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Die zweite Haut


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 207/2022 vom 22.11.2022

ERWIN WURM

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 207/2022

DAS INTERVIEW findet per Videokonferenz zwischen dem Berliner Redaktionsbüro und dem Atelierhaus des Künstlers in Limberg, rund eine Stunde nördlich von Wien, statt. Gerade waren Werke des Künstlers in der Biblioteca Marciana in Venedig, in Museen in Belgrad und Korea zu sehen. Für 2023 bereitet er unter anderem Ausstellungen im Yorkshire Sculpture Park und im Tel Aviv Museum of Art vor. Unser Gespräch ist auch als Podcast zu hören: »Was macht die Kunst?« finden Sie auf und allen großen Streaming-Plattformen.

WELTKUNST Wie kamen Sie zur Kunst, Herr Wurm?

ERWIN WURM Mein Elternhaus war nicht kunstfeindlich, aber desinteressiert. Doch mein Vater hatte bei irgendeinem Maler ein Bild gekauft, als er in den Fünfzigerjahren die Wohnung eingerichtet hat. Es hing auf einer Bambuswand und schaute aus wie Picasso, war aber kein Picasso. Es ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen, abstrakt, aber ...

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... dann doch nicht abstrakt, komisch verformte Menschen. Leider habe ich es nicht mehr. Es war der Anfang, es hat etwas bei mir in Gang gesetzt.

WK Seit wann machen Sie selbst Kunst?

EW Ich habe früh begonnen zu zeichnen, alles ganz klein, weil wir nicht viel Platz hatten. Ich hatte ein kleines Zimmer, das ich mit meiner Schwester teilen musste, auch den Schreibtisch. Da habe ich ganz kleine Zeichnungen mit kleinen Figürchen gemacht, und Skulpturen, maximal drei Zentimeter groß. Weil ich gern mit Krippenfiguren gespielt habe, hatte mein Vater, der Kriminalbeamter war, schon Sorge, dass ich vielleicht Priester werden möchte. Mich hat aber einfach die Plastizität dieser schön geschnitzten Holzfiguren angezogen. Im Gymnasium hatten wir dann einen tollen Kunsterzieher, sodass mein Interesse aufgeflammt ist, als hätte man Benzin hineingegossen.

WK Wenn Sie von den kleinen Figuren sprechen, fällt mir auf, dass der Maßstab in Ihrer Kunst sehr wichtig ist. Auch das enge Haus Ihrer Kindheit haben Sie verarbeitet – diesen Sommer wurde es als permanente Installation im öffentlichen Raum von Le Havre aufgebaut.

EW Das »Narrow House« ist 20 Meter lang und neun Meter hoch, wie Einfamilienhäuser halt so sind, aber wir haben es auf der Längsseite auf einen Meter gequetscht. Man kann hineingehen – alle Räume und Möbel sind natürlich auch geschmälert. Sofort stellt sich ein Gefühl von Klaustrophobie ein. Andererseits das Gefühl, zu Hause zu sein, weil man in unserem Kulturkreis diese Art von Familienhäusern kennt, wo die Eltern wohnen, die alle in etwa die gleichen Möbel und die gleichen Bilder haben. Das Schlafzimmer ist 40 Zentimeter breit, aber fünfeinhalb Meter lang. Das Kreuz über dem Bett ist auch gequetscht. Im Bad ist die Klobrille ganz schmal, es ist eine absurde Welt. Man bleibt stecken, wenn man einen Rucksack trägt, denn der Gang ist nur 50 Zentimeter breit. Für viele Leute ist es schwierig, durchzukommen. Das hat natürlich mit der Zeit zu tun, in der ich aufgewachsen bin, im Österreich der Nachkriegszeit. Ich bin 1954 geboren, die Gesellschaft war damals anders.

WK Wie würden Sie die Gesellschaft dieser Zeit beschreiben?

EW Rigide und relativ hart. Bodyshaming war zum Beispiel an der Tagesordnung. Man hat sich über andere, die fett waren oder kurz oder lang, lustig gemacht. Das war eine andere Zeit. Wir haben uns schon sehr weiterentwickelt, obwohl wir noch immer eine enge Gesellschaft sind.

WK Ihre Kunst umfasst verschiedenste Materialien und Gewerke. Wie sieht es in Ihrem Atelier in Limberg aus?

EW Wir haben hier mehrere große Hallen und Werkstätten, Schmiede und Tischlerei, Lackiererei und dann die großen Lagerhallen. In Wien haben wir das Loft, meine Tochter geht dort in die Schule, und ich pendle zwischen Wien und Land hin und her. In Limberg sind wir insgesamt zehn Leute, ein kleiner, aber erfolgreicher Betrieb. Wir haben hier alle Möglichkeiten, die Lastwagen können reinfahren, anliefern und abholen. Meine Skulpturen sind ja manchmal sehr, sehr groß, dafür braucht man Riesenhallen. Oft denke ich, ach, wäre ich ein Maler, da bräuchte ich vielleicht eine Hilfe zum Aufspannen der Leinwände, aber sonst niemanden. Als Bildhauer geht es nicht anders, noch dazu, wenn man große Dinge macht. Aber ich habe ein super Team und wir verstehen uns alle gut, das ist fast wie Familie.

Weil ich gern mit Krippenfiguren gespielt habe, hatte mein Vater, der Kriminalbeamter war, schon Sorge, dass ich vielleicht Priester werden möchte.

WK Wie kommt es, dass in Ihren Skulpturen oft menschliche Gliedmaßen, aber so selten Gesichter zu sehen sind?

EW Ganz ehrlich, ich weiß es auch nicht. Es hat sich so ergeben. Ich habe ein paar Skulpturen mit Köpfen und Gesichtern gemacht, das hat mich aber gestört. Ich will in meinen Skulpturen etwas über den Menschen sagen, nicht über eine einzelne Person. Das gelingt am besten ohne Gesichter. Ich habe viele Skulpturen gemacht, bei denen die Leute nur aus Kleidungsstücken bestehen. Die zweite Haut ist das Kleidungsstück – und das Haus wäre dann die dritte.

WK Kleidung spielt in Ihrer Kunst immer wieder eine Rolle.

EW Wenn man in der Geschichte der Bildhauerei diese schönen griechischen oder römischen Bronzen betrachtet, etwa eine Figur des Herkules oder der Venus, dann wirken sie mächtig, aber in Wahrheit bestehen sie nur aus einer ganz dünnen Schicht Bronze. Das ist nur eine Haut, die in unseren Köpfen Volumen und Masse erzeugt. So kam ich zu den Kleidungsstücken. Kleidung ist nicht nur ein Stück Stoff, mit dem wir uns vor Wetter und Unbill schützen, sondern wir definieren uns damit. Mode und Kleidung sind ein wesentlicher Teil unseres Leben, egal ob konservativ, modern oder ausgeflippt.

WK Steht die Kleidung mit Ihren berühmten »One Minute Sculptures« in Zusammenhang?

EW Ja, die Kleidungsstücke haben mir geholfen, quasi auf die Fährte zu kommen. Zu Beginn der Neunzigerjahre habe ich zum Beispiel Pullis auf zwei Nägel gehängt, aber mit einer bestimmten Anleitung. Nach einem Monat konnte man sie wieder abnehmen und als Pulli verwenden. Da kam die Kurzlebigkeit zum ersten Mal auf. Die Arbeiten dauerten so lange wie die Ausstellung, einen Monat oder zwei Wochen. Dieser Aspekt hat mir wahnsinnig gut gefallen. Wir leben in einer extrem kurzlebigen Zeit. Alles wird weggeworfen, nichts wird mehr repariert, alles muss sofort neu sein. Für die rasante Kurzlebigkeit wollte ich ein Äquivalent in der Skulptur finden. So habe ich begonnen, mit Alltagsgegenständen zu arbeiten, weil ich darauf kam, dass ich alles, was mich umgibt, als Ausgangspunkt für ein Kunstwerk verwenden kann, egal ob Tisch, Stuhl, eine Hose oder ein Auto. Ein Mensch, der mit banalen Dingen wie einem Besen oder Orangen eine Performance aufführt – das habe ich »One Minute Sculpture« genannt, als Synonym für kurz. Es kann zwei Minuten dauern oder zehn Sekunden. Erstaunlicherweise ist das schon 25 Jahre her, und sie sind heute noch genauso gefragt. Nächstes Jahr mache ich eine Riesenausstellung im Tel Aviv Museum of Art ausschließlich damit, was mich wahnsinnig freut.

WK Im Stephansdom war einmal ein 80 Quadratmeter großer Pullover ausgestellt wie ein Fastentuch. Jetzt wird ein Torso mit Hose, Hemd und Jackett in der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin zu einer Edition.

EW Man hat das Gefühl, das ist eine Figur, ein Mensch. Es ist aber niemand drinnen, sondern es ist nur der Anzug. Eine Hand scheint in der Hosentasche zu stecken, aber es gibt keine Hand, die Hosentasche ist nur so ausgebeult.

WK Das muss ein surrealer Anblick sein, wenn aus dem weißen Porzellantorso anstatt des Kopfes Blumen aus dem Jackett herausragen.

EW Ja, die Idee gefällt mir gut. Das Porzellan ist super, schön glasiert und schaut perfekt aus.

WK In welcher Auflage wird die Vase produziert?

EW Relativ groß. Wir wollten, dass es günstig bleibt. Es gibt ja viele junge Leute, die an Kunst interessiert sind. Mir ist es ganz wichtig, dass sie auch mit Kunst leben können, daher ist es toll, solche Editionen zu machen.

WK Das Vasenobjekt ist ein Beispiel dafür, dass in Ihrer Kunst die Herrenbekleidung überwiegt, liegt das daran, dass sie uniformhafter ist?

EW Ja, vollkommen richtig. In der Businesswelt und Politik, da tragen die Männer und oft auch die Frauen Anzüge, in der Tat eine trostlos langweilige Uniform. Mich interessiert diese Uniformierung, die Individualität auslöscht. Auch in meiner Arbeit interessiert mich nicht die Individualität, sondern das Bild des Menschen im Allgemeinen.

WK Vorhin haben Sie gesagt, in Ihrer Kindheit habe Bodyshaming eine Rolle gespielt. Gibt es da eine Verbindung zu Ihren »Fat Sculptures«?

EW Die haben mit Bodyshaming nichts zu tun. Es kommt von dem Interesse am Prinzip des Bildhauerischen. Was ist das überhaupt? Es geht vom Zwei- zum Dreidimensionalen. Es geht um Haut, Hülle, Masse, Volumen. Mir war immer wichtig, dass ich eine Verbindung zum Hier und Jetzt herstelle, so begann ich mich für Themen zu interessieren, die mit unserem Alltag und mit unserem Leben zu tun haben. Wenn ich eine Schicht trage, einen Pulli oder ein Hemd, ist alles ganz normal. Wenn ich aber zehn Hemden anziehe und zwanzig Pullis übereinander, dann verändert man sich. Durch die Multiplikation eines sozusagen zweidimensionalen Kleidungsstücks entsteht plötzlich Masse, und man wird voluminös, skulptural. Man schaut auch dicker aus, es entsteht ein anderer Status. Wenn ich etwas in Ton modelliere, dann gebe ich Ton dazu oder nehme Ton weg. So funktioniert das Prinzip des Modellierens, durch eine Zunahme oder Wegnahme des Volumens. Ich kam zu dem Schluss, dass Zu- und Abnehmen sozusagen eine bildhauerische Arbeit ist. So kann man die Welt anders anschauen.

WK In manchen Kreisen wird eine korpulente Figur immer noch »mächtig« genannt.

EW In alter Zeit waren die wichtigen Männer »mächtig«, denn sie hatten gute Nahrungsmittel, während der Großteil der Bevölkerung abgemagert und hungrig war, die Dünnen, die Leidenden, die von Arbeit Ausgemergelten. Die Mächtigen mussten nicht arbeiten, die konnten nur fressen. Irgendwann in der Geschichte ist das gekippt. Plötzlich kam man drauf, dass man mit Work-outs und Diät eine höhere Lebensqualität hat. Schlankheit und Fett haben eine neue soziale Bedeutung bekommen. Nächstes Jahr habe ich eine große Ausstellung im Yorkshire Sculpture Park in der Nähe von Manchester. Meine »Fat Houses« und »Fat Cars« sollen dort aber nicht ausgestellt werden, weil ein großer Teil der Bevölkerung »obese« sei und ein dickes Auto und ein dickes Haus als beleidigend empfinden würde.

WK Passiert so etwas öfter?

EW In jeder Gesellschaft gibt es Beschränkungen. In Amerika durfte ich das »Narrow House« nicht ausstellen, weil niemand mit einem Rollstuhl hineinkann. Vor zwei Jahren hatte ich eine Ausstellung in Rom, da durfte ich keine Gurken und keine Wurst-Skulpturen zeigen, weil es hieß, das sei eine Beleidigung für die Männer, ein Schimpfwort. Gurken erinnern fatal an ein männliches Körperteil, ebenso wie Würste. Über die Männlichkeit mache ich mich ganz offen lustig. Die Männer haben die Welt mit ihrer toxischen Männlichkeit und mit ihrem Ego in den Abgrund geführt. So ist das ganze Drama, in dem wir uns befinden, entstanden. Ich hoffe, es gelingt uns mit der Hilfe der anderen Menschen, die nicht Männer sind, dass wir da rauskommen. Im Moment sieht es nicht gut aus.

WK Die Marmorwürste und Marmorsemmeln wirken körperlich wie antike Skulpturen.

EW Sie heißen Idole und sind eine Form von Abstraktion, aber in gewisser Weise auch Figuren, weil sie aufrecht stehen. Ich habe ein bisschen mit der Vorstellung gespielt, dass frühe Skulpturen mit den ersten menschlichen Darstellungen oft sehr abstrahiert sind, sodass man den Menschen nicht sieht, sondern ein Ding, das halt aufrecht steht. Ich versuche, da Parallelitäten zu erzeugen. Alle diese Gurken, Würste, Semmeln haben aber auch mit dem Würstelstand zu tun, der in Österreich eine Tradition wie die Kaffeehäuser hat, nur wurden dort eben Würste auf der Straße an die arme Bevölkerung verkauft. Am Würstelstand treffen sich am Abend sehr bestimmte Menschen, oft alte Männer in meinem Alter und älter, die eine ganz bestimmte Vorstellung von Welt haben, die sehr traditionell ist. Daher habe ich Wurst und Gurke und Semmel gemacht, weil sie das toxisch Männliche unterstreichen.

WK Trotzdem wirken die Objekte auch humorvoll. Ist Humor für Sie ein Vehikel, mit dem Sie die Leute packen können?

EW Ja, Humor … Ich nenne es lieber das Paradoxe oder Absurde. Es ist ja kein Witz, den man erzählt, damit die Leute lachen können, sondern ich möchte schon berühren. Es schwingen viele Ebenen mit. Eine davon kann der Humor sein.