Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Dieses nationalistische Fieber ist furchterregend“


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 187/2019 vom 05.12.2019

Sie gab Polens Literatur eine neue Sprache:Dorota Masłowska , Autorin des Kultbuchs „Schneeweiß und Russenrot“, demaskiert das Polen der Gegenwart. „Andere Leute“ zeigt ein gespaltenes Land in der Krise: böse, provokant, voll schwarzer Komik, von immensem Sog.


Artikelbild für den Artikel "Dieses nationalistische Fieber ist furchterregend“" aus der Ausgabe 187/2019 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 187/2019

Ein Montagmorgen in Warschau. Der Himmel wie Blei, der Kopf schwer vom Alkohol, das Handy abgedreht, weil er die Rechnung nicht bezahlt hat – der Tag „gerade erst angebrochen und schon verkackt“. Sein Traum von einer Karriere als Rapper ist auch ein Alibi, um sich keine geregelte Arbeit suchen zu müssen. Die Jobs, für die er sich zu gut ist, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Buchkultur. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Ein Stück vom Glück. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Stück vom Glück
Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Zerbrechliche Schönheit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zerbrechliche Schönheit
Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Auf den Spuren der Seidenstraße. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Auf den Spuren der Seidenstraße
Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Weiterschurken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Weiterschurken
Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Zeitreisen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zeitreisen
Titelbild der Ausgabe 187/2019 von Virtuose der Vielfältigkeit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Virtuose der Vielfältigkeit
Vorheriger Artikel
Weiterschurken
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Zeitreisen
aus dieser Ausgabe

... sollen die Ukrainer machen. Doch dass die „Luft von seinen Steuern atmen“, ist ihm nicht recht. Sowieso ist Warschau seiner Meinung nach „okkupiert von Schwulen und Transen, blasierten Bonzengören, Schokos, Pakistanern und Tsching-Tschang-Tschong-Fitschis“. Und: „Sorry, das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Man darf, wenn man Dorota Masłowska heißt, und Sprache auch eine Waffe ist, die in die Wunden einer Gesellschaft sticht, deren niederste Instinkte gerade wieder aufbrechen. „Andere Leute“ ist Masłowskas vielleicht schwärzester Titel bisher und Kamil der wenig sympathische Antiheld, der mit 32 noch bei der Mutter im Plattenbau wohnt und das ausspricht, was „alle denken, aber nicht zu sagen wagen, weil die politische Korrektness das nicht will“. Drei Tage lang stolpert er durch das vom Smog vergiftete Warschau, das er von Jahr zu Jahr weniger versteht, und stößt dabei auf die neureiche, nichtsdestotrotz unglückliche Iwona, deren Mann er (unwissentlich) Drogen verkauft. Aus desolaten Verhältnissen, bildungsfern, ohne Arbeit und Perspektive, homo-und xenophob – und im Drogen-Suff vergreift er sich nicht nur im Ton, sondern auch an einer wehrlosen Frau.

„Andere Leute“ ist eine finstere Karikatur des gegenwärtigen Polens, ein böses Sittenbild postkommunistischer Realitäten und ein hartes Stück Konsumkritik – brutale Einsamkeit und Elend an den Polen der Gesellschaft: „Grausame Gesichter, grausames Aussehen, ohne Geschmack, selbst wenn sie Geld haben, wirken sie wie Kleiderpuppen von Lumpex, leibhaftig über die Straßen geisternde Halloween-Kostüme.“ Die „schrecklichen Polacken“, heißt es da wenig schmeichelhaft, erkennt man im Ausland von weitem: „Sandalen und Socken, auf dem Rücken einen Adler aus Schweiß.“ Auch Jesus hat sich den Realitäten angepasst (er hat ein paar Auftritte in den hochmusikalischen, teils gereimten, zwischen Trash und Popkultur verorteten und durch dramatische Dialoge durchbrochenen Gedankenströmen) und interpretiert das Evangelium neu, als Kamil ein paar Ukrainer in der Metro verprügelt: „Korrekturbedarf. Erhebe die Hand nicht gegen den Bruder … Hängt davon ab, gegen welchen.“


„Wir freuen uns über die Maßen für Olga Tokarczuk, aber ich glaube, der Preis ist auch ein Symbol für alle Polen, denen ein Polen am Herzen liegt, das vollkommen anders ist als jenes, das die PiS im Sinn hat.“


„Die letzten zehn oder zwanzig Jahre“, erklärt Masłowska, „waren in Polen eine Zeit fortschreitender gesellschaftlicher Polarisierung. Der soziale Konflikt eskalierte spürbar: Er ist sogar in Familien sichtbar. Demarkationslinien gehen durch alle möglichen Themenbereiche: Geld, Bildung, Religion, Sex, die Haltung zur EU. Und da sind die sozialen Medien, die es den Menschen erlauben, in ihren Blasen zu leben, sie haben keine Vorstellung, was und vor allem wer draußen ist.“ „Andere Leute“ – das ist auch ein sprachlicher Mechanismus der Verdrängung und Projektion: Oft benutzt, um in „andere“ Dinge hineinzuprojizieren, die man über sich selbst nicht wissen will. Polen, sagt Masłowska, die einer Generation angehört, für die der Kommunismus nicht mehr lange real existierte, sei heute kein Land mehr für Arme, Alte, Schwache, Loser. Junge, starke, schöne, hinterhältige Menschen haben das Sagen und präsentieren ihre „Superappartements, Autos, Yachten auf Instagram“.

Kapitalismus und Konsum seien ohne Gebrauchsanleitung über die postkommunistischen Länder gekommen. „Indem wir hysterisch unseren Reichtum aufbauten, vernachlässigten wir den Aufbau einer guten, ausgeglichenen, fairen Gesellschaft, und diese Vernachlässigung rächt sich nun. Die Menschen vermissen verzweifelt einfache Dinge wie Gemeinschaft, Bindungen, Zusammengehörigkeitsgefühl, Lebensqualität.“ Das Leben drehe sich mehr und mehr um das Konsumieren von Dingen, um „das Abgeben von Bewertungen, Daumen hoch oder runter. Dieses Modell beginnt auch unsere Beziehungen und Bindungen zu dominieren – wir konsumieren Menschen und Beziehungen – Iwona, bestellt‘ Kamil einfach zu sich nach Hause und konsumiert ihn, danach schmeißt sie ihn hinaus.“ „Für mich ist dieser Typ Mann sehr symptomatisch“, skizziert Masłowska ihren Protagonisten, der einem fast leidtun könnte, wäre er nicht ein solches Ekel. Seine Haltung „ist ein bisschen veraltet, würde ich sagen: In der Zeit steckengeblieben, aber immer noch sehr aktiv und sichtbar im öffentlichen Raum, ausgestattet mit all den unbestreitbaren Superkräften wie Frustration, Verachtung, Hass, die Eignung zu physischer Aggression. Machos, die von frustrierten, überarbeiteten, erstickten Müttern aufgezogen wurden. Und auf den Straßen.

Aus meiner Perspektive sind sie sehr interessant, denn sie sind besonders anfällig für Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit: Mangel an persönlichem Erfolg macht sie empfänglich für all diese populistischen Fantasien über den Ruhm eines Landes, nationalen Stolz und farbenprächtige heroische Mythen.“

All das also, was die gerade wiedergewählte rechtsnationale Partei „Recht und Gerechtigkeit“ hochhält, die am Unabhängigkeitstag mit Rechtsextremen aufmarschierte. „Es lässt einen wirklich vor Angst erstarren. Besonders jetzt, wo es höchste Zeit ist, dass wir uns verbünden und uns im verzweifelten Kampf für die Erde vereinigen, ist dieses nationalistische Fieber in höchstem Maß beides: furchterregend und nutzlos.“ Die PiS-Regierung, wird Masłowska deutlich, „ist ohne Zweifel der finsterste und peinlichste Abschnitt der modernen Geschichte Polens“, und „die Kirche immer noch eine riesige politische Macht. Unsere Regierung weiß das sehr gut und verbündet sich sehr zynisch mit der Kirche in diesen schwachsinnigen anti-homosexuellen, anti-weiblichen und anti-menschlichen Kreuzzügen, um die

Dorota Masłowska (im Bild mit Borys Szyc) in der Verfilmung „Wojna polsko-ruska“ ihres Romans „Schneeweiß und Russenrot“.


Stimmen zu gewinnen.“ Der Nobelpreis für Literatur an die Polin Olga Tokarczuk – das ist Anlass zum Jubel und ein Schlag ins Gesicht jener Partei, die gegen Minderheiten hetzt, antisemitische Ausfälle ignoriert, gegen kritische Medien und Kultureinrichtungen vorgeht und die Unabhängigkeit der Justiz untergräbt. Die Kultur in Polen, klagt Masłowska, „wurde nun schon vier Jahre lang systematisch und sukzessive ruiniert und in eine lächerliche Propaganda-Trompete umfunktioniert. Alle Institutionen, die unsere Kultur gedeihen ließen, wurden einem „Umstrukturierungs“-Prozess unterzogen, was für gewöhnlich bedeutet, dass alle erfahrenen, kompetenten Arbeiter und Amtsträger durch Marionetten ausgetauscht wurden. Die rebellischsten, kritischsten Theater und Institutionen wurden einfach fortgewischt, ganz zu schweigen vom Fernsehen.“

Tokarczuk, fährt sie fort, „wurde offiziell zur Anti-Polin erklärt und verboten. Ein paar Tage vor der Bekanntgabe wurde der Kulturminister von einem Journalisten nach ihren Büchern gefragt. Und er verkündete stolz, dass er einige begonnen, aber keines je beendet habe. Jeder kennt sie, nicht nur wegen des Nobelpreises.

Sie war in den vergangenen Jahren eine entscheidende Figur der kulturellen Opposition gegen die PiS. Sie ist alles, was unsere Regierung am meisten zu bekämpfen versucht: eine Frau, eine Feministin, eine Umweltschützerin, mit kritischer Haltung der polnischen Geschichte gegenüber. Außerdem: frei, im Ausland anerkannt, unmöglich zu diskreditieren. Für die PiS laufen alle diese Faktoren auf, antipolnisch‘ hinaus. Wir freuen uns über die Maßen für Olga Tokarczuk und sind überaus stolz auf sie, aber ich glaube, der Preis ist auch ein Symbol für alle Polen, denen ein Polen am Herzen liegt, das vollkommen anders ist als jenes, das die PiS im Sinn hat.“ Was es heisst, eine öffentliche und, „was noch schlimmer war, eine kontroversielle Figur“ zu sein, davon weiß auch Masłowska zu erzählen, die in einer kleinen Stadt nahe Danzig in einem noch von den Kommunisten errichteten Wohnungsbauprojekt aufwuchs.

„Schneeweiß und Russenrot“ hieß ihr fulminanter Erstling, mit dem sie 2002 einen atemberaubenden Start hinlegte (sie schrieb ihn innerhalb eines Monats, kurz vor der Matura). Ein Trip auf Speed, erzählt aus der männlich-rotzigen Perspektive des von seiner Freundin verlassenen Andrzej in einer Art poetisch verfremdetem Jugendslang – eine vorher nicht dagewesene, nichts weniger als politisch korrekte Kunstsprache. Drogen, Sex, Leere und (falscher) Patriotismus vor dem Hintergrund eines imaginären Krieges gegen den Russen – das war im postkommunistischen Polen literarischer Sprengstoff und spaltete das Kritikerlager. Übersetzungen in mehr als zehn Sprachen und eine Verfilmung waren die Folge, in der sich die Autorin selbst persiflierte. Mehr Exemplare verkauften nur noch die Gedichte des inzwischen heiliggesprochenen Papstes.

„Der Erfolg meines Buchs geriet außer Kontrolle“, erinnert sie sich. „Niemand erwartete ihn und niemand konnte mich vor dessen Tortur retten. Ich war ein Mädchen aus einer kleinen Stadt – vielleicht gescheit, aber vollkommen unfähig dazu und unvorbereitet darauf, ein Star zu sein, interviewt zu werden, fotografiert und – zur selben Zeit – kritisiert, verspottet, gehasst, gedemütigt. Wie dem auch sei: Ich bin froh, dass ich den Druck überlebt und mir die Freude am Schreiben bewahrt habe.“ Sie tue immer noch alles, um nicht erkannt zu werden.

Früher Erfolg garantiert noch kein langes Schriftstellerleben. An viele ihrer Generation erinnert man sich heute kaum noch. Doch Masłowska ließ sich nicht zum literarischen Starlet verheizen. Sie bekam eine Tochter und brachte nach dreijähriger Pause die stark rhythmisierte Mediensatire „Die Reiherkönigin“ auf den Markt, die sich aus Kryptozitaten des Hip-Hop speist. Das Buch fuhr die höchste Auszeichnung Polens, den Nike-Preis, ein und wurde für die Bühne adaptiert.

Mehrere Theaterstücke („Wir kommen gut klar mit uns“, „Zwei arme, Polnisch sprechende Rumänen“) machten sie auch im deutschen Raum zur nicht mehr wegzudenkenden Größe. Auch „Andere Leute“ wurde auf die Bühne gebracht. Nun harrt es seiner Filmwerdung, Koproduzent ist Warner Bros Pictures.

„Ich kann nichts, außer schreiben“, sagt Masłowska, „Sprache war immer meine, specialité de la maison’, meine Hausspezialität: das Erfassen der Sprache in ihren aktivsten, umgangssprachlichsten und defektesten Varianten; sprachliche und stilistische Verzerrungen auf die Spitze zu treiben und damit zu spielen.

Sie vorzutäuschen, zu parodieren, zu verspotten und zu verformen bis zu dem Ausmaß, wo Sprache beginnt, einen unterschwelligen Gehalt zu enthüllen. Manchmal einfach aus Spaß, manchmal, um unsere nationalen Obsessionen und Komplexe zu entlarven.“ „Masło reden“ – das wurde in Polen eine stehende Redewendung. Mit der polnischen Sprache könne man spielen „wie auf einem bizarren Instrument“.

Das tut sie virtuos. Als „Mister D.“ nahm sie ein Album auf: Lieder zwischen Rap, Punk und Dance, „einfach nur zum Spaß, nur, um mich davon zu befreien, eine seriöse, langweilige Schriftstellerin zu sein.“ Das Ergebnis lässt sich hören, und auch „Andere Leute“ ist „eine Art Fortsetzung dieser Faszination: Meine Idee war es, Musik ohne Musik zu schaffen – nur mit Sprache.“ Wenn Dorota Masłowska eins nicht ist: dann langweilig.

Das Interview in voller Länge demnächst zum Nachlesen auf www.buchkultur.net

Dorota Masłowska wurde 1983 in Wejherowo im Norden Polens geboren. Sie studierte Psychologie und „Anthropological Sciences“ in Danzig und Warschau. Ihr Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“ (2002) war eine literarische Sensation. Es folgten „Die Reiherkönigin“ sowie „Liebling, ich habe die Katzen getötet“. Masłowska schrieb auch fürs Theater. Mittels Sprache entlarvt sie Rollenbilder und gesellschaftliche Missstände. Sie lebt mit ihrer Tochter, ihrem Freund, einer Katze und einem Hund in Warschau.

Andere Leute Übers. v. Olaf Kühl, Rowohlt Berlin, 160 S.

Schneeweiß und Russenrot Übers. v. Olaf Kühl, KiWi, 240 S.


foto: iti cinemA