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Dorfgangster brüten in der Hitze


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 25.09.2018

»Bonnie & Clyde« erstmals in Österreich auf der Bühne Baden


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Clyde Barrow (Mark Seibert, l.) erschießt bei einem Überfall einen Polizisten (Ensemble)


Foto: Christian Husar

Das wohl berühmteste Gangsterpärchen hat längst die Populärkultur erobert. Die wahre Geschichte von Bonnie und Clyde, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die USA unsicher machten, wurde in zahlreichen Romanen, Filmen und Songs verarbeitet. Während die großen Theaterhäuser in der österreichischen Hauptstadt sich in die Sommerpause verabschiedet haben, setzt das Stadttheater in Baden vor den Toren von Wien auf den Reiz des ...

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... Verbrechens und zeigt Frank Wildhorns Gangster-Musical »Bonnie & Clyde«.

Der Komponist feierte die Uraufführung seines Musicals am 10. November 2009 im La Jolla Playhouse in San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien nahe der Grenze zum Nachbarstaat Mexiko. Die Originaltexte des Musicals stammen vom Briten Don Black, die Handlung von Ivan Menchell. Ein Jahr später war die Show im US-Bundesstaat Florida zu sehen, nach einem weiteren Jahr kam sie an den New Yorker Broadway und zog von da nach Asien, wo sie in Japan und Korea auf die Bühne kam, später weiter nach Europa, wo sich das Publikum in Großbritannien, Deutschland, Irland und Tschechien freuen konnte.

Das Musical spielt in West Texas in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Zeit der schweren Wirtschaftsdepression. Sowohl die junge Bonnie Parker, die sich nach dem Tod ihres Vaters nach Anerkennung sehnt und von einer Filmkarriere träumt, als auch der verarmte Clyde Barrow, der sich ein Leben wie das große Gangsteridol Al Capone und die Westernlegende Billy the Kid wünscht, versuchen ihrem tristen Provinzdasein immer wieder zu entkommen. Weil beide keine Chance von der Gesellschaft erhalten, kommen sie auf dumme Ideen und geraten immer mehr, fast ungewollt, auf die schiefe Bahn. Sie begehen schließlich gemeinsam Verbrechen: Überfälle, Diebstähle und auch Morde. Dank der überaus großen Medienpräsenz erringen sie einen geradezu legendären Ruf. Diese Gangsterkarriere kann aber nicht auf Dauer gutgehen. In Louisiana werden die beiden im Mai 1934 im Kugelhagel der Fahnder in ihrem Auto erschossen. Genau hier beginnt Wildhorns Musical und macht dann einen Zeitsprung – 12 Jahre zurück.

In Baden war »Bonnie & Clyde« in diesem Sommer – knapp neun Jahre nach der Uraufführung in den USA – zum ersten Mal ab Ende Juli zu sehen und feierte seine österreichische Erstaufführung. Die Besetzung verspricht einiges: Für die Badener Inszenierung hat Regisseur Leonard C. Prinsloo zwei Stars verpflichtet. In die Rolle von Bonnie Parker schlüpft Dorina Garuci. Die gebürtige Albanerin begeisterte schon 2016 als Prostituierte Lucy in »Jekyll & Hyde«, im Ronacher in Wien war sie als Maria Magdalena in »Jesus Christ Superstar« zu sehen, bevor sie dann in Albanien und Deutschland Engagements fand. An ihrer Seite spielt Mark Seibert den Gangster Clyde Barrow. Seit Jahren gehört der Darsteller zu den begehrtesten Stimmen in der deutschsprachigen Musicalszene und hatte Hauptrollen in »Schikaneder« (Wien), »Tanz der Vampire« (Wien / Berlin), »Elisabeth« (Wien / Tour), »Mozart!« (Wien) und »Artus – Excalibur« (St. Gallen). Auch in Russland ist der Sonnyboy zu sehen gewesen. Die Darsteller und ihre Stimmen tragen die Inszenierung, das Bühnenbild dagegen schwächelt: Drei Holzkonstruktionen, die an Wachtürme und Außenwände von Gefängnissen und Lagern erinnern, werden zwar variantenreich eingesetzt und dienen als Projektionsfläche für Live-Videos (Videokonzept: Aron Kitzig) und Laden-Logos, dennoch wirkt die Bühne (Monika Biegler) stellenweise etwas leer. Auch die Choreographie, für die Regisseur Leonard C. Prinsloo ebenfalls verantwortlich ist, wäre deutlich ausbaufähig gewesen. Kaum Tanzeinlagen und wenig Ensembleeinsatz sorgen dafür, dass die Hauptdarsteller teilweise verloren auf der Bühne wirken. Einzig bei einigen Szenen in der Kirche mit dem Priester (Martin Berger) wird die Bühne ein wenig voller. Heiß sind in dem Vorstadttheater statt der Rhythmen über weite Strecken nur die Temperaturen. Auch das Orchester unter der Leitung von Michael Zehetner hat leider erst zum Schlussapplaus so richtig Volldampf gegeben. Die Kostüme sind im Stil der damaligen Zeit gehalten.

Highlights gab es bei der »Bonnie-&-Clyde«-Inszenierung vor allem immer wieder in den zahlreichen Nebenrollen – hier findet sich auf dem Badener Theaterzettel so manch prominenter Name: Dazu gehört Bonnies Mutter, gespielt von Carin Filipčić, die zuletzt alternierend in »I Am from Austria« als Romy Edler im Wiener Ronacher auf der Bühne stand. Clydes Bruder Marvin »Buck« Barrow wird von Reinwald Kranner verkörpert. Zusammen mit seiner Bühnenpartnerin Michaela Christl, die seine Frau Blanche Barrow spielt, ist er ein Garant für Unterhaltung. Wohl die beste Szene im Stück findet in ihrem Beautysalon statt. Buck ist soeben aus dem Gefängnis ausgebrochen und versteckt sich unter der Friseurhaube. Seine gläubige Frau will ihn überreden, sein Leben zu ändern, und versucht, ihre Kundinnen zu animieren, ihm zu zeigen, wie schlimm es ohne Mann ist, doch die Damen sind ohne ihre Gatten recht zufrieden. Christl gelingt es auch am besten, die vielen Brüche ihrer Figur facettenreich auszuspielen. Dazu werden endlich auf erfrischende Weise die Beine geschwungen.

Das vergleichsweise kleine, aber feine Theater in Baden etabliert sich immer mehr zu einer Bühne, die als Alternative zu den großen Häusern in Wien auch im Musical-Fach auftrumpfen und dabei helfen kann, die lange Sommerpause der anderen Häuser zu überbrücken, ohne ein Lückenfüller zu sein. Mit »Bonnie & Clyde« hat sich die Bühne Baden die Rechte für die österreichische Erstaufführung gesichert, das Stück nach Niederösterreich geholt und präsentiert damit auch tolle Stimmen. Bei der Umsetzung der Inszenierung hätte sich das Leading-Team aber wesentlich mehr trauen können. Jedoch scheint es dem Erfolg nicht geschadet zu haben. Nach knapp drei Stunden Spielzeit gab es Standing Ovations vom schwitzenden Publikum in dem an fast allen Spielterminen ausverkauften Haus – weitere Termine für Zusatzvorstellungen mussten von der Intendanz wegen des großen Erfolges angesetzt werden. Die anderen Häuser können sich warm anziehen.

1. Bonnie (Dorina Garuci) liest Clyde (Mark Seibert) eines ihrer selbstverfassten Gedichte vor


2. Bonnie (Dorina Garuci) und Clyde gehen gemeinsam auf Raubzug


3. Emma Parker (Carin Filipčić) sorgt sich sehr um ihre Tochter Bonnie


4. Clydes Bruder Buck (Reinwald Kranner) wurde von der Polizei erschossen. Seine Frau Blanche (Michaela Christl) trauert


Fotos (4):Christian Husar