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Die Zurückgelassenen


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 28/2021 vom 11.07.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 28/2021

Ortskraft bei der Arbeit: Ein Dolmetscher (2. v. l.) übersetzt für einen deutschen Offizier in der Provinz Kundus in Nordafghanistan

Sehr geehrter Herr Abgeordneter“, so beginnt der Brief eines deutschen Soldaten an einen Bundestagsabgeordneten, „mit großer Sorge sehe ich die aktuelle Situation in Afghanistan.“ Die Taliban eroberten Bezirk um Bezirk, und nun seien jene Afghanen bedroht, die einst als Übersetzer, Bauarbeiter oder Küchenhilfen für die Bundeswehr gearbeitet haben. Diese sogenannten Ortskräfte seien „über die Jahre für uns zu Partnern, Freunden, ich möchte sagen: zu Kameraden geworden“. Und sie seien jetzt „einer massiven Bedrohung ausgesetzt“. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) habe doch erklärt, es sei eine „tiefe Verpflichtung der Bundesrepublik Deutschland, diese Menschen jetzt, wo wir das Land endgültig verlassen, nicht schutzlos zurückzulassen“. Doch genau das geschehe gerade. Dem Schreiben hat der Soldat den Lebenslauf seines afghanischen Helfers beigelegt und die Bestätigung eines ...

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... Unternehmens, das ihm in Deutschland Arbeit geben will. Der Brief schließt mit der inständigen Bitte, „sich für den Schutz und die Hilfe unserer afghanischen Kameraden einzusetzen“, und mit der Erinnerung an einen militärischen Grundsatz: „Keiner bleibt zurück“.

Zahllose solcher Briefe erreichen dieser Tage Abgeordnete und auch das Verteidigungsministerium. Nach dem Abzug, so scheint es, ziehen die Einsatzveteranen nun in ihr letztes Afghanistan- Gefecht – gegen die Gleichgültigkeit der Deutschen. Zwar hatte sich das Verteidigungsministerium lange für eine Aufnahme der Ortskräfte eingesetzt, musste aber gegen Widerstände aus dem Innenministerium ankämpfen. Schließlich wurde ein Schutzprogramm beschlossen, mit dem die Ortskräfte nach Deutschland kommen können. Theoretisch.

Denn zugelassen ist nur, wer direkt bei der Bundeswehr angestellt war, nicht wer im Auftrag einer Fremdfirma für die Deutschen gearbeitet hat. Damit bleibt ein kleiner Kreis von Berechtigten übrig, der mit Familien etwa 5000 Personen umfasst. Etwa 2000 haben ein Visum bekommen, als noch deutsche Kräfte im Land waren. Aber jetzt ist unklar, wo, wie und wann die Ortskräfte Schutz beantragen können. Während die Taliban der Hauptstadt Kabul immer näher rücken, ist die deutsche Botschaft in den Notbetrieb übergegangen. Das Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) soll die Anträge der Ortskräfte prüfen, scheint aber gegenwärtig nicht in der Lage zu sein, die Aufgabe auch nur anzugehen. Doch Berlin besteht auf Einzelfallprüfung.

„UNS TÖTEN SIE ALS ERSTE“ In Kabul sitzen drei Männer in einer einfachen Herberge und wissen nicht weiter. Das Vorrücken der Islamisten-Miliz hat sie mit ihren Familien in die Hauptstadt getrieben, alle mit der einen, gemeinsamen Angst: dass die Taliban sich an ihnen, ihren Frauen und Kindern rächen werden, weil sie für die Deutschen gearbeitet haben. Jetzt hängen sie hier fest. „Die Deutschen haben ja schon mal Beamte hergeschickt, die hier Asylanträge geprüft haben“, sagt Taufik Baschardost, 34. „Aber sie waren nur zehn oder 20 Tage da und haben die allermeisten Bewerber abgelehnt. Ohne einen Grund zu nennen.“ Auch ihn selbst hätten sie zweimal abgewiesen. Dabei sei er in seiner Heimatprovinz Balkh immer wieder bedroht worden, weil er für die Bundeswehrsoldaten übersetzt hat. „Ich musste schließlich aufhören, um mein Leben zu retten.“ Seyyed Muslim Javed hat fünfmal Asyl beantragt, Ahmad Javed Soltani, der auch mit am Tisch sitzt, hat es schon achtmal versucht. Dabei waren alle direkt bei der Bundeswehr angestellt.

Kürzlich haben sie sich bei der IOM gemeldet. Dort habe man ihnen gesagt, die Bundesrepublik habe noch nichts getan, um die Asylverfahren zu ermöglichen, es gebe noch nicht einmal Verträge mit der IOM. Mittlerweile fühlen sich die Männer selbst in Kabul immer unsicherer. „Ich bitte Deutschland dringend, uns nicht zu vergessen“, sagt Soltani. „Wenn die Taliban kommen, werden wir als Erste getötet – weil wir für die Deutschen gearbeitet haben. Dafür will die Bundesregierung doch sicher nicht verantwortlich sein. Wie will sie das der deutschen Öffentlichkeit erklären?“

Das fragen sich auch immer mehr Deutsche. Vor allem in der Truppe. „Die Soldaten der Bundeswehr finden es nicht in Ordnung, diejenigen Afghanen, die für sie teils wie Freunde und Kameraden geworden sind, jetzt der Rache der Taliban zu überlassen“, sagt Oberstleutnant André Wüstner, der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes. „Eine großzügige und unbürokratische Regelung, um sie nach Deutschland zu holen, wäre nicht mehr als fair und zudem angemessener Ausdruck der Dankbarkeit Deutschlands.“

IM DEUTSCHEN INTERESSE Marcus Grotian versucht wenigstens, etwas zu tun. Der Hauptmann aus Eberswalde ist Vorsitzender des Vereins Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte, und wenn er dieser Tage seine reguläre Arbeitszeit im Dienst und sein Engagement für die Ortskräfte zusammenrechnet, dann weiß er nicht mehr, wann er eigentlich geschlafen hat. Immer mehr Freiwillige melden sich bei Grotians Verein und wollen helfen, Hunderte ehemalige Ortskräfte versuchen derzeit, nach Deutschland zu kommen, und die wenigen, die schon angekommen sind, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Manche hätten einfach am Frankfurter Flughafen übernachtet, erzählt Grotian, weil niemand sie abholte und sie nicht wussten, was sie tun sollten.

„Die Briten haben ein ganzes Team, das sich um die Betreuung der Ortskräfte kümmert, um den Umzug, das Ausfliegen aus Afghanistan, die Integration im Asylland“, sagt Grotian. In Deutschland solle man jetzt wenigstens die privaten Initiativen stärken, die diese Aufgabe übernehmen. „Das sind Menschen, die uns geholfen haben damals in Afghanistan“, sagt Grotian. „Ohne die wären wir in Gefahr gewesen. Jetzt sind sie in Gefahr. Da ist es selbstverständlich, dass wir helfen müssen.“ Es liege auch im deutschen Sicherheitsinteresse, dass die Ortskräfte gut betreut werden. „Heute hat selbst in Afrika fast jeder ein Handy. Die ganze Welt bekommt mit, wie wir unsere Ortskräfte behandeln. Und wenn wir das schlecht machen, dann schadet uns das bei späteren Einsätzen.“ Darum fordert Grotian auch, dass die Kriterien, nach denen Ortskräfte Asyl erhalten, gelockert werden müssten. Was wird etwa aus den jungen Frauen, die im Auftrag einer eigens gegründeten Fremdfirma von Deutschland bezahlte Radioprogramme zu Demokratie und Menschenrechten gemacht haben? Kann man die jetzt den Taliban überlassen, nur weil sie durchs Raster fallen? „Jeder muss sich bewerben können“, sagt Grotian, „und wer gefährdet ist, hat unseren Schutz verdient.“

Robuster Protest

Die Afghaninnen wollen sich selbst gegen die Taliban wehren. In mehreren Städten im Norden und im Zentrum des Landes demonstrierten Frauen in den vergangenen Tagen gegen das Vorrücken der islamistischen Miliz. Zum Teil protestierten sie mit Waffen in der Hand. Ein ungewöhnliches Bild im konservativen Afghanistan. „Für die meisten war das ein Symbol. Aber einige von uns sind bereit zu kämpfen“, sagte eine Demonstrantin dem britischen „Guardian“.

WER SOLL DAS BEZAHLEN? Aber selbst wenn Asyl gewährt wird, haben viele nicht das Geld, den Flug zu bezahlen. Deshalb hat der Hauptmann jetzt eine Spendenplattform im Internet gegründet. Dabei wurde die Bundesregierung in einem Beschluss der Innenministerkonferenz aufgefordert, den asylberechtigten Ortskräften die Ausreise zu bezahlen. Aber Berlin reagiert nicht. Das erbost Boris Pistorius (SPD), den Innenminister von Niedersachsen. „Nach dem Abzug der Bundeswehr und der Polizei müssen wir uns jetzt angemessen um diejenigen Menschen kümmern, die unsere Hilfsmission vor Ort unterstützt haben. Denn gerade sie stehen im Fadenkreuz der Taliban“, sagt Pistorius WELT AM SONNTAG. Mit dem Durchschnittsverdienst in Afghanistan sei es kaum möglich, eine Reise nach Deutschland zu finanzieren. „Allein deswegen wäre es aus Sicht Deutschlands das Mindeste und ein kleines Zeichen des Anstands und der Dankbarkeit für die geleisteten Dienste, die Flugkosten für diese überschaubare Anzahl von Menschen und ihre Familien zu übernehmen.“ Die Taliban rückten schließlich sehr schnell vor. „Es ist also Eile geboten!“, sagt Pistorius.

So sieht es auch der ehemalige Übersetzer Javed, der jetzt mit seiner Frau und drei Kindern in Kabul festsitzt. Zurück in sein Heimatdorf könne er nicht, sagt er: „Meine Verwandten akzeptieren uns nicht mehr, seit ich für die Deutschen gearbeitet habe. Meine Cousins sagen, ich sei ein Ungläubiger und ein Spion.“ Es gibt kein Zurück mehr.