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Diese eine Liebe


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 07.12.2022

Life Stories

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Ganz der Alte? Anders als 1994 (l.) nehme er heute schon lange keine Drogen mehr, sagt Bela B. Und Alkohol trinke er inzwischen selten

Die Zahl hervorragender Schlagzeuger, die auch singen, ist überschaubar – zum einen Phil Collin s, klar, danach kommt auch schon Bela B. Es ist eine kleine, aber superfeine Welt, in der Individualisten am Start sind, die sich etwas trauen. Wie eben der singende Drummer der Punkrock-Band Die Ärzte. Hätte er noch ein Plätzchen auf seinem viel tätowierten Körper, würde da womöglich stehen: „Tu, worauf du

Lust hast und woran du glaubst, auch wenn du damit allein auf weiter Flur bist.“ Wer würde da nicht sofort zustimmen? Der einzige Unterschied: Der Mann spricht immer schon laut aus, was man selbst denkt und fühlt, aber (zu) selten offenbart.

Natürlich haben sich seine Aussagen im Lauf der vergangenen 40 Karrierejahre verändert, sind inzwischen weniger radikal in Ton und Wortwahl, aber immer noch klug und direkt. Aus der feinen Ironie ist – das unterscheidet Bela B von vielen Künstlern – nie ...

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... Zynismus geworden. Jetzt wird er 60, und man fragt sich, wie das sein kann: 60? Waren Die Ärzte doch eines der ersten Clubkonzerte, bei denen man dabei war, nach stundenlangem Anstehen. Das erste vom Taschengeld ersparte Bandshirt. Heute sind ihre manchmal sogar bestuhlten Shows mehr Familienfeste als gelebte Rebellion, aber der Spirit bleibt derselbe, was vor allem an Bela B liegt.

Als Dirk Albert Felsenheimer kommt er am 14. Dezember 1962 in Berlin-Spandau zur Welt, zusammen mit Zwillingsschwester Diana. Die Eltern trennen sich, als die Kinder fünf Jahre alt sind. Der Junge wächst in einem Frauenhaushalt mit Oma, Mutter und Schwester auf, besucht die Gesamtschule. Nach Ausbildungsversuchen zum Polizisten, Verkäufer und Schaufensterdekorateur steckt er ab 1982 mit seinem Kumpel Jan Vetter alle Kraft in Die Ärzte. Der eine nennt sich Farin Urlaub, der andere wählt seinen Künstlernamen in Anlehnung an Dracula-Darsteller Bela Lugosi und Comicfigur Barney Geröllheimer aus dem US-Cartoon „Familie Feuerstein“.

Ärztlicher Werdegang

Berlin ist damals im Umbruch. Die Mauer steht noch, aber unter der Oberfläche brodelt es. Viele Künstler aus dem Ausland zieht genau diese Atmosphäre an. Da- vid Bowie und Iggy Pop sind zwar schon wieder weg, aber spannende Musiker wie der junge Nick Cave bevölkern die Clubs. Wenn Bela B heute sagt: „Als Jugendlicher hast du die verdammte Verpflichtung, dein Leben auszukosten, und zwar jeden Moment“, kann man sicher sein, dass er diese Verpflichtung damals in den 1980er-Jahren selbst sehr ernst genommen hat. Ohne Exzess sind er und Die Ärzte nicht denkbar – auch künstlerisch: extrem deutliche Worte, harte Gitarrenriffs. Zumindest musikalisch bleibt das nicht ohne Folgen. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nimmt sich 1987 den Song „Geschwisterliebe“ vor. Der Vorwurf: Inzest-Verherrlichung. Das Lied landet auf dem Index, mehrere Ärzte-Alben werden im Anschluss aus dem Handel verbannt. Pleite und desillusioniert löst sich die Band 1988 auf.

Ohne Exzess sind er und Die Ärzte nicht denkbar

Statt der verpassten Chance hinterherzutrauern, gründet Bela B nur ein Jahr später eine neue Rockband namens Depp Jones. „Ein selbstzerstörerischer 20-Jähriger kann ja durchaus interessant sein, ein selbstzerstörerischer 60-Jähriger nicht“, sagt er Jahre später in der Wochenzeitung Die Zeit über diese Phase der musikalischen Selbstfindung. Damals lernt er Rodrigo „Rod“ González kennen, der dabeibleibt, als sich Die Ärzte 1993 wieder zusammentun. Einfach das alte Schema zu wie- derholen kommt für Bela B nicht infrage. Sich weiterzuentwickeln ist ihm wichtig. Das zeigt sich gleich mit dem ersten Lebenszeichen nach dem Ärzte-Comeback: „Schrei nach Liebe“.

Die Hymne gegen Neonazis ist der wohl wichtigste Ärzte-Song. Bis heute wirkt er nach. „Das Lied ist größer als wir. Es kam tief aus Farins und meinem Herzen“, sagt Bela B zum 20-jährigen Jubiläum des Hits und ergänzt, es sei traurig, wie wenig der Song an Aktualität verloren habe. „Schrei nach Liebe“ ist anders als andere, ähnlich erfolgreiche Klassiker der Band wie „Westerland“, „Zu spät“ oder „Junge“. Es ist mehr als ein Lied, ein politisches Statement. So was kann bei Musikern schnell ungehört verhallen oder arrogant rüberkommen. Bei Bela B passiert nichts dergleichen, weil er sich nicht als Prediger sieht und von Fans nicht als Moralapostel wahrgenommen wird. Er ist Individualist – einer mit Herz und Hirn, der Menschen anregen will, kritisch zu sein.

Schon 2011, als das Wort „Klimawandel“ noch eher Thema in wissenschaftlichen Abhandlungen als in der „Tagesschau“ ist, sagt der Musiker: „Jeder muss sich an seine eigene Nase fassen, sein Konsumverhalten überdenken oder sich darüber im Klaren werden, wie er gedenkt, mit seiner Umwelt umzugehen.“ Er selbst ist, obwohl „als Kind mit der Currywurst großgezogen“, wie er über sich sagt, schon lange Vegetarier, außerdem Mitglied der Nichtregierungsorganisation Attac, und er unterstützt die gemeinnützige Arbeit von Viva con Agua und PETA. Wie die Menschheit mit den Ressourcen der Erde umgeht, treibt ihn um, vor allem seit er und die Hamburger Fotografin Konstanze Habermann im November 2008 einen Sohn bekommen haben. Die Familie ist der Beweis, dass privates Glück und Punkrock zusammengehen. Öffentlich sprechen die beiden nicht darüber. Wenn es um das gemeinsame Leben geht, ist Reden für Bela B Silber, das Gold behält er für sich. Übel nimmt es ihm niemand, im Gegenteil.

Mit 60 Jahren wird er immer noch von vielen bewundert, vielleicht sogar mehr als früher. Ein abgehobener Rockstar ist er sowieso nie gewesen (abgesehen von den Frisuren), eher der Typ Kumpel und für weibliche Fans wahlweise Schwarm oder Großer-Bruder-Ersatz. So bodenständig, wie er wirkt, sind seine Vorstellungen von allem, was für ihn noch so kommen soll: „Ich schaue lieber in die nahe Zukunft und bin dankbar, was mir da passiert. Ich sehne mich nach nichts zurück.“ Stattdessen probiert sich Bela B lieber aus.

Seit Langem ist er nicht nur Drummer bei Die Ärzte, sondern auch Solokünstler. Als Schauspieler hat er im „Tatort“, bei „Alarm für Cobra 11“ und sogar in einer Cameo-Rolle in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ mitgewirkt. Dazwischen hat er Comicbücher verlegt, war Synchronsprecher und Romanautor. Sein literarisches Debüt „Scharnow“ über den Wahnsinn, der das Leben in der Provinz sein kann, ist vor drei Jahren erschienen. Ausprobieren, was geht, einfach machen, da ist er immer noch der, der er früher war.

Drummer, Romanautor, Schauspieler – einfach mal machen ist bis heute seine Devise

Gleichzeitig – auch das hat ihn immer schon ausgezeichnet – bewegt er sich auf der Höhe der Zeit. Auf die Frage eines Journalisten, welche entscheidenden Veränderungen die Welt bräuchte, antwortete er vor einer Weile: „Als Erstes müssen viel mehr Frauen in Regierungsposten und Führungspositionen kommen, weil die Alleinherrschaft weißer alter Männer uns nirgendwo hinführt. Plus junge Menschen, denen Lobbyismus, Klimawandel und Rassismus ein Gräuel sind.“