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Die Wetter-Geheimnisse der ALPEN


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 26/2022 vom 24.06.2022

REPORT

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Bildquelle: Gong, Ausgabe 26/2022

IMPOSANT Der Karnische Höhenweg zwischen Italien und Österreich

Wodurch wird das Wetter in Deutschland bestimmt? Bei dieser Frage denken viele als Erstes an Begriffe wie Azorenhoch, Islandtief und Nordatlantikstrom. Die Alpen kommen wohl den Wenigsten in den Sinn. Zu Unrecht, wie Sven Plöger meint. „Wer nicht gerade Meteorologe ist oder alpennah wohnt, unterschätzt den riesigen Einfluss der Alpen“, sagt der ARD-Wetterexperte. „Dabei sind sie das Alphatier unter den klimabestimmenden Faktoren Europas.“

Warum das so ist, erklärt Plöger jetzt in seinem neuen Buch „Die Alpen und wie sie unser Wetter beeinf lussen“, das er gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Rolf Schlenker verfasst hat (siehe Buchtipp Seite 9). Analysiert werden aktuelle und historische Wetterphänomene dieser rund 1200 Kilometer langen Gebirgskette, die acht Staaten umfasst.

Gleichzeitig lassen die Autoren viele persönliche Alpenerfahrungen einfließen. Seit 26 Jahren lebt der gebürtige ...

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... Bonner Plöger im Appenzeller Land in der Schweiz. „Die Alpen sind unendlich faszinierend“, so der Wettermoderator der ARD im Interview mit unserer Redaktion, „denn nirgendwo in Europa gibt es auf kleinstem Raum solch große klimatische Unterschiede.“ Auf knapp 5000 Metern Höhe sind fünf Vegetationszonen verdichtet. „Dieses Gebirge“, so der Experte weiter, „ist ein ganzer Kontinent im Kleinen.“

Ein Gedankenexperiment Plögers verdeutlicht, wie wichtig die Alpen für Europa sind: Was wäre, wenn es sie nicht gäbe? „Die Berge funktionieren wie ein Wetterschutzwall“, erklärt er. „Auf ihn prallen feuchte Warmluft aus dem Süden und Kaltluft aus dem Norden. Diese Luftmassen gleichen sich durch die Alpen einander an. Gäbe es die Alpen nicht, träfen sie ungebremst aufeinander. Wir hätten Schneestürme in Neapel, und Deutschland wäre ein absolutes Tornadogebiet!“

Was Letzteres bedeuten würde, lässt sich eindrucksvoll in Nordamerika beobachten. Im Gebiet zwischen den US-Bundesstaaten Texas und South Dakota gibt es kein Gebirge als natürliche Barriere unterschiedlicher Luftmassen. In der sogenannten Tornado-Alley wüten jeden Frühling bis zu 800 dieser Wirbelstürme – teils mit verheerenden Folgen.

Orkan aus dem Berg heraus

Zum Glück gibt es sie, die Alpen. Aber leicht machen sie es Meteorologen wie Sven Plöger nicht: „Exakte Vorhersagen für diese Region zu treffen ist komplex und schwierig. Es gibt eine intensive Wechselwirkung zwischen der stark zerklüfteten Landschaft und der über ihr liegenden Atmosphäre. Luftmassen werden ständig gestaut, gehoben oder sausen hinunter, sie werden gestaucht, gestreckt und gedehnt oder gepresst. Das Gebirge lässt die Luft nicht einfach in Ruhe strömen.“

Entsprechend hart war Plögers Berufsstart in den Alpen – trotz Meteorologiediplom samt Auszeichnung. Im Juli 1996 trat er die Arbeit beim Wetterdienst Meteomedia in Gais (Schweiz) an. „In den ersten Tagen habe ich gestaunt, dass meine Kollegen hier überhaupt etwas vorhersagen konnten“, erinnert er sich. „Während es im einen Tal regnet, knallt in dem daneben die Sonne herab, hinter jedem Felsen kann die Temperatur 20 Grad tiefer liegen als auf der Wiese davor. Anfangs musste ich wahnsinnig viele lokale Phänomene lernen.“

Ein Beispiel ist der Laseyerwind, der nach einem Waldgebiet im Appenzeller Land benannt ist. „Hier kann ein Nordwest-Sturm einen Südost-Orkan auslösen“, erklärt Plöger. „Auf dem Papier klingt das völlig unlogisch. Aber hier prallt die Luft gegen das dortige Bergmassiv, wälzt sich nach unten und kommt dann gefühlt aus dem Berg herausgeschossen.“ Dabei werden Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde erreicht, Bahnen werden aus ihren Gleisen geschleudert.

Generell rät der Meteorologe Ausflüglern in den Alpen: Nicht nur auf den Wetterbericht achten! „Sprechen Sie die Einheimischen an und fragen Sie sie. Die meisten freuen sich riesig, wenn sie Ihnen Tipps zum lokalen Wetter geben dürfen.“ Aber mindestens genauso wichtig für eine erfolgreiche Alpenwanderung sei Muße. „Wenn ich in so einem Gelände unterwegs bin, sollte ich Zeit mitbringen“, weiß Sven Plöger. „Manchmal muss man schlechtes Wetter einfach aussitzen. Wer aber im Gebirge ständig auf die Uhr schaut und an seinen Terminkalender denkt, begeht schon den ersten Fehler. Und so einen Fehler bestrafen die Alpen gern und oft.“

Wie ein riesiger Schwamm

Doch wie eingangs erwähnt: Die Macht der Alpen reicht weit über sie hinaus. Besonders zu spüren war sie etwa im August 2002 im sächsischen Zinnwald-Georgenfeld. Mehrere Tage lang hatte es ununterbrochen geregnet. Zwischen dem 12. und 13. August fielen 312 Liter Wasser pro Qua- dratmeter. Nie zuvor in der Geschichte der Wetteraufzeichnung hatte es irgendwo in Deutschland mehr geregnet. Die Folge war eine grausame Flutkatastrophe: 21 Menschen starben, der materielle Schaden ging in die Milliardenhöhe.

Was das mit den Alpen zu tun hatte? Sie spielten die entscheidende Rolle. Ursprung war die gefürchtete sogenannte „V b-Wetterlage“. Wenn sich nach Durchzug eines Tiefs über der Biskaya ein neues Hoch aufbaut, fließen kühle Luftmassen über die Alpen nach Süden. Das begünstigt die Entstehung eines Tiefs über Genua. Über dem Mittelmeer saugt sich dieses Tief dann mit Wasser voll. Falls es sich nicht über Italien abregnet, schiebt es sich meist in Slowenien über die Alpen, weil diese dort etwas f lacher sind.

Was danach passiert, beschreibt Wetterfachmann Plöger so: „Durch die Drehrichtung gegen den Uhrzeigersinn wird die Mittelmeerluft um das Tief herumgeführt und drückt nun aus Norden gegen die Alpen. Dort wird sie gestaut und wie ein riesiger nasser Schwamm ausgequetscht. Alles, was sich in den tonnenschwer vollgesogenen Wolken befindet, entlädt sich auf einer Linie Österreich – Bayern – Tschechien – Sachsen.“

Solch extreme Wetterphänomene dürften wohl zunehmen. „Der Alpenraum“, so Plöger, „ist von den Folgen des Klimawandels stärker betroffen als viele andere Regionen der Welt.“ Im Vergleich zu einer platten Landmasse besitzt ein Gebirge mehr Flächen an seinen Flanken. Folglich bieten Berge wie die in den Alpen der Sonne auch mehr Fläche zum Aufheizen. Dazu kommt, dass sich Land generell wesentlich stärker erwärmt als Wasser. Bereits in den vergangenen 150 Jahren ist es im Alpenraum um zwei Grad wärmer geworden.

Der Klimawandel macht das Wetter in den Alpen also unberechenbarer. Anscheinend wird Plögers Mantra in Zukunft wahrer sein denn je. „Die Alpen“, sagt der langjährige Experte, „kann man niemals ganz durchschauen.“

MICHAEL TOKARSKI