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Digital & gesund?


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IM + io - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 01.09.2022

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "Digital & gesund?" aus der Ausgabe 3/2022 von IM   io. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: IM io, Ausgabe 3/2022

IM io Im Fokus unseres Gesprächs stehen der Mensch und seine psychische Gesundheit im Kontext der digitalen Arbeitswelt. Zunächst aber ganz generell, Frau Schöller, wie nehmen Sie die Digitalisierung und den Einfluss, den sie auf Menschen hat, wahr?

AS: Ich finde, die Digitalisierung ist erst einmal wunderbar, weil sie einen großen Mehrwert mit sich bringt. Jobs, die sehr repetitiv sind, die nicht viel Kreativität brauchen, werden ersetzt durch Maschinen und neue Technologien. Das heißt, es bleiben mehr Jobs, die Empathie, Intuition und Kreativität brauchen und das sind Dinge, die erfüllend sein können für Menschen, die sich damit beschäftigen. Natürlich hat das Ganze auch Auswirkungen auf die Arbeitsabläufe, auf die Prozesse und Strukturen und da ist eben die Frage, wie wir mit der Digitalisierung umgehen. Denn es klappt nicht, einfach alles im Zuge der Digitalisierung umzustellen, die ...

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... Menschen in Ihrer Entwicklung aber nicht mitzunehmen.

Denn daraus entstehen gesundheitliche Probleme. Deswegen finde ich, die Digitalisierung hat sehr viel Potenzial für jeden und jede Einzelne von uns, aber wir müssen uns fragen, wie wir diese Veränderungen möglichst menschennah gestalten.

IM+io In Ihrem Arbeitsalltag kommen Sie mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt, sprechen über beruf liche Perspektiven, Sorgen und Nöte. Welchen Raum nimmt das Thema Digitalisierung und Beruf in ihren Beratungen und Coachings ein?

AS: In meinen Coachings und Beratungen geht es immer darum, die Arbeit gesund zu gestalten, also gesund zu arbeiten und dann gesund zu leben. So etwas wie die zunehmende Digitalisierung, die sich direkt auf die Arbeitswelt auswirkt, steht da natürlich mit im Vordergrund.

Die Menschen kommen zu mir und berichten von großem Stress und davon, dass sie durch die ständige Erreichbarkeit lange Tage haben. Auch Kontrollverlust ist häufig ein Thema, denn es lässt sich nicht richtig einschätzen, wie die Entwicklung weitergeht. Menschen brauchen immer Sicherheit. Das ist ein ganz großer Faktor für unser Wohlbefinden. Aber diese Sicherheit ist ein Stück weit weg, denn die Prozesse sind unvorhersehbarer und alles wird f lexibler.

Früher gab es selbstverständlich ebenfalls Stress, wenn auch durch ganz andere Faktoren verursacht. Der Stress heute, den die Menschen empfinden, hat etwas Diffuses. Inzwischen spricht man zum Beispiel nicht mehr von Work Life Balance, sondern von Work Life Blending. Also alles ist miteinander verschmolzen. Eine Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird zunehmend schwieriger und das kann auch die Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beeinträchtigen. Kernkompetenzen, die es im Zuge der Digitalisierung zu stärken gilt, sind Selbstfürsorge- und Selbstmanagementfähigkeiten.

IM+io Die Verschmelzung von Beruf- und Privatleben ist also einer der Hauptfaktoren für die psychischen Belastungen der Menschen, die Sie in Ihrer täglichen Arbeit betreuen?

AS: Ja genau. Zusätzlich sind wir auch einer enormen Informationsf lut ausgesetzt, sich da wirklich zwischenzeitlich rauszunehmen, das Handy und den Computer auszuschalten, ist wichtig. Das hat auch ganz viel mit Achtsamkeit zu tun, damit, in sich hineinzuspüren, um den Kontakt zu sich selbst nicht zu verlieren. Wir sind ständig abgelenkt und haben den Fokus auf den Medien und dem Weltgeschehen. Wenn wir uns da nicht die Zeit nehmen, den Pauseknopf zu drücken, dann wird es schwierig, denn dann kommen wir in einen Strom, in dem wir nicht mehr merken, was da gerade passiert und agieren nur noch reaktiv. Wir treffen keine bewussten Entscheidungen mehr, sondern lassen uns nur noch leiten. Das ist auf Dauer gefährlich und man fühlt sich zwangsläufig irgendwann ausgebrannt.

IM+io Die Digitalisierung hat in vielen Tätigkeitsbereichen zu einem Wandel geführt und der Arbeitsalltag in vielen Berufen hat sich im Vergleich zu dem vor 20 oder 30 Jahren stark verändert. Was sind die wichtigsten Fähigkeiten, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Zukunft mitbringen müssen, um erfolgreich und gesund zu sein, Frau Schöller?

AS: Ganz vorne sehe ich da Selbstmanagementfähigkeiten. Wie strukturiere ich mich in meinem Alltag und wie kann ich in die Verantwortung kommen, mich durch Beruf- und Privatleben zu steuern? Diese Verantwortung also selbst zu übernehmen und nicht ans Unternehmen abzugeben, ist wichtig. Sich selbst die Fragen zu beantworten: Wie arbeite ich am besten? Was tut mir gut? Wie viel Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen brauche ich? Das ist ja auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wir haben heute so viele Wahlmöglichkeiten, aber all diesen Entscheidungen geht immer eine gute Selbstwahrnehmung voraus.

Antonia Schöller

Antonia „Toni“ Schöller ist vieles: Coach, Trainerin und Moderatorin. In all ihren Tätigkeiten strebt sie danach, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Gefühlen in das Zentrum zu stellen. Daher möchte sie ihre Klient:innen nicht nur auf dem Weg zum beruflichen Erfolg begleiten, sondern sie auch beim Erreichen eines erfüllenden Berufs- und Lebensweges unterstützen. Toni Schöller hat einen Abschluss in Gesundheitspsycholgoie (M.Sc) von der SRH Mobile University und eine Reihe von berufsbedeutenden Zusatzqualifikationen.

Kontakt

hallo@tonischoeller.de

www.tonischoeller.de

Unser Organismus hat eine tolle Regulationsfähigkeit und wenn er beispielsweise mit Kopfschmerzen, Bluthochdruck oder Rückenschmerzen reagiert, möchte er uns in der Regel etwas sagen. Zu Medikamenten zu greifen, ist meistens dann maximal eine kurzfristige Lösung. Wichtiger ist es, zu hinterfragen, worin der Grund für die Beschwerden liegt. Das ist natürlich nicht der einfachste Weg und Medikamente lassen mich im Zweifel schneller wieder funktionieren, aber wenn wir solche Symptome immer wieder nur kompensieren, geraten wir in eine gefährliche Spirale. Zur Selbstmanagementfähigkeit gehört also in jedem Fall auch die Fähigkeit, ehrlich zu sich selbst zu sein.

IM+io Der Weg an die Wurzel ist also der Schlüssel für psychische Gesundheit in einer zunehmend digitalen Welt?S

AS: Ganz genau. Das ist aber etwas, das gerne übersprungen wird, weil wir all diese Anforderungen an uns wahrnehmen, die Schnelligkeit der Welt um uns herum und die Ablenkung. Nicht ohne Grund haben viele fernöstliche Entspannungsmethoden auch in Europa Einzug gehalten. Die Wirkung von Meditation, Achtsamkeit und Qigong auf den Menschen ist wissenschaftlich gut untersucht. Wer die Methoden nicht kennt, lässt sich aber zunächst gerne einmal abschrecken, weil es ungewohnt ist, aber es ist so wichtig, sich die Zeit zu nehmen und seinen eigenen Weg, beziehungsweise seine eigene Methode, zu finden. Nicht jeder und jede muss meditieren. Es kann auch ein achtsamer Spaziergang sein oder eine bewusst gesetzte Pausen, die entschleunigen.

IM+io Die Digitalisierung im Beruf wird häufig als Lösungsansatz für den Fachkräftemangel, dem wir uns ausgesetzt sehen, präsentiert und ist in der Regel als Unterstützung für die Mitarbeitenden gedacht. Aus Ihrer Sicht: Kann die Digitalisierung dem Fachkräftemangel entgegenwirken?

AS: Absolut. Die künstliche Intelligenz und all die tollen Sachen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, können wir nutzen, um den Fachkräftemangel auszugleichen. Die Frage ist immer nur, wie achtsam man das Ganze gestaltet und wo man trotzdem noch Menschen braucht?

Damit die Digitalisierung für die Menschen arbeitet und nicht umgekehrt. Nur Effizienz ist es ja auch nicht, was uns glücklich macht. Wir merken in der Gesellschaft gerade auch diesen Wertewandel hin zu mehr Sinnorientierung und Nachhaltigkeit. Also: Was braucht es da, um das Arbeiten passender zu machen für die Umwelt und für die Menschen? Das sind alles neue und wichtige Felder und ich sehe darin definitiv eine große Chance.

IM+io Die Voraussetzung ist aber, den Mitarbeitenden eine entsprechende Basis zu geben, damit sie sich gut aufgehoben fühlen, das haben Sie bereits angesprochen. Wie sieht es denn bezüglich des betrieblichen Gesundheitsmanagements aus? Hat man sich hier schon auf die neuen Anforderungen an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eingestellt?

AS: Das betriebliche Gesundheitsmanagement nimmt hier einen ganz wichtigen Stellenwert ein. Denn die Menschen brauchen in der digitalen Transformation eine Begleitung und da spielt vom Gesundheitsmanagement bis hin zur Unternehmenskultur alles mit rein. Auch das klassische Change Management. Also: Wie wird so eine Veränderung etabliert? Und: Wie werden digitale Prozesse etabliert? Es braucht immer eine Change Management-Kommunikation. Und wenn das gut gemacht wird, trägt das wiederum zu der Gesundheit der Mitarbeitenden bei, genauso wie das betriebliche Gesundheitsmanagement unterstützen kann, damit all diese Prozesse gut funktionieren. Beides muss zusammenspielen, ineinandergreifen.

Ich mache zum Beispiel viele Workshops zum Thema „Gesund führen“, in denen es darum geht, gesunde Rahmenbedingungen für die Mitarbeitenden und die gesamte Organisation zu schaffen. Ich finde, das ist ein wesentliches Moment, denn Workshops und Trainings sind erforderlich, damit diese Informationen geteilt werden. Dabei handelt es sich gar nicht um rocket science und alle wissen grundsätzlich, was es braucht, um gesund zu leben. Und trotzdem sieht die Realität bedauerlicherweise oft anders aus. Die Gründe dafür sind häufig sehr individuell und da benötigt man meiner Meinung nach ganzheitliche Maßnahmen und Interaktion miteinander, um individuell auf die Bedürfnisse eingehen zu können. An dieser Stelle hat das betriebliche Gesundheitsmanagement in meiner Wahrnehmung noch Wachstumspotenzial.

Die Menschen brauchen in der digitalen Transformation eine Begleitung.

IM+io Frau Schöller, haben Sie vielleicht drei ganz praktische Tipps für unsere Leserinnen und Leser, wie sie ihren digitalen Arbeitsalltag gesund meistern können?

AS: Also dann fange ich mit dem Tipp an, bewusste Pausen zu setzen. Dazu gehört für mich auch die Frage: Wie beginne ich den Arbeitsalltag und wie bringe ich ihn zu Ende? Sogenannte Inseln der Ruhe sind unglaublich wichtig, um den Energiepegel hochzuhalten. Wichtig: Da das Handy nicht mitnehmen, um nebenbei doch noch etwas Anderes zu machen. Das ist das Erste.

IM+io Plane ich die Pausen in meinem Kalender oder bekommt das Ganze dann eher wieder den Beigeschmack eines Termins?

AS: Ich würde mir da auf jeden Fall Blocker setzen, weil sonst schnell irgendetwas Anderes dazwischen kommt. Es ist eine „Erziehungsfrage“, diesen Blocker dann auch ernst zu nehmen. Macht man das nicht, wissen das die Kolleginnen und Kollegen ganz schnell. Gesundheit zu priorisieren, hat für viele Menschen einen Anklang von Egoismus. Sie möchten für die Mitarbeitenden und die Kolleginnen und Kollegen da sein und stellen sich daher selbst zurück. Mit Egoismus hat es allerdings nichts zu tun, wenn man die eigene Gesundheit aufrecht erhält. Das ist ein ganz, ganz wesentliches Element und das haben auch die Unternehmen verstanden, deswegen wurde das betriebliche Gesundheitsmanagement ja aufgesetzt. Denn das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nacheinander alle ausbrennen.

IM+io Kommen wir zum zweiten praktischen Tipp …

AS: Multitasking vermeiden! Das ist auch so ein Phänomen der Digitalisierung. Wir haben vor uns den Laptop, zusätzlich sind wir im Meeting, neben uns klingelt das Telefon und dann kommt noch ein Kollege vorbei und wir versuchen alles irgendwie nebenbei zu managen. Es gibt ganz viele Studien, die zeigen, dass das Zurückfinden in die Aufgabe nach jeder Unterbrechung sehr viel Zeit und Energie kostet. Das ist nicht effizient und auch nicht das, was der Mensch braucht, um gut arbeiten zu können. Deswegen widmet man sich am besten einer Sache und dafür dann richtig.

IM+io …und Drittens?

AS: Mein dritter Tipp gilt der Achtsamkeit. Dafür werde ich immer ein bisschen belächelt, weil die Welt der Unternehmen in der Regel anders ist. Aber bei Start-ups und jüngeren Unternehmen habe ich das Gefühl, dass Achtsamkeit bereits angekommen ist. Da gibt es dann zum Beispiel Office Yoga oder andere Angebote. In stressigen Phasen ist unser sympathisches Nervensystem aktiv. Ursprünglich war dies das Zeichen an den Körper zu f lüchten oder zu kämpfen. Daher ist es in diesen Phasen ganz schwierig, fokussiert zu arbeiten. Atemübungen sind hier das Topgeheimnis! Denn wenn wir tief einund ausatmen, können wir gar nicht mehr gestresst sein. So suggerieren wir dem Körper, dass wir entspannt sind. In einer Kampf- oder Stresssituation würden wir nie tief durchatmen. Durch die Atemübung signalisieren wir dem Körper also, dass keine Gefahr besteht. Der Organismus arbeitet immer für uns. Wir müssen nur wissen, wie wir damit umgehen und es für uns nutzen können. •

Kurz und Bündig

In der digitalen Arbeitswelt kommt es zu einer Verschmelzung von Privatem und Arbeit. Damit die psychische Gesundheit der Arbeitenden in diesem Umfeld erhalten bleibt, braucht es einen hohen Grad an Selbstmanagementfähigkeit. Arbeitende müssen in der Lage sein zu entscheiden, was ihnen wichtig ist. Gleichzeitig spielen das betriebliche Gesundheitsmanagement und die Unternehmenskultur eine entscheidende Rolle für die mentale Gesundheit in der digitalen Arbeitswelt.