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Die zweitgiftigste  Schlange überhaupt


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 27.10.2022
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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 11/2022

RegisseurWerner Herzoghat seinen Achtzigsten gefeiert – auch mit einer neuen Autobiographie, in der er weiterhin verschämt unterschlägt, dass er einst, abermals mit »Wüterich« Kinski, eine Fortsetzung zu seinem »Fitzcarraldo« drehte, die dann, man munkelt wegen ihrer unterirdischen Qualität, nie ins Kino kommen sollte. Der EULENSPIEGEL hat keine Kosten gescheut und Herzogs privaten Seniorengymnastik-Coach geschmiert, um hier weltexklusiv Auszüge aus dem unter Herzogs Schmutzwäsche versteckten Filmtagebuch präsentieren zu können.

Januar 1984, gestern: Mit einer beiläufigen Handbewegung schob ich die Spinne, eine absolut tödliche von der Größe eines Liliputaners, vom Tisch. Zornig dampfend seiner Verschlingung entgegenharrend stand eine Schale Maniok-Gnocchi vor mir, die brave Indio-Frauen in ihrer ohnmächtigen Bewunderung für mich dem Dschungel abgerungen hatten. Die Männer der Crew, sich wegen ...

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... der Nachschubverzögerung seit Tagen von Farnen ernährend, verkrallten sich verzweifelt in die Leiber der sie notwendigerweise betreuenden zweiundzwanzig Prostituierten, doch ich aß dann allein, nur so war es wahrhaftig. Kinski startete daraufhin den Motor des Caterpillars, um mich in einer Orgie des Hasses mit dem Kettenbagger aus vierfach legiertem Stahl zu zermalmen.

»Ich esse meine Schuhe, wenn du dich traust«, sagte ich ganz ruhig zu ihm. Im selben Moment traf meinen verdienten Drehbuchassistenten Meier ein Pfeil, quer durch seinen Hals, was glücklicherweise alle von meinen Gnocchi ablenkte. Abgefeuert wurde er von einem übermütigen Indigenen im »Saturday Night Fever«-T-Shirt vom Ufer des fast auf Empire-State-Building-Höhe angeschwollenen Rio Urubamba. Ich versah mein Arbeitsbuch in mikroskopischer Schrift mit der Notiz: »Als nächstes einen Disco-Tanzfilm drehen. Hauptrollen: Heidi Kabel und Kinski.«

Nachtrag (Juni 1997): Die Freude über diesen Einfall spüre ich noch heute, auch wenn ich wegen der rätselhaften Finanzierungsverweigerungen seitens der Filmindustrie das Projekt nie umzusetzen vermochte.

Die Männer verweigern die Weiterarbeit. Keiner glaubt mehr an unser Projekt. Keiner. Niemand. Absolut keiner. Kein Mensch. Kein Aas. In mir wühlt eine Verlassenheit wie ein Ameisenbär in einem Termitenhügel. Sie sagen, ich sei wahnsinnig, doch entweder wir bauen diesen U-Bahn-Tunnel mitsamt acht Stationen mitten im Dschungel oder

wir werden zugrunde gehen, es ist einerlei. In »Fitzcarraldo« will Fitzgerald ein Opernhaus im Urwald bauen, in der Fortsetzung meines Jahrhundertfilmes baut er nun die U-Bahn-Strecke, damit die Leute zu den Vorstellungen fahren können. Den kleingeistigen Einwand der Produzenten, dass es Fitzgerald in meinem Film ja nicht gelungen sei, das Konzerthaus zu errichten, habe ich mit dem Verweis auf die hochkarätige Besetzung des Sequels – neben Kinski Keith Richards, Marilyn Monroe, Nena, mehrere Insassen texanischer Todeszellen und der offiziell dickste Mensch der Welt – weggewischt. Von Kinski mal abgesehen konnten oder wollten dann freilich alle aus verschiedenen Gründen nicht.

Ein mathematischer Sichelmond ging dämpfejubelnd über den Bäumen auf. Der Urwald ist nur Mord, Notzucht, unterlassene Hilfeleistung. Ich aß heimlich das letzte Stück Schokolade, eine eiserne Ration. Nun ist da nur noch die Palette Pralinen im Kühllaster mit meiner privaten Verpflegung.

»Ikonoklasten! Süßwassermatrosen! Pantoffeltierchen! Pädophile Ficksäue!« – Kinskis besinnungsloses Toben, ausgelöst von dem Umstand, dass er gestern mit seiner Erektion in den Maschen seiner Versace-Hängematte hängenblieb – er hatte geplant, sich mit Geschrei auf das Zelt mit den Prostituierten zu stürzen –, hält seit 21 Stunden an. Er erzeugt eine kilometerlange Schneise der Verwüstung im Dschungel, umläuft dabei aber in großem Bogen sicherheitshalber jeden Frosch, jede im Malariafieber träumende Stabheuschrecke; dabei trägt er eine der Frauen zu seiner Grundversorgung auf seinen Schultern.

»Die Schneise können wir nutzen, damit wären die Rodungsarbeiten abgeschlossen. Aber wehe, du behauptest wieder in den Talkshows, du hättest diese Eingebung gehabt!«, sagte vorhin mein verdienter Produzent und Freund Walter Saxer. Und es ist mir schon jetzt so, als wäre es meine Idee gewesen.

Die Urwaldriesen schweigen in ihrer Pein. Ein Alligator verbirgt sich ob der sodomitischen Rituale seiner Rasse vor Scham im Dickicht. Die Männer sind seit Kinskis Rodungseinsatz wieder motiviert, die Tunnelarbeiten schreiten voran. Nachdem ich drei Gewehrschüsse auf meinen guten Freund und verdienten Kameramann Thomas Mauch abgefeuert habe, ist auch er bereit, weiterzuarbeiten. Wir haben drei von der Zivilisation bislang unangetastete indigene Dörfer mit eingespannt, um den Kettenbagger zu schonen. Es sind 58 Grad im Schatten, die Arbeiter trinken wegen der Wasserknappheit aus einem kotigen Schlammloch, in das wir Gebissreinigertabletten zur Desinfektion geben. Meinen eisgekühlten Selters-Vorrat offenbare ich besser nicht, um Tumulte zu vermeiden.

Als ich erwachte, fraß ein Kakadu gerade meine Socken, dann würgte er sie wieder hervor, und ich wusste, es ist eine große Metapher, aber für was, vermochte ich nicht zu sagen. Am Vormittag sägten sie meinem verdienten Kameraassistenten Sascha Masoch mit einer Kettensäge das linke Bein ab. Sie wollten ihn retten, eine Lanzenotter, die zweitgiftigste Schlange überhaupt, hatte ihn in den Fuß gebissen, wie sich dann herausstellte, in seinen rechten, doch als sie auch bei diesem zur Tat schritten, ging der Säge mittendrin das Benzin aus. Die Arbeit an meinen Filmen bringt oft Zerstörung, hastige Amputationen, aber auch gänzlich Unschönes mit sich. Der Dschungel steht Kinski in seiner obszönen Unzucht kaum nach, all das Fressen und Gefressenwerden erregen mich, erstmals werde ich nun das Zelt der Prostituierten aufsuchen, um mich tief in ihr kollektives Gedächtnis einzugraben.

Der erste U-Bahn-Waggon, von einem unmittelbar darauf abgestürzten Transportflugzeug über uns abgeworfen, ist ausgebrannt, weil mein verdienter Beleuchter Marquardt unbedingt in ihm rauchen wollte. Der korrupte Polizeichef von Iquitos verspricht Ersatz, er will einfach alle Waggons aus den U-Bahn-Tunneln seiner Stadt zu uns überführen. Meinen Einwand, dass Iquitos gar keine U-Bahn hat, tut er ab, indem er sagt, wir sollen einfach eine bauen. Mein verdienter Pyrotechniker Segundo sprengt unermüdlich Tunnel ins Erdreich. Affenkadaver stürzen von den Bäumen herab, auch dies ist eine große Metapher für irgendwas. Saxer fordert einen Seilzug mit viertausendfacher Übersetzung, Kinski verlangt, dass die »verschissenen Komparsensäue durchgängig ihre Schnauzen« halten. Die Welt ist fleckig und hart zu entschlüsseln.

Die Riesenschlangen würgen einander, ein gutes Zeichen. Nena ist heute überraschend eingetroffen. Versehentlich ist sie zuerst über Umwege zur Blumeninsel Mainau geflogen, die sie mit Manaus verwechselte. Kinski hängt ihr an den Fersen, doch er ist galant, verwies zur Begrüßung auf sein eigens frisch gewaschenes Geschlechtsteil. Diese positive Seite gibt es an ihm. Die Yanomami hassen ihn dennoch, erkundigten sich bei mir, ob sie ihn für ihre Festtagssuppe töten dürfen. Mit Blick auf den geplanten Tanzfilm verneinte ich schweren Herzens.

Trächtige Wolken erbrechen sich über uns in alttestamentarischer Weise. Saxer hatte unter Umständen recht, als er meinte, es sei Wahnsinn, in der Regenzeit an U-Bahn-Tunneln graben zu wollen, die nun in voller Länge überflutet sind. Als vorhin ein Huhn einem Artgenossen eine Feder vom Hintern rupfte, eine Szene wie ein Axiom für alle fundamentalen Fragen unserer Identität, fasste ich den Entschluss: Wir machen ab sofort einen U-Boot-Film, den wir als »Das Boot 2« vermarkten werden. Ich habe die Indios angewiesen, das Boot zu bauen, wir werden den Film machen, koste es auch unser aller Leben. Als Nena meinte, sie könne aus dem Gedächtnis eine Vorlage zeichnen, wollte mich mein verdienter Saxer aus unerfindlichen Gründen niederschießen, doch die Prostituierten horten alle Gewehre, um Kinski fernzuhalten. »Hunderttausend Höllenhunde! Mottenzerfressene Kamelimitationen! Töchterschänder!«, hören wir ihn schimpfen. Ich glaube fest daran – dieser Film wird etwas Großes.

GREGOR OLM