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»Die Wölfe sind los«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 52/2018 vom 21.12.2018

Extremismus Nach dem Tod eines Deutschkubaners erobern im Sommer die Rechten die Straßen von Chemnitz. Obwohl die Polizei vorgewarnt ist, unterschätzt sie die Lage massiv. Vermummte greifen Restaurants an, Neonazis fantasieren von einem Anschlag. Eine Rekonstruktion.


Es ist kalt geworden in Chemnitz. Am Karl-Marx-Monument zieht an diesem Novemberabend nasser Nebel auf. Vor einem Zweckbau, in dem einst die SED residierte, liegt ein Hauch von Volksaufstand in der Luft.

Die »Bürgerbewegung Pro Chemnitz« hat zur Mahnwache eingeladen, wie jeden Freitag am Nischel. So nennen die Chemnitzer den großen bronzenen ...

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... Kopf des Philosophen. Männer mit Pepitahut in Deutschlandfarben sind gekommen, manche haben sich gelbe Warnwesten übergezogen, wie die Gilets jaunes in Frankreich.

In der Menge steht Sepp List. Er war lange CDU-Wähler, bis Herbst 2015, als Angela Merkel beschloss, Tausende Flüchtlinge nach Deutschland zu lassen. Seitdem verachtet er die Kanzlerin.

Die Menge setzt sich in Bewegung, in den dunklen Straßen hallen die Rufe von den Häuserwänden. »Gebt auf eure Kinder acht, Merkel ist noch an der Macht.«

In der Brückenstraße, vor Hausnummer 8, verstummt der Zug. Hier, beim Alanyadöner, wurde am 26. August Daniel Hillig getötet, mit fünf Messerstichen in die Brust. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt drei Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, im Januar wird sie entscheiden, ob und gegen wen Anklage erhoben wird.

Ein gewöhnlicher Kriminalfall hätte es sein können, nicht der erste, in dem die Verdächtigen Flüchtlinge sind. Doch diesmal ist er zum Fanal geworden.

Der Tod des 35 Jahre alten Deutschen wirkt im Nachhinein wie eine Zäsur für das Land. Die Demonstrationen und Gegendemonstrationen in den Wochen danach, die rechtsextremen Parolen, die Hitlergrüße, die Gewalt, die Debatten und politischen Entscheidungen verraten viel über den Zustand der Republik. Über die tiefe Spaltung und die große Wut, die da brodelt. Über Menschen, die der Demokratie nicht mehr trauen, und über einen Staat, der nicht da ist, wenn er gebraucht wird. Die Geschichte von Chemnitz ist mehr als eine Zustandsbeschreibung, sie verdeutlicht die Entwicklung einer gefährlichen Entfremdung, die sich fortsetzt.

Über deren Gründe geben Hunderte Seiten Akten Auskunft, die für diesen Text ausgewertet wurden – über die Tat selbst, über den Polizeieinsatz und über eine Neonazigruppe, die, euphorisiert von den Protesten, von einem terroristischen Anschlag träumte. Soziale Medien und Videoaufnahmen wurden analysiert, um zu verstehen, wie die Dynamik der Proteste entstanden ist. Sechs Menschen erzählen, wie sie diese Tage im Spätsommer erlebten und was sie bis heute bewegt.

Da ist Sepp List, 61 Jahre alt, ein Wirtschaftsberater, der seit der Tat jede Mahnwache von Pro Chemnitz besucht hat und sich an 1989 erinnert fühlt. Er sagt: »Ich hätte nie gedacht, dass ich in der Bundesrepublik wieder auf die Straße gehen muss.«

Ali Hassan Sarfaraz, 22 Jahre alt, ein afghanischer Asylbewerber, der, wie ein Video zeigt, von einem Deutschen über eine Straße verfolgt wurde und damit den Anlass für die hitzige Debatte schuf, ob es »Hetzjagden« gegeben habe. Er sagt: »Ich will nur weg aus Chemnitz.«


»In diesen Tagen war die Stadt wie ein Geysir, alles brach heraus.«


Marc Schneider*, 21 Jahre alt, Politikstudent und Jungsozialist, der auf mehreren Gegendemos war und sich seitdem manchmal beim Warten auf den Bus fragt, auf welcher Seite der Mann neben ihm ist. Uwe Dziuballa, 53 Jahre alt, Gastronom, dessen Restaurant Schalom ange - griffen wurde. Er sagt: »In diesen Tagen war die Stadt wie ein Geysir, alles brach heraus.«

Lukas Rietzschel, 24 Jahre alt, Schriftsteller aus Sachsen, er sagt: »Wer heute den Staat und seine Vertreter ablehnt, der ist nicht weit davon entfernt, gegen die Einrichtungen dieses Staates auch zu kämpfen.«

Bianca F., 33 Jahre alt, Industriekauffrau, die am 26. August ihren Partner und den Ziehvater ihres Sohnes verlor. Sie sagt: »Es kann nicht sein, dass Daniels Tod so ausgenutzt wird, von links wie von rechts.« Bis heute ist nicht genau geklärt, was am 26. August gegen drei Uhr in der Nähe des Dönerladens geschah. Die Polizei hat mehr als hundert Zeugen vernommen, keiner hat die Tat aus nächster Nähe beobachtet. Niemand sah das Messer, mit dem getötet wurde. Nur einer glaubt, den Täter erkannt zu haben.

Der zweite Abend des Stadtfests ist gerade zu Ende gegangen, Chemnitz feiert den 875. Jahrestag seiner ersten urkund - lichen Erwähnung, auf sechs Bühnen und mit 200 Buden, sogar einen Hashtag gibt es, #einfachfeiern. »Legenden der Discokugel « treten auf, die Tänzer der »Nischelhupper «, die Partyband »Mr. Feelgood« und als Stargast die Rapperin Namika.

Auf dem breiten Gehweg in der Brückenstraße steht am frühen Sonntagmorgen eine größere Gruppe zusammen, Flüchtlinge, Russlanddeutsche und Daniel Hillig. Der Sohn eines Kubaners und einer Deutschen ist in Chemnitz aufgewachsen, arbeitet bei der Gebäudereinigung Hausgeister und ist bei seinen Freunden als »Gute-Laune-Bär« bekannt, weil er angeblich jeden anstrahlt, der ihm begegnet.

In dieser Nacht aber gibt es Streit, die Polizei spricht von einem »verbalen Disput «, niemand kann hinterher sagen, worüber. Einer meint, es sei um ein Feuerzeug gegangen. Ein anderer, jemand habe eine EC-Karte haben wollen, womöglich um eine Linie Kokain zu ziehen. Am Ende liegt Hillig am Boden, einer der fünf Messerstiche hat seinen Herzbeutel getroffen, die Lunge ist verletzt. Die Staatsanwaltschaft sagt, der Mann sei »unmittelbar nach der Tat« gestorben.

Ein Russlanddeutscher hockt auf dem Gehweg, mit einem Messerstich im Rücken. Ein anderer Mann ist verletzt.

Die Gruppe rennt auseinander. Die Poli -

zei hat wegen des Stadtfests viele Wagen auf den Straßen, sie ist schnell da. Über Funk geben Beamte die Beschreibung von vier Verdächtigen durch. Eine Streife nimmt zwei Männer fest, die zur Beschreibung passen: Yousif Ibrahim A., 22, Asylbewerber aus dem Irak, und Alaa S., 23, Flüchtling aus Syrien.

Die Nachricht vom Tod Hilligs verbreitet sich schnell, das Onlineportal Tag24 berichtet fünf Stunden nach der Tat darüber. Bald flankieren Gerüchte die Nachricht: Daniel Hillig habe eine Frau vor einer sexuellen Belästigung geschützt, heißt es. Die Polizei teilt mit, dass es dafür keine Belege gebe. Das Gerücht bleibt, auch wenn sich das Opfer gar nicht so sehr für eine Märtyrerrolle rechter Couleur eignet. Hillig hat auf Facebook Bob Marley und Sahra Wagenknecht gelikt und war Mitglied in der Gruppe »Kein Bock auf Nazis «. Er habe sich »wenn, dann eher für links als für rechts ausgesprochen«, sagt Bianca F., seine Lebensgefährtin.

* Name geändert.

Asylbewerber Sarfaraz, Ex-CDU-Wähler List, Juso Schneider*, Gastronom Dziuballa: Gefährliche Entfremdung


FOTOS: SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

Erstaunlich früh an diesem Morgen lädt Kaotic Chemnitz, eine Gruppe rechts - extremer Fußballfans, auf Facebook zu einer Versammlung um 16.30 Uhr vor dem Nischel ein: »Lasst uns zusammen zeigen, wer in der Stadt das sagen hat! Ehre Treue Leidenschaft für Verein und HEIMATSTADT «.

Der Aufruf ist bald wieder gelöscht, doch ein Screenshot davon macht die Runde, verbreitet von einem, der sich als Freund Daniel Hilligs sieht. »Die Politikheuchler werden deinen Tod nicht ehren, da hier kein Flüchtling gestorben ist, aber ich halte dich unvergessen«, schreibt er. Der Aufruf wird gut 2700-mal geteilt.

Bianca F. hat das letzte Mal am Samstagabend mit Daniel telefoniert. Nun wundert sie sich, dass er sich noch nicht gemeldet hat. Sie ruft ihn an, er antwortet nicht. Später ist sein Telefon aus.

Gegen neun Uhr morgens liest sie auf Facebook einen Artikel der »Dresdner Morgenpost«. Ein 35-Jähriger sei nach einer Messerstecherei auf dem Stadtfest gestorben, von einem Halbrussen ist die Rede. »Ich habe mir noch gedacht, die arme Sau, und habe den Post geteilt.« Als Daniel sich am Mittag immer noch nicht meldet, ruft sie bei der Polizei an. Eine halbe Stunde später stehen zwei Beamte vor der Tür, sie müssen nichts sagen.

»Der Papa kommt nicht mehr nach Hause, er ist jetzt im Himmel«, sagt Bianca F. dann zu ihrem achtjährigen Sohn.

Die Polizei vernimmt Zeugen. Die Freundin des verletzten Russlanddeutschen sagt, sie sei viel zu aufgeregt gewesen, um das Geschehen schildern zu können. Einen der Täter schätzt sie auf 1,50Meter Körpergröße. Das passt nicht zu den Verhafteten. Andere Zeugen sagen, ein »Großer« und ein »Kleiner« seien die Täter gewesen. Oder sie wollen gesehen haben, dass zwei Männer zustachen. Auf Lichtbildmappen können sie keinen identifizieren.

Am Sonntagmorgen setzt die Polizei einen Fährtenhund ein. Er führt sie zur größten Bühne, auf der wenige Stunden zuvor Namika gerappt hat. Hinter der Bühne finden die Beamten zwei Messer. Ein Schweizer Taschenmesser, das bei der Tat wohl nicht verwendet wurde, und ein Messer mit einer 13 Zentimeter langen Klinge und einer Säge.

Im Labor entdecken die Ermittler die DNA des Toten und des zweiten Verletzten darauf, auch die Spur einer unbekannten DNA. Sie können sie nicht den beiden Verhafteten zuordnen. Auch deren Fingerabdrücke sind nicht auf der Tatwaffe. Die Ermittler gehen deshalb von einer weiteren Waffe aus. Sie durchsuchen Mülltonnen, steigen in Gullys.

Sie finden etliche Messer, nur nicht das, nach dem sie suchen.

Die Nachricht von der Tat hat sich schnell verbreitet. Die AfD kündigt einen Infostand auf der Brückenstraße an. Um 15 Uhr versammeln sich dort 130 Menschen. Sie marschieren eine halbe Stunde später zum Karl-Marx-Monument, wohin die rechtsextremen Fußballfans von Kaotic Chemnitz eingeladen haben. Die Verantwortlichen beschließen, das Stadtfest vorzeitig zu beenden.

Am Nischel zählt die Polizei um 16.30Uhr bereits 800 Teilnehmer, die kurz darauf durch die Innenstadt ziehen. Jugendliche, ältere Menschen und Kinder, Paare, die sich an den Händen halten. Sie gehen Seit an Seit mit Rechten, die ihre Gesinnung kaum verstecken. Gruppen von Männern, glatzköpfig und mit breitem Kreuz, sie tragen T-Shirts mit Aufschriften wie »Skinheads Sachsen« oder »Ich bin der Ungläubige, vor dem Allah dich gewarnt hat«. Es fallen Parolen wie »Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer«.

Die Polizei, so wird in Videoaufnahmen der Demo deutlich, ist an diesem Nachmittag mit viel zu wenigen Beamten vor Ort. »Guck dir mal die drei Polizisten an, die haben keine Chance«, sagt ein Demonstrant. Und auch Helme und Schlagstöcke helfen den Einsatzkräften nur bedingt, wie ein Zusammenstoß um 17.04 Uhr auf dem Johannisplatz zeigt.

Polizisten rennen dort auf die Demonstranten zu. Doch anstatt zurückzuweichen, bleibt ein Mann stehen, stemmt sich gegen einen Beamten und wirft diesen samt schwerer Montur auf den Boden. »Die Poli zei war zu diesem Zeitpunkt nur mit geringen Kräften vor Ort«, heißt es später in einer Pressemitteilung. Der Landes - polizei präsident wird sagen: »Die Ansammlung reagierte nicht auf Ansprachen durch die Polizei.« Flaschen und Steine fliegen auf die Beamten, die sich mit Pfefferspray und Gummistöcken wehren. Kräfte aus Leipzig und Dresden werden angefragt.

Ali Hassan Sarfaraz, den alle nur Aziz nennen, ist mit seinem Freund Barin und einem deutschen Mädchen in der Innenstadt unterwegs. Gegen 17.30 Uhr wollen sie am McDonald’s den Bus nach Hause nehmen. Sarfaraz, 22 Jahre, stammt aus Afghanistan. Er lebt seit 2015 in Deutschland, wohnt in einem Flüchtlingsheim und arbeitet in einer Logistikfirma.

Von der tödlichen Messerattacke beim Stadtfest haben die drei noch nichts gehört. Sie sehen nur, wie plötzlich Hunderte auf der Bahnhofsstraße marschieren, viele sind schwarz gekleidet. Sarfaraz filmt die Szene für zwei Minuten, dann schaltet er die Handykamera aus.

Einige Männer lösen sich aus der Menge und kommen auf ihn zu. Einer in einem blauen T-Shirt schlägt angeblich eine Bierflasche gegen Sarfaraz’ Telefon, es fällt zu Boden, das Display zerspringt. Die drei gehen den Männern hinterher, rufen: »Ihr habt das Handy kaputt gemacht, das müsst ihr bezahlen.« Daraufhin habe ihn der Mann mit der Hand ins Gesicht geschlagen. So hat es Sarfaraz der Polizei erzählt, auch das Mädchen schildert es so.

Zwei Beteiligte haben die Szene gegenüber einem rechtskonservativen Onlineportal anders beschrieben. Demnach sei die Provokation von den beiden Afghanen ausgegangen. Welche Version stimmt, kann auch die Staatsanwaltschaft nicht endgültig sagen, die Ermittlungen dauerten an. Die folgenden 19 Sekunden aber sind unumstritten, sie wurden gefilmt und auf Twitter über 400000-mal aufgerufen.

Die jungen Afghanen stehen einer Männergruppe gegenüber. Dann fallen die Worte »Haut ab« und »Was is denn, ihr Kanaken?«. Ein Mann sprintet auf die Straße, läuft auf Sarfaraz zu, setzt ihm über zehn Meter nach und versucht, ihn zu treten. »Da könnt ihr rennen, ihr Fotzen«, brüllt einer der Männer.

Zunächst wird die Aufnahme in einer geschlossenen Chatgruppe geteilt, bis die Sequenz unter dem Titel »Menschenjagd« im Internet auftaucht, eingestellt von einer Antifa-Gruppe namens Zeckenbiss.

Das Video wird zu einer Ikone dieser Tage. Es entfacht eine Diskussion darüber, ob es in Chemnitz Hetzjagden gab oder nicht.

Zwei Tage nach der Tat verwendet die Bundeskanzlerin das Wort, auch ihr Regierungssprecher. Zehn Tage nach der Tat sagt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU): »Klar ist: Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome.« Zwölf Tage nach der Tat sagt der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, in der »Bild«-Zeitung, seinem Amt lägen keine Belege für Hetzjagden vor (siehe Seite 20).

Schriftsteller Rietzschel »Sie glauben nicht mehr an den Staat«


SVEN DÖRING / AGENTUR FOCUS

Demonstranten am Karl-Marx-Monument am 30. November: »Sehr hoher Emotionalisierungsgrad«


SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Es ist eine Scheindebatte, die sich da entspinnt. Es geht darum, was in Chemnitz angeblich nicht geschah. Über das, was nachweislich geschah, diskutiert die Politik kaum noch.

Für den Montag nach der Tat meldet die Bürgervereinigung Pro Chemnitz eine Demo an. Sepp List, der ehemalige CDU-Wähler, hatte sich am Vorabend spät an den Rechner gesetzt. Seit einem Einbruch fühlt er sich zunehmend unsicher in der Stadt, nun verfasst er einen Aufruf: »Ich bin ein 61 Jahre alter Karl-Marx-Städter und werde morgen, als einer, der schon am 7. Oktober 1989 dabei war, wieder dabei sein. Unser Protest richtet sich gegen die Folgen der merkelschen Politik und deren ganze politischen und medialen Handlanger. « Die Anmelder rechnen mit 1500 Teilnehmern, am Ende werden es 6000.

Die Polizeipräsidentin Sonja Penzel, erst seit Anfang des Monats im Amt, gibt die Parole aus: »Deeskalation durch Stärke «. Im Nachhinein klingt der Satz wie Hohn. Denn an diesem Montag ist nur eine Gruppe stark, die der Rechten.

Darauf hätte die Polizei gut vorbereitet sein können. Das belegt ihr schriftliches Einsatztagebuch, intern »Lagefilm« genannt, weil es ähnlich wie ein Drehbuch verfasst ist. Um kurz nach zehn Uhr gehen demnach bei der Chemnitzer Polizei die ersten Warnungen ein: Die Ausländerbehörde oder das Rathaus soll gestürmt werden, heißt es auf Twitter. »Dort sitzen die Volksverräter.« Über WhatsApp wird aus Leipzig eine »Mobilisierung rechts nach Chemnitz« gemeldet. Gegen 13 Uhr warnt das Landesamt für Verfassungsschutz: Man erwarte rechtsextreme Demonstranten im »unteren bis mittleren vierstelligen Bereich«, vor allem gewaltbereite Truppen seien unterwegs.

Beamte der Polizei bestehen darauf, den Hinweis des Geheimdienstes schriftlich zu erhalten, nur so könne er in die Lagebewertung einfließen.

Der Verfassungsschutz erfüllt den Wunsch und umreißt ein klares Szenario: In der rechtsextremen Szene werde massiv für den Aufmarsch in Chemnitz mobilisiert, auf Facebook sogar mit einer eigenen Eventseite. Es sei mit Anreisen aus Berlin, Dortmund, Magdeburg und Cottbus zu rechnen. Es wird vor rechten Fußballfanund Kampfsportgruppen gewarnt und vor einem »sehr hohen Emotionalisierungsgrad «. Der Totschlag von Chemnitz werde als »ein willkommener Anlass für erneute körperliche Auseinandersetzungen und gezielte Konfrontationen mit Flüchtlingen, Asylbewerbern und politischen Gegnern gesehen«. Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und Wahlkampfbüros seien nicht ausgeschlossen.

Um 15.05 Uhr erreicht das dreiseitige Schreiben die Polizei. Doch die Beamten bereiten sich gerade für eine Einsatz - besprechung vor. Laut Lagefilm wird der Brief des Verfassungsschutzes tatsächlich erst um 17.11 Uhr bearbeitet. Mehr als vier Stunden nach der telefonischen Warnung.

Hinweise kommen auch von anderen Seiten. In rechten Blogs werde geschrieben, man solle sich die Büros von CDU, SPD und Grünen »anschauen«. Die Thüringer Polizei glaubt, dass sich bis zu 40gefährliche Fans des FC Rot-Weiß Erfurt auf den Weg machen. Auch müsse mit »Problemfans « aus Halle und Leipzig gerechnet werden.

Um 15.33 Uhr meldet sich die Polizei Salzgitter. Auch hier fahren rechte Truppen los. Baden-Württemberg rechnet mit Anreisen aus der Schweiz und Frankreich. Um 16.27 Uhr ruft die Landeseinsatz - zentrale in Thüringen an. Ein Mann, der »Zugriff auf 6000 Skinheads« habe, mobilisiere per SMS für Chemnitz. Die Thüringer bauen auf der A4 bei Altenburg eine Kontrollstelle auf.

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius bietet an, seine ohnehin in Thüringen stehenden Bereitschaftspolizis ten nach Chemnitz zu schicken. Die Sachsen lehnen ab, man habe die Lage im Griff.

Etwa zur gleichen Zeit geben Innenminister Roland Wöller (CDU), Polizeipräsidentin Penzel und Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) in Chemnitz eine Pressekonferenz. Die Polizeichefin sagt, ihre Leute seien auf die Demonstrationen gut vorbereitet.

Um 16.45 Uhr folgt der erste Einsatz: Drei Flüchtlinge sollen zwei Deutsche auf der Käthe-Kollwitz-Straße mit Steinen beworfen haben. Um 18.19 Uhr werden am Karl-Marx-Denkmal erstmals Hitlergrüße gezeigt. »Markieren und Zugriff bei günstiger Gelegenheit«, weist die Zentrale an. Um 18.22 Uhr stehen bei der Demo von Pro Chemnitz 800 Menschen, 200 von ihnen bezeichnet die Polizei als »rechtes Klientel«, »aggro«.

Eine Auswertung ergibt später, dass zahlreiche rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen auf dieser Demo vertreten sind: AfD, Pro Chemnitz, Pegida, NPD, Der III. Weg, Identitäre, Die Rechte, Hooligans wie Kaotic Chemnitz oder die NS-Boys, rechte Fußballfans aus ganz Deutschland mobilisieren nach Chemnitz. Die Szene ist euphorisiert.

Diese Euphorie hat womöglich auch Sten E. an diesem Abend erfasst. Der 28- Jährige ist in einer schwarzen Outdoor - jacke auf den Straßen der Stadt unterwegs. Der arbeitslose Hochbaufachwerker ist ein Dynamo-Dresden-Hooligan, er ist den Behörden schon oft aufgefallen. Mal ging er gegnerische Fußballfans an, mal würgte er seine Freundin. Auf seinem Oberschenkel prangt ein Hakenkreuz-Tattoo. Für Sten E. und andere sind diese Tage, in denen die Rechten das Sagen haben und die Polizei sich zurückgezogen hat, eine Zeit der Hoffnung. Gemeinsam mit Kameraden wird er gefährliche Gedanken entwickeln.

Um 18.28 Uhr meldet die Polizei, es bestehe »kein Kontakt mehr mit Veranstalter «. Kurz vor 19 Uhr wählt der Inhaber des linken Zentrums »Lokomov« den Notruf. Rechte seien vorbeigekommen und hätten erklärt: »Diese Bude machen wir heute auch platt.« Das Lokal wird sofort geschlossen.

Um 19.06 Uhr fordern die Chemnitzer Beamten schließlich doch Verstärkung an. »Es sind keine weiteren Kräfte verfügbar«, meldet die Polizeiführung.

Derweil hat sich in der Stadt der Demo - zug aufgestellt, auch der Gegenprotest bereitet sich vor. Die Beamten vermerken 250 Hooligans der Kategorie »rot«. Das sind Fans, die an Schlägereien interessiert sind. Weitere 200 werden als »gelb« eingestuft. Auch das sind vor allem Schläger.

Um 20 Uhr laufen die Massen los. Steine fliegen. Um 20.02 Uhr meldet die Polizei: »Mit derzeitiger Kräftelage ist eine Trennung beider Veranstaltungen kaum möglich.« Vermummte brüllen: »Nationaler Widerstand.«

20.25 Uhr. Demonstranten brechen aus dem Pro-Chemnitz-Zug aus. »Kräfte der Polizei reichen nicht aus, um dies zu unterbinden. « In der Theaterstraße stürmen 15 Demonstranten ein Haus und treten Wohnungstüren ein. Um 20.28 Uhr fragen die Chemnitzer im Lagezentrum wieder nach Verstärkung. Antwort: »Keine Kräfte mehr verfügbar.« Um 21.21 Uhr werden »massive Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern« gemeldet.

Marc Schneider war an diesem Nachmittag einer der ersten Jusos, die mithalfen, die Gegendemo vorzubereiten. Als die rechten Demonstranten losziehen, brüllt er mit den anderen: »Nazis, Nazis, jetzt wird’s bitter, autonome Jedi-Ritter.« Am Stadthallenpark erschrickt er, ein lauter Knall. Die rechten Demonstranten haben Böller in Richtung ihrer Gegner geworfen, einer explodiert etwa einen Meter vor ihm in einem Blumenkübel.

Schneider ist kein Fan des schwarzen Blocks der Linksautonomen, jetzt aber ist er froh, dass er ihm Schutz bietet. Polizisten sieht er in diesem Moment keine. Am Johannisplatz gerät die Demo-Ordnung endgültig durcheinander. Die Polizei kann beide Lager schon längst nicht mehr trennen, zu dünn ist die Kette der Beamten. Rechte drängen ins Gebiet der Gegen demo ein, plötzlich rennen viele los, auch Schneider. Er hört noch eine Freundin rufen »Achtung, Nazi«, da spürt er einen kräftigen Tritt in den Rücken und fällt zu Boden. Mehrere Rippen sind geprellt.

Erst im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbunds kommt die Gruppe zur Ruhe.

Ein Freund bringt Schneider mit dem Auto nach Hause. Es braucht zwei Anläufe, beim ersten Mal lauern angeblich noch Neonazis in der Nähe seiner Haustür. Mehrere Demoteilnehmer haben von diesem Abend Protokolle verfasst, sie erreichen auch den Bundestag. Darin ist zu lesen, dass Rechte Gegendemonstranten verfolgt hätten, auch Migranten seien angegriffen worden.

Um 21.42 Uhr ist im Lagefilm der Polizei von 100 vermummten Rechten auf einem Lidl-Parkplatz die Rede: »suchen Ausländer«. Als die Beamten ankommen, finden sie dort nur noch parkende Autos. Um 21.47 Uhr wird gemeldet: »20–30 vermummte Personen mit Steinen bewaffnet Richtung Brühl, Gaststätte Schalom.«

Das jüdische Lokal Schalom gibt es seit März 2000 in Chemnitz, Uwe Dziuballa führt es gemeinsam mit seinem Bruder und seiner 77-jährigen Mutter, die in einer roten Kochschürze die Vorspeisen zubereitet. Um 19 Uhr hat der Verein Schalom e.V. zum Vortrag ins Restaurant eingeladen, 25 Gäste sind gekommen. Der Frankfurter Journalist Armin Flesch referiert über den Umgang von mittelständischen Unternehmern mit der NS-Vergangenheit ihrer Firmen.

Gegen 21.30 Uhr verlassen die letzten Gäste das Schalom, nur die Vereinsvorsitzende, der Referent und Dziuballa sitzen noch zusammen.

Es ist das Geräusch einer rollenden Flasche, das Dziuballa aufschreckt. Er geht zum Eingang, öffnet die Tür und blickt in die Gesichter junger Männer. Den Gastronom überkommt die Angst, er kennt solche Situationen. Immer wieder wurde das Schalom angegriffen, mehr als 41000 Euro an Schaden entstand allein in den ersten zwölf Jahren.

Diesmal aber ist es ungewöhnlich laut, ein Klirren und Schlagen, erst spät begreift Dziuballa, dass Steine und Flaschen fliegen, gegen das Metallschild, an die Fenster, gegen die Fassade. Ein Stein trifft Dziuballas Schulter. Er hört einen Ruf, »Judensau, verschwinde aus Deutschland«. Er dreht sich um, drängt die Vereinsvorsitzende zurück, dreht sich wieder um und sieht, wie die Gruppe wegrennt. Er macht Fotos, ruft die Polizei. Später wird er zählen, wie viele Personen es waren. Er kommt auf 14.

Die Einsatzleitung hat bereits 25 Beamte losgeschickt, sie sind in fünf Minuten da. Dziuballa will keinen Arzt, die Polizisten verfassen eine Anzeige wegen versuchter Sachbeschädigung. Erst später wird der Fall richtig eingeordnet: Verdacht auf gefährliche Körperverletzung und Verdacht auf eine politisch rechts motivierte Tat »mit einem antisemitischen Hintergrund«.

Es ist einer der letzten größeren Einsätze der Polizei an diesem Abend. In einer Presseerklärung schreibt die Polizeidirektion Chemnitz, es sei den Einsatzkräften gelungen, »die Versammlungsfreiheit und die Sicherheit der Teilnehmer weitgehend zu gewährleisten«.

Chemnitzer Krawalle

Von Rechtsextremen begangene Straftaten

Polizisten, Teilnehmer der rechten Kundgebung am 27. August: »Keine Kräfte mehr verfügbar«


SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

Am nächsten Morgen bekommt der Görlitzer Schriftsteller Lukas Rietzschel Anrufe von Journalisten. Rietzschel hat seinen ersten Roman geschrieben, »Mit der Faust in die Welt schlagen«, es ist eine feine und stille Erzählung einer rechten Radikalisierung im Osten. Nun soll er Chemnitz erklären.

Rietzschels Großeltern leben in der Nähe von Chemnitz, er hat Freunde dort. Als er an diesem Morgen mit ihnen am Telefon spricht, spürt er die Angst in ihren Stimmen und ihre Ratlosigkeit. Sie haben kein Vertrauen, dass die Polizei sie schützen kann. Das Misstrauen gegen den Staat sei existenziell, sagt Rietzschel. »Wenn im ländlichen Raum Polizeireviere zusammengelegt und eingespart werden, wenn Menschen erleben müssen, dass der Krankenwagen nicht rechtzeitig kommt, dann fühlen sie sich alleingelassen, dann glauben sie nicht mehr an diesen Staat.«

Die Rechten nutzten diese Angst aus, sagt Rietzschel, sie fühlten sich nach der Messerattacke bestätigt. »Sie sagen: Seht ihr, es ist eingetreten, was wir seit 2015 immer gesagt haben. Ausländer sind kriminell, sie bedrohen unsere Existenz. Der Staat hat uns davor nicht beschützt, er hat sie bewusst hereingelassen. Wie könnt ihr nur dagegen sein, dass wir deshalb auf die Straße gehen?« Rietzschel erklärt es sich so, warum viele Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte an den Protesten teil - genommen haben und keine Hemmungen hatten, mit Neonazis zu marschieren. Vielleicht, sagt er, hätten sie auch die Proteste gegen Ausländer in den Neunzigerjahren vor Augen. Damals führten sie zu einer härteren Asylgesetzgebung. Dass der Staat damals eingeknickt sei, hätten die Menschen nicht vergessen.

Rechte Gruppen sehen in Chemnitz ihre Stunde gekommen. Die Bürgerbewegung Pro Chemnitz ruft am 30. August und am 1. September zu einer Kundgebung auf, AfD und Pegida am selben Tag zu einem »Schweigemarsch«. Vorneweg: Björn Höcke, der Thüringer AfD-Chef, und Lutz Bachmann, der vorbestrafte Gründer von Pegida. Ein rechter Schulterschluss, der später auch den Verfassungsschutz interessiert.

Äußerlich wollen sich die Demonstranten von den vorherigen Protesten unterscheiden. Schwarze Kleidung wird erbeten, ohne Aufdruck, ohne Logos. Es herrscht Alkohol- und Rauchverbot. Akzeptiert sind nur schwarz-rot-goldene Fahnen und weiße Rosen. Auch Sten E. ist dabei, der Hooligan mit dem tätowierten Hakenkreuz. Er hat Freunde dabei, Männer mit Baseballmütze und Sonnenbrille, Christian K., Tom W. und weitere.

Sie sind bei der Polizei seit Jahren bekannt dafür, auch mal »Heil Hitler« zu brüllen oder zuzuschlagen. Ihre Vorstra fenregister füllen Dutzende Seiten: Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen. Diesmal aber bleiben sie friedlich. Noch.

Es dauert bis zum 3. September, bis Gegner der Rechten die Chemnitzer Straßen füllen. Unter dem Motto #wirsindmehr kommen 65000 Besucher nach Chemnitz, wo Bands wie die Toten Hosen oder Kraftklub zum Konzert gegen rechts aufgerufen haben. Im ganzen Land finden Kundgebungen statt. An der #unteilbar-Demo in Berlin nehmen 240000 Menschen teil. Es ist eine landesweite Mobilisierung per Hashtag. Marc Schneider, der Juso, sagt, es sei gut, diese Solidarität zu erfahren. Es sei nötig zu zeigen, dass es auch noch eine Masse an Weltoffenen gebe; aber am nächsten Tag seien die wieder weg.

Die Polizei präsentiert im Fall des getöteten Daniel Hillig am 4. September einen weiteren Verdächtigen. Farhad Ramazan A., 22 Jahre alt, aus dem Irak. Er soll am Tag der Tat am Telefon erzählt haben, er habe auf mehrere Personen eingestochen. Der Mann ist bis heute auf der Flucht.

Den Haftbefehl gegen Yousif A. hebt das Amtsgericht dagegen auf. Es gibt keinen dringenden Tatverdacht gegen den Iraker mehr. Niemand hat ihn zustechen sehen, keine DNA-Spur führt zu ihm. Er wird an einem geheimen Ort in Sachsen untergebracht. Alaa S., der zweite Ver dächtige, bleibt in Haft. Ein Zeuge will gesehen haben, wie er sich in der Tatnacht bewegte, als führte er Messerstiche aus.

Die rechte Szene ist in diesen Tagen weiterhin aktiv, nicht nur auf Demos, sondern auch konspirativ. Es ist der 10. September um 17.06 Uhr, als Christian K., ein Freund des Hooligans Sten E., eine Nachricht ver - sendet. Er ist gelernter Elektriker, mehrfach vorbestraft wegen Gewalttaten und Drogendelikten, eine feste Wohnung hat er zuletzt nicht gehabt.

Nun hat Christian K. offenbar Großes vor: Er hat eine Chatgruppe eingerichtet, »Planung zur Revolution« heißt sie. Sieben Kameraden sind dabei, darunter jene, mit denen er auf der Demo von Pro Chemnitz marschiert ist. Es sei an der Zeit, »nicht nur Worte sprechen zu lassen, sondern auch Taten«, schreibt K.

Die Zeilen sind eine Art Gründungs - manifest für eine rechtsterroristische Gruppe, die »Revolution Chemnitz«. So sieht es der Generalbundesanwalt, der später gegen die Rechtsextremisten ermittelt.

Jeder der Männer sei lange genug in der Neonazi- oder Hooligan-Szene, schreibt Christian K., gemeinsam könnten sie »Welten bewegen«. Es gehe nicht mehr um eine »kleine Auseinandersetzung«, sondern um »effektive Schläge«. Im Vergleich zu ihnen werde der NSU, der »Nationalsozialistische Untergrund«, wie eine »Kindergarten-Vorschulgruppe« wirken.

Schon am nächsten Tag, so legen es die Ermittlungen nahe, beginnen die Männer, sich nach Schusswaffen umzuhören. »Waffen, also scharfe Sachen, kann ich machen «, schreibt Tom W., der vor Jahren als Kopf der Kameradschaft »Sturm 34« verurteilt wurde. Interessant wäre beispielsweise eine MP5-Maschinenpistole von Heckler & Koch, befindet K. Später verkündet er, dass »9mm mit drei Magazinen etwa 800 Euro« kosteten.

Die erste Aktion der Gruppe soll an einem Wochenende über die Bühne gehen. »Alles, was tödlich ist« solle man aber an diesem Tag nicht mitbringen, heißt es in dem Chat. Sie vereinbaren eine Parole zum Sammeln: »Die Wölfe sind los.«

Am 14. September, einem Freitag, zieht wieder Pro Chemnitz durch die Straßen. Mehrere Männer aus der mutmaßlichen Terrorgruppe haben sich unter die Menge gemischt. Einer von ihnen, Sven W., ist bei der Demo offenbar als Ordner aktiv, wie er später aussagte, ein Mann, der in Polizeiakten als »politisch motivierter Straftäter rechts« geführt wird; Pro Chemnitz bezweifelt das auf Nachfrage, Ordner würden von der Polizei überprüft und Vorbestrafte nicht zugelassen.

»Heimat, Freiheit, Tradition, Multikulti Endstation« skandieren die Teilnehmer der Demo, oder auch: »Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen«. Doch die Organisatoren achten diesmal darauf, allzu rechtsradikales Gedankengut nicht an die Oberfläche zu lassen. Als um 19.58 Uhr eine Gruppe einen nationalistischen Schlachtruf anstimmt, wird sie mit einem strengen »Pssst« aus dem Megafon zurückgepfiffen.

Nach der Demo spaziert ein Vater mit Kinderwagen durch den Park an der Schlossteichinsel, auf der sich an lauen Abenden junge Leute zum Feiern treffen. Gegen 21 Uhr marschiert plötzlich eine Gruppe von 15 Männern an ihm vorbei, mit schweren Stiefeln und schwarzer Kleidung. Der Familienvater ruft die Polizei.

Christian K., der mutmaßliche Anführer, hat einen Elektroschocker dabei und trägt eine Stichschutzweste. Auf dem T-Shirt eines anderen Neonazis steht: »Angriff«. An der Schlossteichinsel treten die Männer angeblich wie eine Bürgerwehr auf, bedrängen Jugendliche und fragen sie, ob sie Linke seien. Von einem Mädchen, das Geburtstag feiert, verlangen sie den Personalausweis. Einem verängstigten Jungen verpasst einer der Männer eine Ohrfeige.

Die Männer ziehen weiter, zu einer Gruppe von Iranern, Pakistanern und Deutschen, die im Park grillen, aus einem Handy tönt orientalische Musik. Laut Zeugen rufen die Neonazis »Guck mal, Kanaken « und umzingeln die Gruppe. Einige der Rechtsextremen tragen Quarzhandschuhe, mit denen lässt es sich besonders hart zuschlagen. Im Iran, so wird eines der Opfer später der Polizei erzählen, »tragen die Milizen solche Handschuhe«. Einen der Migranten trifft eine Bierflasche am Kopf, er blutet heftig.


Die Polizei war überfordert. Das Vakuum nutzten die Rechten, um ihre Ideologie zu verbreiten.


Die Ermittler glauben, dass die Aktion nur ein Testlauf gewesen sein könnte für eine spektakuläre Gewalttat am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit. Im Gruppenchat »Planung zur Revolution« schrieb Christian K.: Wenn an diesem historischen Tag »die Systemwende« nicht von allein komme, werde man »den Stein ins Rollen« bringen. Allen müsse klar sein, »dass wir vom Aussetzen der Gesetze sprechen und so von einem Bürgerkrieg«.

Acht Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Einer der Männer hat gegen seine Kameraden ausgesagt, Sten E. Ihm sei das alles »ein bisschen zu kriminell« geworden, deshalb habe er versucht, sich aus dem Chat auszuklinken.

Als der Generalbundesanwalt von der konspirativen Chatgruppe erfährt, übernimmt er die Ermittlungen und lässt die Wohnungen mehrerer Verdächtiger durchsuchen. Die Ermittler finden Baseballschläger mit Hakenkreuzen und der Aufschrift »Revolution Chemnitz«, in einer Gartenlaube hängt ein Bild von Adolf Hitler, dazu der Spruch: »Ein Volk, ein Reich, ein Führer «. Scharfe Schusswaffen entdecken sie nicht, nur ein Luftgewehr.

Die Tage von Chemnitz haben bleibende Spuren hinterlassen. Verfassungsschutzchef Maaßen musste sein Amt aufgeben. Die AfD steht wegen ihres Schulterschlusses mit rechtsextremen Gruppen in Chemnitz möglicherweise vor einer bundesweiten Beobachtung durch den Geheimdienst. Der Generalbundesanwalt nimmt eine Zunahme rechter Straftaten in Chemnitz seit der Messerattacke wahr. Zwischen 26. August und 11. Oktober zählte die Polizei 112 rechts motivierte Straftaten, darunter viele Körperverletzungen.

In Chemnitz hat der Staat über Tage versagt, die Polizei war heillos überfordert. Das Vakuum nutzten die Rechten, um ihre Ideologie zu verbreiten, zum Teil mit brutaler Gewalt. Am Ende fantasierten Extremisten sogar über einen Terroranschlag.

Marc Schneider, der Juso, sagt, der Rechtsextremismus sei in Sachsen 28 Jahre lang ignoriert worden. Er hofft, dass Chemnitz eine Zeitenwende ist.

Ali Hassan Sarfaraz, der afghanische Flüchtling, sagt, er werde in diesen Tagen oft angefeindet, auch bei der Arbeit. »Ich halte mich ruhig, wenn sie mich beschimpfen. Ich muss durchhalten.«

Sepp List, der Demonstrant bei Pro Chemnitz, sagt, er fühle sich an die Endphase der DDR erinnert, wie damals helfe nur Widerstand auf der Straße.

Lukas Rietzschel, der Schriftsteller, sagt, Staat und Demokratie gewännen nur das Vertrauen zurück, wenn sie sich wieder mehr selbst erklärten. Politiker müssten ihre Entscheidungen gegenüber den Bürgern vor Ort besser begründen.

Bianca F., die Lebensgefährtin von Daniel Hillig, hofft, dass die Gedenkstätte für ihren toten Freund nicht weiter als »Pilgerstätte« missbraucht wird.

Und Uwe Dziuballa, der Besitzer des Schalom, wartet darauf, dass die Täter gefasst werden, die ihn und sein Restaurant attackiert haben. Er sagt, bislang sei kein einziger Angriff auf das Schalom aufgeklärt worden.

Maik Baumgärtner, Astrid Ehrenhauser, Roman Höfner, Martin Knobbe, Philipp Seibt, Alexander Triesch, Wolf Wiedmann-Schmidt, Steffen Winter

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Hitlergrüße unter dem Karl-Marx-Denkmal

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