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DONNA KULTUR: BÜCHER: Edna und die wilden Mädchen


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 02.01.2019

Edna O’Briens verbotene „ Country Girls”-Trilogie wurde neu aufgelegt. Zu Recht, denn in den Büchern steckt echte Frauen-Power


Artikelbild für den Artikel "DONNA KULTUR: BÜCHER: Edna und die wilden Mädchen" aus der Ausgabe 2/2019 von Donna. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Donna, Ausgabe 2/2019

Die Frau, vor der sich in den Sechzigerjahren Irlands Männer fürchteten (rechts oben), und heute mit 88


Skandalbuch“ – wenn dieser Begriff fällt, dann ist fast immer Sex im Spiel. Man denke nur an Virginie Despentes „Baise-moi“ oder „Plattform“ von Michel Houellebecq. Auch der erste Roman von Edna O’Brien, damals angehende Journalistin, heute eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Irlands, bekam diesen Titel. So empört war man in ihrer Heimat, dass „Die ...

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... Fünfzehnjährigen“ kurz nach Erscheinen 1960 auf dem Index landete, ein Priester das Buch öffentlichkeitswirksam nach dem Gottesdienst verbrannte und sich männliche Schriftsteller-Kollegen über die „nymphomanischen“ Figuren und sogar die Partnerwahl der Autorin das Maul zerrissen. Dabei geht es gar nicht um wilden Sex in der Geschichte von Caithleen und Bridget, genannt Kate und Baba, die ihr irisches Dorf verlassen, um auf ein katholisches Internat zu gehen, dort aber bald ihre Flucht in die Großstadt Dublin einfädeln.

Was viel stärker hinter dem ruhigen, klugen Ton des Romans hervortritt, ist der Freiheitsdrang der beiden Mädchen. Diese Haltung macht ihn zeitlos aktuell. Kate will nach dem Tod ihrer alleinerziehenden Mutter endlich der ärmlichen Enge entfliehen, und auch die Arzttochter Baba, der das Bohème-Leben schon eher in die Wiege gelegt worden ist, sehnt sich nach mehr Leichtigkeit, Spaß – und der ein oder anderen Liebelei: unerhört im erzkatholischen, rückständigen Irland jener Tage. Edna O’Brien, damals 30, verließ ihre Heimat, ließ sich im britischen Exil nieder und schrieb dort in den kommenden Jahren zwei Fortsetzungen, „Das Mädchen mit den grünen Augen“ und „Die Glückseligen“. Die später sogenannte „Country Girls“-Trilogie begründete Edna O’Briens große Karriere, es kamen weitere Romane, Erzählungen und Theaterstücke dazu.

Ihr weltweiter Ruhm sei Salz in die irischen Wunden gewesen, schreibt die Autorin Eimear McBride in ihrem Vorwort der nun neu verlegten Trilogie.

Edna O’Brien hat den ersten Band der „Country Girls“-Trilogie (Hoffmann und Campe Atlantik, je 10 Euro) 1960 in nur drei Wochen geschrieben


„Ich hatte gar nicht so viele Liebesbeziehungen, wie alle glauben“


Und auch die lästernden Kollegen dürften damals angesichts des Erfolgs der schönen Frau mit den wilden, rötlichen Haaren und den grünen Augen geschluckt haben. Diese Frau, die sich doch allen Ernstes traute, sich Mitte der 1960er-Jahre aus einer unglücklichen Ehe zu befreien, ihre beiden Kinder alleine aufzuziehen und in ihrer späteren New Yorker Zeit ausschweifende Partys mit Berühmtheiten wie Philip Roth oder Sean Connery zu schmeißen. „Ich hatte gar nicht so viele Liebesbeziehungen“, hat die inzwischen 88-jährige Schriftstellerin in einem Interview richtiggestellt. „Das waren gute Freunde.“

Man begreift in diesem Moment, dass es vor allem ihre Unabhängigkeit und Stärke war, mit der sie der irischen Männergesellschaft damals so viel Angst eingejagt hat. Dabei ist Edna O’Briens unbedingtes Freiheitsbedürfnis auch aus Furcht entstanden. Ihr Vater trank, und die kleine Edna „lebte in der ständigen Angst, er würde meine Mutter umbringen“. Aber: „Die Wunden, die du hast, sind die Wunden, mit denen du leben musst.“

Ein bisschen Balsam auf die Wunde der Ablehnung, die ihr in ihrer Heimat entgegenschlug, war sicherlich die jüngste Entschuldigung des irischen Präsidenten für die Skandalisierung ihres Werkes. Dennoch sitzen die alten Verletzungen tief bei ihr. Sie habe neulich geträumt, erzählt sie im Interview, sie sei mit 90 Jahren gestorben und ihr Grab nur mit einem kümmerlichen Stück Blech gekennzeichnet gewesen. „Könnte man nicht auch an Blumen denken?“, habe sie sich gefragt. „Ich liebe Blumen nämlich sehr.“

Für Sie, verehrte Mrs O’Brien, soll es schon zu Lebzeiten rote Rosen regnen.


FOTOS: MURDO MACLEOD, GETTY IMAGES