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DJ DAG: Highclass-DJing seit 1985


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 03.09.2019
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Fotos: Matthew Kramer

Als mich die Faszination der elektronischen Musik erreichte, war er schon zehn Jahre im Geschäft: DJ DAG. Ein treuer Wegbegleiter, der mal mehr, mal weniger auf meiner Bildfläche war. Aber nie ganz weg. Unvergessen die Produktion „P.ower of A.merican N.atives“. Unvergessen auch seine Sets bei NATURE ONE, in denen er den Sonnenaufgang musikalisch begrüßt. Umso größer war für mich die Ehre, diese lebende DJ-Legende persönlich zu treffen – ebenda, bei NATURE ONE. Es ist 03:05 Uhr, als mich die WhatsApp-Nawchricht erreicht, er und sein Studiopartner Matthew Kramer seien in einer halben ...

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... Stunde im Backstage-Bereich. Wir suchten Unterschlupf in einem Artist-Container. Die Funktion der Audioaufnahme des Handys aktiviert, nahm das interessante und auf Anhieb sehr vertraute Gespräch seinen Lauf. Dag plauderte über 25 Jahre NATURE ONE, über 34 Jahre DJ DAG, seine Anfänge im Dorian Gray, darüber, ob früher alles besser war – und wir redeten über heikle Themen wie DJ-Gagen und vorproduzierte Sets.

Bei NATURE ONE spielst du immer das Abschluss-Set. Mit Ausnahme von zwei Jahren. Was war da los?
In dieser Zeit hatte ich tatsächlich überlegt, das DJ-Dasein an den Nagel zu hängen. Aufzuhören. Warum? Weil ich schlichtweg keine Platten mehr für mich gefunden habe, die es meiner Meinung nach wert gewesen wären, gespielt zu werden. Es war die Zeit, in der Minimal, Schranz und Electro Hochkonjunktur hatten. Und das war absolut nicht mein Ding. Außerdem dachte ich: Nach so vielen Jahren kannst du auch mal aufhören. Doch es hat mir gefehlt. Ich habe gemerkt, dass ich das brauche, dass ich einfach DJ durch und durch bin.

25 Jahre NATURE ONE – ein Festival, zu dem du einen ganz besonderen Bezug hast.
Richtig. NATURE ONE steht alljährlich in meinem Booking-Kalender. Auch in Zeiten, in denen ich nicht dauerhaft in der Musikszene präsent war. Bei NATURE ONE muss ich schon gar nicht mehr anfragen. Es geht automatisch Jahr für Jahr weiter – mit mir und meinem Closing-Set auf dem Open-Air- Floor. Das hat schon eine sehr lange Tradition und irgendwie gehöre ich fest zum Inventar. Und darauf bin ich auch ein bisschen stolz. Zudem genieße ich dieses respektvolle Miteinander.

Ganz anderes Thema: vorprogrammierte Sets und DJ-Gagen.
Ganz anderes Thema – ganz schwieriges Thema. Ich nenne diese DJs immer Fake-DJs, weil sie einfach ihr Set per USB-Stick abspielen und 90 Minuten eine Show machen, indem sie einfach ein bisschen an den Reglern drehen. Dabei wurde das ganze Set vorher im Studio aufgenommen. Und dafür kassieren diese „DJs“ horrende Summen, das finde ich ungerecht. Wenn David Guetta zum Beispiel bei der Olympiade mit einem Song so tut, als würde er auflegen, drücke ich gerne ein Auge zu. Aber nicht 90 Minuten lang! Das ist für mich armselig. Weißt du, ich komme aus einer Zeit, da zahlte man 40 D-Mark für Pink Floyd in der Frankfurter Festhalle. Vor solchen „DJs“ habe ich keinen Respekt. Mich ärgert es einfach, dass das Publikum so an der Nase herumgeführt wird. Deshalb werfen diese DJs auch mit Torten, fahren mit Ruderbooten über die Leute oder lassen sie sich hinsetzen und dann aufspringen. Klar, warum sie das machen: Weil sie nichts zu tun haben. Ich finde, wenn einer einen guten Job macht, ist die Gage legitim. Wie beim Fußball. Wenn jemand für den Verein super spielt, soll er gutes Geld bekommen. Aber wenn er keine Leistung bringt, hat er das Geld nicht verdient.

Da liegt die nächste Frage nahe: Vinyl oder digital?
Beides. Ich habe auch früher im Dorian Gray schon immer CDs gespielt. Ich bekomme ja nicht alles auf Vinyl. Aber so lange die Wärme und Klangqualität der Schallplatte nicht übertroffen wird, habe ich auch immer Vinyl dabei. Ich bin Handwerker und liebe das DJ-Handwerk. Somit hab ich mich nie gegen das Digitale gesträubt. Allerdings halte ich von den Laptop-Künstlern nichts. Ich bewege mich halt auch gerne beim Auflegen, und mit Laptop müsste ich verharren und mit der Mouse klicken. Dann bräuchte ich zudem noch meine Lesebrille (lacht). Da feier ich doch lieber intensiv mit den Leuten, trinke ein Bierchen, rauche gerne mal etwas und genieße einfach die Zeit. Ich spiele halt auch gerne lang Sets, gerne von Anfang bis Ende, so acht Stunden. Außerdem spiele ich die Tracks gerne aus, denn der jeweilige Produzent wird sich schon etwas dabei gedacht haben, warum die Nummer sieben Minuten lang ist.

Wenn du zurückblickst auf 34 Jahre DJ DAG: War früher alles besser?
Besser? Anders. Bevor ich DJ wurde, war ich ja schon zehn Jahre Gast in Clubs und stundenlang auf der Tanzfläche. Und ich finde auch, wenn du selbst nicht getanzt hast, hast du dieses DJ-Feeling einfach nicht im Blut und kannst die Leute nicht verstehen. Früher sind die Leute für den Club in den Club gegangen – und als Resident-DJ spielte man den passenden Soundtrack für die Nacht. Der war mal härter, mal weicher, mal melodiös, mal progressiv. Heute kommen die Leute für einen einzigen DJ in den Club oder auf ein Festival, der nur seine Musik spielt, die nicht unbedingt von Vielfalt geprägt ist. Früher waren wir DJs noch keine Popstars und die Leute kamen vorwiegend nicht, weil wir DJs da waren, sondern weil sie den Club und die Musik einfach gut fanden.

Der „Club aller Clubs“ war für mich das Dorian Gray. Wie bist du denn als Resident ins Gray gekommen?
Früher, in den 80er-Jahren, war ich Punk, Rockabilly und Skin, aber immer an der elektronischen Clubmusik interessiert. Und irgendwann fängst du dann zu Hause mit zwei billigen Plattenspielern an, aufzulegen. Dann hab ich Kassetten an meine Freunde verschenkt. Die kamen so gut an, dass mir der Gedanke kam, das Ganze professionell als DJ zu machen. Ich bewarb mich im Frankfurter Uno, einem ganz kleinen Club, in den nur 80 Leute passen. Die hatten mich aber abgelehnt. Allerdings lernte ich in der gleichen Nacht ein Mädel kennen, das in der Music Hall als Bedienung arbeitete. Sie fragte mich, ob ich ein Tape dabei hätte, die Music Hall würde einen DJ für montags suchen.

Und um den Spagat zum Dorian Gray zu meistern …
Ich war schon bei der Eröffnung 1978, kam aber nicht rein. Erst nach einem halben Jahr war es endlich so weit, dass ich die heiligen Hallen betreten durfte.

Ach was. Hatte das Gray denn damals eine so strenge Türpolitik?
Oh ja, ganz streng. Auch zu meiner Zeit als DJ. Irgendwann kannte ich aber die Türsteher – und kam rein. Ich war von Anfang an fasziniert von diesem Laden. Es war immer mein Traum, hier einmal spielen zu dürfen. Hier wollte ich arbeiten, hier wollte ich DJ sein. Und dieses Ziel hatte ich erreicht. Bis ich dann 1993 ins Omen gegangen bin. Die Macher des Gray hatten ja eigentlich nie Bock auf die Technoleute. Es war eher ein bisschen feiner dort und man ging zu später Stunde oder zur frühen Morgenstunde hin. Und wenn ich aufgelegt habe, kam die strenge Türpolitik wieder zum Einsatz und die Leute kamen nicht rein. Beispielsweise kam eine Truppe aus Düsseldorf, um bei meinem Gig dabei zu sein. Weil einer jedoch ein Loch in der Jeans hatte, musste er im Auto übernachten. So gnadenlos waren die damals. Das wurde so massiv, dass ich gekündigt habe und ins Omen gegangen bin. Im Jahr 2000 hab ich dann noch einmal im Gray gespielt, aber da lief der Laden schon nicht mehr richtig. Er hatte das Flair einer Dorf- oder Großraumdisco.

Das Gray war aber definitiv ein Door-Opener für dich als DJ. Und als Produzent?
Damit hatte ich mich noch gar nicht befasst. Ich hatte als DJ erreicht, was ich wollte: Ich war Resident im Gray. Als Produzent …Da kam eines Tages Torsten Fenslau [Produzent hinter Culture Beat „Mr. Vain“, Anm. d. Red.] zu mir und fragte, wann ich denn meine erste Platte produzieren würde. Diese war dann 1989 Hanta Yo „The Joker“.

Dance2Trance war geboren?
Auch, ja. Und diese Sachen liefen wirklich super. Das war Musik, die einfach jedem gefallen hat, der Clubmusik mochte. Und der in Anführungszeichen „Höhepunkt“ dann mit „P.ower of A.merican N.atives“: Charterfolg, goldene Schallplatte. In Anführungszeichen deshalb, weil es für mich als DJ eher kontraproduktiv war – schließlich hatte ich jetzt den Stempel eines Kommerz-DJs auf der Stirn. Ich habe unter „Trance“ etwas ganz anderes verstanden. Trance war für mich keine Musikrichtung, sondern ein Zustand, den man durch die Musik erreicht – in Trance fallen, sich hingeben. „We Came In Peace“ war die allererste Trance-Platte auf dem Markt. Ich habe den Begriff geprägt ab 1991.

Zurück ins Hier und Heute: Gibt es News aus den DAG’schen Produktionsräumen?
Ja, die gibt es. Ich habe zusammen mit meinem Studiopartner das Projekt „DJ DAG & Matthew Kramer“ ins Leben gerufen. Wir arbeiten bereits seit neun Jahren zusammen. Jetzt aktuell kommt auf Bonzai Progressive unsere neue Single „Fake“ raus. Auch haben wir „Lovin’ you“ gemacht, das ganz früher mal von The KLF releast worden ist. Die Nummer ist bereits veröffentlicht, als Club-Mix, im Original von Barclay & Cream. Außerdem haben wir „Change Is Coming“ veröffentlicht, mit der Rede von Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg. Ein Track, der im Rahmen der „Fridays for Future“-Bewegung entstand. Das war für mich auch eine Herzensangelegenheit, als passionierter Umwelt- und Naturschützer.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Set und deiner Reise in den Sonnenaufgang. Und jetzt: Lass uns eine Runde über die Pydna gehen.