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»Die würden mich wählen«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 35/2019 vom 23.08.2019

Karrieren Die Menschenrechtlerin Düzen Tekkal setzt sich für Migranten in Deutschland ein, kritisiert aber manche Muslime vehement. Schafft sie es auf diesem Weg in die Bundespolitik?


Es ist 10.03 Uhr an einem Dienstagmorgen, als Düzen Tekkal zu einer Brandrede gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ansetzt: »Wir brauchen eine Antwort auf ihn, er hat faschistische Züge und religiös-extremistische! Und in Deutschland leben Menschen, die das toll finden, das ist ein großes Problem«, klagt sie. Ihr Publikum sind Teenager aus mehreren Klassen einer Schule in Brandenburg, ein Junge in einem ...

Artikelbild für den Artikel "»Die würden mich wählen«" aus der Ausgabe 35/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 35/2019

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... grünen Kapuzenpulli meldet sich: Lennox fühlt sich durch die Wutrede gegen Erdoğan ermutigt, etwas zu sagen. Er erklärt, dass er die Grünen als Partei »mies« finde, und wenn er mal behaupte, dass nicht alles, was Donald Trump tue, schlecht sei, würden seine Klassenkameraden ihn gleich als Nazi beschimpfen.

Aktivistin Tekkal: Sätze wie von einem alten weißen Mann


KAI MÜLLER / DER SPIEGEL

Das reicht ihr aber nicht, Anfang Juni dieses Jahres stellte sie ihre Initiative »German Dream« vor, das Schulprojekt, das mithilfe positiver Vorbilder die Integration erleichtern soll. Tekkal sagt nicht »Integration«, sie spricht lieber vom »bösen I-Wort«. Wer Integration überbetone, verpasse es, sie einfach zu leben, findet sie. Und sie glaubt, die Deutschen hätten ein Problem mit ihrer Identität. »Warum schwen ken wir in Deutschland nicht öfter mal unsere Flagge – diese gehört in die Mitte der Gesellschaft und nicht an den rechten Rand.«

Es gebe zu viele No-go- Areas für Frauen, durch arabische Clans sei eine Form von »Parallel justiz« entstanden, weil »wir als Gesellschaft zu viele Menschen hier nur geduldet haben, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben zu arbeiten«. Auch aufgrund solcher Thesen wird sie oft in Talkshows einge laden. Sie sage manchmal Sätze, wie sie von einem »alten weißen Mann erwartet werden«, meint sie, »aber wenn ich mit meinem Migrationshintergrund mich zu Deutschland und seinen Werten bekenne, wird das anders ge - wertet«.

An einem Montag im August sitzt Tekkal mit Necla Mato in einem Café vor dem Hauptbahnhof von Hannover. Mato ist eine zierliche Person, 32 Jahre alt, ihr Gesicht ist grau, ihre Augenlider hält sie gesenkt. Frauen wie Mato sind der Grund, warum Tekkal Politik machen will.

Mit leisen Worten erzählt Mato ihre Geschichte: »Ich lebte bis zum 3. August 2014 im Nordirak, dann kam der IS in unser Dorf. Ich hörte, wie sie meine Brüder und meinen Vater erschossen.«

Necla Mato, damals 28, wird gefangen genommen und zwischen den IS-Kämpfern mehrmals für Waffen und Handy- SIM- Karten verkauft. »Ich war mit mehreren IS-Kämpfern gleichzeitig verheiratet, ich war ihr Eigentum, die ›Hochzeiten‹ waren Vergewaltigungen, bei denen ich festgebunden wurde.«

Etwa 5000 Jesiden wurden damals durch den IS hingerichtet, fast eine halbe Million Anhänger der Religionsgemeinschaft waren auf der Flucht. »Irgendwann hielt ich das Leid nicht mehr aus und hungerte mich auf etwa 40 Kilogramm herunter, sie legten mich in eine Ecke zum Sterben, dann wurde ich für ein Bündel Geld scheine von der kurdischen Armee ge rettet.« Die Regierung der Auto - nomen Region Kurdistan im Nordirak kaufte damals Frauen vom IS frei, um sie zu retten.

Tekkal hört ihr aufmerksam zu, ein harter Zug legt sich um ihren Mund. Mato konnte nach Deutschland flüchten, dort nahm sie Kontakt zu Hawar Help auf, dem Verein von Düzen Tekkal. Seitdem stehen die beiden Frauen in engem Kontakt.

Tekkal war 2014 selbst im Irak und wurde Zeugin des Völkermords an den Jesiden. Während ihres Aufenthalts drehte sie einen Film, der später auch im Bundestag gezeigt wurde: »Hawar – meine Reise in den Genozid«. In einer Passage sagt Tekkal aus dem Off: »70 Jahre nach dem Holocaust soll wieder eine Religions - gemeinschaft ausgelöscht werden. Auch ich bin Angehörige dieser Religionsgemeinschaft. « Bis dahin hatte sie als Journalistin unter anderem für RTL gearbeitet, doch spätestens mit diesem Satz wurde sie öffentlich sichtbar zur Aktivistin. Angela Merkel lud sie ins Kanzleramt ein, um mit ihr über Vergewaltigung als Kriegswaffe zu sprechen.

Zu Merkels Politik der offenen Grenzen sagt Tekkal: »Die Entscheidung, eine Million Menschen ins Land zu lassen, fand ich als Kind von Flüchtlingen richtig. Doch danach hätte man der Bevölkerung viel klarer kommunizieren müssen, wie es jetzt weiter gehen soll. So konnten Ressentiments und Ängste aufkommen – und andererseits konnte sich in religiösen Subkulturen der Hass etablieren.« Dagegen will sie etwas tun.


»Das werden wir doch mal sehen, ob ich nicht eine Deutsche bin.«


Gehört ihrer Meinung nach der Islam zu Deutschland? »Der politische Islam sicher nicht, die Muslime auf jeden Fall.« Sie schiebt gleich nach: »Einige Anhänger legen ihre Religion jedoch antidemokratisch aus. Denen müssen wir uns entschieden entgegenstellen.« »Religioten« nennt sie die schlimmsten Fana tiker.

Sie will die AfD-Wähler zurückgewinnen, mit der Partei selbst will sie aber nichts zu tun haben, nur den Wählern ein Gegen - angebot machen. »Mir schreiben Leute häufig, dass sie mich wählen würden, wenn sie könnten«, sagt sie.

Tekkal sitzt manchmal nachts vor ihrem iPhone, chattet mit ihren Mitarbeitern im Irak, wo Hawar ein eigenes Büro und Camp hat, oder schreibt den ehemaligen IS-Sklavinnen auf Instagram, dass sie nicht schlafen könne, weil sie an sie denke.

Am 4. Juni 2019 präsentiert sie ihr Projekt »German Dream« am Brandenburger Tor auf einer Pressekonferenz, neben Tekkal sitzen auf dem Podium CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg, Lars Klingbeil, SPD-General sekretär, und Cem Özdemir, ehemaliger Bundesvorsitzender der Grünen. Sie alle stellen Tekkals Initiative vor und unterstützen sie.

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist einer der »Wertebotschafter«, auch er soll noch an eine Schule gehen. Spahn lobt Tekkal, wo er kann: »Düzen Tekkal tut der CDU gut. Wir brauchen mehr starke Stimmen wie sie.«

An einem sonnigen Mittag trifft sich Tekkal mit ihrem Vater Seyhmus in einem Dean&David-Restaurant in Hannover, wo sie aufgewachsen ist. Das Restaurant gehört einem ihrer Brüder, Tekkal hat zehn Geschwister. Der Vater, Schnauzer, Golduhr am Handgelenk, rosa Jackett, kam 1973 über das Anwerbe abkommen zwischen Deutschland und der Türkei in die Bundesrepublik, zwei Jahre später holte er seine Frau nach Hannover. Er ist SPD-Mitglied und gründete 1983 den ersten Verein für Jesiden.

Aus einer dicken Mappe zieht er Kinderfotos von Tochter Düzen. Dann erzählen die beiden von Düzens Kindheit, von ihrem Aufwachsen in Deutschland. Als sie acht Jahre alt war, wurde ihrer Familie die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen. Als dem Vater in der Ausländerbehörde die Pässe überreicht wurden, wandte er sich an seine Tochter und sagte stolz: »Wir sind jetzt Deutscher.« Und Tekkal ahnte schon: Das war ein »r« zu viel, die Beamtin erklärte spöttisch: »Sind Sie nicht. Und werden Sie auch nie sein.« Tekkal nahm sich das zu Herzen. »Ich dachte mir schon damals: Das werden wir doch mal sehen, ob ich nicht eine Deutsche bin.«

In der Grundschule zog sie sich bereits in der dritten Klasse zum Fasching als Discomädchen an, ihr Rock endete über den Knien. Sie wollte sich nicht einschränken lassen und als Deutsche an erkannt werden. Auf einem weiteren Foto, das ihr Vater aus der Mappe nimmt, ist Tekkals Großmutter zu sehen, mit einem Gewehr in der Hand. Darin seien aber nie Kugeln gewesen, sagt Düzen Tekkal, die Großmutter habe damit immer nur gedroht, das habe gereicht. Sie sei ihr Vorbild.

Einige Tage später sagt Tekkal auf die Frage, worunter sie persönlich leide: »Meine jugendliche Schönheit, die habe ich verloren. Und das meine ich weniger optisch als vielmehr charakterlich. Die Unbeschwertheit, die ist weg«, sagt sie. Tekkal lebt allein, hat keine Kinder. Sie gibt alles für ihre Arbeit.

Es ist spät geworden, Düzen Tekkal macht sich auf den Weg nach Hause. Ob sie einen Ministerposten annehmen würde, wenn man ihr einen anböte? »Es wäre mir eine Ehre«, sagt Tekkal im Gehen. Sie habe als Kind in ihr Tagebuch notiert, sie wolle Politikerin oder Journalistin werden. Bei »Journalistin« habe sie jedoch einige Buchstaben verdreht, bei »Politikerin« nicht, sagt Tekkal. Dieses Wort habe sie richtig geschrieben, schon immer.