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DIVERSITÄT IM SCHÜTZENGRABEN


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 09.02.2022

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Erster Weltkrieg – Stellungskrieg in Ost und West, gewaltige Sprünge in der Entwicklung neuer Waffen- und Kampftechniken und folgenreiche politische Umbrüche: die perfekte Szenerie für nicht nur ein Sabaton-Album, sondern mindestens zwei! Auf THE GREAT WAR (2019) gelang es der Band, feierliche Frontgeschichten und epochale Schlachten zu besingen, ohne das Kriegsgeschehen über die Maßen zu verherrlichen, indem Momente des Innehaltens, Hinterfragens und Beklagens ihren Platz fanden. So wenig, wie der Erste Weltkrieg jener war, der alle Kriege beendete, so wenig war die Ära auserzählt: Auf THE GREAT WAR folgt jetzt THE WAR TO END ALL WARS Das neu gehobene Material funktioniert sowohl als Zugabe zum Vorgänger, als auch – in einen erzählerischen Rahmen eingebettet und mit einem Animationsfilm unterfüttert – für sich alleinstehend, und ist weit mehr als nur eine B-Seiten-Sammlung. Zwar erreicht es nicht ...

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... immer die emotionale und erzählerische Tiefe, um die es Sabaton ohnehin selten geht, aber die Band setzt wie gewohnt Einzelschicksale und Heldenmythen in knackige, hymnische, bühnentaugliche Heavy Metal-Songs um – mal vorbehaltlos begeisternd, mal kontrovers. Wie gehen die Schweden mit dem Spannungsfeld aus glorreichen Geschichten und politisch-historischem Sprengstoff um? Unter anderem das wollten wir von Sänger Joakim Brodén (zusammen mit Bassist Pär Sundström führender Kopf der Band) beim Treffen in Berlin wissen. Im Gespräch wurde auch zum wiederholten Mal deutlich: Sabaton mögen mal eine Schlacht, aber keinen Krieg verloren geben. Daraus ergibt sich auch eine eigene Art der Traumabewältigung, die zum unerwarteten Finale der gemeinsamen Tournee mit Judas Priest führte.

Joakim, THE WAR TO END ALL WARS ist ein für eure Verhältnisse langer Albumtitel, aber irgendeine Variante zu THE GREAT WAR musstet ihr ja finden...

Ich wollte es ja THE GREATER WAR nennen, damit wir danach auf die „The Greater Tour“ gehen können. (lacht)

Die Namen eurer Tourneen können manchmal etwas verwirrend sein – zum Album THE LAST STAND gab es „The Last Tour“, was ein paar Fans schockiert haben dürfte...

Wir machen uns einen Spaß daraus. Die Meister des Ganzen dürften Status Quo sein, die eine Tour „The End Of The Road“ nannten, dann „The Farewell Tour“ Mitte der Achtziger, und sie sind noch immer da. Oder Ozzy mit „No More Tours“.

Ein Ende ist bei euch zumindest nicht in Sicht, und ihr kehrt mit THE WAR TO END ALL WARS zurück zum Ersten Weltkrieg. Warum ist dieser Zeitabschnitt besonders passend für Sabaton?

Ich weiß gar nicht, ob er passender ist als andere; aber irgendwie ergab es sich so. Als wir THE GREAT WAR machten, wussten wir nicht, dass es einen zweiten Teil geben würde. Wobei ich gar nicht von Teil zwei sprechen möchte, sondern einem kleinen Bruder oder einer kleinen Schwester. Schon bei THE GREAT WAR war ich enttäuscht, dass wir nicht die richtige Musik für bestimmte Geschichten hatten – ‘Christmas Truce’ schwebte uns bereits damals vor, aber es passte nicht. Auch die Story der Harlem Hellfighters wollte ich unbedingt erzählen. Zusätzlich wurden wir, sobald unsere Fans mitbekamen, dass wir uns mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen würde, von E-Mails und Kommentaren mit Vorschlägen und Wünschen erschlagen – von manchen hatte ich bis dahin selbst noch nicht gehört, und wir ließen uns begeistern. Dazu kam schließlich, dass wir „The Great Tour“ unterbrechen mussten und nach Hause geschickt wurden; es waren also noch jede Menge Konzerte in den verschiedensten Ländern offen, die wir nachholen wollten. Würden wir jetzt mit neuen Songs über eine andere Ära kommen, hätten diese ein ganz anderes Grundgefühl, sodass sich die Nummern über den Ersten Weltkrieg unpassend anfühlen würden. Also entschlossen wir uns dazu, die Situation anzunehmen und trotz aller widrigen Umstände zumindest ein starkes Album mit mehr Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg daraus zu machen.

Was konntet ihr von THE GREAT WAR mitnehmen, was vom Vorgängeralbum lernen und jetzt umsetzen?

Es geht immer schnell, sich in dem zu verlieren, was man gerade tut. Darum hören wir uns, bevor es an ein neues Album geht, immer noch mal genau an, was wir davor gemacht haben. Was gefällt uns daran, was gefällt uns nicht so gut? So nun auch THE GREAT WAR: Obwohl ich die Produktion liebe, so groß, massiv und episch, wie sie ausfiel, fühle ich mich auch davon erschlagen. Der Sound spiegelt den Ersten Weltkrieg wider, ist übertrieben und fast aus der Spur. Ein Song oder drei: Alles ist perfekt! Aber wenn ich das Album von vorne bis hinten höre, sind meine Ohren müde beim Finale ‘The War To End All Wars’, das natürlich auf dem neuen Album hätte stehen sollen, hätten wir davon gewusst. (lacht) Das Album laugt einen aus, was am Mix liegt. Ich habe also mit Jonas (Kjellgren, Produzent des neuen Albums und des Vorgängers – Anm.d.A.) gesprochen, der meinen Eindruck teilte. Natürlich waren und sind wir glücklich damit, aber wir können nicht noch mal exakt dasselbe machen. Wir haben an fast allen Bestandteilen etwas herumgeschraubt, aber der größte Unterschied ist der Gitarren-Sound mit einem ganz neuen Ansatz für die Aufnahmen und den Mix. Jonas modifizierte einen alten Gleichrichter, womit es uns gelungen ist, die Gitarren bei geringerer Verzerrung heavier klingen zu lassen. So konnten wir sie im Mix lauter drehen, ohne dass sie alles übertönen. Das hat die Dynamik des Albums radikal verändert und Raum für vieles mehr geschaffen! Ob die Songs eines Albums gut oder schlecht sind, ist rein subjektiv; die Produktion kann man objektiver bewerten. Unser Debüt hatte eine qualitativ schlechte Produktion. Diese hier ist unsere objektiv beste!

Dass die Gitarren mehr im Vordergrund stehen, scheint sich auch auf das Songwriting ausgewirkt zu haben!

Vor allem bei einem Song wie ‘Hellfighters’, den ich gemeinsam mit Chris (Rörland – Anm.d.A.) geschrieben habe; er ist ein wahnsinniger Gitarrist, der alles auf den Tisch bringen und freidrehen wollte. Auf der anderen Seite, sozusagen als Reaktion auf das sehr technische ‘Hellfighters’, haben wir Abstand davon gebraucht und wollten auch etwas einfach zu Spielendes – so kam es zu ‘Soldier Of Heaven’, in dem es die wenigsten Gitarren des gesamten Albums zu hören gibt.

Habt ihr es als Wagnis angesehen, ein Achtziger- Synthie-Stück wie ‘Soldier Of Heaven’ zu bringen?

Nein, wir haben uns köstlich dabei amüsiert. Und wir rechneten gar nicht damit, dass es auf dem Album landet, sondern haben nur zum Spaß Musik gemacht. Zwischendurch haben wir uns auch gefragt, ob wir zu weit gehen, aber entschieden uns dann, uns das nicht kümmern zu lassen. Jeder in der Band fand diese super eingängige Achtziger-Rock-Disco-Nummer klasse. Wir haben uns darüber beömmelt, wie befreiend es ist, keine komplizierten Gitarren-Riffs zu haben. Im Refrain mussten wir uns bremsen und haben auf Tremologitarren gesetzt, so wie Judas Priest auf TURBO, und auf einen Trick, zu dem Michael Jackson bei ‘They Don’t Care About Us’ gegriffen hat; es gibt im Refrain viel Percussion und Handgeklapper im Hintergrund – es machte uns viel Spaß, damit herumzuspielen und wir waren davon überrascht, wie gut das Ergebnis klang! Weil es dann sowieso schon nach den Achtziger Jahren klang, sind wir noch den letzten Schritt gegangen und haben Synthdrums verwendet.

Das Stück ist dem, was Battle Beast machen, gar nicht so unähnlich. Mir kam zu Ohren, dass du Fan bist?

Battle Beast und auch Beast In Black finde ich klasse! Jeder von uns hat seine Wow-Erfahrungen beim Entdecken von Bands; die meisten davon natürlich im Teenager-Alter, wenn man erstmals Musik für sich entdeckt. Je mehr Musik man hört, desto schwieriger ist man zu beeindrucken. Aber das zweite, Bandbetitelte Battle Beast-Album, das erste mit Noora (Louhimo, Battle Beast-Sängerin – Anm.d.A.), hat mich umgehauen – kein einziger schlechter Song, ich liebe es! Seitdem bin ich Fan.

Wenn du so erzählst, klingt es, als wären Songwriting und Produktion ein Kinderspiel gewesen. Doch das Album entstand in seltsamen Zeiten, in denen ihr euch nicht viel sehen konntet. War es schwer für dich als Haupt-Songwriter, aus dem Knick zu kommen?

Nein, es war gar nicht viel anders als gewöhnlich. Ich bin nicht der einzige Songwriter, aber das meiste stammt von mir. Daher bin ich es gewohnt, allein in einem Studio oder zu Hause zu sitzen, und habe das wie gewohnt getan. Klar, bei der Einreise nach Schweden musste ich durch die Passkontrolle; das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Aber erst mal angekommen, konnten Chris und ich uns wie gewohnt in der Lagerhalle verschanzen und gemeinsam Musik schreiben. Wie gewöhnlich verspürte ich zu Beginn enormen Leistungsdruck, das war brutal.

Aber trotz allem, was sich durch die Pandemie geändert hat, waren Songwriting und Aufnahme des Albums kaum betroffen. Viele Leute haben eine falsche Vorstellung davon, was es heißt, ein Album aufzunehmen; Hannes (Van Dahl, Schlagzeuger – Anm.d.A.) ist keine zwei Monate am Stück vor Ort, er will ja auch nach Hause zu seiner Familie. Gewöhnlich sind Produzent Jonas Kjellgren und ich im Studio, zu Beginn Hannes, und die anderen kommen nach und nach dazu, wenn sie an der Reihe sind. Mal kommt jemand einen Tag früher, um schon zu hören, was wir so fabriziert haben, und Hannes kommt noch mal vorbei, um mehr von den Songs zu hören als nur sein Schlagzeug. Dieser soziale Faktor entfiel diesmal. Das eigentliche Arbeiten, bei dem Jonas, ich und wer auch immer gerade aufnimmt, anwesend sind, fand ganz wie gewohnt statt.

Wobei der soziale Faktor innerhalb einer Band nicht unerheblich ist...

Für mich war es luxuriös, weil ich die Gelegenheit hatte, jeden zu treffen! Sie kamen alle nach und nach vorbei. Als wir uns gemeinsam wiedersahen, waren alle ganz aufgeregt, und ich verstand gar nicht, warum. (lacht) Mir war das gar nicht so bewusst, aber Chris hatte Hannes und Pär lange Zeit nicht mehr gesehen. Ich war da echt im Vorteil. Im Studio zu sein, fühlte sich wirklich gut an, denn Songs zu schreiben, ist eine ziemlich einsame Aufgabe. Und es kann brutal hart sein zu versuchen, etwas hinzubekommen, aber nicht zu dem Resultat zu kommen, das man sich wünscht und es noch mal umkrempeln zu müssen. Dann im Studio zu sein und Musik zu machen, nachdem wir davor nicht viel spielen konnten, war klasse – da war es egal, früh aufstehen zu müssen, wenn es in Schweden im Januar scheißkalt und höllisch dunkel ist.

BILDUNGSAUFTRAG

Um geschichtliche Aufarbeitung sind Sabaton nicht verlegen. Das zeigt sich etwa in speziellen „History Editions“ ihrer Alben, in denen gesprochene Intros einen Kontext zu jedem Song geben. Im „Sabaton History Channel“ auf You- Tube tauchen sie in die historischen Umfelder ihrer Stücke ein, und auch die aufwändigen Videoclips tragen zum tieferen Verständnis der Song-Texte bei. Mit THE WAR TO END ALL WARS gehen die Schweden (mal wieder) einen Schritt weiter: Statt einzelner Videoclips erweckt ein kompletter Animationsfilm das Album chronologisch korrekt und mit zusätzlichen Details zum visuellen Leben. Dahinter steckt die in den USA ansässige Produktionsfirma Yarnhub, deren britischstämmiger CEO, Produzent und Erzähler David Webb uns einen Blick hinter die Kulissen gewährt.

David, was ist und macht Yarnhub?

Yarnhub ist eine Animationsfirma, die Kurzfilme produziert. Ich sage oft: Das Ziel der Firma ist es, Gänsehaut zu ernten. Unsere Filme sollen ein Kinogefühl vermitteln und den Zuschauer mit den von uns Porträtierten mitfühlen lassen. Wir arbeiten vor allem an historischen Geschichten; wenngleich wir dabei sind, uns auch in andere Richtungen zu entwickeln. Während unserer Arbeit am Sabaton-Film haben wir merklich expandiert und bestehen aus ungefähr 30 Leuten an drei Orten, die Artworks, Animation und Musik erstellen.

Wie kam die Verbindung mit Sabaton zustande?

Zuvor war ich CEO bei warhistoryonline.com und thevintage news.com. Wir hatten Interviews mit Sabaton gemacht und kannten ihr PR-Team. Während wir an einem Film über Lawrence von Arabien arbeiteten, veröffentlichten Sabaton ‘Seven Pillars Of Wisdom’, und wir hatten die Idee, Joakim zu animieren, um ihn am Ende des Films an Lawrences Grab zu zeigen – Sabaton fanden das klasse und gaben uns die Erlaubnis. Daraufhin hatte ich eine Idee für eine Geschichte um ‘Night Witches’, schloss mich mit Pär zusammen, und es klickte sofort zwischen uns.

Wie lange dauerte die Produktion, und wie eng habt ihr mit dabei mit der Band zusammengearbeitet?

Darüber gesprochen haben wir ein Jahr lang, und unser 30-köpfiges Team saß etwa dreieinhalb Monate lang daran. Ich sprach drei bis vier Mal pro Woche mit der Band dazu – wir brannten alle dafür, also wollten wir uns auch fortwährend austauschen. Der eigenartigste Skype-Anruf war der um sieben Uhr morgens – die Band rief direkt nach einem Auftritt vor Judas Priest aus dem Backstage-Raum an, in voller Bühnenmontur, während ich im Nachthemd in der Abstellkammer hockte, versuchte, den Laptop auf der Waschmaschine zu balancieren und nicht das ganze Haus aufzuwecken. Ich glaube, das hat uns gegenseitig nähergebracht.

Normalerweise produziert Yarnhub Clips mit Laufzeiten zwischen fünf und zehn Minuten – jetzt, mit Sabaton, war es ein mehr als einstündiger Film. Welchen Herausforderungen saht ihr euch gegenüber?

Es war eine einzige Herausforderung! Der Film dauert etwas mehr als 70 Minuten, die Zeit vergeht aber wie im Flug. Wir mussten unser Team aufstocken und hatten eigentlich vorgehabt, weiterhin Videos für unseren Kanal zu produzieren – das mussten wir aber knicken. Normalerweise suchen wir uns selbst aus, welche Ereignisse wir aufgreifen. Doch mit dem Album wurde uns das vorgegeben und beinhaltete auch Divisionen oder größere Schlachten, bei denen es manchmal hart war, eine gute Storyline zu finden – wir haben aber gemeinschaftlich und mit viel Kreativität immer tolle Ideen entwickelt. Außerdem sind die Musikstücke bei Yarnhub-Filmen normalerweise unsere Eigenkompositionen und etwas zweitrangig. Beim Sabaton-Projekt mussten wir sicherstellen, dass die Abmischung und unsere Beiträge perfekt sind. Dass wir das Album schon Monate vor allen anderen hatten, war eine große Bürde und machte uns fast paranoid, weil wir Sorge hatten, das Album könnte seinen Weg an die Öffentlichkeit finden. Wir haben also unsere Sicherheitsvorkehrungen erhöht und mit einem klasse Team gearbeitet, auf das Verlass ist.

Lief dabei alles wie geplant?

Wir waren mit der Produktion deutlich in Verzug; noch am Tag der Abgabe hatten wir eine letzte Version gerendert. Bei solch einem Projekt mit so vielen Leuten können täglich dermaßen viele Probleme auftreten, dass man kaum ein einzelnes herauspicken kann...Ursprünglich sollte der Film ohne Sound-Effekte auskommen, weil wir die Musik von Sabaton wie ein Heiligtum behandeln wollten. Auf halbem Wege wurde klar, dass das nicht funktionieren würde – zum Glück kam dieser Einwurf von der Band selbst, und sie hatten natürlich komplett recht damit.

Das Ergebnis ist eine Mischung aus Action-, Historien- und Musikfilm. Hattet ihr Vorbilder dafür, oder betretet ihr damit Neuland?

Wir haben das Glück, mit Vadim Viner einen großartigen Regisseur bei Yarnhub zu haben. Ich glaube, er kennt jede Einstellung aus jedem Film auswendig. Er arbeitet eng mit den Animatoren zusammen, um die Kamera sowie den jeweils wichtigsten Charakter in einem Film einzusetzen. Wir haben tonnenweise Referenzen aus Action-Filmen und alten Schwarz-Weiß-Klassikern herangezogen; eine der Geschichten hat einen Hauch von ‘Kingsmen’, womit wir besonders viel Spaß hatten. Wenn Leute Musik wie die von Sabaton hören, dann hören sie vor allem starke Songs und nehmen wahr, dass dahinter ein großes Stück Geschichte steckt; wenn sie dazu unseren Film sehen, verstehen sie viel mehr davon, was die Musik nur noch epischer werden lässt. Ich wüsste nicht, dass jemand so etwas schon mal gemacht hätte. Natürlich haben wir uns bei den Geschichten und Einstellungen beeinflussen lassen. Aber die Art, wie wir eine kinoreife Erfahrung liefern und das Album erweitern, damit die Zuschauer tiefer eintauchen können, ist wirklich einzigartig. Pär meinte, einige Journalisten hätten ihre Meinung, welcher ihr Lieblings-Song ist, geändert, nachdem sie über den Film einen anderen Blick auf die Hintergründe erhalten hatten. Es ist toll, dazu beigetragen zu haben.

Kannst du verraten, wo Fans den Film zu sehen bekommen werden?

Das liegt bei der Band, und wir wurden um größte Verschwiegenheit zu allem rund um den Film gebeten – ehrlich gesagt habe ich außerhalb des Teams noch nirgends so offen darüber gesprochen wie hier mit euch. Einzelne Teile des Films werden wir für unsere animierten Geschichtsvideos verwenden.Was Sabaton mit dem Film vorhaben, ist noch ein Geheimnis, das sie in den kommenden Monaten Stück für Stück lüften werden.

„BEI JEDEM STÜCK, DAS WIR MACHEN, FÜHLT ES SICH AN, ALS MÜSSTEN WIR DIE HÄLFTE DER HINTERGRUNDGESCHICHTE WEGLASSEN.“

JOAKIM BRODÉN

Der Leistungsdruck war zu jenem Zeitpunkt auch von dir abgefallen?

Ja, den fühle ich nur beim Schreiben. Live bin ich nervös. Im Studio ist es mir egal, wenn ich verkacke: Und bitte noch mal von vorne! Jonas hat mich schon tausendfach die schrägsten Noten singen hören.

Lass uns über einige der Songs sprechen, die dabei entstanden sind. ‘Christmas Truce’ hast du bereits erwähnt. Ihr habt also endlich die passende musikalische Untermalung für den Weihnachtsfrieden von 1914 gefunden, und die hat eine absolute Savatage-, aber auch ‘Gallipoli’-Schlagseite!

Und es ist ein Walzer, man kann darauf tanzen! Diese Nummer war einer der Hauptgründe für den Leistungsdruck, den ich verspürt hatte, weil es eine der besten und bekanntesten Geschichten der Militärgeschichte ist. Ich wollte ein Stück schreiben, auf das ich stolz bin; am Ende wird sowieso jeder seine eigene Meinung über einen Song haben. Aber ich wollte etwas für mich Besonderes daraus machen. Ich habe wahrscheinlich, abgesehen von ‘Bismarck’, in keinen Song mehr aktive Arbeitszeit gesteckt. Manchmal arbeitet man über längere Zeit hinweg an Stücken; ‘Attack Of The Dead Men’ hatten Chris und ich für HEROES angedacht, waren aber noch nicht mit der Bridge zufrieden und ließen es jahrelang liegen. Die ersten Notizen für ‘Christmas Truce’ habe ich aber noch vor dem Mastering von THE GREAT WAR aufgenommen; ich stand am Flughafen in Arlanda und habe leise in mein Aufnahmegerät gesungen; im Hintergrund hört man die üblichen Flughafen-Durchsagen. Aber wie wollte ich diese Idee weiterentwickeln, welche Orchestrierung passt, was macht das Piano, was passt, und was weniger? Kann ich mich an ‘Carol Of The Bells’ anlehnen, obwohl Trans-Siberian Orchestra das schon verarbeitet haben? Ja klar, dachte ich, immerhin haben sie es nicht erfunden, und es passt perfekt zum Weihnachtsthema.

Eine andere starke Geschichte ist die der Harlem Hellfighters. Großartig, dass ihr sie mit einem Song ehrt. Sie sind gefeierte Kriegshelden, doch die Geschichte hat auch ihre Schattenseiten; immerhin gab es jenes Regiment nur, weil sich viele weiße Amerikaner weigerten, mit Afroamerikanern zu kämpfen. Auch nach ihrer Heimkehr erfuhren sie rassistische Anfeindungen. Warum haben es diese Punkte nicht in den Song geschafft?

Bei jedem Stück, das wir machen, fühlt es sich an, als müssten wir die Hälfte der Hintergrundgeschichte weglassen. Wir schreiben drei- bis fünfminütige Heavy Metal-Nummern, und speziell bei diesem heftigen Song wollten wir uns auf die brutale Zeit konzentrieren, die sie in den Schützengräben zubrachten. Glücklicherweise haben wir die Möglichkeit, durch filmische Erzählweise gemeinsam mit Yarnhub (siehe Kasten – Anm.d.A.) die Lücken zu füllen, die wir nicht abdecken können. Denn das ist ein echtes Problem: Es gibt verschiedene Aspekte einer Geschichte – wie erzählt man sie am besten? Dieser Blickwinkel, die Rückkehr oder dieser Aspekt, dass viele US-amerikanische Soldaten nicht mit ihnen gemeinsam kämpfen wollten – das ist auf emotionaler Ebene ein komplett anderer Song, eine Ballade vielleicht, oder ein langsames, wuchtiges Stück. Es ist schwierig, und das gilt für viele Stücke.

Auf musikalischer Ebene sticht der Refrain heraus, weil du darin sehr, sehr tief singst – man könnte sich fast vorstellen, wie Johan Hegg das interpretiert.

(lacht) Ja vielleicht. Amon Amarth finde ich natürlich klasse. Dabei stehe ich nicht sonderlich auf härteren Metal. Ich mag auch manches aus dem brutaleren Metal-Bereich, aber nur in kleinen Dosen und nicht jede Band. Klar, sowas wie Pantera oder Sepultura früher. Amon Amarth sind technisch betrachtet zu hart für mich, aber ich mag sie trotzdem; wahrscheinlich wegen der Art und Weise, wie sie mit Melodien umgehen. Es ist eingängig, und ich schäme mich nicht zu sagen: Ich mag eingängige Musik. Wer Sabaton kennt, versteht das vielleicht. (lacht)

Ein weiterer Song von THE WAR TO END ALL WARS, der mehrere Ebenen hat, ist ‘Stormtroopers’. Ein starkes Stück, mächtig, heroisch und geradeaus – perfektes Sabaton-Material. Mit dem Wissen aber, dass die deutschen Sturmtruppen politisch vereinnahmt und zu Vorläufern der SA und SS wurden, fühle ich mich als Deutscher dahingehend zunächst zu einem gewissen Grad unwohl. Denke ich mich hier zu tief hinein?

In diesem Song geht es um die technische Entwicklung und die Evolution der Kriegsführung. Er ist ein Querverweis auf ‘The Future Of Warfare’ von THE GREAT WAR, wo die Panzer vorfahren; und nun rücken die Sturmtruppen nach. Es ist der coolste Name dieser Art von Infanterie – wir hätten den Song auch ‘Jaegers’ nennen können, wie die österreichisch-ungarische Variante; bei den Italienern nannte man sie Arditi. Alle Seiten haben mit dieser Weiterentwicklung der Kriegstechnik experimentiert. Dazu kommt: So viele Fans haben uns, mal zum Spaß, mal im Ernst, gebeten, einen ‘Star Wars’-Song zu machen. Also: Ran mit den Sturmtruppen! Tiefer in die politischen Verflechtungen einzutauchen, gehört nicht zum Sabaton-Teil. Ich bin natürlich interessiert an Geschichte und Politik; aber was wir tun und singen, ist ohnehin schon kontrovers genug, sodass wir uns aus Politik und Religion schön raushalten.

Mit ‘Lady Of The Dark’ greift ihr ein weiteres spannendes Thema auf. Ihr singt nicht zum ersten Mal über weibliche Kriegsteilnehmer, man denke nur an ‘Night Witches’. Ist es euch wichtig, auch die Frauen an der Front sichtbar zu machen, im Rahmen von Gleichberechtigung und Diversität?

Nicht im eigentlichen Sinn, aber es macht Spaß und ist immer etwas Besonderes. Stücke wie ‘Lady Of The Dark’ oder ‘Harlem Hellfighters’ könnten als Beitrag zur Diversität verstanden werden. So ist es aber nicht gemeint. Wir haben tatsächlich über das Thema gesprochen und uns auf eine Regel festgelegt: Die Basis, auf der wir unsere Erzählungen aufbauen, sollte funktionieren, wenn man Hautfarbe, Religion und Geschlecht ignoriert, und es noch immer eine gute Geschichte ergibt. Aber, klar: Der Fakt, dass die ‘Night Witches’ oder jetzt die ‘Lady Of The Dark’ Frauen waren, macht die Storys noch cooler. Aber das sollte niemals der ausschlaggebende Faktor sein.

Am Ende von THE WAR TO END ALL WARS steht mit ‘Versailles’ der zweite Song, der sich nicht mit Krieg, sondern Frieden beschäftigt. Hält im Hause Sabaton etwa Kriegsmüdigkeit Einzug?

Ganz persönlich: Absolut, denn gäbe es keine Kriege mehr, wäre das besser für uns alle. Das gilt aber nicht für meine Faszination für Geschichte, die über die Militärhistorie hinausgeht, wobei sich diese nun mal für Heavy Metal-Texte anbietet. Aber mit (dem Album-Opener – Anm.d.A.) ‘Sarajevo’, der sich ja auch nicht mit Krieg, sondern dem Kriegsausbruch beschäftigt, und ‘Versailles’ wollten wir einen Rahmen schaffen; wir haben mit dem Gedanken gespielt, das Album chronologisch anzulegen, haben versucht, die Geschichten und die Themen zu verändern, weil man vor allem ein gutes Hörerlebnis schaffen will. Dann müsste man aber mit ‘Race To The Sea’ anfangen, dann zu ‘Sarajevo’ kommen, hätte ‘Christmas Truce’ schon sehr früh auf dem Album stehen, obwohl man zu diesem Zeitpunkt nicht so einen krassen Tempobruch möchte. Dann kommt auch schon das nächste Problem: Wir singen über Leute wie Adrian Carton de Wiart, den ‘Unkillable Soldier’ – er war jahrelang dabei, wo soll er also seinen Platz finden? Aus diesen beiden Gründen haben wir uns dazu entschieden, lediglich einen Rahmen zu schaffen, wie einen Erzähler am Anfang und Ende eines Films.

Die chronologisch korrekte Reihenfolge bekommen die Fans im begleitenden Animationsfilm, den ihr wie erwähnt mit der Produktionsfirma Yarnhub umgesetzt habt. Wie kamt ihr zur Idee eines Animationsfilms, und wie habt ihr sie zum Leben erweckt?

Wenn Pär und ich zusammensitzen und recherchieren, stoßen wir oft auf historische Erzählungen auf YouTube.Wir sind ja nicht doof und lesen nur alte Bücher, wenn wir alles von Wikipedia bis YouTube anzapfen können, um weitere Informationen zu finden oder uns inspirieren zu lassen. So wurden wir auf Yarnhub aufmerksam, die unter anderem Ereignisse aus der Militärgeschichte erzählen. Wir fanden das cool – ich meine, die Grafik ist teilweise schräg, aber ihr Storytelling ist so gut, dass die Grafik für sie nur als Werkzeug dazu dient. Wir hatten gar nicht mehr bewusst daran gedacht, bis Pär mir ein paar Jahre später erzählte, dass er mit Yarnhub an einem Projekt arbeitet. Sie schraubten zusammen an der Geschichte von ‘Night Witches’, weil Yarnhub das ohnehin umsetzen wollten. Das hat prima zusammengepasst und wurde richtig gut. Wir haben dann ‘No Bullets Fly’ gemeinsam umgesetzt. Was sie da gemacht haben, ist fantastisch, erst recht, weil sie die Tochter von Franz Stigler (dem Protagonisten des Songs – Anm.d.A.) miteingebunden haben. Und weil wir Idioten sind, die Dinge immer zu weit treiben müssen, dachten wir uns, wir sollten ein ganzes Album gemeinsam umsetzen, woraus dann ein kompletter Film wurde. Ich meinte zu Pär, er habe den Verstand verloren – er stimmte mir zu und wollte es dann erst recht machen.

„WIR WUSSTEN NICHT, WAS LOS WAR UND HABEN GEFEIERT, WÄHREND RICHIE FAULKNER EINE ZEHNSTÜNDIGE OPERATION ÜBER SICH ERGEHEN LIESS.“

JOAKIM BRODÉN

Das Ergebnis ist eine Mischung aus Musikvideo, Action-Film und Geschichtslehrstunde.

Was mir an dem Film am besten gefällt, ist, dass unsere Musik ihren Zweck erfüllt, es aber kein einfaches Musikvideo ist, sondern die Geschichten erzählt, die sich vor und nach dem Song zugetragen haben. Das haben sie brillant gemacht! Es vertieft, was man hört, weil man es auf eine ganz andere Art versteht. Es geht schnell, Zusammenzuhänge zu sehr zu vereinfachen oder zu technisch zu werden. Ich glaube von mir sagen zu können, dass ich in Militärgeschichte ein Stück bewanderter bin als der Durchschnitt. Aber ich habe Freude daran, mir die Filme anzusehen, weil sie das Ganze nicht zu sehr vereinfachen. Und wer andersherum keine Ahnung von Geschichte hat, kann dem trotzdem folgen. Das ist große Kunst und sagt viel über ihre Leistung als Geschichtenerzähler aus.

Kannst du schon verraten, was mit diesem Film geschehen wird?

Ich weiß von ein paar Plänen, aber Pär hat mir verboten, darüber zu sprechen. (lacht) Klar ist: Wir haben uns das nicht aufgehalst, damit es lediglich 60 Journalisten, die bei der Album-Premiere in Belgien waren (siehe METAL HAMMER-Ausgabe 01/2022), zu sehen bekommen.

Da du von Belgien sprichst: Vielleicht habt ihr bemerkt, dass der Raum im Musée Royal de l’Armée, in dem die Listening Session stattfand, eine Sonderausstellung beherbergte, die sich den Helden im Krieg gegen die COVID-Pandemie widmet. Ist das ein Thema, an das ihr – und sei es im Scherz – als passend für einen Sabaton-Song gedacht habt?

Nein, das war einfach ein glücklicher Zufall. Es war der Raum, der sich dafür anbot und klasse aussah, mit den hohen Wänden und dem Kampfflugzeug, das obendrüber hängt – auch wenn die Akustik nicht optimal war. Als wir ankamen, hingen diese Fotografien dort, und wir freuten uns über den Glückstreffer.

THE WAR TO END ALL WARS ist euer zehntes Album. Sind Sabaton dort, wo sie mit dem zehnten Album sein wollten?

Hättest du mich das vor zwanzig Jahren gefragt, hätte ich noch davon geträumt, unser erstes Album aufzunehmen. Als wir unser Debüt aufnahmen, waren wir stolz auf das, was wir erreicht hatten. Zu Recht: Es war das Beste, was wir zustande bringen konnten! Die Produktion war die beste, die wir uns leisten konnten, musikalisch war es das Beste, das wir umsetzen konnten. Es waren andere Zeiten, ein anderes Level an Professionalität, andere Budgets, andere Aufnahmezeiten. Aber wir kommen weiter und weiter, und schätzen uns glücklich. Dabei setzen wir uns keine externen Ziele, sondern immer nur interne: Wie können wir besser werden? Wie können wir dieses und jenes umsetzen? Wie können wir bessere Shows spielen? Wenn unser Ziel gewesen wäre, eines Tages Headliner beim Wacken zu sein, hätte uns damals jeder ausgelacht. Um 1999, 2000 herum war es unser Traum, überhaupt mal dort zu spielen; wir haben neun Jahre dafür gebraucht. (lacht) Und jetzt hätten wir unser Ziel erreicht. Anstatt auf Erfolg, Geld oder die Menge von Leuten, die zu einem Konzert kommen, konzentrieren wir uns auf uns, treiben uns immer weiter voran, und dadurch kommt alles weitere als Konsequenz daraus. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem wir es uns erlauben können, Dinge zu tun, die finanziell nicht der schlaueste Schachzug sind, die wir aber machen, weil wir es möchten und es uns glücklich macht. Hätte uns die Pandemie fünf Jahre früher getroffen, hätten wir kein Geld ausgeben können, das wir nicht haben; nun konnten wir es aus einer anderen Truhe nehmen, um ein aufwändiges Musikvideo für ‘Christmas Truce’ zu drehen. Das Sabaton Open Air wirft kein Geld ab und trägt sich nur, weil wir kostenlos dort spielen – aber es macht uns Spaß, und auch manche der Bands, die wir dorthin buchen, sind dort, obwohl sie finanziell keinen Sinn ergeben. Crimson Glory zum Beispiel – flieg die mal aus den USA herüber! Aber es wurde zu ihrer letzten Show, und das hat uns Freude bereitet! Das ist ein Luxus.

KRIEGSBEUTE

Die Album-Premiere von THE WAR TO END ALL WARS fand im Brüsseler Musée Royal de l’Armée statt. Ein Ort wie geschaffen für Sabaton, mit Ausstellungsstücken aus weiten Teilen der Kriegsgeschichte (siehe METAL HAMMER 01/2022) – da kann man als historisch bewanderter Sammler schon mal schwach werden, oder? Wir haben Pär Sundström und Joakim Brodén gefragt, welches Ausstellungsstück sie am liebsten einpacken würden, wenn sie dürften:

Pär: Das wäre der Mark IV-Panzer! Der würde sich klasse in meinem Vorgarten machen, um die Nachbarn zu erschrecken.

Joakim: Oh, da gab es so vieles zur Auswahl. Am Ende des langen Raums mit all den Flaggen geht es eine kleine Treppe hinauf; dort steht eine große Statue eines Soldaten, der aussieht, als käme er aus einem Marvel-Film oder ‘Game Of Thrones’ – die wäre es! (lacht)

Mehr Impressionen von der Album-Premiere im Museum findet ihr auf den METAL HAMMER-Kanälen bei:

YOUTUBE www.youtube.com/MetalHammer666

INSTAGRAM www.instagram.com/mhammer666

Sabaton sind längst nicht mehr nur eine Band, sondern eine Maschinerie. Habt ihr einen Überblick, wie viele Angestellte ihr habt, wie viele Leute für euch arbeiten?

Darüber haben wir neulich erst gesprochen, ich kriege aber nicht mehr alle Details zusammen. Das Problem ist: Wie definiert man einen Angestellten? Jemand, der direkt und nur für uns arbeitet, oder jemand, der bei einer Firma ist, mit der wir arbeiten? Dann gibt es Leute, die eine Firma haben, die wir zunächst vielleicht für einzelne Aufträge gebucht hatten, aber mittlerweile 80 bis 90 Prozent für Sabaton arbeitet. Und zählen Band-Mitglieder mit hinein? Ziemlich unmöglich, das genau zu kalkulieren. Aber sagen wir, es sind etwas mehr als zehn Leute, die Monat für Monat von Sabaton leben; dazu kommen Angestellte bei Plattenfirmen, die mal ein paar Wochen, mal ein paar Monate Vollzeit für Promotion und so weiter eingespannt sind. Auf unserer vergangenen Tour waren wir 130 Leute – abzüglich der Crew von Amaranthe und Apocalyptica bleiben immer noch hundert nur für Sabaton, von Technikern über Stagehands bis Catering. Aber das ist nicht der Standard. Der enge Kreis von Leuten, die unter normalen Umständen bei jeder Show dabei sind, sind 10 bis 15 Leute.

Tourneen und Shows sind dieser Tage eine Rarität. Ihr hattet das Glück, mit Judas Priest auf US-Tour zu gehen – doch was ein Höhepunkt werden sollte, endete dramatisch, wenn nicht gar traumatisch. Richie Faulkner erlitt eine Aortendissektion und musste sich einer lebensrettenden Operation unterziehen. Wie habt ihr das Ende dieser Konzertreise miterlebt?

Wir haben uns gefühlt wie Arschlöcher – weil wir keine Ahnung davon hatten, was los ist. Die Tournee begann mit Schwierigkeiten: Die Einreisebedingungen hatten sich kurzfristig geändert, sodass ein Teil unserer Crew in Belfast festhing und darauf wartete, uns hinterherzureisen. Wir haben es geschafft, alle Shows stattfinden lassen zu können, aber es war stressig, weil viel an uns hängenblieb. Wir hatten einige Zeit lang nicht getourt, dazu kamen Coronabeschränkungen, regelmäßige Tests, um sicherzugehen... Langsam, aber sicher kam unsere Crew zusammen, die Setlist festigte sich, die Technik stand – es war nicht länger nur Stress und der Versuch, alles irgendwie am Laufen zu halten, sondern ging endlich um Musik. Wir waren so glücklich! Aber nur für eine kurze Weile. Es gab zwei freie Tage – was also passiert? Jeder kommt wie verrückt in Feier laune! Wir, unsere Crew, und auch einige aus der Judas Priest-Crew haben es gemeinsam krachen lassen – und alles, was wir zu jenem Zeitpunkt wussten, war, dass sich Richie nicht wohlfühlte und darum einen Arzt aufsuchen musste. Wir begaben uns dann auf den Weg nach Denver, hielten irgendwo in Kansas, und Pär und ich waren Mittagessen, als uns der US-Bookingagent anrief und erzählte, was passiert war. Es passiert selten, dass es Pär am Telefon die Sprache verschlägt – in dem Moment wusste ich, dass etwas im Argen lag. Das war so verwirrend. Der jüngste Kerl aus der Truppe? Und wir haben gefeiert, während Richie eine zehnstündige Operation über sich ergehen ließ? Wir waren darauf gefasst, dass sich jemand trotz aller Vorsichtsmaßnahmen infiziert, die Tournee unterbrochen oder vorzeitig beendet wird, aber nicht unter diesen Umständen. Wie Soldaten, die den größten Fehler begehen, und sich nur auf ein Szenario einschießen – darauf waren wir mental nicht vorbereitet. Wir beschlossen, weiter nach Denver zu fahren. Der lokale Promoter meinte, er hätte Zugriff auf ein Theater und könnte die Konzertkarten dafür geltend machen für die Leute, die trotzdem anreisen. Wir zogen das durch, denn wir wollten nicht, dass es so endet. Es wäre die letzte Show der „The Great Tour“ gewesen; auf einem Festival und mit Richie am Rande des Todes – so wollte niemand nach Hause gehen. Wir kündigten das Konzert mit 23 Stunden Vorlauf im Internet an, bauten die Bühne auf und schoben einen Probetag ein, um eine erweitere Setlist zusammenzustellen mit allen Songs, die wir auf die Schnelle hinbekommen. Wir wussten ja nicht, wie viele Leute kommen würden und gingen an die Sachen heran wie an eine Party mit Freunden und Wegbegleitern, die zum letzten Mal zusammenkommen. Wir spielten ohne Supportband zweieinhalb Stunden vor ungefähr 1.000 Leuten. Fantastisch, dass noch so viele kamen!

So habt ihr also aus dem Schlimmsten das Bestmögliche gemacht!

Genau. Und damit fühlte es sich gut an, nach Hause zurückzukehren, weil die letzte Show noch super war. Eine gute Vorbereitung für die anstehende Tournee zum neuen Album.

„GÄBE ES KEINE KRIEGE MEHR, WÄRE DAS BESSER FÜR UNS ALLE.“

JOAKIM BRODÉN