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DJ QUICKSILVER: Legende reloaded


FAZE - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 01.01.2020
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Bildquelle: FAZE, Ausgabe 1/2020

Jeder von uns denkt gerne an glorreiche Zeiten zurück und erinnert sich an vergangene Partys und vergangene Hits. Im Bereich der elektronischen Musik führt das zwangsläufig zu den gerade extrem angesagten 1990er-Jahre-Partys, bei denen man auf Westbam, Da Hool, Marusha, Kai Tracid, Dune, Mark Oh, Brooklyn Bounce und DJ Quicksilver trifft. Letzterer ist nicht nur DJ aus Leidenschaft, der auf jeder Party 100 Prozent gibt, sondern auch ein sehr witziger und zur Selbstreflexion bereiter Mensch. Wir haben den roten Teppich für ihn ausgerollt und ihn zum Interview gebeten.

Du bist 1964 geboren und somit im ...

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... letzten Jahr 55 geworden. Trotzdem bist du so angesagt wie noch nie – oder zumindest wie seit vielen Jahren nicht mehr. Wie erklärst du dir das?
Nachdem die 1990er-Jahre vorbei waren, bin ich 2004 in ein tiefes Loch gefallen und hatte kaum noch Auftritte. Bis dahin hatte ich im Fahrwasser der 1990er noch einige Auftritte, die aber zunehmend weniger wurden. Es hat dann weitere fünf bis sechs Jahre gedauert, bis man die 1990er wiederentdeckte und sie zum Kult erklärte. Seitdem erlebt dieses unglaubliche Jahrzehnt ein noch nie dagewesenes Revival, das bis heute anhält. Meine Vermutung damals, dass dieser Trend höchstens drei bis vier Jahre andauern würde, war glücklicherweise falsch. Wir haben mittlerweile 2020 und es wird mehr statt weniger. Das spricht für sich. Dem Zauber der 1990er-Jahre kann sich (fast) keiner entziehen. Und da ich auch ein Teil dieser unglaublichen Zeit war und mit meinen Tracks weltweit Erfolge feiern durfte, war es für die Veranstalter klar, dass sie wegen meines Bekanntheitsgrades nicht um mich herumkommen würden. Ich profitiere natürlich davon und genieße jeden einzelnen meiner Auftritte und gehe ihnen mit großer Leidenschaft nach.

Dein erstes Release aus dem Jahr 1995 ist auch gleich ein Welthit geworden, „Bingo Bongo“. Zu dieser Zeit hattest du deinen Plattenladen White Label Records. Wie ist die ganze Sache damals entstanden?
Ich habe White Label Records im Februar 1991 aufgesperrt, nachdem ich meinen Job als Werkzeugmacher nach zehn Jahren hingeworfen und entschieden hatte, zu versuchen, mit meiner wahren Leidenschaft, der Musik, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es war der klassische Sprung ins kalte Wasser, ohne zu wissen, ob es funktionieren würde. Aber der Laden ist eingeschlagen wie eine Bombe und wurde innerhalb kürzester Zeit zum Treffpunkt für DJs, Raver, Musikfreaks oder auch für die Leute, die die neuesten Tracks einfach nur hören wollten, weil sie vielleicht das nötige Kleingeld nicht hatten. Auch die waren herzlich willkommen.

Wie bist du zur elektronischen Musik gekommen und woher stammt der Name Quicksilver?
Elektronische Musik hatte ich irgendwie immer im Blut. Inspiriert von Pink Floyd, Alan Parsons Project, Klaus Schulze/Tangerine Dream und Jean-Michel Jarre, kam ich über Grandmaster Flash, Kurtis Blow und Fast Eddie zu den ersten House-Tracks aus Chicago und den ersten technoiden Klängen aus Detroit. Seitdem gibt es für mich nichts anderes mehr. Dieser Virus ist unheilbar. Der Name Quicksilver ist in den frühen 90ern während eines DJ-Wettbewerbs in Antalya in der Türkei entstanden, den ich gewann – fortan durfte ich mich „Mr. Quicksilver“ nennen. Das hatte etwas mit der mit einer silbrigen Flüssigkeit gefüllten Wassersäule im Hintergrund zu tun, die auf den Applaus der Zuschauer reagierte und bei meinem Auftritt ganz oben anschlug. Wie ein Thermometer. Den Namen habe ich dann beibehalten bzw. in „DJ Quicksilver“ geändert.

Wie ist dein erster Hit „Bingo Bongo“ entstanden?
Das war eine verrückte Geschichte, die bei mir im Plattenladen ihren Anfang hatte. Mein damaliger Studiopartner Tommaso De Donatis war nämlich ein guter Kunde von mir und hat immer viel Geld bei mir gelassen. Eines Tages hatte er Kassetten mit selbst produzierten Tracks dabei und spielte sie mir vor. Ich war hellauf begeistert, zumal er bereits einige Veröffentlichungen bei diversen Labels vorzuweisen hatte. Er war es auch, der mich dann darauf ansprach, ob ich nicht auch eine Platte mit meinem Namen haben wolle. Ahnungslos vom Produzieren wie ich war, sagte ich begeistert zu. Er sagte: „Bring einfach eine Idee mit und wir geben Gas.“ Eine Woche später stand ich bei ihm in Essen auf der Matte mit den „Bingo Bongo“-Sprach-Samples und wir haben innerhalb eines einzigen Tages die Nummer geschraubt. Eigentlich just for fun, ohne kommerziellen Hintergedanken.

Aus „just for fun“ ist ein Welthit geworden. Wie hast du die Zeit nach Riesenerfolgen wie „Bingo Bongo“ und „Bellissima“ im Nachhinein empfunden? Was waren große Enttäuschungen und was hat dich darin bestärkt, der elektronischen Musik verbunden zu bleiben?
Der Erfolg kam wie ein Tsunami über mich, aber ich habe stets einen kühlen Kopf bewahrt. Es war eine unglaubliche, ja fast schon surreale Zeit. Eines Tages stand ich neben dem großen David Bowie, der im BBC-Studio in London bei „Top Of The Pops“ nach mir auf derselben Bühne seine neue Single performte. Da ist es ganz wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, um nicht abzudrehen. Ich habe mir dann innerlich gesagt: „Junge, das kann nicht ewig so weiter gehen. Irgendwann ist Schluss damit. Also, bleib cool, take it easy.“ Natürlich wirst du durch deinen Erfolg in gewisse Schubladen gesteckt, in die du nicht möchtest, weil du ursprünglich aus dem Underground kommst und in diese Rolle mehr oder weniger hineingewachsen bist. Wenn ich in irgendeiner Show bei VIVA oder gar im ZDF aufgetaucht bin, dann hieß es: „Da kommt der coole DJ aus den Clubs.“ War ich in „coolen Clubs“ unterwegs, dann hieß es auf einmal: „Guck mal, da kommt die Kommerzhupe.“ Wie es meine liebenswerte Kollegin Marusha einmal treffend gesagt hat: „Wenn du in den Charts bist, scheißen sie erst mal alle auf dich.“ Dieses Schubladendenken habe ich nie wirklich verstanden. Ob es am Neid liegt, keine Ahnung. Es ist schade, dass manche Menschen einem den Erfolg nicht gönnen wollen, zumal ich international unser Land, meine Heimat, meine Stadt, meine Szene, meine Musik vertrete. Im Ausland hieß es dann: „Hey, he is from Germany, a great country and motherland of electronic music. The country where all began.“ Die schauen mit großen Augen auf Deutschland, weil hier die große elektronische Revolution stattfand und sie den größten Respekt vor unseren elektronischen Künstlern haben. Gott sei Dank sind die ewigen Nörgler im eigenen Land in der Unterzahl, denen kann man eh nichts recht machen und es wäre auch falsch, das tun zu wollen. Ich bin aber immer noch der liebe Orhan von White Label Records, der nur seiner Leidenschaft nachgeht, nicht mehr und nicht weniger.

Das Business hat sich in den vergangenen 20 Jahren extrem gewandelt. Das sieht man schon an der Promotion von Events, Clubs und an der Eigenvermarktung von DJs über soziale Medien. Wie schätzt du diese Änderungen ein?
Für Veranstalter sind die sozialen Medien natürlich ein unglaublich gutes Tool, um ihre Partys und Festivals zu bewerben. Früher musste man unendlich viele Flyer und Plakate drucken, Faxe verschicken oder herumtelefonieren, um Raver auf seine Veranstaltung aufmerksam zu machen. Ich nehme mich da auch nicht raus, auch ich als Künstler profitiere von den sozialen Medien, ist die Reichweite doch immens. Das Problem, das ich aus dem musikalischen Aspekt heraus sehe, ist, dass sich heute alles nur noch um die Vermarktung des Künstlers dreht, die dann über die Auftritte das große Geld abkassieren. Die „Musik“ ist dabei nur Mittel zum Zweck. Und genau deshalb bleiben viele gute Tracks auf der Strecke, weil sie nicht richtig vermarktet werden und dann in der Versenkung verschwinden. Darunter leiden viele gute Künstler, weil sie nicht die finanziellen Mittel haben, um ihre Nummern vernünftig zu vermarkten. Die Musik hat dadurch ihre Seele verloren. Die sozialen Medien sind sowohl ein Fluch als auch ein Segen.


„[…] Der Name Quicksilver ist in den frühen 90ern während eines DJ-Wettbewerbs in Antalya in der Türkei entstanden, den ich gewann – fortan durfte ich mich „Mr Quicksilver“ nennen. Das hatte etwas mit der mit einer silbrigen Flüssigkeit gefüllten Wassersäule im Hintergrund zu tun, die auf den Applaus der Zuschauer reagierte und bei meinem Auftritt ganz oben anschlug. Wie ein Thermometer. Den Namen habe ich dann beibehalten bzw. in ‚DJ Quicksilver’ geändert.“


Du bist nicht nur, aber verstärkt im Ausland unterwegs und so gut wie jedes Wochenende ausgebucht. Was erwarten die Partygäste im Ausland von einem DJ-Quicksilver-Set?
Natürlich erwarten die Gäste in erster Linie meine eigenen Tracks, weil sie mich damit identifizieren. Ich plane aber meine Sets nie im Voraus, weil das meine künstlerische Freiheit beeinflussen würde. Ich lege lieber spontan aus dem Bauch heraus auf. Das macht die ganze Sache auch für die Leute interessanter, zumal man dann gewisse Atmosphären, spezielle Momente erzeugen kann und nicht ein vorher geplantes Set abdudelt. Aber dafür braucht man ein wenig Erfahrung. Man muss die Partygäste und den Moment, den Abend lesen können. Genau deshalb bin ich immer mindestens eine Stunde vor meinem Auftritt vor Ort, damit ich die Stimmung aufsaugen kann. Kurz gesagt: Ich nehme meine Sache sehr ernst und versuche, jedem Partygast ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ihn mit Glückshormonen zu überschütten.

Du hast seit einigen Jahren eine lustige Fehde mit DJ Hooligan. Wieso macht euch das so viel Spaß und wie ist es dazu gekommen?
Ach, die Geschichte. (lacht) Schröder und ich sind eigentlich gute Freunde. Wir können beide über uns selbst lachen und sehen die Sache (bis jetzt) eher entspannt. Die Fehde fing an, als wir beide auf ein privates DJ-Meeting im Garten eines Freundes in Bottrop eingeladen wurden. Da der Hausherr Thomas R. ein guter Gastgeber ist und weiß, dass ich nicht so der große Fleischesser bin, hat er extra für mich ein paar Tofuwürstchen und Sojaschnitzel auf den Grill gepackt – die waren übrigens lecker. Als Schröder die für ihn ungenießbaren Dinger auf seinem heiligen Grill sah, war das natürlich eine Steilvorlage für ihn, mir einen reinzuwürgen. Den ganzen Abend hat er mich und die anderen damit genervt und sich über meine Lebenseinstellung lustig gemacht, bis ich mir geschworen habe, mich an ihm zu rächen. Und mein Rachefeldzug hält seit nunmehr zwei Jahren an. Was viele nicht wissen: Der Schröder war im früheren Leben eine Frau und hat sich umoperieren lassen. Er hat mich aber gebeten, sein „kleines“ Geheimnis niemandem zu erzählen, und deshalb schweige ich jetzt lieber.

Du hast in deiner Karriere nur wenige DJ-Mix-Compilations angefertigt. Wieso hast du jetzt „Dream Dance 88“ gemixt und worauf können wir uns freuen?
Es war so, dass Sven Greiner, DJ Shog, der Produktmanager von Dream Dance, einen 1990er-Mix für die neue „Dream Dance 88“ brauchte. Er rief mich dann an und fragte, ob ich nicht CD3, also den DJ-Mix machen wolle. Ich habe natürlich sofort zugesagt, da der 90er-Sound mein großes Steckenpferd ist. Ich habe bei dem Mix überwiegend auf Gänsehaut und schöne Momente gesetzt. Ein paar vergessene Klassiker sind auch mit dabei.

Ich weiß, dass du wieder fleißig dabei bist, Produktionen abzuliefern. Worauf können wir uns neben der „Dream Dance 88“ freuen?
Aktuell habe ich ja noch die Quicksilver-&-DAG-Kollaboration „Zulu“ am Start. Ein paar Remixe habe ich auch noch angefertigt, u. a. für U96 „Das Boot“, Jorn van Deynhoven „101010“ oder DJ T.H. feat. Damae „Ordinary World“. Ein paar andere Projekte wie Sunbeam „Outside World“ oder JENS „Loops n Tings“ sind aus haarsträubenden und unglaublichen Gründen, die ich hier nicht erwähnen möchte, leider nicht zustande gekommen. Und so langsam möchte ich mal wieder ein Album fertigstellen. Material ist jedenfalls genug da.

Gibt es Künstler, von denen du dich inspirieren lässt?
Wenn Techno ein Videospiel wäre und du am Ende auf den Endboss triffst, dann ist das definitiv Carl Cox. Auch wenn er musikalisch weit weg ist von dem, was ich mache. Seine Energie, seine Power, seine Aura sind genau das, was mich immer weitermachen lässt und mir zeigt, dass man nie zu alt ist, um seiner großen Leidenschaft nachzugehen.

Wie entspannst du und was läuft bei dir privat im Player?
Alte FAX-Records-Sachen von Pete Namlok – RIP – entspannen mich auch nach 25 Jahren noch. Dazu fast alles von Lisa Gerrard und Klaus Schulze. Im Auto geht’s dann ein bisschen heftiger zu. Ich bin in letzter Zeit auf dem Dark-, Bunker- oder Melodic-Techno-Trip. Künstler wie VRIL, Rødhåd, T78 oder Rikther finde ich sehr spannend.

Zuerst gekaufte Platte: Mike Oldfield – Tubular Bells

Zuerst verkaufte Platte: Im Plattenladen? Cosmic Baby – Stellar Supreme

Zuletzt gekaufter Track: The Montini Experience – My House Is Your House (Dextro Remix)

Erster besuchter Club: Don Ernesto, Hattingen

Zuletzt besuchter Club: Bootshaus, Köln

Lieblingsclub: Bootshaus, Köln

Lieblings-DJ-Kollege: Der mit der Glatze aus Bottrop

Verrücktester Moment beim Auflegen: DJ-Tisch auf der Bühne zusammengebrochen und kein Ersatz weit und breit. Weiter ging’s auf dem Boden im Schneidersitz (Hyderabad, Indien 2011)

Geheimwaffe, die immer funktioniert: Faithless – Insomnia

Top 3 der All-time-Favourites Lisa Gerrard/Dead Can Dance – Sanvean Jean-Michel Jarre – Oxygene 4