Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

Dolce Vita im Schwarzwald


Logo von Donna
Donna - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022

Reise

Artikelbild für den Artikel "Dolce Vita im Schwarzwald" aus der Ausgabe 10/2022 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 10/2022

Das Leben ein Fest ? im Herbst ist der Schwarzwald unschlagbar

Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass man die Schönheit der Gegend, in der man aufwächst, lange nicht sieht. Wenn man im äußersten Südwesten Deutschlands groß wird, dann hält man das alles für normal: die puppigen Orte wie Gengenbach oder Laufen, in denen man über Kopfsteinpflaster geht, vorbei an schmalen Bürgerhäusern mit Geranien vor den Fenstern und spätmittelalterlichem Fachwerk, in teils abenteuerlichen Winkeln aneinandergelehnt oder vornübergebeugt. Und auch den mächtigen, graugrünen Rhein, in den man im Sommer springt und sich ein paar Kilometer flussabwärts mittragen lässt, Handtuch und Wechselklamotten in einer wasserdichten Tasche an den Arm gebunden. Normal auch die Nähe zur Schweiz, zum Elsass. Und die Tatsache, dass man fast täglich über die Grenze fährt und dass die älteren Menschen in der Region alemannisch sprechen, nur leicht variiert von Land zu Land.

...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Donna. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Liebe Leserin, lieber Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserin, lieber Leser
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Lernen von der Besten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lernen von der Besten
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von … bin in den Pilzen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
… bin in den Pilzen
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Lucinde ist 50. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lucinde ist 50
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Die magischen
Vorheriger Artikel
Die magischen
Raten Sie mal!
Nächster Artikel
Raten Sie mal!
Mehr Lesetipps

... Erst wenn man wegzieht aus Südbaden und dann zurückkommt, mit den offenen Sinnen einer Besucherin, kann man all das Schöne wirklich sehen, spüren, schmecken. Die dunklen Höhenzüge des Schwarzwalds, seinen ganz eigenen kühlwürzigen Duft, den man schon in den Freiburger Außenbezirken riecht und der immer stärker wird, je höher man sich mit dem Auto in Richtung Feldberg hinaufschraubt. Den Nebel, der an Herbstmorgen über den Bäumen und steilen Matten hängt. Das Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg, wo man ab Mitte September durch die rotgolden verfärbten Weinberge wandern und überall dort einkehren kann, wo ein am Haus befestigter Besen oder Zweig signalisiert, dass der Winzer neuen Wein ausschenkt, noch süß und trüb. Dazu gibt es in diesen Besenwirtschaften, auch „Straußi“ genannt, Walnüsse von den eigenen Bäumen, Flammkuchen oder Zwiebelwaie. Und zum Nachtisch mit selbst gemachter Marmelade gefüllte Linzer Torte, die man so auch bei den Markgräfler Bauernfrauen auf den Wochenmärkten bekommt.

Hier kann man das Schöne sehen, spüren, schmecken

Und während man im März, April in anderen Teilen Deutschlands noch friert, weiß man als weggezogene Südbadenerin, dass es daheim jetzt schon mild und sonnig ist. Grund ist die warme Luft, die das ganze Jahr über vom Mittelmeer durch die Burgundische Pforte, den Durchlass zwischen dem Schweizer Jura und den Vogesen, strömt. Dieses Wetterphänomen macht die Gegend seit der Römerzeit zum Weinanbaugebiet. Und es sorgt dafür, dass die Menschen viel draußen sitzen und bei dieser „Hockete“ – „hocken“ ist alemannisch für „sitzen“ – genießen, was die Natur ihrer Heimat ihnen bietet. Gutedel, Obst, Spargel und Nüsse aus der uralten Kulturlandschaft entlang des Rheins, Käse und „Schoggi“ aus der Schweiz, Pâté, Gugelhupf und Cidre aus dem Elsass. Aufwendig muss die Küche bei den Weinfesten und in den Dorfgaststätten nicht sein – nur frisch und von guter Qualität.

Er ist allgegenwärtig, der Genuss, der hier so unaufgeregt und selbstverständlich zelebriert wird. Und man begreift, dass Südbaden nicht nur wegen seines warmen Klimas und der Weinberge „die Toskana Deutschlands“ genannt wird, sondern auch wegen des Dolce Vita. Das die Südbadener nie so ostentativ praktizieren würden wie etwa die Bayern. Hier hat auch kaum eine Frau außerhalb der benachbarten Schwarzwalddörfer Gutach, Kirnbach und Hornberg-Reichenbach einen „Bollenhut“ im Schrank. Ein alemannisches Äquivalent zu „Mia san mia“? Undenkbar. Stattdessen schätzt man leisere Töne, unterlegt mit zart subversivem Mutterwitz, einem Hauch Obrigkeitsskepsis und Revoluzzertum.

Die neue Generation badischer Winzer setzt auf Kreativität und Klasse

Nun kann man die Grünen des Jahres 2022 natürlich nicht mehr als Revolutionäre bezeichnen. Trotzdem passt es, dass die alternative Hochburg Freiburg in Südbaden liegt, dass Baden-Württemberg als einziges Bundesland einen grünen Ministerpräsidenten hat und dass es hier nach Bayern die meisten Öko-Bauern im Bundesgebiet gibt.

Tatsächlich isst man in dieser Region bevorzugt ökologisch. Auch das versteht man erst aus der Ferne: dass man als Mensch aus dieser Ecke Deutschlands fast zwangsläufig zum Foodie wird. Wer schon einmal Südbadener im Exil über die Suche nach der perfekten Käsemischung („Einfach nicht rezent genug“) und dem richtigen Bauernbrot für ein Käsefondue hat sprechen hören, weiß sofort, was gemeint ist. Und so ist es natürlich auch kein Zufall, dass nicht München oder Berlin, sondern ein Ort im nördlichen Schwarzwald das deutsche Feinschmecker-Zentrum ist: In Baiersbronn versammeln sich gleich acht Michelin-Sterne – wenn man das „Le Pavillon“ im nahen Bad Peterstal-Griesbach mitzählt, sogar zehn.

Die bekannteste Sterne-Küche ist die der „Schwarzwaldstube“ im Hotel „Traube Tonbach“, wo nach dem legendären Harald Wohlfahrt inzwischen dessen Souschef Torsten Michel am Herd steh t, mit der gleichen Mis-sion: „die Freude am Tisch, die Lust am Essen, das keine intellektuelle Rätselaufgabe sein soll“, wie die Frankfurter Allgemeine einmal schwärmte. 2020 ist das Stammhaus zum großen Schrecken vieler Fans abgebrannt, wurde wieder aufgebaut und im vergangenen April neu eröffnet.

Bitte mitbringen: ein richtig gutes Bauernbrot

Und dann ist da natürlich der Wein – wirklich überall. Freiburg gilt als die Großstadt mit der flächenmäßig größten Weinanbaufläche: Am Schönberg stehen um das Jesuitenschloss Reben, die zum Markgräflerland gehören, am Schlossberg, nördlich des Flusses Dreisam, beginnt das Terrain Breisgau, im Westen der Stadt steigt der Tuniberg aus der Ebene des Oberrheins auf. Dazu die Weinberge der Albert-Ludwigs-Universität, deren in Flaschen abgefüllte Ernte man tatsächlich im Uni-Rektorat kaufen kann.

Was man hier trinkt? Auf den Vulkan- und Lössböden der Gegend werden unter anderem gute Rieslinge, Silvaner, Grau- und Weißburgunder angebaut. Als Star gilt inzwischen der rote Spätburgunder oder Pinot noir, der laut Menschen, die es wissen müssen, seit den frühen 1990ern immer besser wird. Was zum einen an einer neuen Generation badischer Winzer liegt, die kreativ sind und auf Klasse setzen, aber auch am Anstieg der Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten. Der Pinot, wie er kurz und zärtlich genannt wird, badisch betont auf der ersten Silbe, ist also ein Profiteur des Klimawandels.

Wenn man wieder wegfährt, den Kofferraum voll von Burgunder, Schoggi und mindestens fünf Broten zum Verschenken und Einfrieren, noch einen Stopp am Bodensee einlegt für Zwetschgen und geräucherte Felchen, stellt man sich jedes Mal dieselbe Frage: Warum zieht man eigentlich nicht wieder zurück in den Südwesten, wenn man dort so lustvoll lebt? Vielleicht weil einem inzwischen klar geworden ist, dass Gewöhnung der natürliche Feind der Wertschätzung ist. Und weil irgendjemand den Rest der Republik ja mit richtig gutem Bauernbrot versorgen muss.

Essen gehen:

◆ Sich einmal ein Drei-Sterne-Menü gönnen? Das geht in der „Schwarzwaldstube“ des Hotels „Traube Tonbach”, die ihr Spitzenniveau bereits seit 1992 hält. Anders, als es der Name vermuten lässt, sitzt man hier in lichten Räumlichkeiten und schaut aus bodentiefen Panoramafenstern über die grüne Umgebung. Frühzeitig reservieren! traube-tonbach.de/restaurantsbar/schwarzwaldstube

◆ Das Ehepaar Neynaber, das den „Adler“ in Weil am Rhein führt, ist in der Schweizer Spitzengastronomie ausgebildet – und das merkt man. Trotzdem geht es hier wunderbar bodenständig zu. Unten im Kellerrestaurant „Spatz“ kann man in den kühlen Monaten ein sehr gutes Käsefondue essen. adler-weil.de

Übernachten:

◆ Das Boutique-Hotel „Die Reichsstadt“ mit Spa, ruhigem Garten und Outdoor-Pool liegt mitten in der historischen Altstadt von Gengenbach, die wunderschöne Ortenau mit Weinbergen, Burgen und dem Schwarzwald direkt vor der Haustür. die-reichsstadt.de

◆ Wer mal in einem echten Schwarzwaldhof übernachten möchte, muss in der „Mühle“ in der Nähe des Schluchsees absteigen: außen traditionell, innen schlicht und modern, mit richtig guter Küche und traumhafter Umgebung. muehle-schluchsee.de

Als Mensch aus Südbaden wird man zwangsläufig zum Foodie

DONNA-Autorin Nina Berendonk mit Hund Disco auf Besuch in der südbadischen Heimat

Aktivitäten:

◆ Bevor man im „Adler” badische Spezialitäten probiert, unbedingt das nahe Vitra Design Museum besuchen, Designklassiker anschauen und das kühne Vitra Feuerwehrhaus von Zaha Hadid bewundern. design-museum.de

◆ Ganzjährig in den Rhein springen kann man zum Beispiel am Wehrer Badestrand (Wallbacher Straße, 79664 Wehr).

◆ Das Markgräflerland kann man besonders gut bei einer kulinarischen Weinwanderung kennenlernen – zum Beispiel von Müllheim nach Badenweiler, mit drei Gängen, Winzersekt und Wein an drei verschiedenen Orten (originallandreisen.de, ab 70 Euro).

◆ Die Shelter Winery, ursprünglich von Hans-Bert Espe und Silke Wolf in einem Hangar auf dem verlassenen kanadischen Flughafen Lahr gegründet, sieht nicht typisch badisch aus. Aber es gibt vorzüglichen Pinot noir, Blanc de Noirs und Sparkling Brut. shelterwinery.de

◆ Das biozertifizierte Weingut Wöhrle lässt seine erstklassigen Rot- und Weißweine schon in zweiter Generation auf den sonnigen Hängen des Schutterlindenberges reifen. Unbedingt Riesling und Spätburgunder probieren. woehrle-wein.de

◆ Es gibt in Südbaden mehr hübsche Orte zum Bummeln, als man aufzählen kann. Neben Gengenbach und Laufen lohnt sich zum Beispiel ein Ausflug ins ebenfalls wunderschön am Rhein gelegene Laufenburg. Eine Brücke verbindet den deutschen und den schweizerischen Teil miteinander, ab und zu wird sogar darauf gefeiert.