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Dokument »Die Lage ist verzweifelt«


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 26.03.2019

Die Protestantin Elisabeth Schmitz warnte 1935 in einer Denkschrift vor der Ausgrenzung und Ver folgung der Juden.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2019

Die protestantische Theo - login Elisabeth Schmitz (1893 bis 1977) gehörte zur ersten Generation von Frauen in Deutschland, die studieren konnten. Nach dem Abschluss in Geschichte, Germanistik und Theo - logie war sie als Lehrerin an verschiedenen Berliner Gymnasien tätig. Sie lehnte den National - sozialismus ab und wurde 1934 Mitglied der »Bekennenden Kirche «, einer Bewegung protestan - tischer Christinnen und Christen, die sich gegen die Gleichschaltung des ...

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... Regimes zur Wehr setzten. 1935 verfasste sie anonym den Text »Zur Lage der deutschen Nichtarier«, in dem sie die Diskriminierung jüdischer Bürger durch die Nazis anprangerte. Die Schrift kursierte in der Bekennenden Kirche, zu einer öffentlichen Stellungnahme gegen die Judenverfolgung kam es jedoch nicht. Schmitz’ Autorenschaft wurde erst nach ihrem Tod bekannt. Die Theologin ließ sich nach den Novemberpogromen von 1938 in den Ruhestand versetzen, weil sie nicht im Sinne des NS-Staates unterrichten wollte. Während des Krieges half sie verfolgten Juden und versteckte etliche von ihnen. Nach dem Krieg arbeitete sie in Hanau als Lehrerin. Sie wurde 2011 von der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.

Auszüge aus der Denkschrift:

»Vor nunmehr bald zweieinhalb Jahren ist eine schwere Verfolgung hereingebrochen über einen Teil unseres Volkes um seiner Abstammung willen, auch über einen Teil unserer Gemeindemitglieder. Die unsagbare äußere und wohl noch größere innere Not, die diese Verfolgung über die Betroffenen bringt, ist weithin un bekannt und damit auch die Größe der Schuld, die das deutsche Volk auf sich lädt.

Im Namen von Blut und Rasse wird seit stark zwei Jahren die Atmosphäre in Deutschland unauf - hörlich planmäßig vergiftet durch Hass, Lüge, Ver - leumdung, Schmähungen niedrigster Art in Reden, Aufrufen, Zeitschriften, Tagespresse, um die Menschen zu willigen Werk zeugen dieser Verfolgung zu machen …

Der Gauleiter von Franken und Leiter des Boykotts vom 1. April 33(gegen jüdische Geschäfte –Red.), Julius Streicher, sagte auf einer Massenkundgebung …: ›Wir werden durch Gesetz dafür sorgen, dass die, die nach uns kommen, als Deutsche leben und nicht als Menschen, die aussehen wie Tiere‹ … Aus einem Artikel von Wilhelm Kube, Gauleiter der Kurmark, im ›Cottbusser Anzeiger‹ vom 19./20.5.34: ›Was Pest, Schwindsucht und Syphilis für die Menschheit gesundheitlich bedeuten, das bedeutet das Judentum sittlich für die weißen Völker‹ …

Dass diese tägliche Verhetzung nicht ohne Folgen bleiben kann, ist selbstverständlich …

Dass seit vielen Monaten in den fränkischen Dörfern um Nürnberg herum Tafeln angebracht oder Spruchbänder quer über die Strafe gezogen sind mit Inschriften: ›Juden betreten die Ortschaft auf eigene Gefahr‹, ist wohl allgemein bekannt.

… Diese Beispiele sind Schlaglichter, die grell die Lage beleuchten. Diese Lage ist verzweifelt. Sie ist angesichts dieses Meeres von Hass, Verleumdung, Gemeinheit verzweifelt nicht nur für die, die es trifft, sondern noch viel mehr für das Volk, das dies alles tut und geschehen lässt …

Was soll überhaupt aus unseren evangelischen nichtarischen Gemeindemitgliedern werden? Die Kirche hat es ja zunächst – aber auch wirklich nur zunächst – mit ihren Gliedern zu tun. Sollen unsere Kinder in die jüdischen Schulen gehen? Sollen die Kinder aus evangelischen Ehen in eine andere Badeanstalt gehen als Vater oder Mutter? Mann und Frau in verschiedene Restaurants und Cafés? Sollen die jungen Menschen zum Zölibat verurteilt sein? … Die Beispiele genügen um zu zeigen, dass es keine Übertreibung ist, wenn von dem Versuch der Ausrottung des Judentums in Deutschlands gesprochen wird.«


Schmitz