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„Dixie und Dynamo haben den Fußball zur Kunst erhoben“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 26.01.2022

2. LIGA

Artikelbild für den Artikel "„Dixie und Dynamo haben den Fußball zur Kunst erhoben“" aus der Ausgabe 4/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 4/2022

Dörner wurde mit Dresden jeweils fünfmal Meister und Pokalsieger inder DDR

Der Beckenbauer des Ostens. Den Beinamen wurde Hans-Jürgen „Dixie“ Dömer nie los. Ein Vergleich, der seine sportlichen Fähigkeiten trefflich beschrieb. Abseits des Platzes wurde er dem am vergangenen Mittwoch im Alter von 70 Jahren verstorbenen Rekordspieler von Dynamo Dresden aber nicht gerecht.

„Dömer war ein großartiger Fußballer, aber der ewige Vergleich mit dem Kaiser nervte ihn mit zunehmendem Lebensalter.

Er wollte als eigenständige Person wahrgenommen werden und nicht als Schablone in einer Schublade“, sagt Uwe Karte (55). Der Dresdner Journalist und Buchautor war dem bodenständigen, aber oft introvertiert wirkenden Dömer in den vergangenen Jahrzehnten so nah wie kaum ein anderer. Auch durch dessen Mitarbeit an Büchern über den Ost-Fußball. Das letzte, „Tägebuch für Walter Fritzsch“ über die Dresdner Trainer-Legende, erschien gerade erst.

„Übermäßiges Glück hatte Dixie in seinem Leben ...

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... wirklich nicht“, sagt Karte über Dörner, der in den letzten Jahren an Krebs litt, aber schon zu Beginn seiner Karriere ein Highlight aufgrund einer Krankheit verpasst hatte. Wegen der Folgen einer Gelbsucht wurde Dörner nicht für die WM 1974 nominiert, bei der die DDR den Gast-„Übermäßiges Glück hatte Dixie in seinem Leben wirklich nicht“, sagt Karte über Dörner, der in den letzten Jahren an Krebs litt, aber schon zu Beginn seiner Karriere ein Highlight aufgrund einer Krankheit verpasst hatte. Wegen der Folgen einer Gelbsucht wurde Dörner nicht für die WM 1974 nominiert, bei der die DDR den Gast-geber aus der BRD 1:0 düpierte.geber aus der BRD 1:0 düpierte.

Dafür erlebte „Dixie“, sein Spitzname aus Kindertagen in Görlitz und damals die Bezeichnung für den Kleinsten von vier Brüdern, 1976 „den Sommer meines Lebens“, wie er selbst sagte: Olympia-Gold in Montreal. Bis heute ein einmaliger Triumph für deutsche Fußballer! „Dixie als Libero, Leitwolf und Torschütze. Das Turnier zeigte alles, wofür er stand“, sagt Karte - und beschreibt: „Anfang der 70er-Jahre wurde der Fußball in Dresden zur Kunst erhoben. Ein Beleg dafür: Im Herbst 1973 gingen bei Dynamo 300 000 Kartenwünsche für das Spiel gegen die Bayern ein. Und Dixie war der Feingeist auf dem Platz. Es gab in der DDR keinen Fußballer wie ihn. Einen Libero, der auf dem ganzen Spielfeld zu finden war, der für alles eine spielerische Lösung hatte, seineDafür erlebte „Dixie“, sein Spitzname aus Kindertagen in Görlitz und damals die Bezeichnung für den Kleinsten von vier Brüdern, 1976 „den Sommer meines Lebens“, wie er selbst sagte: Olympia-Gold in Montreal. Bis heute ein einmaliger Triumph für deutsche Fußballer! „Dixie als Libero, Leitwolf und Torschütze. Das Turnier zeigte alles, wofür er stand“, sagt Karte - und beschreibt: „Anfang der 70er-Jahre wurde der Fußball in Dresden zur Kunst erhoben. Ein Beleg dafür: Im Herbst 1973 gingen bei Dynamo 300 000 Kartenwünsche für das Spiel gegen die Bayern ein. Und Dixie war der Feingeist auf dem Platz. Es gab in der DDR keinen Fußballer wie ihn. Einen Libero, der auf dem ganzen Spielfeld zu finden war, der für alles eine spielerische Lösung hatte, seine 50-Meter-Pässe mit dem Außenrist, Doppelpässe durch das Mittelfeld - alles sah bei ihm leicht aus.“ Wie bei Beckenbauer.50-Meter-Pässe mit dem Außenrist, Doppelpässe durch das Mittelfeld - alles sah bei ihm leicht aus.“ Wie bei Beckenbauer.

Abseits des Platzes war Dörner anders. „Im Mittelpunkt wollte er nur auf dem Rasen stehen. Bei ihm ging nicht die Sonne auf, wenn er einen Raum betrat. Großen Rummel mochte Bl er nicht“, sagt Karte. Als der Journalist Dörner einmal fragte, warum er kaum einmal auf Fotos von Meisterschaftsfeiern zu sehen sei,Abseits des Platzes war Dörner anders. „Im Mittelpunkt wollte er nur auf dem Rasen stehen. Bei ihm ging nicht die Sonne auf, wenn er einen Raum betrat. Großen Rummel mochte Bl er nicht“, sagt Karte. Als der Journalist Dörner einmal fragte, warum er kaum einmal auf Fotos von Meisterschaftsfeiern zu sehen sei, „sagte er, dass er da meist schon wieder gegangen war“.„sagte er, dass er da meist schon wieder gegangen war“.

Dörner trug sein Herz nicht auf der Zunge, sagt Karte: „Natürlich hat das auch etwas mit Dörner trug sein Herz nicht auf der Zunge, sagt Karte: „Natürlich hat das auch etwas mit seiner Vergangenheit zu tun. Dynamo Dresden war von der Struktur ein Polizcisportverein, und Mitspracherecht gab es damals nicht für die Spieler.“ Ein einziges Mal habe er einen ganz anderen Dßmcr erlebt. ..An dessen 65. Geburtstag stimmten bei einem Ttaditionsabend 400 Menschen ,Mendocino‘ für ihn an, weil er diesen Schlager bei der internen Dynamo-Weih-nachtsfeier 1973 mal gesungen hatte. Dömer stimmte - auf der Bühne - mit ein, er hatte TYänen in den Augen.“

Solche Gesten, wie erst im Voijahrdie Renennung einer TVi-büne im Dynamo-Stadion nach ihm oder 2013 seine Berufung in den Aufsichtsrat des \fereins. bedeuteten Dörncr viel. „Die Anerkennung seiner Leistung als Spieler war ihm wichtig. Dixie hat sich sehr über seine aktive Zeit definiert, kein wunder bei diesen Erfolgen. Im Westen hätte er damit ausgesorgt gehabt“, sagt Karte. Je fünfmal Meister und Pokalsieger, dreimal Fußballer des Jahres. 100 Länderspiele bestritt Dörner, das letzte 1985 gegen I-uxemburg. Nicht Italien, Spanien oder Eng-land. Auch so ein Lebenspech. Ge- nau wie die Geschichte, als er nach der Wende aus seinem I laus musste. Der Vorbesitzer hatte die DDR per Ausreiseantrag verlassen dürfen, war aber praktisch enteignet worden und klagte nach der Wende mit Erfolg. Döraer hatte von der Vorgeschichte nichts gewusst Oder seine gescheiterte TYainerkarriere im Anschluss an das Engagement bei Werder Bremen. „Wie viele Trainer sind bei ihrer ersten Bundesliga-Station gescheitert? Dixie bekam nie wieder eine Chance. Am Ende stehst du mit 1001Kinderspielen als Trainer in der Bezirks- oder Stadtliga. Das kann für das eigene Ego nicht gut sein", sagt Karte. Darüber sei Dömcr verbittert gewesen. Karte: „Er sagte mir mal, es habe sich so schwer angefühlt auch, weil es bei seinen Anfängen als Trainer, also bis 1995. Immer nur bergauf gegangen sei.“

„Übermäßiges Glück hätte Dixie in seinem Leben wirklich nicht“

Buchautor Uwe Karte

Seine Spielerkarricrc bei Dynamo endete im Juni 1986 mit einem Befehl ftirDömer.ertrug damals den Dienstgrad eines Majors: „Ab sofort trainierst du die A-Jugcnd!" So wurde Dömcr Nachwuchstraincr. übernahm in der Wendezeit die Olympia-Auswahl der DDR und kam so in die Trainerriege des DFB. Dort, als Assistent von Bundestrainer Berti Vogts, hörte Dömcr oft einen Satz: „Der Dixie muss noch viel lernen!“ Als einer der besten Spieler der Welt? Als 100-mali-ger Nationalspieler? Aber eben für ein Land, das es nicht mehr gab. „In seinen letzten Ixhens-jahren wusste Dixie, dass es vielleicht geschickter gewesen wäre, beim DFB zu bleiben und 1996 nicht das Angebot von Werder Bremen anzunehmen“, sagt Karte. Aber wer will es Dömer verdenken, schließlich konnte er sein bisheriges Gehalt in der Bundesliga auf einen Schlag vervierfachen. Plötzlich verdiente er 48 000 Mark im Monat Wer hätte sich da nicht locken lassen?

Hin Trostpflaster für ein absehbares Scheitern. „Dixie war nicht für den Job vorbereitet", sagt Karte.Hin Trostpflaster für ein absehbares Scheitern. „Dixie war nicht für den Job vorbereitet", sagt Karte.

„Er hatte keinen richtigen Berater. keine Co-Trainer und war auch das übliche Klüngeln im Verein nicht gewohnt - sprich völlig auf sich allein gestellt“„Er hatte keinen richtigen Berater. keine Co-Trainer und war auch das übliche Klüngeln im Verein nicht gewohnt - sprich völlig auf sich allein gestellt“ Dorner aber war eben kein Geschäftsmann, konnte und wollte sich nie vermarkten wie Beckenbauer. „Auch bei Dixie riefen mal Klubs aus dem Westen an, öderer bekam bei Europapokalspielen Offerten unter der Iloteltür durchgeschoben“, sagt Karle. Dreimal wurde Dör-ner von der Stasi vernommen, weil er mit potenziellen oder tatsächlichen Republikflüchtlingen auf einem Zimmer war. „Aber Dixie wäre nie auf den Gedanken gekommen, aus Dresden wegzugehen. Er war zu verwurzelt und glücklich“, sagt Karte.

Mit dem politischen System arrangierte sich Dömer, er wollte Füfiball spielen. Floskeln über sozialistische Stärke äußerte er nur, wenn es unbedingt sein musste. Wie nach der Rückkehr aus Montreal im Sommer 1976. Als Kapitän hatte er Dankeswor-te an die Partei und den Staat zu richten. „Dixie salbte all das zusammen, was er in der Folit-Schulung x-mal über das Auftreten beim Klassenfeind zu hören bekommen hatte. Das war seine Art des Protestes“, sagt Karte. Infos über Mitspieler äußerte er ebenso wenig wie offene Kritik am Staat. „Wenn Dixie etwas gut konnte, dann die Klappe halten.“ In der DDR ging es Dömer gut Erst eine Neubauwohnung, dann das Haus, anfangsein Skoda, später ein Lada. Zum Gehalt des Majors der Volkspolizei kamen die Baigckl-Prämien im Briefumschlag nach IAnderspielen, dazu der typische DDR-Luxus wie Farbfernseher oder eine HiFi-Anlage aus dem Intershop.

Dass nach dem Bremen-Aus keine Angebote mehr aus der Bundesliga kamen, enttäuschte Dömer. Neben einem Abenteuer bei Al Ahly Kairo bekam er nur noch kurzzeitige TTainerposten in Zwickau und Leipzig, wo die Vereins-Bosse aber schnell die Geduld verloren. Fortan ginger Heber in den Amateurfußball. „Natürlich war er da froh, wenn er mal einen Euro nebenbei machen konnte, beispielsweise bei Spielen mit 'IYaditionsmann-schaften“, sagt Karte. „Immerhin war er bei diesen Spielen die große Zugnummer. Und wenn irgendwo ein Ball lag. drehte Dixie auf. Und noch vor nicht allzu langer Zeit war es eine Augenweide, ihm beim Spielen zuzuschauen.“