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DIESER MANN FLIEGT ALLEN DAVON


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 11.12.2018

Skispringer ANDREAS WELLINGER verrät, was er sich von Fußballer Arjen Robben abgeschaut hat, warum er Motivation aus den Erfolgen von Konkurrenten zieht und wieso Lockerheit und Zielstrebigkeit einander nicht ausschließen.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 1/2019

In die Luft gegangen: Fürs Fotoshooting wagt sich Wellinger zum Bodyflying in den Windkanal.



„Ich beobachte einfach gerne Menschen und schaue mir Details ab.“


Auf Gold-Kurs: Mit diesem Flug holte Andreas Wellinger im vergangenen Winter in Südkorea seinen ersten Olympiasieg im Einzelspringen.


Die Tränen laufen und laufen. Andreas Wellinger, der ewige Sonnyboy und Spaßvogel, faltet die ...

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... Hände vor den roten Augen, geht in die Knie, sein Körper bebt. Es ist der 10. Februar 2018, gerade hat er mit einem Sensationsflug auf der Normalschanze Gold bei den Olympischen Spielen in Südkorea gewonnen – und im Zielbereich übermannen ihn die Gefühle. Spätestens mit diesen Bildern lernt ganz Deutschland den jungen Bayern kennen und schließt ihn ins Herz. Auf die Tränen folgen Euphorie und weitere Erfolge: Wellinger feiert bis fünf Uhr morgens im Deutschen Haus, holt in den nächsten Tagen Silber auf der Großschanze und mit dem Team – und es stellt sich die Frage: Was kann da in den nächsten Jahren noch alles kommen? Schließlich ist Wellinger erst 22 Jahre alt.

Geboren in Traunstein, aufgewachsen in Weißbach an der Alpenstraße, gewinnt Wellinger 2014 noch als Teenager in Sotschi sein erstes Olympia-Gold mit der Mannschaft, holt 2017 bei der Nordischen Ski-WM Gold mit dem Team und zweimal Silber im Einzelspringen und fliegt 2018 auf den zweiten Platz bei der Vierschanzentournee. Acht Monate nach dem Wintermärchen in Südkorea parkt Wellinger, mittlerweile 23, seinen Audi im Norden Münchens vor einem Gebäude, das einem aufrecht gestellten weißen Schuhkarton gleicht. Es ist die Heimat der „FlyStation“ einer Anlage zum Bodyflying. Fürs Fotoshooting mit The Red Bulletin soll Wellinger im Windkanal fliegen.

Drinnen folgt Wellinger gebannt der Demonstration des Trainers, ahmt seine Bewegungen nach, legt sich selbst auf den 175 km/h schnellen Luftstrom – und: fliegt. „So schnell hat das noch niemand geschafft“, staunt der Trainer. Genau hinschauen und dann selbst machen, dieses Motto passt zum Thema des Interviews, das wir mit Wellinger führen wollen. Andere Sportler beobachten und Schlüsse für sich selbst daraus ziehen ist seine Leidenschaft. Immer wieder spricht er darüber, was er von anderen Athleten lernt. Sogar seine Ferien nutzte er dafür. Im Sommer begleitete er die Profis des FC Bayern München auf ihrer USA-Reise.

THE RED BULLETIN: Andreas, was bitte kann ein Olympiasieger im Skispringen von Fußballspielern lernen?
ANDREAS WELLINGER: Eine Menge. In den USA habe ich etwa gesehen, wie Arjen Robben, der ja schon fast alles erreicht hat, im Training jedes Aufwärmspiel und jeden noch so kleinen Zweikampf gewinnen will.

Ist das nicht normal für einen Spitzensportler?
Klar. Aber es bei einer Legende wie Robben mit eigenen Augen zu erleben, löst etwas in mir aus.

Was genau?
Wenn ich sehe, wie Robben das ganze Training über so fixiert ist, dass er seine komplette Umwelt vergisst, bleiben diese Eindrücke sehr lebendig in Erinnerung. Und wenn ich diese Erinnerung heute abrufe, motiviert mich das, im Training vielleicht auch noch einen Schritt weiter zu gehen.

Mir ist aufgefallen, dass du für einen Top-Athleten in Interviews oft von deinen Vorbildern sprichst. Warum spielen andere Sportler so eine große Rolle für dich?
Ich beobachte einfach wahnsinnig gerne Menschen und schaue mir Kleinigkeiten ab.

Ordentlich Puste: Im Windkanal trägt Wellinger ein 175 km/h schneller Luftstrom.


Was man von Thomas Müller lernen kann? Spaß haben UND das Ziel im Auge behalten.


Geht es genauer?
Wenn Athleten über längere Zeit erfolgreich sind, haben sie oft Fähigkeiten, unabhängig von ihrer Sportart, die sie von ihren Konkurrenten unterscheiden. Das kann ein besonderer Ehrgeiz sein, wie bei Arjen Robben, oder auch nur eine bestimmte Routine. Wenn mir solche Details auffallen, kann ich davon lernen.

Aber geht es als Sportler nicht darum, seinen eigenen Weg zu gehen?
Ich kopiere ja niemanden. Es geht um Inspiration. Ich sehe etwas, was für einen anderen Athleten funktioniert, und dann greife ich das auf meine eigene Art auf.

Vielleicht konkret an einem Beispiel erklärt? Du sprichst ja immer wieder auch von einem anderen Bayern-Star, der dich inspiriert: Thomas Müller. Wie viel Müller steckt in Wellinger?
Von ihm habe ich gelernt, dass sich Lockerheit und Zielstrebigkeit nicht ausschließen müssen.

Wie meinst du das?
Neben dem Fußballplatz tritt Thomas oft als Spaßvogel auf. Hält sich am Flughafen zum Beispiel grinsend seinen Reisepass ans Ohr und tut, als würde er telefonieren, um nicht mit den Journalisten reden zu müssen. Dazu seine ganzen Sprüche in Interviews und manchmal auch in einer Trainingspause oder in der Kabine. Auf den ersten Blick könnte man sich fragen, ob er seinen Job ernst genug nimmt. Dabei ist das nur eine Seite von ihm. Wenn’s auf dem Platz zählt, ist er verdammt zielstrebig. Diese Balance versuche ich auch zu finden.

Wo liegen die Grenzen?
Das ist schon mal ein Drahtseilakt. Einmal habe ich beim Aufwärmen vor einem Wettkampf gesehen, wie ARD-Moderator Matthias Opdenhövel und Ex-Skispringer Dieter Thoma gerade in die Kamera sprachen, und einen Schneeball auf sie geworfen. Die Idee kam total aus dem Bauch, beim Werfen habe ich mir überhaupt nichts gedacht. Aber dann schoss mir der Gedanke in den Kopf: Was wäre passiert, wenn die Kamera kaputtgegangen wäre oder sich einer der beiden verletzt hätte? Aber genau dieses kleine Risiko macht ja den Reiz aus – und wenn es gutgeht, kann das anschließende Lachen einen Moment vom Druck befreien und sogar einen kleinen Kick geben. Manchmal schieße ich aber auch übers Ziel hinaus.


Warum Roger Federer ein Vorbild ist? „Weil er sich mehr für das Spiel an sich als für den Erfolg interessiert. Das ist eine gesunde Einstellung für die Karriere.“


Zum Beispiel?
Eine völlig andere Situation: Bei der letzten Vierschanzentournee wollte ich einen Teamkollegen nach einem misslungenen Sprung aufbauen und sagte grinsend „Halb so wild!“ zu ihm. Das hat er völlig in den falschen Hals bekommen und mich nur finster angeschaut. Das tat mir im Nachhinein wahnsinnig leid.

Haben Idole schon immer so eine große Rolle für dich gespielt? Als Kind warst du ja großer Fan von Martin Schmitt.
Ich weiß noch, wie ich damals einen Sprung von Martin im Fernsehen sah und zu meiner Mutter sagte: „Das will ich auch machen.“ Ohne Vorbilder wie Martin oder Sven Hannawald hätte ich nicht mit dem Sport angefangen. Sie springen zu sehen hat mich auch später elektrisiert und motiviert, wenn ich mal in einer Krise steckte und ans Aufhören dachte.

Das erinnert mich an eine Theorie von Christoph Niemann, einem renommierten Illustrator. Er fragte sich, warum manche Menschen Künstler werden, obwohl kreative Arbeit gerade am Anfang fast ausschließlich aus Misserfolgen besteht. Seine Antwort: Sie müssen in jungen Jahren etwas gesehen haben – ein Gemälde, ein Buch, einen Film –, was sie derartig fasziniert hat, dass sie um jeden Preis etwas Ähnliches schaffen wollen und ihnen die Niederlagen nichts anhaben können. Ging es dir mit deinen Vorbildern ähnlich?
Da ist was dran. Natürlich hält die erste Euphorie aufgrund der Siege von Idolen nicht ewig. Aber bei mir wurde sie durch eine große Sehnsucht ersetzt, irgendwann auch einmal in ihrer Liga unterwegs zu sein.

… bis zur Goldmedaille im vergangenen Winter bei den Olympischen Spielen in Südkorea. Bald steht die Vierschanzentournee an, das erste Highlight der neuen Saison. Spürst du nach dem Olympia-Erfolg neuen Druck?
Schon. Als Siebzehnjähriger bin ich unbedarft drauflosgesprungen und war selbst überrascht, wie gut das lief. Manchmal vermisse ich diese Leichtigkeit, aber die kommt so natürlich nie wieder. Damals wusste ich gar nicht richtig, was ich da mache, heute ist selbst der Anstellwinkel der Handflächen optimiert. Aber darum gibt es natürlich mehr Details, über die ich nachdenken kann. Also muss ich mir eine andere Leichtigkeit erarbeiten.

Wie das?
Indem ich mich selbst nicht permanent überflügeln will. Tage, an denen alles passt und du weiter springst als je zuvor, sind natürlich die schönsten. Aber sie können auch eine Falle bedeuten, wenn du sie unbedingt wiederholen willst – und vor lauter Erwartungsdruck verkrampfst. Die Lösung liegt in der Erfahrung: Aus dem Training weiß ich, was ich auf jeden Fall kann, und genau das versuche ich im Wettkampf abzurufen. Wofür das reicht, wird sich dann zeigen. Selbst Legenden wie Roger Federer, bei denen es einem vorkommt, als hätten sie ihre Disziplinen über Jahrzehnte dominiert, übertreffen sich ja nicht ständig selbst.

Gerade Federer überwand auch jahrelange Durststrecken.
Das meine ich ja. Wenn du von dir selbst nur Siege erwartest, kannst du an so einer Zeit zerbrechen. Federer arbeitet auch in erfolglosen Jahren ruhig weiter. Er sagt selbst, dass er sich mehr für das Spiel an sich interessiert als für den Erfolg – ich glaube, das ist eine gesunde Einstellung für eine lange Karriere.

Federer gilt als extrem detailverliebt. Im Skispringen gehört das zur Jobbeschreibung – extreme Feinheiten entscheiden über Sieg und Niederlage. Woran arbeitest du aktuell?
Kurz vor dem Absprung bewege ich mein Knie minimal nach vorne, wodurch sich mein Rücken etwas krümmt. Diese Bewegung muss ich dann wieder korrigieren, sodass der gesamte Absprung unrund wird. Also arbeite ich jetzt daran, die Bewegung mit dem Knie zu vermeiden.

In dieser Phase des Anlaufs erreichst du über 100 Stundenkilometer. Wie kannst du dich da auf so ein Detail konzentrieren?
Am wichtigsten ist, dass ich mir die optimale Position vorher genau ausmale und im Kopf immer wieder durchgehe. Dann taste ich mich Anlauf für Anlauf heran und gleiche mein Gefühl mit den Videoaufnahmen und den Korrekturen der Trainer ab.

Kannst du noch ein Beispiel geben, wie sich die Vorstellungskraft aufs Springen auswirkt?
Zuletzt habe ich etwa daran gearbeitet, die Stabilität des letzten Drittels meiner Flugphase zu erhöhen. Dafür habe ich mir vor jedem Sprung genau vorgestellt, wie ich meine Position noch ein Stück länger halte – und irgendwann bin ich dann wirklich länger stabil geflogen.

Noch mal zurück zu deinen Vorbildern. Zu denen zählst du auch den japanischen Skispringer Noriaki Kasai, der mit 46 Jahren noch immer aktiv ist.
Was mich an Noriaki fasziniert, ist weniger sein Alter als seine Herzlichkeit. Seine Ausstrahlung ist nie negativ, er gönnt anderen den Erfolg – deswegen bezeichne ich ihn als Vorbild.

Gehört Konkurrenzdenken nicht zum Leistungssport?
Natürlich will ich am liebsten selbst zu jeder Siegerehrung. Aber wenn es nicht klappt, stehe ich vor der Wahl, mich zu ärgern oder mich mit dem Gewinner zu freuen. Und aus dieser Freude kann ich dann sogar Motivation für mich selbst ziehen.

Auf der Schanze, beim Surfen, in der Lederhose – Wellinger auf Instagram:@andreaswellinger

Styling ELCIN AISER
Make-up SEBASTIAN SALAS RODRIGUEZ
Location FLYSTATION MÜNCHEN
Flying Suit SONIC FLYWEAR
Sneakers ADIDAS
Unterhemd SAMSØE & SAMSØE

Ganz schön abgehoben: Nach kurzer Zeit fliegt Wellinger im Windkanal schon Kunstfiguren.


Fotos RICK GUEST