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Die Wüstenfarm


natur - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 13.12.2019

Mit biodynamischen Methoden hat die Sekem-Farm bei Kairo ein blühendes Wunder geschaffen. Weil dieses durch steigende Umweltbelastung bedroht ist, baut das Unternehmen einen neuen Standort in der Westlichen Wüste Ägyptens auf


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Bildquelle: natur, Ausgabe 1/2020

Biodynamische Landwirtschaft in der Wüste: In der Oase Bahariya sorgt eine Kreisbewässerung für frisches Grün auf einem Kamillenfeld


Hinter dem Haupttor ist die staubige ägyptische Landstraße schnell vergessen. Eine Allee mit hohen Bäumen spendet Schatten. Bougainvilleen und Hibiskuspflanzen in vielen Farben säumen die Wege zwischen den kleinen Äckern mit Weizen, Sesam, Fenchel, ...

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... Tomaten, Bohnen und Auberginen. Auf den Feldern daneben blühen Königskerze, Borretsch, Kümmel, Kamille oder Klee, an den Rändern spenden Bäume Schatten. Schmetterlinge und Bienen fliegen herum. Ein buntes und frucht bares Paradies – umgeben von Stadt und Wüste.

Das war nicht immer so. „Als wir vor 40 Jahren anfingen, gab es hier nichts als Sand“, erzählt Angela Hofmann. Und sie muss es wissen. Seit Anfang der 80er Jahre, also fast seit der Gründung, arbeitet sie als landwirtschaftliche Leiterin auf der von Ibrahim Abouleish gegründeten Sekem-Farm in Ägypten. Ein Projekt, das erst von vielen verlacht wurde: Wer setzt schon auf biologisch-dynamische Landwirtschaft, an einem Ort, an dem nichts wächst? Doch Abouleish ließ sich nicht beirren und hatte sich in der Szene bald einen Namen gemacht (vgl.natur 2/06). Seine Initiative ist seit 1977 stark gewachsen. Was mit einem einzelnen Brunnen in der Wüste begann, ist heute eine Holding, die zahlreiche Unternehmen unter einem Dach vereint. Doch das Ziel ist immer noch dasselbe: die Wüste zum Grünen bringen.

Dieser Kerngedanke von Sekem ist ein Überlebensthema für das ganze Land. Ägypten besteht zu 96 Prozent aus Wüste, das Klima ist meist heiß und trocken. Dennoch war es einmal die Kornkammer des Römischen Reiches und des Nahen Ostens. Mit innovativen Bewässerungstechniken bebauten die alten Ägypter das Schwemmland des Nils. Heute jedoch sind die Ufergebiete am längsten Fluss der Erde zunehmend zersiedelt und von Abwässern sowie Pestiziden aus der Landwirtschaft belastet. Ein gigantisches Staudammprojekt in Äthiopien am Oberlauf des Nil gefährdet die Wasserversorgung des Landes noch zusätzlich.

Auf der anderen Seite explodieren die Bevölkerungszahlen. Zwischen 1960 und 2017 stieg die Zahl der Einwohner von 27 auf gut 97 Millionen und damit der Bedarf an Grundnahrungsmitteln. Mit um die 10 Millionen Tonnen muss Ägypten mehr als die Hälfte seines Jahresbedarfs an Weizen importieren, subventioniert von der Militärregierung, die eine weitere Revolution wie die von 2011 verhindern will.

Die eigene Landwirtschaft kann Ägypten nur noch in der Wüste ausbauen, anderswo ist schlicht kein Platz mehr. Wie aber lässt sich der lebensfeindlichen Fläche fruchtbares Ackerland abtrotzen?

Wundermittel Kompost
Zum Beispiel, indem man das Leben in großen Haufen dort ablädt. „Das Herz unserer Methode ist der Kompost.“ Die Sennerin und Landwirtin Angela Hofmann zeigt über einen weiten Platz am Rande der 70 Hektar großen Stammfarm, auf dem lange, dunkle Wälle liegen. 60 Tonnen Kompost gären in jeder dieser Reihen, es dampft und duftet. Ein Traktor zieht einen krachenden Wender durch einen der Wälle. Die Biomasse darf nicht wärmer als 65 Grad werden, sonst sterben die Mikroorganismen. Deshalb wird regelmäßig gewendet und gewässert. 8000 Tonnen Kompost entstehen auf der Sekem-Farm pro Jahr, aus dem Dung der 270 Kühe und der Schafherde sowie aus Pflanzen- und Küchenabfällen.

Landwirtschaft in der Wüste

Damit wird der Boden aufgebaut. Nachdem ein zu bepflanzendes Areal mit Bäumen gegen Wind und Sonne geschützt worden ist, mischen Arbeiter dem gewässerten Sandboden einmalig 40 bis 50 Tonnen Kompost pro Hektar bei. Anschließend kann gepflanzt werden. Pro Saison kommen dann jeweils rund 10 Tonnen Kompost hinzu, manchmal noch biodynamische Düngemittel oder Heilpflanzenmischungen. „Auf den Feldern muss immer etwas wachsen, sonst ist hier schnell wieder Wüste“, erklärt Hofmann. Neben dem fruchtbaren Boden brauchen die Pflanzen vor allem Wasser. Dieses kommt aus zwei Brunnen auf dem Gelände. Anfangs wurden die Felder mit dem Wasser geflutet. Heute versorgt ein Leitungssystem Sprinkler sowie eine effiziente Tröpfchen-Bewässerungsanlage. „So verbrauchen wir nur noch halb so viel Wasser.“

Über die Jahrzehnte entwickelte sich Sekem mit diesen Methoden zum größten Kräuterteeproduzenten Ägyptens. Mit seinem Sesam beliefert das Unternehmen landesweit Bäckereien und Hersteller der Süßspeise Halva sowie der würzigen Paste Tahin. Längst genügen dafür nicht mehr die eigenen Äcker. Zertifizierte Vertragsbauern im ganzen Land bebauen nach den Sekem-Methoden 3000 Hektar.

Allein die Stammfarm betreten jeden Tag mehr als 2000 Menschen, um zur Arbeit, zur Schule oder als Patienten in das Medical Center zu gehen. Dieser garantierte Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung gehört zu den Grundwerten des sozial orientierten Unternehmens. Die nach Demeter- Richtlinien angebauten Kräuter, Gewürze, Tees und Arzneipflanzen werden nach ganz Europa und in die USA verkauft. Diese Exporte sind wichtig für die Finanzierung der Farm, da mit ihnen höhere Preise erzielt werden als auf dem ägyptischen Markt, wo der überwiegende Teil der Sekem-Produkte abgesetzt wird. Doch auch die Unterstützung von Freundeskreisen in Europa sowie die Hilfe wohlhabender Einzelspender haben ihren Anteil am Erfolg der Initiative.

Vertrieben durch Verschmutzung
All das zusammen ermöglicht auf dem Wüstensand, 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, eine florierende biodynamische Farm, die sich international als Modellprojekt etabliert hat. Doch die Oase ist bedroht. Aus der Wüste aus Sand der Anfangstage ist eine aus Beton geworden. Kairo wächst unaufhörlich. Und mit der Megametropole kommen die Schadstoffe: Auto- und Industrieabgase, Staube sowie Dioxine aus illegaler Müllverbrennung. Hinzu kommen Pestizide aus der konventionellen Landwirtschaft. „Bei unseren Blütenprodukten, wie Königskerze oder Kamille, sind wir an der Grenze angelangt“, sagt Angela Hofmann. Steigt die Belastung noch weiter, wären die Pflanzen nicht mehr als Biorohstoff zu verkaufen. Hofmann schüttelt den Kopf. „Wenn es keine Wende gibt, ist dieser Ort für die Biolandwirtschaft nicht mehr zu halten.“

Deshalb hat Sekem einmal mehr etwas gewagt und in einen 900 Hektar großen neuen Standort investiert. Hunderte Kilometer entfernt, in der Oase El-Bahariya in der Libyschen Wüste, wo Luft und Boden noch unbelastet sind. Die Menschen hier leben vom Tourismus und von der Landwirtschaft, doch im Vergleich zur Umgebung von Kairo herrschen ursprüngliche Verhältnisse. Auf dem Weg in diese Senke stört keine Stadt den Blick über die Dünen; die Gegend, die bei den Ägyptern Westliche Wüste heißt, zeigt sich in großer Farb- und Formenvielfalt. Bis dunkle Komposthaufen im Blickfeld auftauchen und den Eindruck unberührter Weite stören. Die ersten Felder und Dattelhaine wachsen hier schon länger, seit dem Neuanfang vor zehn Jahren haben die Mitarbeiter schon 200 Hektar Wüste in Felder verwandelt. Doch gemessen an dem gekauften Land ist noch einiges zu tun: Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren circa 630 Hektar neu hinzukommen, noch nicht eingerechnet die Flächen, auf denen Bäume gepflanzt werden. Daher die Komposthaufen. Erst vor Kurzem brachten Lastwagen neue Ladungen des wertvollen Abfalls von der Stammfarm und kippten sie auf dem noch brachliegenden Gelände auf. Hinter den Haufen ragen lange Ungetüme aus Elektromotoren, Rädern, Rohren, Stangen und Düsen in den Abendhimmel, aus denen ein feiner Regen auf die kreisrunden Felder sprüht: eine Pivot-Bewässerungsanlage, die als sehr energiesparend und effizient gilt. „Die Anschaffung der Kreisberegnung ist teuer, zumal wir die Pumpen dafür mit Solarenergie betreiben wollen“, erklärt Farmmanager Hany Hassanein. Sie habe aber entscheidende Vorteile gegenüber einer Tröpfchen-Bewässerung: Auf dem Boden liegt kein Leitungssystem, das bei der Bearbeitung der Felder stört und häufig kaputtgeht. Und die flächendeckende Bewässerung ermöglicht eine enge Bepflanzung und somit höhere Erträge.

Auf dem Wüstenstandort der Sekem- Farm geht es um Aufbauarbeit. Die Rundbewässerungsanlagen (o.) werden von Solarpaneelen (u.) betrieben. Auf den so bewässerten neuen Feldern bringen Arbeiter Minz- Stecklinge aus (r.)


Um den Wüstenboden fruchtbar zu machen, wird Kompost benötigt. Maschinen wenden die Haufen regelmäßig, damit die Mikroorganismen nicht absterben



»Das Herz unserer Anbaumethode ist der Kompost« Angela Hofmann, landwirtschaftliche Leiterin, Sekem


Hinter Hany Hassanein gehen Männer durchs Feld und drücken Stecklinge von Minze in den feuchten Sand. Die genügsame und robuste Pflanze soll die ersten drei Jahre auf dem Feld wachsen. „Dann folgen für eine Saison stickstoffbindende Pflanzen, bis wir Medizinalpflanzen oder auch Gemüse pflanzen können.“ Um diese aufwendige Erschließung des Wüstenlandes zu finanzieren, bedarf es hoher Investitionen. Deshalb hat Sekem für den nächsten Zwischenschritt von 63 Hektar eine Crowdfunding- Kampagne mit dem Namen „Greening the desert“ gestartet. Bei Redaktionsschluss waren 66 Prozent des Spendenziels erfüllt; neben zwei Pivot- Bewässerungssystemen steht inzwischen auch die Solaranlage, die die Wasserpumpen betreiben soll. Auf dem Blog, auf dem Sekem über seine Projekte informiert, wurde Ende September verkündet, dass nun 50 Feddan, also zwölf Hektar, ägyptischer Wüste durch Solarenergie bewässert würden – zum Wohle der Minzpflänzchen. Und auf den nächsten zwölf Hektar wächst seit November Kamille. Die Süßwasserquelle, die all das ermöglicht, ist das Nubische Aquifer, eines der größten natürlichen Grundwasserreservoirs der Welt. Seine Oberfläche liegt in der Bahariya Oase zwischen 40 und 50 Meter unter der Oberfläche; die neuen Pumpen gehen aber noch 20 bis 30 Meter tiefer. Zur Sicherheit, denn das Wasser ist begrenzt – und nicht nur bei Sekem heiß begehrt (siehe Kasten u.).

Kunst, von der Natur geformt: Auf dem Weg zu den Feldern in der Weißen Wüste empfangen den Besucher faszinierende Kalksteinformationen

Die Wüste fruchtbar machen
Denn den Wunsch, die scheinbar lebensfeindliche Wüste für Landwirtschaft nutzbar zu machen, hatten auch andere – und diese meist auch andere Methoden. Etwa das Militärregime Ägyptens. Ein ambitionierter Masterplan der Regierung soll die Bedingungen dafür schaffen, dass aus 630 000 Hektar Wüste Agrarland entsteht, bewässert aus Brunnen, die bis zu 1000 Meter tief in das Nubische Sandstein-Aquifer gebohrt werden. In der Senke al-Farafra etwa werden mehrere Hundert Hektar große Einheiten an Investoren vergeben. Die kostspielige Erschließung des Landes müssen diese selbst tragen.

Die Fahrt dorthin führt mitten durch die Weiße Wüste mit ihren riesigen Kalksteinskulpturen. Kunstobjekte, geformt aus Wüstenstürmen und sengender Sonne. Doch auch hier hat der Mensch schon seine Spuren hinterlassen. Die Straße ist gut ausgebaut, Sattelschlepper mit zwei Tonnen schweren Säcken voller Kartoffeln quälen sich auf der Gegenfahrbahn in Richtung Norden. Die einst beschauliche Oase Farafra brummt vor Betriebsamkeit. Reihen von Sattelschleppern parken entlang der Straßen, über die Mähdrescher und Lkws voller Säcke mit Dünger rumpeln. Erntehelfer mit der traditionellen Kufiya um den Kopf warten im Schatten der wenigen Bäume auf Arbeit.

Wasser aus der Eiszeit – das nubische Sandstein-Aquifer

Die runden Felder werden von der Mitte aus mit Grundwasser versorgt


Foto: NASA

In Ländern, die zu großen Teilen aus Wüste bestehen, ist die Wasserversorgung eine Frage des Überlebens. Auf dem afrikanischen Kontinent werden rund 85 Prozent des Wassers für die Landwirtschaft verbraucht, da ohne künstliche Bewässerung kein Anbau möglich wäre. In jeder Wüste gibt es Senken und Oasen, mit Grundwasservorkommen nahe der Oberfläche. Quellen oder Brunnen sichern hier schon seit Jahrhunderten Menschen und Tieren das Überleben. In der Libyschen Wüste werden sie von dem nubischen Sandstein-Aquifer gespeist – einem riesigen fossilen Grundwasserreservoir tief unter dem Sand, in der letzten Eiszeit versickert und in Gesteinsschichten gespeichert. Schätzungen gehen davon aus, dass dort insgesamt 373 000 Milliarden Kubikmeter lagerten. Doch seit immer mehr Menschen das Aquifer anzapfen, gehen die Vorräte langsam, aber stetig zur Neige. Denn fossile Grundwasserspeicher sind aus geologischen oder klimatischen Gründen vom Wasserkreislauf isoliert und werden daher nicht auf natürliche Weise wieder befüllt. Das Wasser, das hier verbraucht wird, ist also eine nicht erneuerbare Ressource. Aus diesem Grund ist seine Nutzung – selbst von ökologisch wirtschaftenden Projekten – nicht unproblematisch. Prognosen, wann das Aquifer erschöpft sein wird, sind schwierig; mal ist die Rede von 100 oder 200, seltener von 4000 Jahren. Experten nehmen aber an, dass zuerst die Kosten der limitierende Faktor sein werden, etwa wenn immer tiefere Brunnen und stärkere Pumpen nötig sind, um noch an Wasser zu kommen. Sicher ist, dass der Verbrauch in bedenklichem Maß steigt. Libyen deckt heute rund 70 Prozent seines Trinkwasserbedarfs aus dem fossilen Reservoir. Über den „Great Man-Made River“, ein unterirdisches Leitungsnetz, fließen fast 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser täglich in Richtung der großen Städte an der Küste. Ein Projekt, das unter dem Diktator al-Gaddafi gebaut wurde und als weltweit größtes Bewässerungsprojekt gilt.

Auf dem Gelände der United Farm ist die Kartoffelernte in vollem Gang. Für drei Jahre hat der größte Kartoffelchipshersteller des Landes hier 700 Hektar gepachtet, um seine Eigenproduktion auszuweiten. Maschinen und Menschen waren in den frühen Morgenstunden im Einsatz, damit die Kartoffeln zur heißen Zeit bereits auf den Lastwagen in Richtung Norden unterwegs sind. Jetzt pflügt ein Traktor das übrig gebliebene Kraut unter und häufelt die Dämme für die nächste Pflanzung. Das Feld ist so groß, dass er gefühlt nur alle halbe Stunde wendet.

„Der Boden und die Sonne hier sind ideal.“ Qualitätsmanager Ali El Said lässt den Sand durch seine Finger rieseln, wie am Strand oder in der Sandkiste. „Nach gerade einmal drei bis vier Monaten sind die Kartoffeln reif.“ Zudem bietet der nivellierte, leichte Boden gute Bedingungen für den Betrieb der Kreis - beregnung. Nährstoffe werden dem Wasser beigemischt. Pestizide bei Bedarf gesprüht. Auch auf dem weiten Farmgelände nebenan werden Kartoffeln angebaut. Hier produziert die Firma Daltex, mit 400 000 Tonnen pro Jahr der größte Kartoffelproduzent Ägyptens, Saatgut und Bioware für den Export, auch nach Deutschland.

Auf vielen dieser Wüstenfarmen wird hauptsächlich fürs Ausland angebaut, Lebensmittel für den ägyptischen Markt werden seltener kultiviert. Ein saudisches Unternehmen baut sogar Futtergras für die Tierhaltung am Golf an. Die ägyptische Wüste scheint für Großunternehmer derzeit durchaus attraktiv.

Nachhaltige Nutzung Fehlanzeige
Doch für wie lange? Die Nutzung des Nubischen Aquifers ist grundsätzlich umstritten, handelt es sich doch um ein nicht erneuerbares Wasservorkommen. Bereits in den 70er Jahren begannen die Libyer ihn anzubohren. Geht die Nutzung in derzeitigem Maß weiter, könnte der Speicher in 200 Jahren erschöpft sein, so wie bereits ähnliche Vorkommen in der Wüste Saudi Arabiens. Auch der Wasserspiegel des Aquifers unter den Great Plains in den USA ist aufgrund der intensiven Nutzung für die Landwirtschaft bedrohlich gesunken. Und der langfristige Aufbau einer Humusschicht lässt sich bei den meisten Projekten nicht erkennen.

Aber gerade dieser nährstoffreiche Boden ist für die nachhaltige Nutzung des kostbaren Wassers entscheidend. „Eine lebendige Humusschicht hilft Wasser sparen, verhindert die Versalzung der Böden und bindet Klimagas.“ Angela Hofmann nimmt eine Handvoll Erde in die Hände. Der Boden könnte auch von einem norddeutschen Acker stammen. Über die Jahrzehnte wurde davon auf der Sekem-Farm eine 30 Zentimeter dicke Schicht aufgebaut, auf der heute Kräuter, Getreide und Gemüse wachsen. Der neue Wüstenstandort muss da erst noch nachlegen. Doch bezeichnenderweise ist die größte Bedrohung der Stammfarm nicht die Trockenheit und damit die Natur. Sondern der Moloch Kairo. Und damit der Mensch.

Auch der Konzern United Farms betreibt Kartoffelanbau in der Wüste, im Gegensatz zu Sekem kommen hier aber Pestizide zum Einsatz (o). Die Ernte wird auf Lkws verladen, abtransportiert (u.) und zu Kartoffelchips für den ägyptischen Markt verarbeitet


FOTOS: JÖRG BÖTHLING