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DIE WÜSTE LEBT


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 13.10.2022
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me N° 133 HELDEN

In Kalifornien, schrieb die Autorin Joan Didion einmal, besitzt man ein spezielles Verhältnis zum Autofahren. „Den Großteil eines jeden Tages in Los Angeles verbringt man allein im Auto; man fährt durch die Straßen, die einem nichts bedeuten: ein Grund, warum die Stadt einige begeistert, während andere von einer namenlosen Unruhe erfasst werden“, heißt es in ihrem Essay „Pazifische Entfernungen“. Folgt man dieser Erzählung, ist das Album SONGS FOR THE DEAF, mit dem der Band Queens Of The Stone Age vor 20 Jahren der Durchbruch gelang, das kalifornischste Album überhaupt. Mit Beginn des ersten Songs „You Think I Ain’t Worth A Dollar, But I Feel Like A Millionaire“ steckt man in Los Angeles den Zündschlüssel ins Schloss. Hört das Autoradio losdudeln. Wird mitgenommen auf eine Gedankenreise, vorbei an palmengesäumten Boulevards und schrägen Gestalten, an schäbigen Clubs ...

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... und Restaurants mit Namen wie Rock & Reilly’s. Immer tiefer in die Nacht und ins Nirgendwo führt die Fahrt, immer spukiger tönt es aus dem Radio, bis es schließlich ganz still wird: „A Song For The Deaf … that is for you!“, kündigt die Moderatorin mit unheilvoller Stimme an, bevor der Titelsong wie ein Gewitter über das einsame Menschlein im Auto hereinbricht. Wer noch nie einen Horrortrip in der Einöde hatte, weiß nach dieser Platte, wie sich so was anfühlen könnte.

SONGS FOR THE DEAF von Queens Of The Stone Age ist ein Konzeptalbum, das die Autofahrt von L. A. in den Nationalpark Joshua Tree simuliert. Das Radioprogramm besteht aus Songs der Band, durch die Nacht führen fiktive DJs von städtischen Radiostationen, in deren Frequenzgebiet man während der Reise entlangfährt. Josh Homme, der Sänger der Gruppe, sagt später über das Album, dass es bizarr klingen sollte – wie ein „Blitz in einer Flasche“. Und ausgerechnet diese Fahrt, die sich „mit jeder Meile mehr nach David Lynch“ anfühlen sollte, führte Homme mit seiner Band in die Arenen dieser Welt.

Heute sind Queens Of The Stone Age eine der wichtigsten Rockgruppen unserer Zeit, einer der wenigen Gitarrenacts, die seit mehr als zwei Jahrzehnten relevant geblieben sind – und dabei doch immer nach sich selbst klingen. Wer verstehen will, wie die Band zu ihrem ganz eigenen Sound finden konnte, muss dorthin, wo die Autofahrt auf SONGS FOR THE DEAF endet: in die kalifornische Wüste.

Dort, in der Kleinstadt Palm Desert, wuchs Joshua Homme als Enkel einer lokalen Legende auf. Sein Großvater Clancy „Cap“ Homme zählte zu den ersten Siedlern im Coachella Valley, jenem Tal, das während des Coachella-Festivals einmal im Jahr zur Pilgerstätte der Schönen und Hippen wird. Schon damals, als Homme noch auf der Farm seiner Eltern anpackte, war es ein Tal der Widersprüche: Das mondäne Palm Springs ist nicht weit, ebenso wenig die queere Oase Cathedral City. Im Osten liegen die hitzeflirrenden Weiten des Joshua-Tree-Nationalparks, im Westen die Pazifikküste. „Für mich ist die Wüste einfach Heimat. Ich fühle mich dort sicher“, hat Homme einmal der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Schon immer, so erzählte er es in anderen Gesprächen, habe er gleichermaßen Stolz und Scham für das merkwürdige Umfeld empfunden, in dem er aufgewachsen ist. Denn wenn man in Palm Desert was erleben wollte, musste man sich schon selbst drum kümmern. Besonders, wenn man jung war. Und Homme kümmerte sich.

Ende der 80er-Jahre, da war er 14 Jahre, gründete der Schüler an der High School mit seinen Freunden John Garcia, Nick Oliveri, Chris Cockrell und Brant Bjork die Metalband Katzenjammer. In Ermangelung von lokalen Rockveranstaltungen, bei denen Minderjährige zugelassen waren, zog es die erlebnishungrigen Teens in die Abgeschiedenheit: in die Ruinen einer alten, verlassenen FKK-Kolonie, wo Skater den abgelassenen Pool als Halfpipe nutzten. Oder in die abgelegenen Canyons von Indio Hills. Dort veranstalteten die Lokalberühmtheiten Yawning Man, die Brant Bjork mal als die „kränkste Wüstenband aller Zeiten“ bezeichnete, über Jahre Musiksessions mit heute legendärem Ruf. Yawning Man schleppten die Generatoren an, um die elektrischen Gitarren der Bands mit Strom zu versorgen – die Gäste brachten Bier und LSD mit. „Es war die reinste Anarchie“, sagte Homme dem US- „Rolling Stone“. Die einzige Regel in der Wüste lautete: Nur nicht öde sein. „Man durfte auf keinen Fall wie die nächste Band klingen, die an der Reihe war“, sagte Homme.

AUF DER KANTE

Josh Homme mag Bond – und die Provokation. Doch muss er auch ein guter Typ sein, sonst hätten sich für SONGS FOR THE DEAF nicht Mark Lanegan (l.) und Dave Grohl (2.v.r.) der Band angeschlossen. Die aktuelle Besetzung (Foto unten) lässt auf ein achtes Album der Band seit 2017 warten.

Die sogenannten Generator-Partys setzten die Sonora-Wüste auf die Landkarte ikonischer Rock-Orte. Unzählige Storys und urbane Legenden ranken sich um die acidschwangeren Wüstennächte, in denen es, wie Hommes Schul- und Bandfreund John Garcia einmal dem „Guardian“ erzählte, keine Autoritäten gab. „Gelegentlich tauchten die Bullen auf, aber was konnten die schon tun, wenn sich alle Gäste einfach zerstreuten?“, sagte er. Manchmal hätten in der Wüste, wo nicht nur die Hitze, sondern auch das Crystal Meth regiert, bewaffnete Bandenmitglieder mit Messern und Pistolen auf der Matte gestanden. Manchmal seien am Ende der Nacht alle nackt gewesen – dann wieder habe es Konzerte gegeben, die allen Beteiligten den Kopf platzen ließen. John Garcia, bis heute das integre Gewissen der Musikszene von Palm Desert, steht dem Nostalgiegeschäft um diese gesetzlosen Nächte dennoch kritisch gegenüber. Dem „Guardian“ sagte er, er wolle nicht wie Jim Morrison von der mysteriösen Magie der Wüste schwafeln: Schließlich habe man sich keineswegs im Nirgendwo befunden, sondern zwei Stunden entfernt von Los Angeles. „Du wärst überrascht, was es hier draußen alles gibt“, sagte er dem Reporter.

Vielleicht war es gerade diese ganz spezielle Form der Abgeschiedenheit – die Millionenstadt der Engel und armen Teufel zum Greifen nah und doch seltsam fern –, die unter dem Wüstennachthimmel einen gewaltigen Sound anschwellen ließ: Gitarrenmusik mit dem explosivem Druck des Hardrock, den verschleppten Tempi des Sludge Metal und den uhrwerkgleichen Repetitionen des Krautrocks, siruphaft und sedierend, zugleich so unheimlich, wie sich die Dunkelheit an absolut lichtlosen Orten anfühlt. Obwohl die Musik der Palm-Desert-Szene an die psychedelischen Väter des Heavy Metal erinnerte, behauptete Josh Homme, eher von Black Flag als von Black Sabbath beeinflusst zu sein. Seine Gitarre stimmte er während der Wüstensessions auf Grabestiefe herunter und jagte sie durch einen Bassverstärker, John Garcia sang dunkel, die Rhythmusgruppe spielte Donnergrooves dazu. In der Sonora-Wüste der späten 80er-Jahre verwandelten Katzenjammer landscapes in soundscapes: Die Kargheit und Weite der Landschaft hallte in den mächtigen Drones jener Musik nach, die von der Musikpresse bald die Genrebegriffe Desert- und Stoner Rock erhielt.

LANGSAM, ABER BESTÄNDIG WUCHS DAS LIEBHABER-PROJEKT ZU GRÖSSE HERAN.

Die Hochphase der Generator-Partys war schon vorbei, als sich die Mitglieder von Katzenjammer – langsam alt genug für Rockclubs – erst in Sons Of Kyuss und schließlich in Kyuss umbenannten. Mit ihren ausufernden Shows machten sie nicht nur die Musikszene im Valley auf sich aufmerksam, sondern auch Chris Goss. Der Musiker und Produzent war genervt vom Hair-Metal der 80er und suchte sein Heil in der Wüste. In Kyuss fand er seine Meister. „Sie waren sehr tief gestimmt, und das auf eine sehr unprofessionelle Art und Weise, was sie noch besser machte“, erzählte er dem „Guardian“ über seine erste Begegnung mit ihrer Musik. „Mit den tiefen Frequenzen und den Saiten, die sie sehr stark anschlugen, entfachten sie eine riesige Schallwelle.“ Nie habe er lautere Musik als ihre gehört, sagt Goss, es habe sich angehört, als säße man in der Mitte einer Bowlingbahn, wenn die Kugeln über das Holz rollen. „Kyuss hatten dieses Grollen. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum die Leute sie so sehr lieben. Es gibt Frequenzen, die einen umarmen – man hat das Gefühl, mit ihnen dort zu sein.“ Goss sei als Produzent in ihr Leben getreten, weil er nicht zulassen wollte, „dass irgendein beschissener Metal-Produzent diese Band anfasst und ruiniert.“ Mit ihm nahmen Kyuss eine Handvoll fantastischer Alben auf. Ihre Platte WELCOME TO SKY VALLEY von 1994 wurde nachträglich zum Standardwerk des Stoner Rock erklärt. Obwohl Branchengiganten wie Metallica Kyuss mit auf Tour nahmen, interessierten düstere, dichte, gewaltige Songs wie „Gardenia“ zum Veröffentlichungszeitpunk nur ein ausgewähltes Publikum. Während in den frühen 90er-Jahren alle Welt nach Seattle blickte, blieben die kalifornischen Wüstensöhne musician’s musicians.

Schon bald zerbrach die Urbesetzung, nach dem vierten, bezeichnenderweise …AND THE CIRCUS LEA-VES TOWN betitelten Album trennten sich Kyuss. Josh Homme gründete nach einem kurzen Gastspiel bei den Screaming Trees gemeinsam mit Nick Oliveri und dem Schlagzeuger Alfredo Hernández eine neue Band: Gamma Ray, die sich, nachdem eine deutsche Metal-Gruppe gleichen Namens mit dem Anwaltsschreiben wedelte, in Queens Of The Stone Age umtauften.

Keine Könige mit Faustkeil, sondern mondäne Königinnen im Reich der ersten Menschen wollten sie sein. Es war der perfekte Name für eine Band, die archaischen, grob gewirkten Rock-Machismo mit Lust an ein bisschen Camp verbinden sollte; eine Note, die neu war im Schaffen der Schulfreunde Homme und Oliveri. Dass Homme – dieser riesenhafte, bis zu den Fingerknöcheln tätowierte Lederjackentyp mit roter Elvistolle, nun nicht mehr nur Gitarre spielte, sondern auch am Mikrofon stand, drehte zwar nicht den Sound der Gruppe auf links, wohl aber ihre Attitüde. Anders als der bescheidene No-Bullshit-Typ John Garcia ist die menschgewordene hochgezogene Augenbraue Homme ein Crooner mit Mut zum Falsettgesang, ein Show-Hase und Rockstar, der die Pose so knallernst nimmt, dass man fast auf die Idee kommen könnte, er parodiere sie. Noch die tollste Albernheit trägt Homme mit granithartem Pokerface vor. Das schönste Beispiel: Der „Feel Good Hit Of The Summer“ vom zweiten Album RATED R, der fast dafür sorgte, dass die Supermarktkette Walmart den Verkauf der Platte boykottierte – wegen Drogenverherrlichung. Immerhin bestand der ganze Song nur daraus, verschiedenste Rauschmittel aufzuzählen. „Nicotine, valium, vicadin, marijuana, ecstasy, and alcohol“, sang Homme, und Rob Halford, Ex-Sänger von Judas Priest, stotterte enthusiastisch: „C-c-c-c-cco-caiiiiiiiiine!“ Was für ein pubertärer Riesenspaß!

Während sich das selbstbetitelte Debütalbum der Queens Of The Stone Age noch schwer nach dem Wüstenrock von Kyuss anhörte, klang RATED R quecksilbrig und – ja, poppig. RATED R war leicht und heavy, fies und albern, vor allem aber: ein erster kommerzieller Erfolg für Homme, dem der Mainstream während des gesamten Alternative-Booms der 90er-Jahre die kalte Schulter gezeigt hatte. Mit den Leidensposen der Grungemänner hatten Queens Of The Stone Age nie viel gemein. Die Journalistin und Ex-Stripperin Susan Shepard erklärte einmal in einem Essay für das Magazin „Complex“, warum sie es liebte, für ihre Kundschaft zum Sound der Queens Of The Stone Age zu tanzen: Es sei das Wechselspiel aus Spannung und Entspannung in ihrer Musik, die ihren Sound so sexy mache. Im Gegensatz zum Proto-Punk, der seine Kraft eher aus der Frustration als aus der Erfüllung schöpft, und zum schmalbrüstigen Indie-Rock ziele die heavy Tripmusik der Queens Of The Stone Age durchaus auf die Lenden, sei dabei aber nie so platt und triebgesteuert wie der Bumssound von Kid Rock und seinen Gleichgesinnten.

Langsam, aber beständig wuchs das Liebhaberprojekt zu beachtlicher Größe heran. Mit Songs wie „No One Knows“ wurde die Gruppe 2002 schließlich zum MTV-Phänomen, die zugehörige Platte SONGS FOR THE DEAF ein Platinerfolg – obwohl sie, wie beschrieben, ein Biest von einem Konzeptalbum war, randvoll mit Selbstzitaten und easter eggs für langjährige Fans der Palm-Desert-Szene. Ihr „Feel Good Hit Of The Summer“ kehrte am Ende der LP als Hidden Track zurück, in einer Version, in der die Drogenlyrics durch wahnsinniges Lachen ersetzt wurden. Dazu waren einige Songs auf dem Album überarbeitete Versionen von Stücken, die Homme zuvor mit Gastmusiker*innen im Rahmen seines Nebenprojekts „Desert Sessions“ in – natürlich – der Wüste aufgenommen hatte. Der garstige Opener „You Think I Ain’t Worth a Dollar, But I Feel Like a Millionaire“, auf SONGS FOR THE DEAF eingebrüllt von Nick Oliveri, wurde im Original von Mario Lalli von Yawning Man gesungen, dem Erfinder der Generator-Partys also, dessen Geist nun durch das erste große Erfolgsalbum aus dem Desert-Rock-Umfeld spukte.

A uchviele der Radiosprecher*innen, die den Hörer auf eingangs erwähnter Fahrt von L.A. nach Joshua Tree begleiten, sind Musiker*innenfreunde der Band, einige aus Palm-Desert-Tagen – etwa ihr Ex-Produzent Chris Goss. Hommes Schulfreund Jesse Hughes, mit dem er Ende der 90er-Jahre die unmögliche, fantastische, immer an der Grenze zur Rocksatire operierende Boogie-Band Eagles Of Death Metal gegründet hatte, tritt als manischer Radiopriester auf. Überhaupt, die Gäste. Vor allem in ihren Anfangstagen waren Queens Of The Stone Age eher Kollektiv als Band, eine Art Sonnensystem, das um seinen Fixstern Josh Homme kreist. Mal schaute der achtarmige Dave Grohl, ein Kyuss-Fan der ersten Stunde, vorbei, mal Trent Reznor von Nine Inch Nails. Dank eines Gastspiels auf SONGS FOR THE DEAF hat sogar der sonst eher lichtscheue Schmerzensmann Mark Lanegan, verstorben vor wenigen Monaten, im Spätsommer seiner Karriere Chartsluft geschnuppert – genau wie Dean Ween von den genialen, aber chronisch erfolglosen Ween.

Als Produzent verhalf Josh Homme dem großen Iggy Pop 2015 zu seinem Alterswerk POST POP DEPRESSION, den Arctic Monkeys mit ihrem dritten Album HUMBUG zum Imagewechsel: Während der Aufnahmen in der Mojave-Wüste verwandelte er die britischen Hibbeljungs in eine durch und durch amerikanisch klingende Rockband. Zugleich hatte Homme, vor allem in den vergangenen zehn Jahren, keinerlei Berührungsängste mit Pop, arbeitete mit Starproduzent Mark Ronson wie auch mit Lady Gaga und Elton John. Diese Neugier ist einer der Gründe, warum gerade Josh Homme, der notorische Rocker aus dem Bilderbuch, bislang nicht zu seiner eigenen Karikatur geworden ist – wobei er sich auf dem letzten Queens-Albums VILLAINS von 2017 als genau solche zeigte: Auf dem Cover sieht man einen gezeichneten Homme, dem der Teufel im Nacken sitzt. Rockmusik als ewiger Flirt mit dem Bösen: Ein ziemlich verstaubtes Bild. Und wenn man bedenkt, was für ein reaktionärer, gefährlicher Männerhaufen die Queens Of The Stone Age und ihre Vertrauten sein können, auch noch ein verdammt unbedarftes.

Nick Oliveri musste die Band 2004 verlassen, nachdem er Hommes damaliger Freundin gegenüber gewalttätig geworden war. Hommes Kumpel Jesse Hughes – auf der Bühne warmherzig und einnehmend – ist radikaler Abtreibungsgegner und Knarrenfetischist, der schon mal behauptete, Waffenverbote seien so sinnvoll, wie einem Mann zur Vergewaltigungsprävention den Pimmel abzuschneiden. Homme selbst, der die liberale Waffengesetzgebung in den USA ebenfalls prima findet, trat 2017 bei einem Konzert einer Fotografin heftig ins Gesicht. Seine Exfrau Brody Dalle wirft ihm vor, dass er sie geschlagen und Morddrohungen gegen ihren neuen Partner ausgesprochen haben soll. „Ich bin Realist. Ich hege eine gesunde Verachtung gegenüber anderen Menschen“, sagte Homme vor einigen Jahren dem Musikexpress. „Und ich mag es nicht, wenn man mir Regularien und Gesetze auferlegt. Kommt mir also bloß nicht mit roten Ampeln!“ Genie und Arschloch wohnen oft in derselben Brust.

Josh Homme, der kalifornische Sohn, der mal über seine politische Haltung sagte, er sei „schlimmer als die Tea Party“, kennt keine Grenzen. Nicht in seiner Musik. Nicht im Privaten, einem Feld, in dem er fatalerweise noch immer das oberste Wüstengesetz zu beherzigen scheint: Du darfst alles – nur niemals, niemals langweilen.