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DOPING Ein System auf dem Prüfstand


Reiterjournal - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 24.01.2020

Nicht erst seit kurzem stehen viele Reiter dem nationalen und internationalen Anti-Doping-System im Pferdesport kritisch gegenüber. Aber der Frust unter den Aktiven wird zunehmend größer.


Doping/Medikation im Pferdesport

Unter Doping versteht man per Definition die Einnahme von unerlaubten Substanzen oder die Nutzung von unerlaubten Methoden zur Steigerung der Leistung, die damit zu einer ungleichen Chancenverteilung im Sport führt. Im Pferdesport scheint man sich derzeit nicht ganz so sicher zu sein, ob bei positiven Dopingproben immer die Grundlage der Leistungssteigerung vorliegt. Häufig, so macht es ...

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Bildquelle: Reiterjournal, Ausgabe 2/2020

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... den Eindruck, führen Kontaminationen zu positiven Tests, oft über verunreinigtes Futter. Die Labore werden immer genauer, finden selbst die kleinsten Rückstände einer möglichen leistungssteigernden Substanz. Doch hier setzen derzeit die Reiter an. Der International Jumping Riders Club (IJRC) ‒ eine Vereinigung der internationalen Springreiter ‒ beschäftigt sich schon länger mit der Problematik und wirft dem Internationalen Reitsportverband FEI vor, Substanzen über Substanzen auf die Liste der verbotenenen Mittel zu setzen, ohne deren leistungssteigernden Effekt zu kennen. Während die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) bzw. die World Anti-Doping Agency (WADA) etwa 250 bis 300 verbotene Substanzen auf ihrer Liste für Humansportler als leistungssteigernd führen, sind es im Reitsport je nach Liste die vier- bis zehnfache Menge an Substanzen. Da darf man sich durchaus fragen: Warum? Die Reiter erwarten eine Antwort. Sie sind es, die als „Dopingsünder“ auf einer öffentlichen Liste auftauchen, selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die positive Probe durch eine Kontamination verursacht wurde. Den Stempel „Doping“ behalten die Athleten dennoch vermutlich ihr Leben lang, die Zeit bis zur Feststel - lung einer Kontamination ist kräftezehrend und teuer. Fachanwälte auf diesem Gebiet greifen richtig zu. Der Spitzenreiter Steve Guerdat, zuletzt über ein Jahr die Nummer eins der Welt, wurde 2015 für zwei Monate gesperrt, weil die verbotenen Substanzen Codein und Oripavin sowie die kontrollierte Medikation Morphin in La Baule in seinen Spitzenpferden Nino des Buissonnets und Nasa seinerzeit nachgewiesen wurden. Hinterher kam raus: Schlafmohnsamen war der Grund für die positiven Tests, enthalten in dem Pferdefutter. Die Sperre ‒ zu unrecht. Gegenüber uns teilte er damals danach mit, dass er nun jedes Mal mit Angst reiten würde. Diese Angst schwelt bei vielen Reitern immer mit. Die Reiter könnten sich, so berichtet Springreiter Max Kühner in unserem Interview ab Seite 16, nie sicher sein, dass eine Dopingprobe auch wirklich negativ sei ‒ obwohl man kein leistungssteigerndes Mittel gegeben habe. Das derzeitige Dopingsystem sei fehlerhaft und sortiere nicht die schwarzen Schafe aus. So sind derzeit auf der Liste der offenen Dopingfälle bei der FEI etwa die Hälfte der Fälle vermutlich durch Kontaminationen verursacht, eine Vielzahl durch Synephrine, ein Stoff, der unter anderem in Zitrusbäumen vorkommt und gefäß-verengend wirken soll sowie den Puls steigen lässt und als Abnehmmittel dient. Die FEI selbst gab bereits eine Warnung heraus, dass sich die Reiter mit ihren Pferden von den entsprechenden Pflanzen fernhalten sollten. Als Kontamination anerkannt sich die Fälle derzeit noch nicht.

Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Diskussionen bewegen. Die Verbände versuchen den Sport sauber zu halten ‒ das ist ihre Pflicht und Aufgabe ‒ aber die Forderung der Reiter nach einer Systemüberarbeitung ist nachvollziehbar. Zumal dafür Geld zur Verfügung stünde: Laut Jahresbericht der FEI wurde in den Jahren 2016 bis 2019 in der Fachabteilung Doping ein Gewinn von über zwei Millionen Schweizer Franken erzielt, mit Strafen sogar über drei Millionen Euro. Das, so sagt Max Kühner vom Member-Board des IJRC, sei doch ein Budget, das man zur Verbesserung des Systems verwenden könne und das nicht für die Gesamtfinanzierung des Verbandes oder als Gewinn geführt werden sollte.

In Bitterorangen kommt das Alkaloid Synpephrine vor – auf der Liste der off enen Dopingfälle der FEI fi nden sich viele positive „Dopingproben“ mit dieser Substanz.


In der Biologie und der Medizin gibt es keine 100-prozentige Sicherheit. Daher beinhalten auch die empfohlenen Karenzzeiten ein Restrisiko.


In diesem Kontext ein Blick nach Baden-Württemberg: Die Finanzierung der Medikationskontrollen auf regionaler Ebene erfolgt durch die FN, die Deutsche Reiterliche Vereinigung. Warendorf gibt vor, wieviele Kontrollen pro Jahr genommen werden müssen ‒ das sind in Baden-Württemberg 100. Da es in den Jahren 2007 und 2008 allerdings auffällig viele positive Proben gab, verordnete die Landeskommission im Oktober 2008, die Anzahl der Proben zu erhöhen. Die Kosten für diese Mehrproben trägt in dem Fall die LK bzw. lässt sie einen Anteil davon die Reiter bezahlen. Pro reserviertem Startplatz wurde seinerzeit eine Anti-Doping-Abgabe in Höhe von 0,10 Euro eingeführt, worüber die etwa 100 Mehrproben finanziert werden. Kit und Analyse kosten die Landeskommission etwa 160 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer. Bei den etwa 200 Kontrollen im Jahr sind die positiven Proben in den letzten Jahren relativ unverändert: Während es 2009 noch sieben positive Proben waren, sind es seitdem jährlich zwischen null und fünf positiven Proben. Die Auswahl der Turniere und der Prüfungen erfolgt dabei durch die LK, wobei pro Turnier meistens zwei Proben angeordnet werden und dabei auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Dressur- und Springprüfungen geachtet wird. Überwiegend erfolgen die Kontrollen in den Prüfungen der Klassen A bis S und die Auswahl des Reiters und Pferdes nach einem Zufallsprinzip durch den Richter. Lediglich in Tübingen und Schutterwald zum Landeschampionat und den Landesmeisterschaften werden garantiert immer Proben genommen. Außerdem engagiert die Landeskommission für fünf bis sieben Turniere einen unabhängigen Tierarzt, der unangekündigt auf das Turnier kommt und sechs Proben nimmt ‒ die Auswahl von Prüfungen und Reitern erfolgt durch den Tierarzt.
Grundsätzlich gilt im Reitsport die „Nulltoleranz“, verbotene Substanzen haben ‒ egal in welcher Konzentration ‒ nichts im Pferdekörper zu suchen. Allerdings gibt es für einige Substanzen Grenzwerte. Substanzen, die von Pferden selbst produziert werden oder die in der Umwelt oder im Grundfutter vorkommen, werden demnach in unauffälliger Konzentration akzeptiert. Wie beschrieben ist es bei neu gefundenen Substanzen aber oftmals mit langen und zähen Wegen verbunden, diese Akzeptanz zu erreichen. Die FN hat für den nationalen Sport eine Liste mit Grenzwerten herausgegeben, die in der LPO nachgelesen werden können. Wichtig für Reiter sind bei der Behandlung von Pferden die Nachweiszeiten: Sie geben an, wie lange bestimmte Substanzen in bestimmten Dosierungen in untersuchten Pferden zu finden sind. Aber, darauf weist die FN hin, auch diese Angaben seien nicht hundertprozentig sicher. Die Untersuchungen ‒ so die FN ‒ seien mit einem hohen Forschungsaufwand und Kosten von 30 000 bis 50 000 Euro pro Substanz verbunden. Bei solchen Summen ist klar, dass das System Schwachstellen hat. Aber sind es selbstgemachte Fehler? Max Kühner spricht im nachfolgenden Interview über die Probleme, Dr. Henrike Lagershausen, Leiterin der Vet-Abteilung der FN, erklärt sich aus Verbandssicht.

Ein Vielfaches an Dopingsusbstanzen im Vergleich zum Humansport werden derzeit im Pferdesport überprüft (l.).


In Ställen oder auch draußen pinkelt immer wieder mal ein Hund gegen das Stroh – das kann schon ein Grund zur Sorge für Reiter sein.


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