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Die Wutprobe


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 24.05.2018

Kein Reiter möchte dieses Gefühl im Sattel haben. Dennoch gibt’s das: Sauer sein auf das Pferd, wütend auf das eigene Reiten. Was hilft, die Wut loszuwerden.


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Ein harter Ruck im Maul oder der Einsatz der Gerte sind Übersprunghandlungen, die keine positiven Effekte bringen – nur Enttäuschung von sich selbst.


FOTO: IMAGO/GALOPPFOTO

FOTO: FOTOLIA

Der Springtrainer war entsetzt: „Was ich bei den jungen Reiterinnen heute gesehen habe, ist viel Wut. Sie werden so wütend mit ihren Pferden. Da möchte man fragen: Magst du überhaupt, was du da tust? Ist dein Pferd dein Partner, dein Freund?“

So beginnt ein ...

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... Video-Interview mit dem niederländischen Springtrainer Albert Voorn, Olympischer Medaillenträger 2000 in Sydney. Aufgenommen wurde es frisch nach einem Training in Osteuropa. Für ihn, so schildert er später im persönlichen Gespräch, war dieses Erlebnis beim Training symptomatisch für eine junge, reiche Turnierszene: wenig Wissen, viel Ehrgeiz, viel Wut.

Doch so weit muss man gar nicht in die Ferne schauen. Tatsächlich findet sich Wut im Sattel auf nahezu jeder Reitanlage wieder. Das muss nicht bei jedem in unfairem Reiten münden. Doch die Emotion selbst, die hat jeder Reiter schon einmal gespürt.

Kein Mensch möchte wütend beim Reiten werden. Das Thema wird jedoch tabuisiert. Nur gehen diese Gefühle nicht einfach so weg, indem man so tut, als gäbe es sie nicht. Wir wissen alle, dass wir besser reiten, wenn wir dies ohne schlechte Stimmung und negative Emotionen tun. Nur: Woher kommt die Wut und wie wird man sie wieder los?

Der Ursprung der Wut

„Wut hat unterschiedlichste Ursachen“, sagt Mentaltrainerin Antje Heimsoeth. Überforderung, Enttäuschung oder zu hohe Erwartungen an das Pferd oder die eigene Reiterei können ausschlaggebend sein. Aber auch Dinge, die gar nicht im Stall zu suchen sind, können Wut auslösen. Häufig würden Stimmungen aus anderen Lebenssituationen mit in den Stall genommen, erklärt sie. Der Streit mit dem Partner oder im Büro landet dann mit im Sattel. „Ich bemerke gerade in Deutschland aber auch eine chronische Unzufriedenheit der Menschen“, erzählt die Trainerin. Wer generell eher unzufrieden ist, lässt sich auch durch kleine Anlässe schneller zu Emotionen wie Zorn oder Wut hinreißen.

UNSERE EXPERTIN

FOTO: O. BRIEGEL

Antje Heimsoeth
Die Mentaltrainerin aus München unterstützt ihre Kunden in Coachings, gibt Seminare und erklärt in ihren Büchern, wie man negative Emotionen in positive umwandeln kann – auch im Sattel.
www.antje-heimsoeth.com

Perfektion fördert Wut

Letztens kam eine internationale Vielseitigkeitsreiterin zu Antje Heimsoeth, die sagte: „Ich möchte perfekt reiten!“ So ein Anspruch ist unrealistisch – perfekt gibt es nicht. Wie das denn aussehe, perfektes Reiten, fragte daraufhin die Mentaltrainerin. Die Reiterin sagte: „So wie Michael Jung das macht.“ Solch einem Star unter den Reitern nachzueifern ist ein Garantieschein für Unzufriedenheit. „Es ist okay, Vorbilder zu haben, aber jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Und es gibt Ausnahmemenschen, auch das muss man akzeptieren. Wenn man die Fakten sprechen lässt, wird sofort klar, dass dieses Ziel, genauso gut zu reiten wie Michael Jung, für sie unrealistisch ist. Sie hat ein einziges Pferd und arbeitet Vollzeit, damit kann man nicht dasselbe erreichen wie ein Profisportler mit vielen Pferden.“


„Wenn Trainer schreien, dann kommt das oft daher, dass sie nicht wissen, wie sie ihren Unterricht in Worte fassen sollen.“ Albert Vo orn


Wie entsteht Wut im Körper?

Werden wir wütend, dann steigt unsere Bereitschaft für impulsives Verhalten. Das liegt daran, dass dann ein Teil des Frontalhirns hinter der Stirn weniger genutzt wird. Dieser Teil ist auch für logisch-mitfühlendes Denken verantwortlich. Die Kontrolle unserer Reaktionen ist also eingeschränkt.

Gleichzeitig wird der Mandelkern aktiver. Dieser Bereich des Gehirns wird als Aggressionsareal beschrieben. Sie wird auch bei Kampf- oder Flucht- Entscheidungen aktiv und unterdrückt währenddessen Gefühle.

Körperlich macht sich Wut durch eine erhöhte Atemfrequenz, einen erhöhten Blutdruck und ein klopfendes Herz bemerkbar. Stresshormone werden freigesetzt. Auf dem Pferd verspannt der Reiter, er atmet flacher. Dadurch, dass der Reiter seinen Körper nicht mehr selbst so gut spüren kann, verändert sich die Kommunikation mit dem Pferd.


Wer generell eher unzufrieden ist, lässt sich auch durch kleine Anlässe schneller zu Emotionen wie Zorn oder Wut hinreißen.


Die Wut vom Reiten selbst

Unerfahrenheit ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei Wut: „Ich war auch mal wütend und böse, als ich jung war. Weil ich damals noch keine Ahnung hatte“, sagt Springtrainer Albert Voorn. „Wenn man weiß, wie man reiterliche Probleme zu lösen hat, dann braucht man auch nicht böse zu werden. Lernen braucht Zeit.“

Ausbrüche würden stets von Unsicherheit zeugen, das gelte übrigens auch für Lehrer, sagt er. „Wenn Trainer schreien, dann kommt das oft daher, dass sie nicht wissen, wie sie ihren Unterricht in Worte fassen sollen.“ Er sieht das heute so: Trifft er auf wütende Schüler, dann erklärt er ruhig, was nun anstehe. Über die Wut selbst spricht er im Unterricht nicht, eher in seinen Kurspausen. Dass er selbst in der Situation mit dem wütenden Schüler noch energischer und lauter wird, ist keine Option: „Böse werden auf Schüler ist Zeitverlust. Jemand kommt zu dir, bezahlt für Information und die bekommt er dann. Niemand kommt, um angeschrien zu werden. Das passiert jedoch oft in unserem Sport, dass geschrien oder zu laut gesprochen wird. Das ist eine Dummheit, die nichts mit Disziplin, sondern mit Respektlosigkeit zu tun hat.“

Ein Dankbarkeitstagebuch kann helfen, sich auf Positives zu fokussieren.


FOTO: FOTOLIA

Was hilft bei Wut im Sattel?

Antje Heimsoeth empfiehlt zwei Techniken, um im Sattel direkt etwas gegen das Gefühl Wut zu tun. Erstens: Bauchatmung. Der Reiter soll sich auf das tiefe Ein- und Ausatmen in den Bauch konzentrieren. Das Ausatmen sollte etwa doppelt so lange dauern wie das Einatmen.

Zweitens: Die Gedankenstopp-Technik. Dabei stellt der Reiter sich ein Stoppschild vor und, ganz wichtig, spricht auch „Stopp!“ laut aus. Denn, so Antje Heimsoeth: „Der Mitarbeiter zwischen den Ohren braucht ganz klare Handlungsanweisungen.“ Unser Gehirn möchte prägnante Infos bekommen.

„Es kann nicht unterscheiden, ob ein Gedanke von uns förderlich für uns ist oder hemmt, uns schwächt oder lähmt. Gedanken wie ‚Ich kann es nicht, ich schaffe das nicht’ können dadurch zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden.“ Das Gehirn braucht stattdessen eine positive Handlungsanweisung. Zum Beispiel: „Ich bin konzentriert.“ Damit dieser Satz Wirkung zeigt, sollte er mehrfach aufgesagt werden. Er sollte so gewählt sein, dass man selbst davon überzeugt ist, ihn erfüllen zu können.

„Ich reite jetzt eine perfekte Dressur“ wäre nicht erfüllbar und würde Frust fördern.


„Der Erfolgsverhinderer im Amateurbereich ist die Faulheit.“

Antje Heimsoeth


Dankbarkeit hilft

Bei genereller Unzufriedenheit sollte der Reiter nach ihrer Ursache suchen. Etwas, das zudem auf jeden Fall zur Besserung beitragen kann: „Dankbarkeit ist ein wunderbares Mittel, um zufriedener zu werden“, sagt Antje Heimsoeth. Sie hat auch gleich eine praktische Übung bereit: „Wenn ich mir angewöhne, abends ein Dankbarkeitstagebuch zu pflegen, in dem ich in ein paar Sätzen beschreibe, wofür ich dankbar bin, dann ändert sich im Kopf und im Denken ganz viel.“

Das Stichwort ist hierfür Neuroplastizität – was bedeutet, dass das Gehirn formbar ist. Trainiert man bestimmte Dinge, dann verändern sich die Verschaltungen zwischen Nervenzellen und es können sich, zum Beispiel bei Leistungssportlern und Profimusikern, sogar übergeordnete anatomische Strukturen verändern. Neurale Netzwerke können sich infolge von intensiver Lern- und Umwelterfahrungen reorganisieren. So beschreibt es Neurowissenschaftler Professor Dr. Lutz Jäncke von der Universität Zürich zum Beispiel im Magazin „Spektrum der Wissenschaft“. Vereinfacht ausgedrückt und auf unser Beispiel bezogen: Trainiert man Dankbarkeit oder auch unterstützende Glaubenssätze, dann fallen diese einem auch immer häufiger automatisch ein. So kann man negative Gedanken langfristig durch positive ersetzen, zunächst bewusst, irgendwann auch unterbewusst.

Aber damit nicht genug. Denn ein entscheidender Faktor fehlt noch. „Der Erfolgsverhinderer im Amateurbereich ist die Faulheit“, sagt Antje Heimsoeth ganz klar. „Im Freizeitbereich wollen viele wie Isabell Werth oder Michael Jung reiten, aber bitteschön mit möglichst wenig Aufwand.“ Viele Reiter hätten viel zu wenig Kondition: „Europameisterschaften als Ziel anzugeben, aber täglich nur 25 Minuten auf dem Pferd zu sitzen, das funktioniert nicht!“ Damit ein vernünftiger, einzuhaltender Trainingsplan aufgestellt werden kann, brauche es ein klares Ziel vor Augen. Nur mit diesem lasse sich der innere Schweinehund auch in schwierigen Situationen im Zaum halten. Und die Belohnung sei dann letztendlich der Erfolg und die damit einhergehende Zufriedenheit.


„Niemand kommt in die Trainingsstunde, um angeschrien zu werden. Das passiert jedoch oft in unserem Sport, dass geschrien oder zu laut gesprochen wird.“

Albert Voorn


Was gut ist an der Wut

Wut ist eine Grundemotion des Menschen. Sie kann Energie geben und anspornen. Negativ ist sie nur, wenn sie an Mensch oder Tier ausgelassen wird oder eben die Kommunikation mit dem Pferd behindert. Also lautet die Aufgabe: Sich selbst noch ein bisschen besser kennenzulernen, dem Gehirn die richtigen Sätze als Aufgaben zu geben und an positiven Gedanken zu arbeiten. Dann hat die Wut weniger Angriffsfläche, um mit uns in den Sattel zu steigen. Denn da gehört sie wahrlich nicht hin.

SO GEHT’S: Fünf Tipps für mehr Zufriedenheit und weniger Wut im Sattel

1. Auf den Prozess und nicht auf das Ergebnis fokussiert sein! Ziel meint: Eine Platzierung, eine Wertnote oder eine Nullrunde beim Springen. „Schauen Sie besser darauf, was Sie genau machen müssen, um eine Lektion besser zu verstehen und zu reiten.“ Antje Heimsoeth lässt ihre Schüler gern ein Drehbuch von bestimmten Lektionen schreiben. Sie müssen dann haargenau notieren, wie sie zum Beispiel eine Kurzkehrtwendung reiten. „Viele haben dabei Filmrisse, da sind ganz viele Lücken drin.“ Durch das Nacherzählen werden Abläufe und Handlungen bewusster, letztlich festigt sich das Wissen.

2. Sich selbst annehmen mit allen Stärken, Schwächen, Fähigkeiten, Ecken und Kanten! Nicht Misserfolge oder Niederlagen an den Selbstwert als Mensch knüpfen (Nach dem Motto: „Bin ich schlecht geritten, bin ich ein schlechter Mensch.“) Seien Sie sich selbst ein guter Freund!

3. Wenn die Wut daher kommt, weil man sich dem Pferd nicht verständlich machen kann: Lernen, wie Pferde lernen! Mensch und Tier nehmen Dinge verschieden wahr und lernen Abläufe unterschiedlich. Das muss der Reiter in sein Training einfließen lassen. Außerdem: Das eigene Körpergefühl schulen und Bewegungsabläufe verinnerlichen. „Im Spitzensport würde niemals ein Pferd vorgestellt, das nicht schon alles beherrscht, was notwendig ist“, sagt Antje Heimsoeth. „Beim Amateursport passiert das häufiger.“

4. Trainingsziele formulieren! Nicht ohne Ziel reiten, nur um das Gewissen zu beruhigen. Sondern überlegen: Was genau will ich trainieren? Wie sollte mein Aufbau dafür sein?

5. Nicht vergleichen! Jeder Mensch hat seine eigenen Bedingungen, seine eigenen Voraussetzungen und sein eigenes Lerntempo. Schielen Sie nicht nach rechts und links, sondern bleiben Sie bei Ihrer eigenen Entwicklung.

BUCHTIPP

Das Buch „Mentaltraining für Reiter“ von Antje Heimsoeth ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen. ISBN 978-3-275- 01640-2, Preis: 19,95 Euro.