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Digitale Transformation einer Schule


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 02.05.2022

Komm, wir machen das jetzt!« war 2016 die Initialzündung dafür, unsere gesamte Schule digital aufzustellen.Wir brauchten dann noch gut drei Jahre intensiver Planung der Details und ein weiteres Schuljahr für die Ausstattung von 940 Schüler:innen und 72 Lehrer:innen mit eigenen Endgeräten, die von uns eingerichtet und verwaltet werden. Damit das funktioniert, teilten wir an den Tagen der offenen Tür im Herbst 2018 den Eltern, die ihre Kinder bei uns anmelden wollten, mit, dass ihre Kinder für die Aufnahme in den Jahrgängen 5 und 7 zum Schuljahr 2019/2020 ein eigenes, elternfinanziertes iPad benötigen – und perspektivisch die gesamte Schule nachziehen wird: Zum Schuljahresstart 2020/2021 hatten alle Schüler:innen und Lehrer:innen ein eigenes iPad.

Mit der Eins-zu-eins-Ausstattung wird ein vollumfassendes und damit routiniertes digitalisiertes Arbeiten möglich. Mit dem Prinzip »Bring Your Own Device ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 5/2022

1 DIGITALITÄT wird nicht als eigenständige, sondern als Teil der klassischen Kulturtechniken verstanden (© Felicitas von der Meden)
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... (BYOD)« wird dieses Arbeiten nachhaltig, weil die dauerhafte Erneuerung der Geräte auch dann gesichert ist, wenn die öffentlichen Gelder nicht mehr in dem Umfang fließen (können) wie derzeit.

Es ist hilfreich, die Erwartungen griffig zu formulieren, sodass eine gemeinsame, gut verständliche Idee für die Institution Schule entsteht.

PÄDAGOGIK UND TECHNIK IM EINKLANG DENKEN

Mit diesen Wegmarken ging es dann in den Planungsprozess. Anfangs lauteten unsere Kernfragen: Welche Devices werden benötigt? Welche Infrastruktur muss aufgebaut werden? Schnell stellte sich heraus, dass wir uns damit zu sehr an der Technik orientierten, und es folgte der notwendige Schwenk zurück auf die Pädagogik. Am Ende wurde uns klar, dass es stets der parallele Gedankengang sein muss: Was will ich pädagogisch erreichen und welche Technik kann ich dazu nutzen? Was bietet mir die vorhandene oder angestrebte Technik an Chancen und wie kann ich diese Möglichkeiten der Technik pädagogisch einbinden? Vor diesem Hintergrund sehen wir übrigens die aktuelle Entwicklung in den Kommunen kritisch. Denn wir erleben, dass die Schulen zwar umfassend mit Hardware ausgestattet werden, sie aber keine Ressourcen für das Nachdenken darüber erhalten, wie diese Technik pädagogisch gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Mit diesem Vorsatz fiel dann die Wahl auf Tablets, da sie gegenüber den Laptops den Vorteil des Stiftes haben und vor allem kleiner, leichter und mobiler sind. Zudem können sich die Schüler:innen hinter den Geräten nicht verschanzen. Wir entschieden uns für iPads, weil das flächendeckende Administrieren für Apple-Geräte deutlich leichter ist und weil für Apple mehr pädagogisch relevante Programme geschrieben werden als für Android.

Auch für die technische Ausstattung des IT-Netzwerks mit mehr als 1000 Geräten stand im Vordergrund, dass sie einfach zu bedienen ist und von wenigen Menschen verwaltet werden kann, sodass wir die Verwaltung weiterhin bei uns im Haus halten und auf diese Weise eine schnelle Reaktion bei Problemen ermöglichen können. Mangels eigener Expertise holten wir uns für die technische Umsetzung Hilfe bei Firmen ähnlicher Größe, die mit einem solchen Digitalisierungsprozess schon mehr Erfahrungen hatten, um von ihnen professionelle Umsetzungsideen zu bekommen. Von ihnen haben wir gelernt, wie man ein solches Netzwerk aufbauen kann, welche Anforderungen an die Backbone-Struktur gestellt werden und wo die Stolperfallen dafür liegen. Der Begriff »Backbone« war für uns zunächst auch neu, wir gewöhnten uns aber schnell an ihn – und an weitere technische Begriffe. In der Informationstechnik (IT) steht »Backbone« (engl. Rückgrat) für den Kernbereich eines Netzwerks aus Kabeln, die verbaut werden, Knotenpunkten bis hin zu den »Accesspoints«, die das LAN ausstrahlen. Ein komplexes Feld, auf dem Entscheidungen zu treffen sind. In Zusammenarbeit mit einer Firma für digitale Veranstaltungen wurde schließlich im Rahmen der Brandschutzsanierung eine hochprofessionelle WLAN-Struktur geplant, die dann vom Schulträger verbaut wurde.

Aus dem Planungsteam heraus bildete sich im weiteren Prozess eine Gruppe, die Digitalität schon im Unterricht verwendete und so den Kolleg:innen Fortbildungen und vor allem Mikrofortbildungen anbieten konnte (vgl. den Beitrag von von der Meden in diesem Heft). In unsere sogenannten »App-Cafés« sind regelmäßig auch die Fragen aus dem Kollegium eingeflossen. Sie waren und sind darauf angelegt, dass bei einem analogen Kaffee konkrete Anwendungen aus dem Unterricht heraus gezeigt und kurzfristig ausprobiert werden können. Idealerweise reichen die Kolleg:innen die Themen ein, zu denen sie Input benötigen. Es ist aber auch möglich, selbst den Input zu geben. Wichtig ist dabei, dass das Thema im dafür angelegten Board hinterlegt wird. Dafür wurde ein Schema entwickelt: Das kann die App, so wird sie pädagogisch sinnvoll eingebunden, hier gibt es noch ein Tutorial (vgl. Abb. 2).

In einem App-Café entstand zum Beispiel folgende Modifikation der Umfrage-und Wordcloud-App »Mentimeter« für den Deutschunterricht: Im Rahmen der Lektüre eines Buches sollten sich die Schüler:innen in Protagonisten hineinversetzen, ihre Gedanken erahnen und sie als innere Monologe formulieren. Die Möglichkeit der App, Rückmeldungen einzusammeln, wurde genutzt, um die Gedanken der Personen mit 250 Zeichen zu erfassen. Diese kurzen Texte wurden gesammelt und unmittelbar digital präsentiert, sodass sich die Schüler:innen sofort darüber austauschen konnten. Vor allem wird dadurch möglich, unmittelbar Verbindungen zwischen den einzelnen Aussagen zu ziehen. Jede:r Schüler:in erfährt auf diese Weise eine Wertschätzung für das eingereichte Ergebnis. Zudem können die Ergebnisse nachhaltig gespeichert und weiterverarbeitet werden.

OFFENHEIT UND KOMMUNIKATION ALS SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG

Während der Pandemie boten Schüler:innen der Klasse 6 Schulungen über MS-Teams für Eltern an, damit diese das Vorgehen ihrer Kinder verstehen und unterstützen konnten. Das macht uns stolz, denn wenn die Schüler:innen selbst Ideen einbringen, wie Tools transformiert werden können, um die Erweiterung des Lernraums zu gestalten, ist die digitale Transformation der Schule auf einem guten Weg. Diese und weitere Schüler:innen werden an der Schule jetzt als Medienpaten etabliert, sie sollen im kommenden Schuljahr die Medientage für die neuen Schüler:innen vorbereiten und leiten.

Die im Planungsprozess gezeigte Offenheit, alle Beteiligten miteinzubeziehen, setzen wir fort. So gibt es zum Beispiel für die neuen Eltern der Jahrgangsstufe 5 kurz vor den Herbst- ferien einen Elternabend, an dem sie das iPad ihres Kindes mitbringen und konkrete Anwendungen aus dem Unterricht durchgeführt werden. Diese Gelegenheit, unsere Unterrichtsideen mit den Tablets mitzuerleben und auch zu hinterfragen, führt bei den Eltern häufig zu Aha-Erlebnissen, weil viele diese vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Tablets bis dahin nicht kannten. Vor allem ist diese Zeit gut verwendet, da damit die Eltern eingebunden und zu verständigen Partner:innen des Unternehmens Schule gemacht werden.

Die Veränderung der Prüfungskultur ist eine große Herausforderung, denn letztlich neigen viele Lehrer:innen dazu, bei den Prüfungen wieder auf die altbekannten Formate zurückzugreifen.

Neben dem routinierten Umgang mit den Geräten ist für die Kolleg:innen die rechtlich sichere Anwendung wichtig. Diese wurde auf mehreren Ebenen angestrebt. Zum einen konnte das Versprechen, dass sich kein:e Lehrer:in für die technische Unterstützung im Unterricht einsetzen muss, erfüllt werden. Zum anderen haben wir einen externen Datenschutzbeauftragten verpflichtet, der alle schulischen Anwendungen prüft und vor allem auch Begehungen und Schulungen durchführt, um alle Beteiligten für das Thema sowie datenschutzkonforme Arbeitsweisen zu sensibilisieren und über diesen Weg die Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu garantieren. Zudem ist die Arbeit im Hintergrund auf viele Schultern verteilt, insgesamt arbeitet fast ein Viertel der Kolleg:innen in Teams daran, das digitale Arbeiten zu unterstützen oder zu administrieren.

Es hat sich bestätigt: Maximale Offenheit und viel Kommunikation sowie der Ansatz einer ganzheitlichen digitalen Transformation, die alle Beteiligten betrifft und mitnimmt, sind eine gute Strategie. Natürlich und zum Glück werden auch an unserer Schule immer wieder einzelne Aspekte hinterfragt, aber das digitale Arbeiten wird nie generell infrage gestellt.

WIR ARBEITEN AN DEN NÄCHSTEN SCHRITTEN

Wie vielerorts so lief auch unser Start nicht glatt. Zum Beispiel wurden unser Kommunikations-und Lernmanagementsystem erst auf den letzten Drücker installiert und das WLAN-Netz erst einen Tag vor Schulbeginn angeschlossen; ein erster Teil der Geräte der Schüler:innen war schon in das System integriert, aber viele neue Geräte mussten noch eingebunden werden. Dafür haben wir viel Lehrgeld bezahlt, vor allem in Form von Zeit, die wir für den autodidaktischen Aufbau von Wissen investieren mussten, anstatt frühzeitig die Hilfe von Expert:innen einzubeziehen.

In jedem Jahr evaluieren wir den Prozess der Umsetzung unseres digitalen Arbeitens, um das Vorgehen zum Beginn des nächsten Schuljahres zu optimieren. Dazu gehört auch der kritische Rückblick auf die Einführung der iPads in den Klassen des jeweiligen 5er-Jahrgangs in einer Konferenz mit den beteiligten Lehrer:innen. In diesem Sinn ist die digitale Transformation bei uns nicht abgeschlossen. Mit unseren nächsten Schritten wollen wir das innovative pädagogisch-digitale Arbeiten im Sinne einer Erneuerung des Unterrichts nach dem SAMR-Modell (vgl. den Beitrag von Siewert in diesem Heft) im gesamten Kollegium ausbauen. Zum Beispiel soll das agile (Projekt-)Arbeiten ein fester Bestandteil werden. Das agile Arbeiten ist eine Methode, bei der den Teams nur ein Produktziel als Arbeitsauftrag vorgegeben wird, sodass die Schüler:innen sehr eigenständig arbeiten. Damit das gelingt, werden eingeübte Arbeitsschritte immer wieder durchlaufen.

Vor allem soll sich aber die Prüfungskultur verändern (vgl. den Beitrag von Wysocki et al. in diesem Heft). Das ist eine große Herausforderung, denn selbst wenn es gelingt, die klassische Unterrichtsstruktur viel stärker aufzubrechen, neigen letztlich viele Lehrer:innen dazu, bei den Prüfungen wieder auf die altbekannten Formate zurückzugreifen.

War »Komm, wir starten jetzt!« die richtige Entscheidung? Eindeutig und uneingeschränkt: ja. Zwar hat der Prozess viel Arbeit beansprucht und wir mussten immer wieder Rückschläge einstecken. Aber dafür haben wir viel bekommen: Unser Unterrichten sowie unser Arbeiten insgesamt haben sich maßgeblich verbessert. Die Pandemie mit den Schulschließungen hat uns jäh erfahren lassen, wie wichtig und schön das gemeinsame Lehren und Lernen in der Interaktion mit physisch vor Ort anwesenden Menschen ist. Sie hat uns aber auch das Potenzial digitaler Medien für die Erweiterung des Lernens und des Lernraums für unsere Schüler:innen und für uns vor Augen geführt, sodass unsere Devise zukünftig lautet: »Komm, lass uns weitermachen!«

EIKE VÖLKER ist stellvertretender Schulleiter der Schiller-Schule Bochum sowie Mitgründer von EDU:digital, Beiratsmitglied von 21future und Keyspeaker für den digitalen Changeprozess an Schulen.

 ↗ eike.voelker@iserv-schiller-schule.de