Sackgasse der Vernunft. Für ihn war das ein Beweis dafür, dass wir die Dinge, wie sie an sich selbst sind, nicht erkennen können. Wenn die Vernunft die Grenzen unserer endlichen Erfahrung zu überschreiten versucht, verfängt sie sich in Antinomien. Hegel ging hier einen entscheidenden Schritt weiter.

Und kritisierte Kant, dem er hier eine gewisse Denkfaulheit unterstellte.

Er sagt nun nicht einfach, dass wir hinter diese Antinomien zurückgehen können und wieder fleißig Metaphysik betreiben können wie vor Kants Zeiten. Dennoch stellen die von Kant aufgestellten Antinomien nicht unsere epistemologischen Grenzen dar. Sie sind vielmehr bereits in dem Ding an sich angelegt.

Die Realität ist also durch einen Antagonismus geprägt?

Vielleicht noch mehr als das. Sie kennen sicher die Theorie, bevor Sie messen, wissen Sie nicht, wo sich ein Elektron oder was auch immer befindet. Man kann nicht zugleich Bewegung und Position des Teilchens bestimmen, sagt die Quantentheorie. Mich fasziniert die Vorstellung der ontologischen Unvollständigkeit der Welt. Als wäre die Realität, mit der wir es zu tun haben, in sich selbst ontologisch nicht vollständig. Das betrifft nicht allein die Grenzen des Wissens. Die Realität selbst ist in sich unvollständig. Ich finde, das ist ein faszinierender Gedanke.

Warum sollte die Realität an sich unvollständig sein? Das ist doch ein Problem des Messenden, nicht des Seins.

Moment. Ich bin zu alt für Videospiele, sehe aber meinen Kindern ab und an dabei zu. Den optischen Hintergrund der Spiele bildet oftmals ein Wald. Und dieser Wald ist nicht vollständig programmiert, warum auch? Er gehört nicht zum eigentlichen Spiel. Es gehört nicht dazu, dass man sich dem Wald nähert. Da ist einfach nichts. Stellen Sie sich einmal vor, dass das auch für unsere Realität gilt. Sie ist indeterminiert, ontologisch unvollständig. Und warum? Gott dachte vielleicht, dass der Mensch ohnehin nie den subatomaren Bereich durchschreiten wird, weil wir zu dumm sind, warum sollte er also alles durchgängig planen? Wir sind nun aber ein klein wenig zu schlau gewesen und haben durch die Quantentheorie den Punkt erreicht, an dem die Wirklichkeit sich als unvollständig erweist. Auch wenn wir nicht an Gott glauben, ist die Realität an sich antinomisch unvollständig. Ich habe viel Respekt vor Albert Einstein, der sagte, Gott würfelt nicht, aber hier befinde ich mich mit ihm im Krieg. Er hielt unser Wissen für unvollständig an diesem Punkt, nicht das Universum an sich. Letzteres entspricht meiner Ontologie, meiner allgemeinen Sicht der Dinge.

Es geht nicht allein darum, dass wir ein Teilchen, das sich bewegt, nicht zugleich messen könnten?

Das war Werner Heisenbergs Theorem. Der Physiker Niels Bohr dachte noch etwas anderes. Er ging noch ein Stück weiter, indem er sagte, dass das Problem der Messung unabhängig von uns besteht. Was bedeutet das aber? Nicht unser Wissen ist begrenzt, sondern die Realität ist in sich unvollständig. Eine großartige Idee! Die Antinomie ist also nicht einfach die Grenze unseres Wissens, sondern eine grundlegende Struktur. Sie ist in die Sache eingeschrieben. Immer wenn wir in diesen Graben blicken, erkennen wir die Antinomie als Grundzug des Dinges an sich. Nun kommt der nächste, riskantere Zug: An diesem Punkt bringe ich die Sexualität in meinem Buch ein.

Daher der Titel »Sex und das verfehlte Absolute«?

Unsere Berührung mit dem Absoluten beruht auf ebendieser subjektiven »Verzerrung«, der Feststellung, dass die subjektiven Antinomien Kants sich in den objektiven Antinomien in den Dingen widerspiegeln würden. Dennoch werden die subjektiven Verzerrungen in die objektiven Prozesse einbezogen.

Durch diese Verdopplung der Verzerrung definiert sich das Absolute. Durch das Absolute als ein unmöglich reales Ding ist Sex – der immer schon verfehlte Bezugspunkt von Umwegen und Verzerrungen – zugänglich. Ich meine nicht die bloß vulgäre biologische Betätigung beim Sex, diese ist nicht wirklich sexuell. Erst im Spinnengewebe der Verschiebungen wird Sex effektiv sexuell.

Inwiefern sprechen Sie vom Sex als ein Verfehlen?

Sex ist für mich in seiner elementaren Grundstruktur eine Art des Versagens. Wenn jemand Lust verspürt, kann er das eigentliche Ziel nicht erreichen, aber dann zieht man Lust aus diesem Versagen selbst. Auf diese Weise werden unsere Körper erotisiert. Nehmen wir das Saugen am eigenen Finger bei einem Baby. Das Saugen dient zunächst der Bedürfnisbefriedigung, weil das Baby trinken möchte. Es folgt ein reflexiver Umschlag. Statt das Objekt der Bedürfnisbefriedigung zu erhalten, wird das Bedürfnis auf das Saugen übertragen, das zur Quelle der Befriedigung wird, zur eigentlichen Lust.

Sex ist das Resultat eines Umschlagens des Sinnes?

Sex war biologisch ganz anders gedacht, nämlich als Bedürfnis der Fortpflanzung, nun wird es ein Ziel an sich selbst. Die Kirche hat daher fälschlich Sex als animalisch bezeichnet. Wenn sie Sex allein darauf beschränkt, dass er zur Fortpflanzung dient, muss man sagen, dass die Tiere es genauso zur Fortpflanzung treiben. Unsere Sexualität kann man nicht vom Tier her verstehen. Wie schon Freud gesagt hat, ist menschliche Sexualität nicht biologisch bestimmt, sondern besitzt in sich immer auch einen Todestrieb, die Perversionen und so weiter. Nur der Mensch hat in seiner Sexualität das Miteinander von tödlicher Leidenschaft.

Ist Sex unsere einzige Möglichkeit, dem Absoluten zu begegnen?

Es ist vielleicht nicht die einzige Möglichkeit, aber doch die Grundmöglichkeit einer Begegnung mit dem Absoluten. Denken Sie an Sigmund Freud. Wenn er über den Todestrieb spricht, beschreibt er eine bestimmte Struktur des Scheiterns. Erst durch dieses Scheitern kristallisiert sich der absolute Bezugspunkt als das Verfehlte heraus. Kennen Sie den Film »Vier Hochzeiten und ein Todesfall«?

Den Film mit Hugh Grant?

Denken Sie an die berühmte Liebeserklärung von Hugh Grant an Andie MacDowell. Er kommt die ganze Zeit durcheinander, fängt einen Satz an, den er nicht zu Ende führt, ist verwirrt, wiederholt sich. Aber in diesem konstanten Scheitern erweist sich seine Liebe als authentisch. Hätte er in perfekten Sätzen gesprochen, hätten wir es für vorgetäuscht gehalten. Das ist das Mysterium. Gerade durch das Scheitern kann etwas sein Ziel direkt erreichen. Deshalb mag ich den Begriff Anamorphosis so sehr. Das ist etwas, das man nur aus einer ganz bestimmten Perspektive sehen kann. Wenn man es direkt ansieht, sieht man nichts.

Das ist für Sie der Status des Absoluten?

Es ist die einzig sinnvolle Weise, in der wir diesen Begriff heute noch verwenden können. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der wir an das alte Absolute wie Gott nicht mehr glauben können. •

[LEKTÜRE]

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SLAVOJ ŽIŽEK

Pandemie! Covid-19 erschüttert die Welt

PASSAGEN, 2020

In elf Kapiteln nimmt Žižek eine Durchmessung der Welt in Zeiten von Covid- 19 vor: von den Herausforderungen Europas bis hin zur neuen Herrschaftsform ≫Putog˘an≪ (Putin/Erdog˘an).

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SLAVOJ ŽIŽEK

Pandemie! II: Chronik einer verlorenen Zeit

PASSAGEN, 2021

Seine Pandemie-Betrachtungen setzt Žižek souveran fort und fordert nach der Krise einen radikalen Wandel der Denkungsart.

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SLAVOJ ŽIŽEK

Sex und das verfehlte Absolute

WISSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT, 2020

Es geht von Hegel bis zu Kant und von Alain Badiou zu Julia Kristeva: Souveran fuhrt Žižek seine Leser durch die Philosophie-Geschichte bis hin zum verfehlten Absoluten.