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DOKU: Wie entschärft man eine Bombe ?


TV Digital XXL-Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 18/2018 vom 24.08.2018

73 Jahre nach Kriegsende besteht immer nochGefahr durch Blindgänger – unser Boden ist hochexplosiv!


Artikelbild für den Artikel "DOKU: Wie entschärft man eine Bombe ?" aus der Ausgabe 18/2018 von TV Digital XXL-Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TV Digital XXL-Ausgabe, Ausgabe 18/2018

Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen-Anhalt mit zwei Zündern einer US-Fliegerbombe


Britische Fliegerbomben verschiedenen Typs vor der Verladung. Auf dem Foto wurden die Gewichtsangaben ergänzt


Als der Sprengmeister etwa 30 Zentimeter über der Bombe nur noch mit den Händen grub und immer wieder sagte, dass eine Selbstdetonation durchaus möglich sei, wurde mir erst richtig bewusst, wie schnell auch mal was schiefgehen kann“, sagt Frank Gensthaler. Er ist einer der Autoren der ...

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Als der Sprengmeister etwa 30 Zentimeter über der Bombe nur noch mit den Händen grub und immer wieder sagte, dass eine Selbstdetonation durchaus möglich sei, wurde mir erst richtig bewusst, wie schnell auch mal was schiefgehen kann“, sagt Frank Gensthaler. Er ist einer der Autoren der National-Geographic-Doku „Eisernes Erbe“, in der es um den Umgang mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg geht (s. Sendehinweis). Unter anderem beobachtete sein Team das Entschärfen einer Bombe mit Langzeitzünder in Oranienburg.
Mehr als fünf Millionen Bomben warfen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg über Deutschland ab. Jede zehnte, so schätzen Experten, explodierte nicht. Rund 100000 liegen noch immer im Boden. Und mit jedem Tag, an dem Rost und Säuren ihr Werk tun, werden sie gefährlicher. Im Schnitt müssen die Männer und Frauen der Kampfmittelräumdienste jede Woche zu 100 Einsätzen ausrücken, bei jedem riskieren sie ihr Leben. Besondere Schutzkleidung tragen sie nicht, sie würde ihnen ohnehin nicht helfen. „Die Menschen, die diesen Beruf ausüben, waren für mich die größte Überraschung“, erzählt Gensthaler. „Für uns sind es Helden, für sie ist es normal, dass sie für jeden von uns täglich ihr Leben aufs Spiel setzen.“ Alleine seit 2000 kamen elf Sprengmeister im Einsatzums Leben, 2010 wurden drei von ihnen zerfetzt, als in Göttingen eine Bombe nur eine Stunde vor der geplanten Entschärfung detonierte. Mehrere Hundert unterschiedliche Bomben- und Granatentypen wurden im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, mit jedem davon muss sich ein Bombenentschärfer auskennen – schon im eigenen Interesse. Besonders heimtückisch sind Bomben mit chemischen Langzeitzündern (s. Grafik). Um die Bevölkerung zu demoralisieren und die Aufräumarbeiten zu erschweren, sollten sie erst explodieren, wenn die Menschen nach Ende eines Fliegerangriffs wieder aus den Luftschutzbunkern und Kellern zurück auf die Straßen gingen. Die Zeitverzögerung dieser Bomben ließ sich zwischen wenigen Stunden und sechs Tagen variieren.

SA 1.9.
Eisernes ErbeNAT GEO 21.00 UHR
DOKU Mit Kampfmittelräumdiensten unterwegs zu ihren riskanten Einsätzen

5Millionen Bomben fielen auf Deutschland

500.000
davon explodierten nicht

100.000
liegen noch im Boden: tickende Zeitbomben

100
EINSÄTZE haben die Kampfmittelräumer pro Woche

Zeitbomben
Chemische Langzeitzünder lassen Bomben erst mit einer Verzögerung von bis zu sechs Tagen explodieren. Bomben dieses Typs zählen zu den gefährlichsten Blindgängern

Im Zweiten Weltkrieg fielen fünf Millionen Bomben auf Deutschland


Eigentlich müsste der Boden in den Hauptzielgebieten der damaligen Bombardements systematisch untersucht werden, so etwa in Großstädten wie Hamburg, Berlin, München oder Köln. Allein in Berlin und Hamburg werden jeweils noch rund 3000 Blindgänger vermutet. Seit Mitte der 1980er-Jahre stehen dafür alte Luftbilder der Alliierten zur Verfügung: „Wenn man sich diese Aufnahmen anschaut, gibt es sogenannte Gefährdungskreise“, erläutert Doku-Autor Gensthaler. Sie sind kleiner als die Bombentrichter drumherum. „Das sind Orte, an denen potenziell noch Bomben liegen könnten. Vor allem Brandenburg ist komplett gescheckt, gefühlt an jeder Ecke könnte da noch eine Bombe in der Erde liegen.“ Doch die akribische Suche gilt als zu teuer. Vielerorts, beispielsweise in Hamburg, wurden bereits Vorschriften aufgeweicht: Bei Neubauten muss nicht mehr das gesamte Grundstück, sondern nur die zu bebauende Fläche überprüft werden – und auch das nur so tief, wie die Baugrube ausgehoben wird. Sollten daneben oder darunter noch Blindgänger schlummern, können sie morgen, in Jahren oder Jahrzehnten hochgehen. Die Zeitbomben ticken also weiter, und die möglichen Folgen sind nicht auszudenken. Scharfkantige Bombenteile fliegen bis zu einem Kilometer weit.
Eine Fliegerbombe kann aus mehreren Gründen zum Blindgänger werden: Wenn der Untergrund sehr weich oder die Bombe ins Wasser gefallen ist, lösen Aufschlagzünder nicht aus. Bomben mit Langzeitzünder werden nach dem Durchdringen weicher Bodenschichten von einer härteren umgelenkt und bleiben mit der Spitze nach oben liegen. Die Säure kann so den Sprengmechanismus nicht auslösen, weil sie gar nicht oder in die „falsche“ Richtung fließt.

Wenn es gut läuft, können die Sprengstoffexperten einen der wenigen ferngesteuerten Entschärfroboter einsetzen. Mobile Wasserschneidegeräte trennen mit 2400 Bar Druck Zünder heraus, die dann separat gesprengt werden. Doch häufig arbeiten die Entschärfer direkt an einer Bombe und schrauben den Zünder mit einer Wasserrohrzange heraus – was je nach Korrosionslevel unterschiedlich schwierig ist. Muss ein Blindgänger vor Ort gesprengt werden, dienen riesige, mit Wasser gefüllte Kunststoffkissen oder hohe Sicherheitspyramiden aus Sand als Puffer.

Szenarien wie im September 2017, als in Frankfurt am Main eine mit 1,4 Tonnen Sprengstoff gefüllte Fliegerbombe entschärft wurde und 65000 Menschen ihre Häuser verlassen mussten – die größte Evakuierung der Nachkriegszeit –, werden uns wohl noch viele Jahre begleiten. In München-Schwabing verlief 2012 eine kontrollierte Sprengung nicht wie gewünscht und verursachte Schäden in Millionenhöhe. Und Gefahr lauert nicht nur auf dem Festland – in der Nord- und Ostsee arbeiten sich Giftstoffe wie Senfgas, Arsen, DDT langsam durch rostige Behälter. Auch davon erzählt die Doku.


FOTOS: DPA PICTURE-ALLIANCE, IMPERIAL WAR MUSEUM, CULTURE IMAGES; INFOGRAFIK: HAISAM HUSSEIN