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Diese IT-Innovationen halten CIOs für überbewertet


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Computerwoche - epaper ⋅ Ausgabe 38/2022 vom 16.09.2022

Keine Technologie um der Technologie willen – dieses Mantra haben die meisten CIOs verinnerlicht. Doch es ist allzu menschlich, dass sich die IT-Manager wie alle technikaffinen Menschen von neuen Trends und digitalen Innovationen begeistern lassen. Gern überzeugen sie sich selbst davon, ob das Nutzenversprechen einer angepriesenen Technologie ihrem Unternehmen weiterhelfen kann.

Jeff Wong, Global Chief Innovation Officer beim Beratungsunternehmen EY, stellt fest: „Die Welt steckt voller neuer Technologien, die das Potenzial haben, die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und lernen, zu verändern.“ Das ständige Kommen und Gehen von Technologie-Hypes sei etwas, mit dem viele Menschen – auch mancher IT-Chef – nicht gut umgehen könnten. Auch wenn manche Technologie bahnbrechende Veränderungen in Aussicht stelle, sei das Timing immens wichtig. Die Fehlannahme, dass die Früchte bestimmter Investitionen ...

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Erfahrene CIOs haben traditionell einen nüchternen Blick auf neue Technologien. Metaverse und Web3 erscheinen vielen noch als leere Hüllen, die erst einmal gefüllt werden müssen.
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... sofort geerntet werden könnten, habe schon so manchen IT-Verantwortlichen dazu verleitet, voreilige Entschlüsse zutreffen.

1. Metaverse

Trotz der Aufregung – oder vielleicht gerade deswegen – ist das Metaverse für die Mehrheit der CIOs die meistgehypte Technologie. Kritikern zufolge erwecken Metaverse-Enthusiasten, darunter nicht zuletzt von der Anbieterseite, den Eindruck, die Menschheit würde mit dieser Technologie endgültig in einen neuen, digitalen Kosmos eintreten. Bob Johnson, CIO der American University of Paris, sagt dazu: „Das Metaverse könnte sich unter Umständen als eine großartige Entwicklung erweisen, Aber dafür müsste sich noch eine ganze Menge tun.“ Auch rundum Augmented-, Virtual- und Mixed Reality (AR, VR, MR) gebe es wunderbare Anwendungen, doch sie hätten keinesfalls das Zeug, unser Leben grundlegend umzuwälzen.

„Da ist viel Hollywood-Denken dabei, zu glauben, das Metaverse würde alles verändern.“ Die technologische Infrastruktur werde mit diesem hohen Anspruch sicher nicht mithalten. „Ich glaube nicht, dass das Metaverse in naher Zukunft unser Leben verändern wird“, ist der CIO überzeugt. Mit seiner Skepsis ist Johnson nicht allein: Eine aktuelle Umfrage des Softwareunternehmens Momentive in Zusammenarbeit mit dem Nachrichtensender Axios kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Mehrheit der US-Amerikaner gar nicht mit dem vermeintlichen Megatrend beschäftigt. Etwa 60 Prozent geben an, mit dem Konzept nicht vertraut zu sein, und von denen, die es kennen, haben 35 Prozent eher Angst davor, während nur 14 Prozent begeistert sind. 50 Prozent haben keine Meinung zum Metaverse.

Hierzulande sehen die Zahlen noch schlechter aus: Ein gutes Viertel der Deutschen (27 Prozent) hat einer Bitkom-Umfrage zufolge vom Metaverse gehört, die Hälfte dieser Gruppe weiß allerdings nicht genau, worum es eigentlich geht. Am Ende bleibt nur eine kleine Minderheit von fünf Prozent in der deutschen Bevölkerung, die sich wirklich zutraut, zu sagen, was es mit dem Metaverse auf sich hat.

Deshalb sei hier noch einmal beschrieben, worum es geht: Das Metaverse ist laut Bitkom eine „virtuelle, dreidimensionale Erweiterung der realen Welt, in der man als digitaler Zwilling oder Avatar lebt und künftig eventuell auch arbeitet und alltägliche Aktivitäten unternimmt, zum Beispiel eine Universität oder ein Konzert besucht.“

Im Metaverse können mit realem Geld virtuelle Güter gehandelt werden. Hinter den Avataren verbergen sich reale Personen, hinter virtuellen Maschinen reale Anlagenparks im Sinne eines digitalen Zwillings, so der Bitkom. Der Einstieg in das digitale Paralleluniversum erfolge am PC, per Smartphone oder mit Virtual-Reality-Brillen, wobei Augmented Reality eine wichtigere Rolle spielen werde. Generell baue das Metaverse auf etablierten Technologien auf, etwa AR und VR, aber auch Blockchain und künstliche Intelligenz.

Marcelo De Santis, Chief Digital Officer bei der Technologieberatung Thoughtworks North America, macht für den Hype die Ankündigungen der Facebook-Company Meta und das starke Wachstum von Non-Fungible Tokens (NFTs) verantwortlich. „Ich glaube, wir brauchen mehr Klarheit darüber, was das Metaverse ist und wohin es sich entwickeln wird“, sagt der CDO. Nur dann werde es gelingen, einen strategischen Rahmen zu setzen, um Technologie, Geschäftsmodelle und auch die IT-Talente in die richtige Richtung weiterzuentwickeln. Am Ende könne sich das Metaverse in einen sinnvollen Transformationsmotor verwandeln, der gut für die Wirtschaft, den öffentlichen Sektor und die Gesellschaft sei.

Trends in der Nahaufnahme

↔ Was ist das Metaverse? Wir erklären, was es mit der virtuellen Welt auf sich hat, welche Tools zum Einsatz kommen und welche Unternehmen den Ton angeben.

→ Distributed Ledger Technology Wussten Sie, dass der Blockchain-Basistechnologie Distributed Ledger eine ziemlich ineffiziente Form der Datenhaltung zugrunde liegt?

→ Kleine Geschichte der KI Die Wurzeln reichen bis Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.

Was ist Web3?

Web3 stellt eine dezentrale, nicht zu manipulierende Version des weltweiten Netzes in Aussicht – frei von Intermediären, und mit der gleichen kryptografischen Verifizierbarkeit ausgestattet wie Kryptowährungen, Non-Fungible Tokens (NFTs) und Distributed Apps, einer neuen Art dezentraler Applikationen, denen ein Distributed Ledger zugrunde liegt. Klingt kompliziert? Ist es auch. Das liegt daran, dass Web3 momentan ein unscharfes Konzept darstellt. Web3 ist eher der vermeintlich ideale Entwurf eines zukünftigen Webs als ein nutzbarer Technologie-Stack, auf dem Entwickler aufbauen können.

2. Blockchain

Die meisten CIOs haben die Blockchain-Technologie schon seit ihren Anfängen für einen Hype gehalten. Sie haben Recht behalten: Obwohl die Technologie schon seit fast einem Jahrzehnt bekannt und im Einsatz ist, hat sie bislang nicht den Nutzen und die transformative Wirkung gezeigt, die viele ihr zugebilligt haben.

„Blockchain klang damals cool und wurde schnell zu einem Buzzword, das Interesse weckte“, blickt Josh Hamit, Senior Vice President und CIO der Altra Federal Credit Union zurück. „In der Praxis hat es sich jedoch für viele Unternehmen als schwierig erwiesen, sinnvolle Anwendungsfälle für die Blockchain- beziehungsweise Distributed-Ledger-Technologie (DLT) zu identifizieren.“

Der CIO verweist auf eine Studie von Gartner, wonach die Blockchain-Akzeptanz nicht besonders hoch sei. Dennoch ist laut Hamit nicht zu leugnen, dass DLT damit begonnen habe, die Art und Weise, wie Geschäfte gemacht werden, zu revolutionieren. Viele CIOs seien aber noch nicht an Bord, geschweige denn andere Mitglieder der Führungsteams. „Untersuchungen von Gartner zeigen, dass knapp die Hälfte der CIOs kein Interesse hat, Blockchain-Technologie im eigenen Unternehmen einzusetzen.“ Es sei aber wahrscheinlich, dass die Technologie irgendwann doch noch ihr Potenzial ausschöpfen werde.

3. Web3

Greg Taffet, geschäftsführender Gesellschafter und CIO bei Taffet Associates, ist noch kritischer als Hamit. Für ihn sind Kryptowährungen, NFTs und Dezentrale Autonome Organisationen (DAOs) als Ingredienzien des Web3 komplett überbewertet. Aus Angst, etwas zu verpassen, würden sich einige Führungskräfte in diese Themen hineinstützen und Technologien implementieren, ohne gute Use Cases zu haben. „Sie setzen Projekte um, noch bevor sie herausgefunden haben, ob es zu ihren Vorhaben einfachere und bessere Technologien gäbe“, kritisiert Taffet. Er sagt aber auch: „Damit wir uns nicht falsch verstehen, Web3-Technologien haben enormes Potenzial – ich arbeite im Rahmen mehrerer Smart-City-Projekte selbst damit.“

Es sei aber eine echte Herausforderung gewesen, Mitarbeitende zu finden, die technisch versiert seien, aber auch die Businesserfahrung vorweisen könnten, um zu einem guten Ergebnis zu gelangen.

Lawrence Anderson, CIO beim US-Handelsministerium, sieht es ähnlich: Jede Technologie, die von einer großen Infrastruktur oder vom erfolgreichen Zusammenspiel mehrerer Parteien abhänge, habe stets mehr versprochen als geliefert. „Ich glaube schon, dass es sich bei Web3 um eine leistungsfähige Technologie mit viel Potenzial handelt. Aber wir sind noch nicht bereit dafür, sowohl was die Ressourcen als auch die technische Infrastruktur angeht, um diese Technologie zu stützen.“

4. Cloud Computing

Nein, Cloud Computing an sich ist kein Hype, und gerade in der Pandemie hat die Wolken-IT in vielen Unternehmen noch mal einen Schub erhalten. Dennoch halten nicht wenige CIOs die Cloud für überbewertet. Den Grund dafür nennt Monique Dumais-Chrisope, IT-Chefin der Encore Capital Group: „Wir beobachten, dass Lösungen aus den Rechenzentren eins zu eins in die Cloud verlagert werden, ohne dass dabei die wahren Vorteile der Cloud genutzt werden, die in der Cloud-native-Software-Entwicklung liegen.“ Viele Betriebe wunderten sich, wenn sie mit ihren Anwendungen in die Cloud wechselten und am Ende die gleichen Probleme mit ihren klobigen, nicht skalierbaren Anwendungen hätten, die sie aus ihren eigenen Rechenzentrum kennen würden. Diese Unternehmen hätten dann nur ihren „Hardware-ready Code“ in die Cloud transferiert. Viele ausgereifte Lösungen funktionieren ja schon jetzt in den angestammten Rechenzentren sehr gut, so die Encore-Managerin. Für die Cloud müssten sie ganz neu erfunden werden, um Vorteile zu bieten. Viele Softwareangebote seien aber nicht wirklich optimiert worden, es seien keine Cloud-native-Lösungen.

5. Künstliche Intelligenz

Für die Studie „Thriving in an AI World“ befragte das Beratungsunternehmen KPMG fast 1.000 Führungskräfte zu ihrer Meinung über künstliche Intelligenz. Drei von vier Teilnehmer sehen mehr Hype als echten Nutzen.

Diese Ansicht teilen auch einige CIOs, darunter Matt Nerney, CIO bei TPP Global Services. „Die Leute stellen sich KI als magische Blackbox vor, die alles richtig macht. Ich bin da eher skeptisch, weil ich die Grenzen der Technologie kenne.“ Dabei bestreitet der CIO nicht im Grundsatz die Leistungsfähigkeit von KI. Es seien aber eine Menge Ressourcen erforderlich, insbesondere große, gut aufbereitete Datensätze, um die Modelle zu trainieren. Es brauche zudem Data Scientists, um die Daten zu managen. Zudem sei es ein zeitaufwendiges und komplexes Unterfangen, KI zu implementieren. Letztlich gehe es ja in erster Linie um den Abgleich von Datenmustern.

Nerney warnt: „Es gibt oft Druck von außen auf die IT, etwa aus den Fachbereichen. Dort gibt es dann Leute, die unbedingt bestimmte Lösungen haben wollen, nur weil diese angeblich KI-Fähigkeiten bieten.“ Dies beobachten auch andere CIOs: Softwareunternehmen hübschen ihre Angebote mit dem Buzzword KI auf, um hohe Erwartungen und Kaufinteresse zu wecken.

6. Collaboration-Plattformen

So gut wie alle Unternehmen haben heute eine Vielzahl von Collaboration-Tools implementiert, um ihre Mitarbeitenden im Home-Office oder in einem Hybrid-Work-Szenario zu unterstützen. Eric Johnson von Momentive gehört zu den CIOs, die nicht glauben, dass das immer eine gute Idee war. „Wir wurden in der Pandemie mit Collaboration-Tools überschwemmt. Manche sind vielversprechend, aber ich glaube, dass sie im Zuge der Ausprägung von Remote- und Hybrid-Work-Arbeitsumgebungen überbewertet wurden.“ Der Sinn von Collaboration-Tools sei es, die Mitarbeitenden effizient und engagiert arbeiten zu lassen. „Wenn man dann aber für jeden nur erdenklichen Use Case ein eigenes Tool einführt, wirkt sich das negativ auf die Effizienz aus.“ Bedenkt man, wie schnell Tools wie Slack, Microsoft Teams, Zoom, Confluence und andere in den vergangenen zwei Jahren eingeführt wurden, überrascht die Skepsis von Johnson nicht.

Laut Gartners Digital Worker Experience Survey haben 2021 fast 80 Prozent der Beschäftigten Kollaborations-Tools für ihre Arbeit genutzt. Im Vergleich zum Jahr 2019 ist das ein Anstieg von 44 Prozent. Auch die Nutzung von Speicher- und Sharing-Tools sowie von mobilen Echtzeit-Messaging-Tools hat zugenommen – um 74, respektive 80 Prozent.

Ähnlich wie bei anderen aufstrebenden Technologien erwartet Johnson auch für die Collaboration-Tools, dass sie reifen und mit der Zeit bessere Nutzererfahrungen und Ergebnisse liefern werden. Auch werde sich der Markt konsolidieren. Die großen Konzerne würden die Best-of-Breed-Angebote nach und nach einsammeln. Hier und da dürften Einzelprodukte auch als Spezialisten überleben. Irgendwann werde eine vollständige, nahtlose Zusammenarbeit ermöglicht. Erst dann werde die Collaboration-Technologie dem Hype gerecht, der um sie herum erzeugt werde. (fm)