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DIRTY DEALS


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 45/2018 vom 02.11.2018

Football Leaks Monatelang arbeitete ein Geheimbund um den FC Bayern München an einer privaten Eliteliga. Für diese Pläne hintergingen die Spitzenvereine die Verbände und restlichen Klubs.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 45/2018

Karl-Heinz Rummenigge


Michael Gerlinger


Hans-Joachim Watzke


Christian Seifert


Gianni Infantino


María Claudia Rojas


Rinaldo Arnold


Nasser Al-Khelaifi


Khaldoon Al-Mubarak


Michel Platini


DPA PICTURE ALLIANCE (6), IMAGO SPORT, IMAGO STOCK (2), DDP IMAGES; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

Die Mail, die für die größte Revolution in der Geschichte des europäischen Fußballs sorgen könnte, fängt mit einem völlig harmlosen Satz an: »Hi Romano, ...

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... ich habe einen weiteren interessanten Fall, für den wir Dich gerne mandatieren würden.« Michael Gerlinger sendete sie am 3. Februar 2016 ab, Empfänger war die internationale Anwaltskanzlei Cleary Gottlieb.

Gerlinger, 45, ist Chefjustiziar des FC Bayern München und so etwas wie das heimliche Gehirn des Rekordmeisters. Er tritt nur selten öffentlich auf, aber ohne ihn trifft Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge seit über einem Jahrzehnt keine wichtige Entscheidung mehr.

Gerlingers Mail ist brisant, man könnte auch sagen: purer Sprengstoff. Es geht um nichts weniger als die Zukunft des europäischen Fußballs. Gerlinger beauftragt die Anwälte, zu prüfen, ob der FC Bayern München aus der Bundesliga aussteigen könnte und ob er seine Spieler in Zukunft noch für die Nationalmannschaft abstellen müsste.

Die Bundesliga ohne Bayern München? Die Nationalmannschaft ohne Mats Hummels, Joshua Kimmich oder Manuel Neuer? Ist so etwas vorstellbar?

Im Jahr 2016 scheint alles vorstellbar zu sein, es ist eine Art Zäsur im internationalen Spitzenfußball. Der Weltverband Fifa dümpelt nach einer Welle von Razzien und Verhaftungen führungslos umher. Auch die europäische Vereinigung Uefa muss zusehen, wie ihr Präsident Michel Platini wegen einer Mil - lionenzahlung des früheren Fifa- Chefs Joseph Blatter aus dem Amt geweht wird. Gleichzeitig steht die nächste Vergabe der Rechte an der Champions und Europa League bevor. Die Einnahmen für die beiden Wettbewerbe haben sich zwischen 2007 und 2017 nahezu ver - dreifacht und betragen mittlerweile über 2,2 Milliarden Euro.

Der Kampf, der nach Gerlingers Mail um all das viele Europapokal-Geld und um die Macht im Spitzenfußball entbrennt, ist geeignet, um als Vorlage für eine Fußball- Neuauflage von »House of Cards« zu dienen. All die Volten, die Härten, die Hinterzimmergespräche lassen sich mithilfe eines Datensatzes rekonstruieren, den die Enthüllungsplattform Football Leaks dem SPIEGEL und seinen Partnern des internationalen Recherche netzwerks European Investigative Colla borations (EIC) zur Verfügung gestellt hat.

Wer die Dokumente liest, bekommt ein Verständnis dafür, wer die tatsächlichen Entscheider im Fußballbusiness sind. Und wie rücksichts- und schamlos sie ihre Macht aufbauen, um ihrer Gier nach noch mehr Geld zu folgen. Es wird deutlich, warum der nationale und mittlerweile auch der internationale Wettbewerb in Vorhersehbarkeit erstarrt sind, warum es von der Champions League über die Bundesliga bis zur italienischen Serie A nur noch Abomeister gibt, die für gähnende Langeweile sorgen.

Auch deshalb steht der Fußball 2016 vor der Herausforderung, sich völlig neu aufstellen zu müssen. Nicht um für den Fan wieder vielfältiger, aufregender zu werden – sondern um weiterhin die Margen und die Reichweiten zu erzielen, die er sich im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut hat.

Für dieses Ziel sind einige Klubs offenbar sogar bereit, die oft beschworene Solidarität zwischen den Vereins- und Ligabündnissen, die seit Jahrzehnten den euro - päischen Spitzenfußball organisieren, zu verraten. Sieben der weltbesten Klubs schließen sich heimlich zusammen. Ihr Credo scheint zu sein: Der Tod jeder Show ist die Langeweile. Und gegen die Langeweile hilft nur eine noch größere, noch grellere Show, die größte Fußballshow auf Erden: die Super League, eine Eliteliga, ein Allstarwettbewerb, der exklusiv den ersten Adressen des europäischen Klubfußballs vorbehalten ist. Jedes Spiel ein Spitzenspiel. Das ist der Plan des Geheimbunds.

Heute, im November 2018, scheint die Idee der Super League neuen Auftrieb zu erhalten: Wie aus dem Entwurf einer vertraulichen Absichtserklärung hervorgeht, den Real Madrid vor wenigen Tagen von einer Beraterfirma erhalten hat, sollen 16 Topklubs ein Papier zur Gründung einer solchen Liga unterschreiben. Demnach soll sie von der Saison 2021 an starten. Einer der in diesem Papier genannten 16: der FC Bayern München.

DIE VERLOCKUNG

Charlie Stillitano hat schon etliche verrückte Dinge gemacht. Als in den Neunzigerjahren die US-Profifußballliga gegründet wurde, heuerte er als erster Generaldirektor der New York/New Jersey Metro Stars an. Später bewies er dann sein feines Gespür für große Geschäfte – und konzentriert sich seitdem auf internationale Fußballspiele. 2014 organisierte Stillitano ein Match zwischen Manchester United und Real Madrid im Michigan Stadium, zu dem 109318 Fans kamen. Bis heute ist das Rekord für ein Fußballspiel in den Vereinigten Staaten.

Stillitano, ein wuchtiger Mann mit Glatze, Hornbrille und Dreitagebart, sitzt heute oft in den VIP-Bereichen der mächtigsten Klubs Europas. José Mourinho, Startrainer von Manchester United, nennt Stillitano fast ehrfürchtig »Mr. Zero Mistakes«.

Das SPIEGEL-Team

Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Martin Hesse, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Gunther Latsch, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Robin Wille, Christoph Winterbach, Michael Wulzinger

European Investigative Collaborations (EIC)

»Expresso« (Portugal), »L’Espresso « (Italien), »Le Soir« (Belgien), Mediapart (Frankreich), »Nacional « (Kroatien), NDR (Deutschland), »NRC Handelsblad« (Niederlande), PLTV (Frankreich), »Politiken« (Dänemark), Reuters (UK), »Standaard« (Belgien), Tamedia (Schweiz), The Black Sea/RCIJ (Rumänien), VG (Norwegen)

Am 17. Dezember 2015, das zeigen die Football-Leaks-Dokumente, schrieb Stillitano eine Mail an zwei Führungskräfte von Real Madrid, an den Generaldirektor José Ángel Sánchez und an die Marketing - chefin, angehängt sei der aktuelle Entwurf für eine Super League: »Kann ich heute Eure Laptops benutzen, um die Präsentation zu zeigen? Danke, Charlie«.

Stillitanos Entwurf, gekennzeichnet mit dem Vermerk »Strictly Private and Confidential «, offeriert den Real-Entscheidern Folgendes:

‣ Die 17 Mannschaften mit der stärksten TV-Präsenz aus England, Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich würden permanent in einer europäischen Liga gegeneinander antreten.

‣ Aus der Bundesliga wären Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 dabei.

‣ Als 18. Teilnehmer käme ein Team aus Portugal, Russland, den Nieder - landen oder der Türkei hinzu.

‣ Die Liga würde 34 Wochen laufen, gespielt würde dienstags, mittwochs und samstags. Am Ende der Saison gäbe es eine K.-o.-Runde.

Die Diskussion um die Einführung einer Super League gibt es schon seit mehr als 30 Jahren. Immer wieder gab es Bestrebungen, den europäischen Fußball komplett zu reformieren und eine Liga für die Besten der Besten zu schaffen. Es wurden Geheimprojekte mit abstrusen Namen wie »Gandalf« entworfen, die Sonnenkönige des Fußballs wie der damalige AC Mailand-Mäzen Silvio Berlusconi oder später Real Madrids Präsident Florentino Pérez waren von der Gründung einer Eliteliga fest überzeugt.

Aber keines der Projekte konnte mit Stillitano mithalten: In seiner Präsentation rechnet er vor, dass jeder der Topklubs Jahreseinnahmen von »500 Millionen Euro plus« erreichen könne. Zum Vergleich: Real Madrid, der Champions-League-Sie - ger von 2016, erhielt von der Uefa rund 80 Millionen Euro.

In einer Super League, in der nur die Topmannschaften jede Woche gegeneinander antreten, so stellt Stillitano in Aussicht, könnten sich die Gesamteinnahmen der Klubs verdreifachen. Bereits für den Zeitraum zwischen 2018 und 2021 könnten sie laut Stillitano bei sieben Milliarden Euro liegen.

Monate später, im August 2016, wird Karl-Heinz Rummenigge bei einem Treffen der European Club Association (ECA) eine heikle Aussage treffen. Er ist zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren Vorsitzender der ECA, des weltweit größten Vereinsbündnisses, das die Interessen von mehr als 220 Klubs vertreten soll. Rummenigge erklärt laut einem Sitzungsprotokoll, das »die großen Klubs große Angebote zur Entstehung einer Super League erhalten haben und die Uefa dann vor einigen Wochen ein Meeting mit den Vertretern einiger der großen Klubs einberufen hat, um mit einem Angebot die Einigkeit im europäischen Klubfußball zu er halten«.

Rummenigges Botschaft ist klar: Die großen Klubs müssen mehr Geld und Macht von der Uefa erhalten, sonst würden sie eine eigene Liga gründen. Für die mittelgroßen und kleineren Vereine, deren Interessen die ECA eigentlich auch wahren muss, wäre ein solches Szenario ein Desaster. Bislang verteilt die Uefa die TV-Einnahmen nach einem kollektiven Schlüssel an die Mannschaften der Europa und Champions League; die Topklubs treten einen Solidarbeitrag an die kleineren Vereine ab. Wenn die großen Klubs die Uefa- Wettbewerbe verlassen würden, verlören die anderen Vereine Gelder in Millionenhöhe. Für manche der Klubs, die teils horrende Kader- und Infrastrukturkosten angehäuft haben, könnte ein solcher Bruch existenzbedrohend sein.

Die großen Vereine sind im Jahr 2016 in einer hervorragenden Position, um nahe - zu alle ihre Forderungen durchzusetzen. Aber wie konnte es so weit kommen?

Die Football-Leaks-Dokumente zeigen recht eindrucksvoll, dass Rummenigges Verhandlungstaktik geprägt ist von einem Werkzeug: der kalkulierten Desinforma - tion. Er sagt den jeweiligen Runden, vor denen er spricht, immer nur exakt so viel wie nötig, um eine Eskalation gerade noch zu verhindern. Insbesondere die ECA und auch die Ligaverbände werden von den Reformplänen der Großklubs kalt erwischt.

DER GEHEIMBUND

Am 30. Januar 2016 mailt Real Madrids Generaldirektor José Ángel Sánchez eine von Stillitanos Super-League-Präsentationen an den Vizepräsidenten der Königlichen. Sánchez schreibt dazu lediglich einen Satz: »Das Dokument muss analysiert werden.«

Real Madrid wählt nun einen Weg, der im Ego-Geschäft Fußball mehr als ungewöhnlich ist: Die Spanier organisieren gemeinsam mit sechs weiteren Topklubs eine Art Taskforce, die sich mit der Gründung einer Super League beschäftigen wird. In den folgenden Monaten werden Real, der FC Bayern München, Juventus Turin, der FC Barcelona, Manchester United, der FC Arsenal aus London sowie der AC Milan hinter dem Rücken der Uefa und der restlichen Vereine auch an der Option arbeiten, die nationalen Ligen und die Fußballverbände komplett zu verlassen.

Sieben Konkurrenten also, die nun in einer kartellähnlichen Struktur prüfen, wie sie die etablierten Wettbewerbe aushebeln könnten. Die Wettbewerbe, von denen sie bisher sehr gut gelebt haben.

Im Auftrag des Geheimbunds verschickt Bayern Münchens Chefjustiziar Michael Gerlinger im Februar 2016 seine erste Mail an die Großkanzlei Cleary Gottlieb. Nur 18 Minuten später erhält Gerlinger bereits eine Antwort. Einer der Anwälte bietet ihm ein Telefonat an. Wenige Stunden später mailt Gerlinger erneut an die Juristen. Diesmal ist es ein klarer Arbeitsauftrag: »Wie Du … sehen kannst, haben wir grundsätzlich drei Ausstiegsoptionen«: Die euro - päischen Wettbewerbe zu verlassen oder aber komplett aus den nationalen Ligen und ihren Verbänden auszusteigen – Letzteres unterteilt Gerlinger noch in zwei Szenarien für zwei Zeitpunkte.

Der Rest der Mail besteht aus Fragen, die die rechtliche Situation eines solchen Ausstiegs erörtern sollen. Fragen, die an allen Grundwerten der europäischen Fußballgemeinschaft rütteln:

‣ Könnten die Super-League-Klubs für mögliche Einnahmeverluste der Uefa haftbar gemacht werden?

‣ Müssten die Vereine nach einem solchen Ausstieg weiterhin ihre Spieler für die Nationalmannschaften abstellen?

‣ Könnten die Verbände oder Ligen Spieler für eine Teilnahme an der Super League bestrafen?

‣ Könnten die Spieler ihre Verträge aufkündigen, wenn ein Verein in eine private Super League wechseln würde?

Nur sechs Tage nach Gerlingers Mail findet in Paris ein Meeting des Klubbündnisses ECA statt. Mehr als 140 hochrangige Vereinsvertreter des europäischen Spitzenfußballs versammeln sich, sie werden über die Fifa, Uefa und eine mögliche Cham - pions-League-Reform debattieren. Der Vorsitzende, Karl-Heinz Rummenigge, erklärt laut Sitzungsprotokoll, dass die ECA und die Uefa eine »Evolution der Wett - bewerbe« anstrebten. Dazu gebe es einen »Austausch von Ideen auf unterschiedlichen Ebenen«, ein paar »informelle Gruppen « würden daran ebenfalls arbeiten.

Rummenigge ist offenbar ein wahrer Künstler im Verniedlichen bedeutender Fakten. Dass er auch noch einen hohen Grad an moralischer Flexibilität mitbringt, zeigt sein Seitenhieb gegen den Weltverband: »Die Fifa braucht eine transparente, demokratische und effiziente Struktur mit einer neuen Vision … Die Fifa als Dach - organisation muss die Grundtugenden des Fußballs wie Fair Play und Seriosität bewahren. «

Transparenz. Demokratie. Fairness. Seriosität.

Parallel zu Rummenigges blumiger Rhetorik prüft die internationale Großkanzlei im Auftrag von Bayern-Justiziar Gerlinger die Möglichkeiten, alles abzuschaffen, was die ECA gerade reformieren will.

Die Anwälte brauchen rund einen Monat für eine erste Analyse. Am 1. März 2016 erhält Bayern München ein vertrauliches Memorandum, das ein Lehrstück dafür ist, wie Topjuristen im modernen Fußball jede einzelne rechtliche Lücke ent - larven.

Auf 23 Seiten sezieren sie die rechtlichen Hürden für die Gründung einer Super League. Sie erklären, dass die Topklubs wohl weder von der Uefa noch von der Fifa für ihren Ausstieg ernsthaft zur Rechenschaft gezogen werden könnten, weil das grundsätzlich gegen das EU-Wettbewerbsrecht verstoßen würde. Die Anwälte verweisen zwar auf ein sogenanntes Memorandum of Understanding (MoU), das die Interessengemeinschaft der Klubs, die ECA, und die Uefa 2015 miteinander geschlossen haben. Diese Zielverein - barung sei aber nicht bindend. Denn, und das ist der Trick, das MoU, in dem die Klubs sich zur Uefa und zum gemein - samen Wettbewerb bekennen, sei eben nicht von den Vereinen unterzeichnet worden, sondern nur von der Dachvereinigung ECA.

Wem kann man in der Fußballbranche eigentlich noch trauen?

Dass Gerlinger dieses MoU mit der Uefa federführend ausgehandelt hatte und dafür von der ECA einen Bonus von 25000 Euro erhielt, steigert die Doppelzüngigkeit ins Bizarre.

Das Gutachten der internationalen Großkanzlei liefert den Topklubs zahl - reiche Argumente, um sich und ihre Spieler vor möglichen Klagen durch die Verbände, Ligen und konkurrierenden Ver - eine zu schützen. Allerdings sehen die Juristen auch einige Probleme, sollten die Vereine aus ihren Nationalverbänden aussteigen: Zum einen müssten die Klubs wohl trotzdem weiterhin Nationalspieler abstellen, weil Welt- und Europameisterschaften es den Spielern ermöglichen, »ihren Marktwerkt (und Gehalt)« zu erhöhen. Wer den Spielern diese Optionen verweigere, könnte schnell verklagt werden.

Zum anderen würde bei einem Ausstieg aus den Ligen speziell auf Bayern München ein großes Problem zukommen: Spielerverträge in Deutschland haben eine Sonderklausel, die die Spieler ausschließlich an die Bundesliga bindet. Sollte der FC Bayern München die Liga also wirklich verlassen, so die Juristen, könnten die Spieler ihre Verträge womöglich einseitig aufkündigen und ablösefrei wechseln. Ein Horrorszenario, weil den Münchnern so Hunderte Millionen Euro verloren gehen könnten.

Die Bayern lassen sich aber auch davon nicht merklich abschrecken. Sie werden in den folgenden Monaten gemeinsam mit den anderen Verschwörern, teuren Anwälten und schillernden Investoren an einer möglichen Lösung der Probleme arbeiten.

DER WHISTLEBLOWER

DPA PICTURE ALLIANCE (2); ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

»Was fällt dir auf, wenn du die Dokumente dieses Kartells liest?«, fragt John. Es ist August, er sitzt mit schwarzen Shorts auf einem Plastikstuhl in einem winzigen Apartment irgendwo in Osteuropa. Die Decke des Zimmers hat einen großen, feuchten Fleck, eines der Fenster lässt sich nicht mehr schließen. John starrt auf seinen Laptop, er lässt Unmengen an Dokumenten über den Bildschirm fliegen und sagt: »Die Klubs diskutieren hier die ganze Zeit über die Super League und wie sie den ganzen Scheiß noch besser vermarkten und noch mehr Geld verdienen können. Nur über eines reden sie nie: über die Fans. Über die Leute, die diesen Sport groß gemacht haben. Was macht eine solche Liga, in der die Spiele weltweit ausgetragen werden, denn mit dem Zuschauer? «

John hat den Fußball als Kind lieben gelernt; dass dieser Sport zu einem Geschäfts- und Unterhaltungsbetrieb geworden ist, geht ihm nahe. John sagt, es ekele ihn an, was das Geld mit und aus dem Fußball gemacht hat – die Korruption, die Steuerhinterziehung, die vielen schmutzigen Deals der Berater, Spieler und Funktionäre.

Vor rund drei Jahren hatte John genug. Der junge Mann, der in Wahrheit anders heißt, gründete die Enthüllungsplattform Football Leaks. Was als Homepage begann, auf der John vertrauliche Dokumente wie Spielerverträge, Transferabkommen oder Sponsorendeals öffentlich machte, ist mittlerweile zu einer der größten Bedrohungen der dunklen Seite des Fußballs ge - worden. John entschied sich im Februar 2016, dem SPIEGEL einen Großteil seiner Dokumente zu überlassen. Gemeinsam mit dem Recherchenetzwerk EIC hat das Nachrichten-Magazin seitdem riesige Datenmengen ausgewertet und zu Hunderten Geschichten verarbeitet.

Cristiano Ronaldo und mehrere Dutzend weitere Topspieler mussten nach den Enthüllungen millionenschwere Straf- und Nachzahlungen an die Staatskassen leisten. Die jahrelangen Steuerbetrügereien der Profikicker brachten sie fast ins Gefängnis. Mittlerweile laufen europaweit etliche weitere Ermittlungen gegen Spieler, Agenten, Steuerberater, Anwälte und Funktionäre; es geht dabei auch um Korruption, Steuerbetrug, Bestechung und sogar den Vorwurf der Vergewaltigung.

John reicht das noch nicht.

Anfang dieses Jahres übergab der Whistle blower dem SPIEGEL weitere Datenpakete. Mehr als 70 Millionen Dokumente und mehr als 3,4 Terabyte umfasst der Football-Leaks-Dokumentenschatz nun. Es ist das größte je dagewesene Datenleck. Darin enthalten sind auch die Papiere über die geheimen Pläne zur Super League.

Gemeinsam mit seinen EIC-Partnern wertete der SPIEGEL die Daten acht Monate lang aus. 80 Journalisten aus 15 Medienhäusern arbeiteten daran, all die Gesetzesbrüche und geheimen Deals offenzulegen. Diese erstrecken sich über die gesamte Fußballbranche: vom Präsidenten des Weltverbandes Fifa (siehe Seite 98) über Scheich-Klubs wie Paris Saint- Germain oder Manchester City (siehe Seite 106) bis hin zu kleineren Vereinen, die sich ausländische Jugendspieler wie Massenware einverleiben, mit ihnen Profit machen oder sie fallen lassen, und Berater, für die es offenbar überhaupt keine Grenzen mehr gibt. Doping, Wettbetrug, Rassismus – auch diese Themen lassen sich im Football-Leaks-Datensatz finden. Der SPIEGEL und das EIC werden diese Geschichten in den kommenden Wochen veröffentlichen.

WIE DIE TOPKLUBS ABKASSIEREN

Verteilerschlüssel

Alle drei Jahre wird der Verteilerschlüssel für die Ausschüttung an die teilnehmenden Klubs neu festgelegt. 2016 fiel die Entscheidung für die Saisons 2018/19 bis 2020/21.

Das bringt mehr Geld für die Topklubs …

…und eine Aufwertung der Champions League

Veränderung der Ausschüttung 2018/19 gegenüber der Vorsaison

»Das muss alles ans Tageslicht. Die Leute, die den Fußball so lieben und ständig dafür bezahlen, haben ein Recht darauf zu verstehen, wie diese Branche wirklich funktioniert. Der Fußball ist mittlerweile völlig außer Kontrolle geraten. Die Super- League-Pläne machen doch deutlich, wer in dem Sport noch das Sagen hat: Reiche Investoren und einige wenige Topklubs tyrannisieren alle anderen«, sagt John.

Der Fußball steht mittlerweile vor einer entscheidenden Frage: Wem gehört der Sport? Den Fans, die ihn groß gemacht haben? Den Klubs, die ihn am Laufen halten? Oder den Verbänden, die ihn kontrollieren sollen?

»Ganz ehrlich: Es ist mir egal, ob es eine Super League gibt oder nicht. Was mich stört, ist die Art von Geheimdeals, die die Superklubs abziehen. Alles passiert im Verborgenen, es gibt kaum Kontrolle, keine Transparenz – das ist doch der Nährboden für kriminelle Machenschaften!«, sagt John.

Er öffnet auf seinem Laptop eine als »streng vertraulich« markierte Präsenta - tion, offenbar hat der Geheimbund sie unter seinen Mitgliedern verschickt. Daraus geht hervor, dass der Fußball 2016 mehr als 16,7 Mil liarden Dollar aus dem weltweiten Fernsehmarkt einnahm – mehr als doppelt so viel wie die Sportart Nummer zwei, das American Football.

John sagt: »Die Fans und die Verbände müssen nachvollziehen können, was mit all dem Geld tatsächlich passiert. Stattdessen bleiben sie völlig im Unklaren, und am Ende greifen wieder nur ein paar wenige den Hauptanteil ab.«

John, der Aktivist, öffnet E-Mails von Michael Gerlinger, zeigt ECA-Protokolle von Karl-Heinz Rummenigge, scrollt durch Firmenverträge der Uefa. Woher hat er all das vertrauliche, geheime Zeug?

In jüngster Zeit gab es immer wieder Berichte, wonach Vereine und Anwaltskanzleien gehackt worden sein könnten, dass möglicherweise jemand von Football Leaks mit sogenannten Phishing-Mails Informationen abgesaugt habe. In Portugal, Johns Heimatland, überschlagen sich die Zeitungen und Fernsehsender seit Monaten, weil geleakte Daten dem populärsten Klub Benfica Lissabon zahlreiche Ermittlungen wegen mutmaßlicher Korruption, Spielmanipulation und Bestechung eingebrockt haben. Manche Medien behaupten, auch dahinter stecke Football Leaks. John sagt, er habe keine Lust, sich zu »allem Unsinn, der in irgendwelchen Zeitungen stehe, zu äußern«. Er betont zudem immer wieder, dass weder er noch irgendeiner seiner Mitstreiter ein Hacker sei. »Wir haben sehr gute Quellen und ein starkes Netzwerk, das uns mit vielen Informationen beliefert.«

Das kann man glauben oder es lassen. Was jedenfalls feststeht: Bislang hat sich keines von Johns Dokumenten als gefälscht herausgestellt. Die Geschichten, die aus seinen Daten entstehen, haben eine hohe gesellschaftliche Relevanz und decken sogar kriminelle Machenschaften auf. Der Whistleblower hat zudem nie versucht, die Stoßrichtung oder den Tenor eines Artikels zu bestimmen. »Wir schonen niemanden, wir arbeiten nicht im Auftrag eines Geheimdienstes, Verbandes oder Spielerberaters, wir werden von niemandem bezahlt«, sagt John. Wer außer ihm noch an dem Projekt arbeitet, das will John nicht verraten.

Er weiß, dass es in mehreren Ländern Ermittlungsverfahren gegen Football Leaks gibt, dass Fußballklubs und Spieler berater Privatdetektive auf ihn angesetzt haben. »Das Leben eines Whistleblowers ist problematisch. Aber ähnlich wie Edward Snowden, Chelsea Manning oder Julian Assange glauben wir sehr an das, was wir tun, und denken, dass diese Form der Aufklärung für die Gesellschaft wichtig ist«, sagt John.

Er öffnet eine weitere Datei. Es erscheint eine Präsentation mit dem Titel: »Ein Super-League-Szenario für den Topfußball in Europa«. John sagt: »Guckt euch das mal genauer an. Die Verbände haben 2016 im Zuge der Super-League- Verhandlungen jede Kontrolle über die Spitzenklubs verloren. Die Öffentlichkeit hat davon kaum etwas mitbekommen, aber diese Machtverschiebung wird verheerende Folgen für den Fußball

haben.«

DIE OPERATION

Charlie Stillitano lässt nicht locker. Im Jahr 2016, einige Wochen nach seinem Termin mit Real Madrid, besucht er auch die fünf Topklubs der Premier League: Manchester United, FC Arsenal, FC Chelsea, FC Liverpool und Manchester City. Das Treffen findet in einem Luxushotel in London statt. Kurz nach dem Meeting erscheinen Paparazzi- Fotos, die zeigen, wie die Topfunktionäre aus dem Hotel gehen. Das Boulevardblatt »The Sun« titelt: »Streng geheimer Super-League-Gipfel enthüllt«. Bis auf die Information, dass die Klubchefs sich dort getroffen und mit Stillitano über einen – wie auch immer gearteten –Wettbewerb unterhalten haben, dringt aber nichts nach außen.

Trotzdem geraten die englischen Spitzenklubs in Panik, die Presseabteilungen verabreden Statements, um die Sache wieder halbwegs in den Griff zu bekommen. Ein Berater der arabischen Geldgeber, die hinter Manchester City stehen, schaltet sich ebenfalls ein. Wie die Football-Leaks- Dokumente zeigen, schreibt er eine Mail an Citys Geschäftsführer Ferran Soriano: »Wir müssen in Zukunft sehr vorsichtig sein und um jeden Preis vermeiden, dass der Eindruck entsteht, wir wären ein Kartell. « Soriano antwortet, dass die Klubs sich in Zukunft in privateren Räumen treffen müssten.

Stillitanos Vorführungen gehen weiter. Anfang März reist er nach München und stellt sein Konzept Gerlinger vor. Stillitano, der den Geheimbund nur »Big Seven« nennt, erklärt mit seiner Präsentation, wie der Ausstieg aus den nationalen und internationalen Ligen sowie Verbänden gelingen könnte. Gerlinger wird Stillitano später bitten, ihm dieses Konzept zu mailen. Am 31. März soll es nämlich ein Meeting der »Big Seven«-Klubbosse geben, bei dem Gerlinger auch Stillitanos Ideen vorstellen möchte.

Bei diesem Treffen sind die Klubs deutlich vorsichtiger als ihre Kollegen in England. Die Bosse des Geheimbunds verabreden sich in einem Kongresshotel in Zürich, die Buchung der Konferenzräume läuft vertraulich auf den Namen eines unscheinbaren Reisebüros. Die Präsentation »Ein Super-League-Szenario für den Topfußball in Europa«, die auch den Whistleblower John so bewegte, wird nun den Klubpräsidenten vorgestellt. Aus ihr ergeben sich heikle Fragen: Sollen die Klubs die nationalen Ligen komplett verlassen oder nur die Uefa? Und wie weit müsste ihnen der Verband entgegenkommen, um dies zu verhindern?

Die Bosse diskutieren, ob eine Super League »geöffnet, halb geöffnet oder geschlossen « sein sollte. Also ob sich Mannschaften für diese Liga qualifizieren könnten oder ob dort lediglich ein festes Teilnehmerfeld ohne Auf- und Abstiege gegeneinander antreten würde. Den Klubchefs wird vorgerechnet, wie viel Geld ihnen durch die Organisationsausgaben der Uefa und durch die Solidaritätsabgaben an die kleineren Klubs verloren gehen. Es sollen Hunderte Millionen Euro sein.

Am Ende des Vortrags bleiben zwei Optionen: »Revolution« oder »Evolution«. Für eine Revolution müssten nun »Parameter und Zeitpläne für Austritte aus den Ligen und Verbänden« erarbeitet werden. Ein Kommunikationsplan, eine Vermarktungsstrategie und eine eigenständige Firma werden benötigt. Parallel dazu soll auch weiter die Möglichkeit der »Evolu - tion«, also ein Verbleib in der Uefa und den Ligen, analysiert werden. Über diese Pläne werden Gerlinger, Barcelonas Direktor Raúl Sanllehí und Stefano Bertola von Juventus Turin in den folgenden Wochen mit der Uefa verhandeln.

Doch bevor es Anfang Mai zu einem Meeting mit hochrangigen Vertretern des europäischen Verbands kommt, müssen noch einige Hürden genommen werden.

Zunächst geht es für Gerlinger und seine Mitverschwörer nach Amsterdam zum turnusmäßigen ECA-Treffen. Einige der kleineren Klubs diskutieren über die Pläne für die Reform der europäischen Wettbewerbe. Raúl Sanllehí erklärt laut Sitzungsprotokoll, dass die Uefa über die Einführung einer zusätzlichen Liga oberhalb der Champions League nachdenke: »… das wäre ein Umsatztreiber «. Rummenigge sagt, die »großen Klubs hätten einige Ideen für das Format«.

Kein Wort über einen möglichen Ausstieg aus den nationalen Ligen, kein Hinweis darauf, dass einige Topklubs bereits konkrete Konzepte für eine private Liga ausgearbeitet haben, und dann auch noch die Andeutung, dass es die Uefa sei, die die Pläne eines Elitewettbewerbs vorantreibe.

Die ECA-Sitzungen scheinen lediglich die Funktion von Beruhigungspillen zu haben, um die kleinen und mittleren Klubs unter Kontrolle zu behalten.

Sechs Tage nach dem Treffen mit den Klubs verschickt Gerlinger erneut eine Mail. Empfänger: Vertreter des Geheimbunds. Erster Punkt des Schreibens: »Gründung einer Firma in der Schweiz«.

Gerlinger erklärt, dass es eine Telefonkonferenz mit der internationalen Großkanzlei gegeben habe. Man überlege nun, eine eigene Firma zu gründen, um die wirtschaftlichen Rechte einer Super League zu verwalten. Diese Firma würde den »Druck« auf den Verband erhöhen. »Die Uefa fürchtet sehr, dass wir uns selbst vermarkten könnten«, schreibt Gerlinger. Allerdings ist die Gründung eines solchen Unternehmens in der Schweiz, wo auch die Fifa, die Uefa und die ECA sitzen, problematisch. Denn für ein »kommerzielles Unternehmen« benötige man dort ein Bankkonto. Nach einer neuen Gesetzgebung, so Gerlinger, sei die Gründung eines Firmenkontos aber offenbar nur möglich, wenn gleichzeitig auch »reale Büroräume und in der Schweiz lebende Mitarbeiter, die zeichnungsberechtigt sind«, für die Firma ausgewiesen werden könnten. Das verursache aber zusätzliche Kosten, weshalb der Geheimbund die Großkanzlei nun damit beauftragt, nach anderen Ländern zu suchen.

Den Klubbossen scheint allmählich klar zu werden, dass der Komplettausstieg aus den Ligen und Verbänden deutlich mehr Zeit und Planung bedarf.

Der Geheimbund intensiviert nun seine Gespräche mit der Uefa. Da die Erwartungshaltung der Big Seven nach all den Verlockungen und schönen Präsentationen riesig ist, die Uefa aber nahezu ahnungslos, passiert, was passieren muss: Es knallt.

Anfang Mai fliegen einige Mitglieder der Big Seven nach Budapest, zu einem Treffen mit hochrangigen Vertretern der Uefa. Vier Tage später verschickt das Sekretariat des Vorstands von Bayern München eine Mail, die von Rummenigge und seinem Juventus-Kompagnon Andrea Agnelli unterschrieben ist. Die beiden Machtmenschen resümieren die Budapest- Gespräche: »Keine unserer Erwartungen wurde erfüllt.« Die Uefa, so die beiden Funktionäre, sei offenbar nicht zu fach - gerechten Lösungen fähig. Sie führen an, dass »die Topklubs unbestritten die Treiber des Systems« seien und sich nun »globalen Bedrohungen« ausgesetzt sähen, weshalb eine Entwicklung der europäischen Wettbewerbe »keine Option, sondern eine Notwendigkeit« sei.

Die beiden Klubvertreter schreiben, sie würden einem Verbleib in der Champions League zustimmen, dafür sollten folgende Bedingungen erfüllt werden:

‣ Die Königsklasse wird in Zukunft nur noch mit 24 Teams bestritten.

‣ Klubs, die in der Vergangenheit große Erfolge hatten, sollen in Zukunft mit zusätzlichen Startplätzen belohnt werden.

‣ Europäische Spiele müssen auch am Wochenende stattfinden können, zudem müssen mehr Spiele so angesetzt werden, dass weltweit mehr TV-Stationen sie übertragen können.

‣ Die Klubs müssen den Wettbewerb gemeinsam mit der Uefa ausrichten und kontrollieren dürfen.

Gegen diese Forderungen wirken Demonstrationen gegen Montagsspiele oder Retortenklubs wie RB Leipzig wie Kindergartendebatten. Das, was Rummenigge und Agnelli fordern, ist faktisch eine riesige Macht- und Einnahmeverschiebung zugunsten der Topklubs. Drastischer formuliert: Es ist ein Verrat an den mehr als 200 kleineren und mittleren Klubs, die Karl- Heinz Rummenigge als Chef der Klubvereinigung ECA auch vertritt.

Entsprechend schockiert fällt auch die Antwort der Uefa aus. Das Treffen sei doch »die erste persönliche Begegnung« der Verantwortlichen zu diesem Thema gewesen, zudem habe es vor dem Gespräch »kein klar definiertes Ziel gegeben «. Entscheidungen könne man unter solchen Umständen überhaupt nicht treffen, außerdem: »Könnten Sie uns freundlicherweise mitteilen, wen Ihre Gruppe eigentlich vertritt?« Die Uefa führt anschließend aus, wie demokratische Prozesse im europäischen Fußball eigentlich abliefen und dass es unterschiedliche Abstimmungsgremien gebe, in denen solche Entscheidungen getroffen würden.

Die Mail ist das letzte ernsthafte Aufbäumen der Uefa gegen die Übermacht der Topklubs.

In den kommenden Wochen werden die Pläne des Geheimbunds für einen Ausstieg aus den Uefa-Wettbewerben immer konkreter. Die Juristen der Vereine prüfen, ob sie ihre Firma in Brüssel oder London gründen können. Sie legen sich auf ein Format für die Super League fest. Sie erarbeiten auch Berechnungsschlüssel für die Verteilung der Einnahmen.

Die Drohkulisse, die die Topklubs aufbauen, ist schon sehr nah dran an einer Erpressung. Und die Methode zeigt Wirkung.

Die Uefa sucht zunehmend die Nähe zu den führenden Köpfen des Geheimbunds. Es finden informelle Gespräche statt, ein »Handshake«-Treffen wird zwischen den Uefa-Vertretern und wichtigen Teilen der Big Seven arrangiert, Gerlinger und seine Mitstreiter reisen in die Hauptzentrale des europäischen Dachverbandes nach Nyon. Die Uefa übermittelt Angebote, in denen sie sich erheblich auf die Topklubs zu - bewegt. Die Reform nimmt nun richtig Fahrt auf.

Am 25. August 2016 präsentiert Rummenigge bei der ECA-Sitzung in Monaco die neuen Pläne: Man habe sich auf eine Champions League mit 32 Vereinen ge - einigt. Rummenigge gesteht ein, dass die »Kommunikation unter den Klubs nicht ideal war«. Aus Rummenigges Sicht sei daran die Uefa schuld, denn diese habe »strikte Vertraulichkeit gefordert«. Der Verband habe die Topklubs zudem gebeten, so Rummenigge, die aktuelle Rechtevergabe gemeinsam zu meistern. Von 2017 an habe die Uefa aber versprochen, an einer ernsthaften Reform des europäischen Fußballs mitzuarbeiten, die dann mit der neuen Rechteperiode, von 2021 an, umgesetzt werden soll.

Wer Rummenigges Auftritte vor den ECA-Klubs auswertet, weiß schnell: Das kann nur ein Teil der Wahrheit sein.

Denn zum einen stärkt die Lösung mit der Uefa vor allem die Großklubs. Sie werden durch die neuen Regelungen so viel Geld wie noch nie erhalten. Allein der »Traditionsparagraf«, der den Klubs mehr Einnahmen ermöglicht, die in den ver - gangenen zehn Jahren Erfolge in der Champions und Europa League aufweisen konnten, wird dem FC Bayern von der Champions-League-Saison 2018/19 an mehr als 30 Millionen Euro einbringen. Garantiert und noch bevor die Münchner das erste Saisonspiel bestritten haben.

Zudem wird mit der Reform die Siegprämie in der Königsklasse erhöht, auch das nutzt nur den Großklubs. Prozentual werden die Gelder für die Europa League und der Solidaritätsbonus gesenkt. Die Kluft zwischen den großen und den restlichen Klubs wird so weiter wachsen. Die Auswirkungen wird jede nationale Liga in Zukunft noch stärker zu spüren bekommen. Ein echter Wettbewerb ist nahezu unmöglich, wenn die Schere zwischen den Wettbewerbern dermaßen weit auseinandergeht.

Aber vielleicht ist das in Zukunft auch gar nicht mehr relevant.

Denn die Topklubs haben noch etwas anderes erstritten. Sie stellen zukünftig vier Direktoren in einer gemeinsamen Fir- ma mit der Uefa. Heißt: Die drei Verhandlungsführer des Geheimbunds, Gerlinger, Sanllehí und Bertola, rücken in dieses Gremium auf. Sie können sich in den kommenden drei Jahren alle Bilanzen, Sponsoren- und TV-Rechteverträge an - sehen, ihnen werden alle administrativen, organisatorischen und operativen Kosten der Uefa-Wettbewerbe fein säuberlich aufgeschlüsselt offenbart. Mit diesen höchst vertraulichen Marktinterna werden sie nun alles erfahren, was man für die Organisation eines eigenen Wett - bewerbs braucht. Das ist unbezahlbares Herrschaftswissen.

»Es ist ein großer Fehler der Uefa, und wir lehnen diese Entscheidung ab«, schrieb Lars-Christer Olsson einen Tag nach dem ECA-Treffen. Der Schwede ist Vorsitzender der European Professional Football Leagues (EPFL), eines Verbandes, der die Interessen von 35 nationalen Ligen schützen soll, auch die der Bundesliga. Insbesondere die gemeinsame Firma der Uefa und der ECA sei, so Olsson, »ein erster Schritt in Richtung einer privat orga - nisierten Super League«. Auch Christian Seifert, der Chef der Bundesliga, ist von den Reformvorhaben überrascht. Er sehe diese Pläne zum ersten Mal, schreibt Seifert.

Wenige Tage später wird der Generalsekretär der EPFL ein zehnseitiges Memo verschicken, das einen »rechtlichen und politischen Überblick über die aktuelle Situation « liefern soll. Die Reform der europäischen Ligen bewertet die EPFL dort noch drastischer, als es ihr Vorsitzender Olsson zuvor tat: »Diese Veränderungen sind entstanden durch den Druck und die Einschüchterung der Topklubs, die von einem Machtvakuum bei der Uefa profitiert haben. Sie haben ihre Reform mithilfe von Uefa-Apparatschiks durchgesetzt.«

ELF GRÜNDER

DPA PICTURE ALLIANCE; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

Michael Gerlinger, der Chefjustiziar des FC Bayern, sitzt Anfang Oktober in seinem Büro an der Säbener Straße, sein Schreibtisch ist voller Papiere, hinter ihm stehen zahlreiche Ordner. Gerlinger sagt, ihm sei es bei den ganzen Verhandlungen hauptsächlich um eines gegangen: die Selbstverwaltung der Klubs. Das sei eine wichtige Errungenschaft, jetzt würde man »überragend« mit der Uefa in der gemeinsamen Firma zusammenarbeiten.

Und was ist mit den Planspielen zum Bundesligaausstieg? Das sei geprüft worden, weil man sich auf alle Eventualitäten habe einstellen müssen. Aber eigentlich habe das niemand ernsthaft umsetzen wollen, und die Gedankenspiele seien auch schnell »völlig vom Tisch gewesen«. Sagt Gerlinger. Der Anwalt führt weiter aus, die Super League, das »seien ganz andere Möglichkeiten«. Da würden dann »Marken « gegeneinander spielen, die Kommerzialisierung des Fußballs würde neue Ebenen erreichen. Klar, der FC Bayern müsse bei so was immer dabei sein, man wolle doch zu den besten fünf Teams der Welt gehören. Karl-Heinz Rummenigge habe aber bei dem Gedanken an einen solchen privat organisierten Wettbewerb »sichtlich Bauchschmerzen gehabt«. Rummenigge sei dann auch derjenige gewesen, der gesagt habe, dass man sich mit der Uefa einigen solle. Sagt Gerlinger.

Ist die Super League damit beerdigt? Sie sei zumindest »so weit weg wie noch nie«. Man würde aktuell mit der Uefa über Formate ab dem Jahr 2024 sprechen. Vor einer Super League müsse »keiner Angst haben«. Sagt Gerlinger.

Offenbar sieht man das in Spanien etwas anders.

In der Nacht auf den 22. Oktober erhält Real Madrid eine Mail. Betreff: »Entwurf einer Einigung der 16«. Sie ist an Florentino Pérez gerichtet, den Präsidenten des Klubs. Das Schreiben kommt von der Firma Key Capital Partners, die ebenfalls in Madrid sitzt. Sie berät Konzerne, die das ganz große Ding planen.

Der Mail ist ein Dokument angehängt. Es ist der Entwurf einer 13-seitigen »bindenden Absichtserklärung« elf europäischer Topvereine für eine Super League. Wenn alles so kommen sollte, wie es in dem »Binding Term-Sheet« steht, wird es die Champions League von 2021 an nicht mehr geben. Stattdessen würden sich die elf wichtigsten Vereine des Kontinents von der Uefa lossagen und eine neue Elite - klasse gründen, die sich »European Super League« nennt. Die elf »Gründer« könnten nicht absteigen, sie wären 20 Jahre lang dabei. Weitere fünf Klubs würden als »Anfängliche Gäste« mit aufgenommen, sodass die neue Königsklasse aus 16 Mannschaften bestünde.

Das Projekt, so steht es in dem Papier, unterliege höchster Geheimhaltung. Als Datum für die Unterschrift der 16 Klubvertreter unter die »bindende Absichtserklärung « ist November 2018 vorgesehen, nur der konkrete Tag ist noch offengehalten.

Die elf Klubs, die demnach zu den unabsteigbaren »Gründern« der European Super League gehören sollen, sind laut des Vertragsentwurfs Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United, Juventus Turin, FC Chelsea, FC Arsenal, Paris Saint-Germain, Manchester City, FC Liverpool, AC Mailand. Und: Bayern München. Alle sieben Klubs des Geheimbunds sind also vertreten. Die fünf »Anfänglichen Gäste« wären demnach Atlético Madrid, Borussia Dortmund, Olympique Marseille, Inter Mailand und AS Rom.

Die elf Gründerklubs, so steht es jedenfalls in dem Papier, würden eine Firma in Spanien eintragen lassen, die die European Super League unter ihrer vollständigen Kontrolle vermarkten, organisieren und durchführen soll. Der Wettbewerb könnte zwei Phasen haben: eine Gruppenrunde und eine K.-o.-Runde. Womöglich würde eine zweite Liga unter der European Super League dazukommen.

Aus dieser Gruppe könnten die besten Teams am Ende der Saison in Relegationspartien um den Aufstieg spielen – allerdings nur gegen Klubs, die »Anfängliche Gäste« sind. Die Pläne lehnen sich ausdrücklich an die Euroleague Basketball an, die nicht völlig undurchlässig ist, um das Europäische Wettbewerbsrecht nicht zu verletzen.

In dem Papier sind auch mögliche Geschäftsanteile der einzelnen Klubs an der gemeinsamen European-Super-League- Firma angegeben: Demnach wären Real Madrid zu 18,77 Prozent, der FC Barcelona zu 17,61 Prozent und Manchester United zu 12,58 Prozent beteiligt. Bayern München wäre mit 8,29 Prozent der viert - größte Aktionär.

Das Wort Uefa taucht in dem Vertragsentwurf mit keinem Wort auf.

Auf Anfrage wollten weder Real Madrid, die Firma Key Capital Partners noch Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans- Joachim Watzke das konkrete Papier kommentieren. Dass es aber aktuell Gespräche über die Super League gebe, »das ist klar, und ich glaube auch, dass ein paar der großen Klubs Europas da deutlich dran stricken «, sagt Watzke. Allerdings seien diese Pläne wohl noch »nicht sehr konkret«. Dies hänge auch mit einer entscheidenden Frage zusammen: Soll die Super League zusätzlich zur oder anstelle der Bundesliga stattfinden? »Das ist die Brandmauer«, sagt Watzke, »solange ich hier Verantwortung trage, wird der BVB die Bundesliga nicht verlassen.« Darüber hinaus müsse sich die Borussia aber »alle Optionen aufhalten «. Denn wenn es einmal zu einer Super League kommen sollte, »dann würde das nicht ohne den BVB gehen«.

Michael Gerlinger und Karl-Heinz Rummenigge ließen eine schriftliche Anfrage zu den neuen Super-League-Plänen und zu den Absprachen des Geheimbunds vom Mediendirektor des FC Bayern München beantworten: »Weder die Existenz noch der Inhalt« des Entwurfs der Absichts - erklärung sei dem Rekordmeister bekannt, man nehme zudem »zu vertraulichen Gesprächen grundsätzlich keine Stellung«.


DPA PICTURE ALLIANCE; ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR

ILLUSTRATION: BENEDIKT RUGAR