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„Die Zeit ist reif, Verantwortung im Gesamtkosmos zu übernehmen“


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 02.07.2021

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "„Die Zeit ist reif, Verantwortung im Gesamtkosmos zu übernehmen“" aus der Ausgabe 7/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Claudia Schmitz während unseres Interviews im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses

Liebe Frau Schmitz, herzlichen Glückwunsch zur Wahl! Bereits letzte Woche wurde ja mit Lisa Jopt erstmals eine Frau zur Präsidentin der GDBA, der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, gewählt – nun übernehmen Sie als erste Frau die Geschicke des Deutschen Bühnenvereins. Erleben wir einen epochalen Wandel der männerdominierten Verbandsszene?

CLAUDIA SCHMITZ Ich glaube, diese Dopplung ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung und der Themen, die gerade diskutiert werden. Ich spüre auch in den Rückmeldungen, dass das wahrgenommen wird, sowohl aufseiten der GDBA als auch aufseiten des Bühnenvereins. Es wird sich nichts ändern, nur weil eine Frau an der Spitze eines Verbandes steht. Aber das Interessante könnte sein, dass an der Spitze der GDBA nun eine Schauspielerin steht, also jemand aus dem Theater, und als Teil der Spitze des Bühnenvereins – neben Herrn Brosda als ...

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... strahlungskräftigem Präsidenten – auch eine Frau aus dem Theaterbetrieb spricht und 25 Jahre Theatererfahrung mitbringt.

Sie waren am Nationaltheater Mannheim, leiteten das KBB (Künstlerische Betriebsbüro) der TUP Essen, haben das JES in Stuttgart mitgegründet, waren Geschäftsführerin am Deutschen Theater in Göttingen, Verwaltungsdirektorin am Staatstheater Braunschweig und sind nun Geschäftsführerin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Sie kennen den Theaterbetrieb also in allen organisatorischen, strukturellen, nicht zuletzt menschlichen Facetten. Welche dieser Stationen hat Sie besonders geprägt?

CLAUDIA SCHMITZ Jede Station hatte etwas Prägendes. Mannheim, frisch nach dem Zweiten juristischen Staatsexamen, als Assistentin des neuen Generalintendanten – das war ein super Einstieg, um einen Überblick zu bekommen. Betriebsbüro war für mich auch sehr wichtig: nicht nur den administrativen Bereich, sondern das Herzstück eines Theaterbetriebes zu erleben und mit zu leiten. Dann kam das Junge Ensemble Stuttgart und die Chance, ein kommunal gefördertes Kinder- und Jugendtheater mit aufzubauen, eine Herausforderung! Dann durfte ich am Deutschen Theater in Göttingen einen Generationenwechsel einleiten, nachdem ein Verwaltungsdirektor 30 Jahre dort war. Einem durch Kontinuität geprägten Haus das Vertrauen zu geben, dass eine Frau – noch dazu recht jung damals – das auch hinbekommt. Das Staatstheater Braunschweig war dagegen ein großes Mehrspartenhaus, in dem ich mehr Nähe zum Musiktheater bekam aus der administrativen Sicht. Ich möchte das gar nicht bewerten, die Dinge traten als Optionen in mein Leben, und da ich ein recht neugieriger Mensch bin, wollte ich immer Neues lernen.

Wie kommt eine Juristin zu so einer Theaterkarriere?

CLAUDIA SCHMITZ Geplant! Ich bin durch einen Schulbesuch fürs Theater „infiziert“ worden, an den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld Mönchengladbach. Ich saß in so einem Endzeitstück, „Totenfloß“ von Harald Mueller, das hat mich unglaublich fasziniert! Ich wurde mitgenommen in eine andere Welt und bin anders aus dem Haus rausgekommen, als ich hineingegangen war. Bis heute ist es für mich das mystische Theatermoment, wenn etwas mit einem passiert über dieses Live- Erlebnis auf der Bühne. Und damit wollte ich etwas zu tun haben! Theaterwissenschaften, Germanistik war Plan A. Jura war Plan B, aber damit wollte ich unbedingt ans Theater und habe deshalb einen Teil des Referendariats an der Hamburgischen Staatsoper absolviert. Dann hatte ich Glück und hab mich bei Ulrich Schwab als Assistentin beworben, der war ebenfalls Jurist, gab mir eine Chance, und damit war der Einstieg geschafft.

Wenn Sie selbst Theater schauen, sind Sie vor allem Schauspielgängerin?

CLAUDIA SCHMITZ Ich bin hin- und hergerissen. Der Festakt zum Bühnenvereinsjubiläum in Oldenburg begann mit einem Film übers Staatsorchester – da ging mir das Herz auf! Aber in meinem Lebenslauf bin ich durch alle Theaterformen mäandert. Ja, ich glaube, das Schauspiel knüpft an diese erste Erfahrung an, da geht es um Identitätsfindung, es wird der Ausgangspunkt der Menschwerdung verhandelt. Aber ich mag auch sehr gerne den Tanz.

Und warum führt der Weg jetzt vom Theaterbetrieb zum Verband?

CLAUDIA SCHMITZ Weil ich merke, dass sich bei mir ein Schwerpunkt verschiebt. Ich denke verstärkt über Strukturen nach, kenne den Bühnenverein ja auch seit 25 Jahren und halte ihn für eine sehr wichtige Institution. Ich bin im Tarifausschuss, im Ausschuss für Verleger- und Rundfunkfragen und habe zunehmend Spaß daran, diese Dinge zu diskutieren. Tatsächlich habe ich mich gefragt, ob es auch etwas mit Corona zu tun hat. Ich habe den Eindruck, die Zeit ist reif, sich aus den diversen Mikrokosmen zu trauen in den Gesamtkosmos und dort Verantwortung zu übernehmen für die Rahmenbedingungen insgesamt. Wenn man verantwortlich ist für einen Theaterbetrieb, stößt man immer wieder an Grenzen. Wir können nur innerhalb des vorgegebenen Rahmens etwas bewegen. Deshalb finde ich es gerade in diesen Zeiten wichtig, wo so viel aufbricht, für diesen Rahmen mitverantwortlich zu sein.

Welche Themen sehen Sie denn momentan als die wichtigsten Baustellen für den Deutschen Bühnenverein?

CLAUDIA SCHMITZ Es sind die Themen, die mich in meiner jetzigen Position beschäftigen, und die Themen, die Carsten Brosda in seiner Antrittsrede benannt hat: Wie stellen wir uns dar, welche Geschichten erzählen wir? Da liegt ja bereits ein starker Fokus der Arbeit des Bühnenvereins unter Marc Grandmontagne. Ein wichtiger Punkt ist auch die intensive Zusammenarbeit mit den Rechtsträgern; ich glaube, wir müssen enger zusammenkommen in diesen Zeiten, in denen die Anforderungen von außen und innen sich derart verändern, wo nichts mehr selbstverständlich ist. Wir haben im Bühnenverein viel über den Wertebasierten Verhaltenskodex gesprochen, den es ja bereits seit 2018 gibt. Wir sind da auf dem Weg, und manche Dinge ereilen uns gerade, weil wir die Türen geöffnet haben. Deshalb müssen wir gemeinsam mit allen Beteiligten, den Theatern, den Rechtsträgern, den Gewerkschaften, dem Verband, intensiv ins Gespräch kommen.

Im Lockdown hieß es oft, die Theater müssen sichtbar sein. Wie beurteilen Sie dementsprechend das Düsseldorfer Schauspielhaus, wie unverzichtbar ist es für die Stadt?

CLAUDIA SCHMITZ Ich denke, dass es sehr gefehlt hat. Wir sind vor ein paar Tagen in den Vorverkauf gegangen für „Das Rheingold. Eine andere Geschichte“, und es war schnell ausverkauft. Das ist ein gutes Zeichen. Natürlich haben wir uns gefragt, wie die Zuschauer reagieren würden. Nach dem ersten Lockdown war spürbar, dass alle Lust hatten. Aber nach den erneuten Lockdowns gab es eine große Verunsicherung seitens der Theater. Kommen die Zuschauer wieder, oder hat sich jeder ins Private zurückgezogen? Ist man bereit, dieses ganze Prozedere mitzumachen, Maske tragen, testen, Abstand halten? Aber die Leute sind absolut bereit, und das zeigt, wie wichtig ihnen dieses Haus ist. Wenn wir sehen, wie gesellschaftliche Diskussionen momentan geführt oder eben nicht mehr geführt werden, wer welche Position überhaupt noch vertreten darf – womöglich ist genau das ein Resultat dessen, dass diese Institutionen, das Herz des gemeinsamen Austauschs, so lange nicht zur Verfügung standen.

Corona hat Ihnen auch die Neueröffnung des Theaters nach der Sanierung zunichtegemacht: Das Foyer war als Begegnungsstätte, als sozialer Ort geplant, sollte tagsüber der Öffentlichkeit zugänglich sein. Besteht die Idee noch?

CLAUDIA SCHMITZ Unbedingt! Eigentlich sollte die Spielzeit 2019/20 die erste im neuen Haus werden, und dann kam Corona … Aber ja, das Foyer soll ein Ort werden, an dem die Menschen zusammenkommen können, ein Open Space.

Sie haben ja die Sanierung und Modernisierung des Hauses wesentlich mitverantwortet. Sind Sie zufrieden mit dem Prozess und dem Ergebnis?

CLAUDIA SCHMITZ Ja. Natürlich hat es gewisse Kostenüberschreitungen gegeben, die sind aber nachvollziehbar; ein Finanzrahmen birgt immer Unsicherheiten. Dieses Gebäude hier wurde 1969 fertiggestellt, die Bestandspläne sind überschaubar. Es ist ein großartiges Gebäude, aber was hier hinter einer Wand steckt, wissen Sie erst, wenn Sie sie aufgebohrt haben. Dafür ist es sehr gut gelaufen. Und die Beteiligten haben alle Kräfte mobilisiert, damit wir im Januar 2020 im sanierten, wenn auch nicht ganz fertigen Haus seinen 50. Geburtstag begehen konnten.

Kommen wir zu einem schwierigen Thema am Haus: Die von dem Schauspieler Ron Iyamu erhobenen Rassismusvorwürfe haben im deutschen Feuilleton zu erregten Debatten geführt und das Düsseldorfer Schauspielhaus erschüttert. Wie weit sind Sie mit der Aufarbeitung?

CLAUDIA SCHMITZ Wir haben uns schnell auf den Weg gemacht, externe Partner*innen zu finden, die uns dabei unterstützen, zunächst die konkreten Vorwürfe aufzuarbeiten. Wir sind überzeugt, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, gesamtgesellschaftlich, nicht nur im Theater. Über Empfehlungen kamen wir auf eine rassismuskritisch arbeitende Beratung aus Berlin, die schon mit einigen Kulturinstitutionen zusammengearbeitet hat. Von den ersten Beratungsgesprächen bis zu einer Vereinbarung hat es eine Weile gedauert, das war im Haus ein herausfordernder Prozess. Viele fragten sich: Passiert überhaupt etwas? Wir haben dann angefangen, einen wöchentlichen Newsletter für die Mitarbeiter zu machen, um immer zu sagen, wo wir stehen. Die ganze Diskussion hat sich extern wie intern schnell vom konkreten Fall verallgemeinert zu einer Diskussion über Macht, Machtmissbrauch und Führungskultur, auch in der Presse begann eine Grundsatzdiskussion etwa von Bernd Stegemann, Natasha Kelly oder Thomas Schmidt. Wir haben dann entschieden, dass wir die konkrete Aufarbeitung mit einem Prozess der Organisationsentwicklung verbinden möchten. Als Teil des Programms „360°“ der Kulturstiftung des Bundes haben wir ja seit 2019 einen Agenten für Diversität am Haus. Seitdem diskutieren wir über diese Themen. Wichtig finde ich immer den Grundsatz „Erst sammeln, dann bewerten“. Wir machen Mitarbeiterversammlungen, sind in intensiven Diskussionen. Ein positiver Effekt der Pandemie ist, dass wir gerade den Raum dafür haben. Aber die Herausforderung wird sein, wenn wir zu Beginn der neuen Spielzeit in einen fast regulären Betrieb gehen, diese Themen nicht zu verlieren und die Räume dafür bereitzustellen.

Es ist sicher nicht einfach, solche ist sicher nicht einfach, solche Debatten im eigenen Haus anzustoßen und dabei alle einzubeziehen. Wie hat das praktisch funktioniert?

CLAUDIA SCHMITZ Wir haben von Anfang an alle Mitarbeitenden zu den Versammlungen eingeladen. Wenn Sie knapp 400 Beschäftigte haben, haben Sie 400 Blicke auf das, was da passiert ist. Und es gibt sehr viele, die gar nicht sprechen – auch für die muss man ein Gespür entwickeln. Deswegen werden wir mit anonymisierten Mitarbeitendenbefragungen arbeiten, um viele Stimmen einzufangen. Das ist so wichtig! Es geht doch darum, dass möglichst alle gern hier arbeiten.

Wenn die Coronapandemie überstanden ist, wird es in vielen kommunalen Haushalten finanzielle Probleme geben. Davon könnten auch Theater betroffen sein. Was kann man tun, dass es nicht dazu kommt?

CLAUDIA SCHMITZ Das ist jetzt keine Frage an die Geschäftsführerin eines Theaters, sondern an die zukünftige Lobbyistin …

Wir würden sagen: sowohl als auch.

CLAUDIA SCHMITZ Alle Theater gehen im Moment davon aus, dass wir in schwierige Zeiten kommen, auch weil wir jetzt und in der nächsten Spielzeit mit verminderten Platzkapazitäten rechnen müssen. Dafür gibt es nun einen neuen Bundestopf, aber wir können uns nicht dauerhaft von Topf zu Topf hangeln. Die entscheidende Frage ist: Wie entwickelt sich die institutionelle

Förderung? Wir müssen intensiven Kontakt mit den Rechtsträgern pflegen. Und wir müssen es strukturell angehen. Wir merken ja, wohin sich die Gesellschaft entwickelt und welche wichtige Funktion die Theater dabei erfüllen. Dafür müssen wir einstehen und uns gemeinschaftlich dazu bekennen. In der Präambel des Schlussberichts der Enquetekommission „Kultur in Deutschland“ aus dem Jahr 2007 steht: „Kultur ist kein Ornament. Sie ist das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft steht und auf das sie baut. Es ist Aufgabe der Politik, dieses zu sichern und zu stärken.“ Die Präambel ist nach 14 Jahren noch nicht zu einem Selbstverständnis geworden. Wir müssen den Gedanken immer wiederholen. Und wenn über institutionelle Förderung gesprochen wird, dann darf das keine Ornamentdiskussion sein. Hier geht es um ein Fundament. Das ist der Ausgangspunkt.

UNSERE GESPRÄCHSPARTNERIN

CLAUDIA SCHMITZ ist seit der Saison 2016/17 Kaufmännische Geschäftsführerin am Düsseldorfer Schauspielhaus und wird ab 1. Januar 2022 neue Geschäftsführerin des Deutschen Bühnenvereins.

» Geboren 1970 in Viersen

» Studium der Rechtswissenschaften in Trier

» 1996 bis 2000 Referentin des Generalintendanten am Nationaltheater Mannheim

» 2000 bis 2002 Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros an Theater und Philharmonie Essen

» 2002 bis 2006 als Verwaltungs- und Organisationsleiterin mitverantwortlich für die Gründung des JES – Junges Ensemble Stuttgart

» 2006 bis 2011 Verwaltungsdirektorin und Geschäftsführerin am Deutschen Theater Göttingen

» 2011 bis 2016 Verwaltungsdirektorin und Stellvertretende Generalintendantin am Staatstheater Braunschweig