Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

DIESER SKATER FÄHRT … … SEINEN EIGENEN STIL


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 08.09.2020

SEINE TRICKS: LEICHTFÜSSIG. SEINE VIDEOS: EIN OPTISCHER GENUSS. SEINE KLEIDUNG: NÄHT ER SELBST. VLADIK SCHOLZ, 32, IST DAS STIL-VORBILD UNTER DEUTSCHLANDS TOP-SKATE-BOARDERN. BESUCH BEI EINEM, DER SICH MIT KREATIVITÄT NACH OBEN KÄMPFTE.


Artikelbild für den Artikel "DIESER SKATER FÄHRT … … SEINEN EIGENEN STIL" aus der Ausgabe 10/2020 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2020

LÄSSIGER SCHNEIDER. Profi-Skater Vladik Scholz entwirft seine Kleidung teilweise selbst – zum Beispiel die Leinenhose hier im Bild.


Vladik Scholz ist nicht zufrieden mit seinem Kickflip. Wieder und wieder fährt er auf der Ebene vorm Eingang des Gebäudes mit den mintfarbenen Kacheln an, springt, das Skateboard vollführt eine komplette Drehung um die eigene Längsachse, bis ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 1,09€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2020 von SKIP MARLEY: Opa hat die Welt verändert. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SKIP MARLEY: Opa hat die Welt verändert
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von DER CLUB DER TOTEN DENKER: JEAN-JACQUES ROUSSEAU: Wie kann man heute eigentlich noch Urlaub machen?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER CLUB DER TOTEN DENKER: JEAN-JACQUES ROUSSEAU: Wie kann man heute eigentlich noch Urlaub machen?
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von WASSERKRAFT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WASSERKRAFT
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von Jessica Schwarz „Ich will spüren, was wichtig für mich ist“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jessica Schwarz „Ich will spüren, was wichtig für mich ist“
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von Jessica Nabongo: Änderung der Reisepläne. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jessica Nabongo: Änderung der Reisepläne
Titelbild der Ausgabe 10/2020 von Willi Margreiter: Auf dem Holzweg zum Erfolg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Willi Margreiter: Auf dem Holzweg zum Erfolg
Vorheriger Artikel
GEHEIMWAFFE
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel DAS ABENTEUER DA DRAUSSEN
aus dieser Ausgabe

... es in der Luft parallel zum Boden schwebt. Vladik bringt das Brett noch im Flug wieder unter seine Füße, und beide, Skateboard und Skateboarder, landen auf der Erde. Aber so richtig glücklich ist er mit dem Trick nicht, er gelingt in Vladiks Augen nicht so gut, wie er sein könnte.

„Zum Skaten ist für mich der frühe Abend am besten“, erklärt er. Warum das so ist, weiß der 32-Jährige auch nicht so genau. Er steht vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Kölnisch-Wasser-Unternehmens 4711 in Köln-Ehrenfeld und blinzelt in die Nachmittagssonne. Er vermutet, dass der frühe Abend für ihn wegen der entspannteren Stimmung besser sei, wegen der dann schon aufgewärmten Muskeln und wegen der Sonne, die nicht mehr so grell vom Himmel brennt. Sagt’s und startet einen neuen Versuch, den Trick jetzt ordentlich hinzukriegen.

Das ist typisch Vladik: Egal was er tut, er folgt seinem eigenen Rhythmus. Und das Skateboarden war für ihn schon immer ein Weg, sich mitzuteilen. Dank dem Sport hat er seinen ganz eigenen Stil gefunden und, mehr noch: eine neue Heimat. Heute ist er in der Szene weltweit bekannt, besonders für die Leichtfüßigkeit und Eleganz, die seinen Skate-Stil prägen, wie auch für seine Outfits. Letztere stellt er eigenhändig her; wahrscheinlich ist er der einzige Profi-Skater der Welt, der eine Industrie-Nähmaschine bedienen kann. Aber der Reihe nach.

IN VLADIKS KINDHEIT GAB ES ZWEI SKATE-BOARDS, DIE SICH FÜNF JUNGS TEILTEN.

RETTUNGS-BOARD. Nach seiner Flucht aus Weißrussland half Vladik das Skaten, in Deutschland anzukommen.


HOCH HINAUS. Vladik zeigt einen elegant ausgeführten „360 Kick Flip“ vor der ehemaligen 4711-Zentrale in Köln.


Dass Skateboarden für Vladik eine ganze Zeitlang der einzige Weg war, sich auszudrücken, hat mit seiner Herkunft zu tun. Zur Welt kam er 1988 in der weißrussischen Trabantenstadt Nawapolazk, als Sohn einer alleinerziehenden Ingenieurin. Die Stadt im Norden des Landes war ursprünglich als Wohnstätte für die sozialistischen Arbeiterinnen und Arbeiter geplant worden, die in den Fabriken im Windschatten der Stadt Polazk arbeiteten. Vladik war gerade mal ein Schulkind, als seine Mutter beschloss, sich in Deutschland eine Arbeit als Haushaltshilfe zu suchen, um Vladik eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sieben Jahre lang pendelte sie zwischen Bielefeld und Nawapolazk, zwischen westdeutscher Beschaulichkeit und postsowjetischer Plattenbausiedlung, wo Vladik derweil bei seiner Oma lebte. Irgendwann dann wünschte er sich als Mitbringsel ein Skateboard von seiner Mutter, ein eigenes.

Unter den Freunden, mit denen er seine Nachmittage verbrachte, gab es zwei Bretter, die sich fünf Jungen teilten. Die ersten Versuche waren recht hilflos; Skate-Magazine schafften es nicht bis nach Nawapolazk, viel Internet war nicht, sowieso sollte es bis zur Erfindung von YouTube noch ein paar Jahre dauern. Moskau, wo es um die Jahrtausendwende herum schon so etwas wie eine Szene gab, war mit mehr als 600 Kilometern unendlich weit entfernt.

Irgendwann holte ihn seine Mutter nach Bielefeld. Vladik, mittlerweile 14 Jahre alt, war noch nie in Deutschland gewesen und sprach kein Wort dieser fremden, irre komplizierten Sprache, deren Schriftbild zu allem Überfluss auch rein gar nichts mit dem kyrillischen Alphabet des Russischen gemein hatte. Anfangs verwechselte er „Bitteschön“ und „Dankeschön“, in der Schule lachten sie ihn aus. Wenn er von der Lehrerin aufgerufen wurde, sprach er seine Antwort vor lauter Scham eher in sich hinein als laut und deutlich aus. Nur zwei Jahre dauerte es, bis sein Deutsch flüssig war. Aber bis heute ist es manchmal etwas vernuschelt, während er behauptet, in seiner Muttersprache über eine sehr klare Aussprache zu verfügen.

Skaten immerhin ging auch, ohne zu sprechen. Anfangs stand Vladik im Skatepark allerdings immer nur am Rand, schaute denen zu, die es besser konnten, und traute sich nicht, selbst zu fahren. Erst abends, wenn die anderen nach Hause gegangen waren, kam seine Zeit. Dann fuhr er unbeobachtet und frei. Je selbstbewusster er wurde, desto mehr zeigte er beim Skaten, wer er eigentlich ist, und desto mehr Anschluss fand er, machte sich Freunde – und irgendwann war er in Deutschland angekommen, dem Sport sei Dank. Von da an dauerte es auch nicht mehr lang, bis sein überdurchschnittliches Talent auffiel und dass er einen unverwechselbaren Stil fährt. Sein erster Sponsor kam nach nur einem Jahr auf ihn zu, seitdem geht es karrieremäßig eigentlich nur noch bergauf. Vladik Scholz sagt: „Das Skaten war meine Rettung.“

NEUES NETZTEIL. Dieses Einkaufsnetz hat Vladik in einen Rucksack verwandelt.


Heute fährt er nicht mehr im Skatepark, sondern ausschließlich auf der Straße, ob nun in Köln, wo er seit mehr als zehn Jahren lebt, oder in Spanien, Portugal, Rumänien oder China – wo auch immer es ihn hinzieht. Was seine Videos auszeichnet, ist zunächst ihre ungewöhnliche Gestaltung: Musik, Bildsprache, Schnitt – hier wirkt alles von vorn bis hinten durchdacht und sorgfältig aufeinander abgestimmt, unter Umgehung jeglicher Skater-Klischees.

Und dann ist da noch diese Leichtfüßigkeit. Während andere Skater nach einem Trick mit der Wucht und der Geräuschentwicklung eines Zwölftonners wieder auf dem Boden aufkommen, spürt man bei Vladik nur einen Hauch. Jede Bewegung sieht bei ihm ruhig und elegant aus, bei Sprüngen steht er praktisch in der Luft.

Diese Eleganz spiegelt sich auch in seinem Kleidungsstil wider. An diesem Nachmittag trägt er eine anthrazitfarbene Wollmütze, ein einfaches Longsleeve und eine selbst genähte Leinenhose. Seine Outfits bieten ihm genügend Bewegungsfreiraum fürs Skaten, sind aber gleichzeitig so klassisch schlicht, dass er damit auch in, sagen wir, einem Restaurant in einem französischen Seebad nicht unangenehm auffiele. Im Gegenteil. Das liegt aber auch daran, dass Vladik ein überaus charmanter und freundlicher Typ ist, der Menschen mit der gleichen Aufmerksamkeit begegnet, die er auch dem Skaten, seinen Outfits und seinen extra-stylischen Videos schenkt. Diese Eigenschaften machen ihn zu einem Gestalter mit großem ästhetischen Verständnis, dem es immer auf das Gesamtergebnis ankommt. Unter Kollegen gilt er gar als Style-Gott und Ikone.

Mitten in den 2010er-Jahren, als dicke, fette Logos auf T-Shirts, Caps und Beanies die Skate-Mode bestimmten, kaufte Vladik lieber in Secondhandläden ein statt in den einschlägigen Shops und trug dann eben eine Schiebermütze anstelle der üblichen Baseballkappen. Das lag daran, dass ihm schlicht das Geld fehlte für die gängigen Brands. Gleichzeitig hat er Mode auch schon immer als etwas begriffen, mit dem er kommunizieren konnte, wer er ist. Schon als seine Mutter ihm früher etwas zum Anziehen genäht hatte, hatte der kleine Vladik sehr genau gewusst, wo er noch einen Knopf haben wollte und wo nicht.

Weil nun aber die Anzughosen aus dem Vintage-Shop entweder am Bund zu weit waren oder an den Beinen zu eng und weil er sich irgendwann fragte, ob er sich nicht nach dem Muster seiner Lieblings-Chino eine Hose aus einem Stoff seiner Wahl anfertigen könnte, kaufte er sich vor fünf Jahren kurzerhand eine Nähmaschine. Vier Tage und ungezählte YouTube-Tutorials später hatte er sein erstes eigenes Modell gefertigt. Es liegt bis heute im Kleiderschrank seines Kölner WG-Zimmers. Er zieht es heraus, untersucht die Nähte und das Innenfutter. „Allein für die Paspeltasche“, sagt er und zeigt auf den verstärkten Eingriff, „habe ich einen Tag gebraucht.“ Mittlerweile würde er die ganze Hose sehr viel schneller hinkriegen. Nachdem er erst ein Praktikum bei einem Kölner Herrenschneider absolvierte, studiert Vladik heute im siebten Semester Bekleidungstechnik. Er liebt es, einen Schnitt erst im Kopf und dann auf Papier oder im Computerprogramm zu konstruieren und dann ein Kleidungsstück entstehen zu lassen. Derzeit hat er sein Herz an Leinen verloren – einen Stoff, für dessen Fasern aus Flachs Weißrussland ein wichtiger Markt ist. Von einem Markt in Usbekistan hat er Stoffe im Ikat-Muster mitgebracht, ein immer etwas verwischt wirkendes buntes Streifen-und-Zacken-Muster. Am liebsten setzt er sich nachts an seine Nähmaschine und stellt seine Mode her: die schwarze Leinenhose, die er an diesem Kölner Hochsommertag trägt, eine einfache lederne Gürteltasche, Jacken, Mützen.


MIT 14 KAM ER NACH DEUTSCHLAND. ER SAGT: „SKATEN HAT MICH GERETTET.“


JEDE MENGE STOFF. Vladiks Liebe zur Mode ist in seiner Wohnung sichtbar.


MADE IN JAPAN. Vladiks Industrie-Nähmaschine kommt aus Fernost.


SCHMALER GRAT. Vladik skatet heute hauptsächlich auf der Straße, selten in Skateparks.


SICHERE SACHE. Zu Vladiks jüngsten Entwürfen zählen Masken mit speziellen Designs.



ER IST VERMUTLICH DER EINZIGE SKATER, DER EINE INDUSTRIE-NÄHMASCHINE BEDIENEN KANN.


VLADIK WIRD ZUM KUGELBLITZ

Hier siehst du den Profi-Skateboarder auf einer beweglichen Holzbahn.

Wie in vielen anderen Subkulturen auch gelten beim Skaten heute keine so strengen Codes mehr wie noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Man muss nicht mehr Skatepunk oder Hip-Hop hören oder die Schuhe einer bestimmten Marke tragen, um Aufnahme in die maßgeblichen Zirkel zu finden. Und Vladik hat mit seinem eigenen ebenso unbeirrbaren wie klaren Stil einen Anteil an dieser Entwicklung.

Es hat lange gedauert, bis er etwas gefunden hatte, das er mit genauso viel Leidenschaft verfolgt wie das Skaten – und das sich noch dazu damit verbinden lässt. Heute könnte er ohne Probleme eine Kollektion an Skateboard-Basics herausbringen: zwei Hosen, ein paar T-Shirts und Sweater aus strapazierfähigen Stoffen in gedeckten Farben, durchdacht geschnitten und mit pfiffigen Details wie einem schlauen Verschluss oder einem besonderen Kragen.

Aber Vladik Scholz traut sich noch nicht so richtig und näht einstweilen nur für sich. „Mein Ziel ist es, irgendwann einen Kleiderschrank voller selbst gemachter Klamotten zu haben“, sagt er. In den vergangenen Monaten hat er immerhin an die hundert Mund-Nasen-Schutzmasken genäht und verkauft, natürlich nach einem eigenen Entwurf.

Vielleicht war das der Probelauf, um zu sehen, ob seine modischen Ideen das Potenzial haben, auch andere zu begeistern. Kommt Zeit, kommt Kollektion. Vielleicht.

Erst plant er ein anderes Projekt: Kommendes Jahr will er mit seinem Freund Patrik Wallner, der als Fotograf und Regisseur schon viele gemeinsame Skate-Trips begleitet hat, nach Weißrussland fahren – sofern es die politischen Umstände zulassen. Es wird das erste Mal seit mehr als 17 Jahren sein, dass Vladik Scholz zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Es wird eine Reise an den Ort, an dem alles begann. Dorthin, wo Vladik das Skaten kennenlernte, das seitdem sein Leben bestimmt und das er stilistisch in jeglicher Hinsicht nach vorne bringt.

Entdecke Vladiks Stil auf Instagram: @vladikscholz


@Fotos CHRISTOPH VOY