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Dos and Don’ts


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 50/2022 vom 13.04.2022

Verhaltensregeln bei der Bockjagd

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Leider ist es mit Erfolg und umso mehr, wenn er langanhaltendsein soll, so, dass man ein wenig prüfen, denken und planen sollte, bevor man zur Tat schreitet. Nichts anderes ist die Hege. Auch wenn das Rehwild mit fast 1.3 Millionen erlegten Stücken unsere häufigste Wildart ist und Jahr für Jahr mehr zur Strecke kommen – das Rehwild will und muss gehegt werden, damit wir auch in den kommenden Jahren auf eine gesunde, kräftige Population verweisen können. Als kleiner Exkurs: es ist schon sehr interessant, dass sich die Rehwildstrecke seit der Jahrtausendwende um fast 300.000 Stück gesteigert hat – ohne dass sich an der Waldsituation viel geändert hat, zumindest nach Bekunden der Forsten. Und das noch nicht einmal auf deren eigenen Flächen.

Nicht gleich auf die Dicken

Zurück zum Thema. Es ist superwichtig, sich im Mai eben nicht gleich auf die kapitalen Böcke zu ...

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... stürzen, um in den ersten Tagen des noch jungen Jagdjahres seine Strecke an Mehrjährigen zu erfüllen. Das Gegenteil ist zielführend, denn über das ganze Jahr hinweg muss selektiert werden und erst zum Spätsommer und in der Brunft sollte man sich um die starken, reifen Stücke kümmern. Was ja nicht bedeutet, dass man von Mai bis September gar keine starken Böcke jagen soll.

Gewiss gibt es hier, wie für jede Regel, sinnige Ausnahmen. Andersherum ergibt es aber auch wenig Sinn, die guten und starken Böcke weit vor der Brunft zu strecken, sodass sie sich dann nicht mehr vererben können. Und sind wir ehrlich: so reif und alt wie ihre Erleger oft meinen, sind die meisten Böcke nicht, die sie in den sozialen Medien posten und ab Mai sicher wieder posten werden.

Beobachtung und Planung

Um sich einen Überblick über das Wild zu verschaffen, reicht es natürlich nicht am 01.Mai um 04:00 Uhr zu sitzen und auf Anblick zu hoffen. Es reicht allein deshalb nicht, weil ich so nur eine Momentaufnahme dieses Platzes habe und gar nicht beurteilen kann, wie die Wilddichte und die Altersstruktur im weiteren Umfeld ist. Ich muss daher schon früh im April beginnen, mir nicht nur Gedanken über die Umsetzung des Abschussplans zu machen. Auch einige Waldbegänge sind hilfreich um zu schauen, was sich wo geändert hat, wo Fällarbeiten stattgefunden haben, wo neue Flächen entstanden sind oder um zu prüfen, ob bestehende Flächen noch immer bejagbar sind und bejagt werden müssen.

Die Kernfrage

Ich muss mir einen Überblick verschaffen und versuchen, eine Idee vom Grundbesatz des Rehwildes und der Alterspyramide zu bekommen. Beides sind elementare Dinge für die Planung des Abschusses. Hierzu sollte man alles Rehwild ansprechen. Was kommt wann und wo? Habe ich viele Schmalrehe und Jährlinge? Tragende Ricken? Wo steht der Platzbock, wie alt ist er und wie ist er konditioniert? Wie viele jüngere Böcke habe ich, welche sind die stärksten und haben das Potential zum Platzbock? Gerade bei den Böcken empfehle ich hier das Nutzen eines Spektivs. Es ermöglicht mir, den Bock nah heran zu holen, ich kann ihn exakt abglasen und so sein Alter und auch Erkennungs-und Unterscheidungsmerkmale erfassen. Es ist sehr hilfreich Form, Größe und Sitz der Dachrosen sicher zu erkennen. Und das ist mit einem noch so guten normalen Fernglas meist nicht möglich, hilft aber, wenn man einen durchaus brauchbaren Gabler von einem bereits zurückgesetzten Alten trennen möchte.

Abschüsse planen und zuweisen

Basierend auf diesen Erkenntnissen plane ich den Abschuss und teile diesen Plan natürlich auch allen Mitjägern mit. Die Planung wird anhand von Teilgebieten des Reviers und anhand von Ansitzgruppen gemacht: im Bereich der Forellenteiche mit den Sitzen A, B und D wollen wir 4 Schmal, 2 Knopfer und den jungen 6er an Sitz B entnehmen. Später auch den alten 6er mit der markanten Perlung. Natürlich werden nach jedem Ansitz Beobachtungen und später auch Abschüsse im Gruppen-Chat geteilt, damit alle up to date sind und einen Überblick über Situation und Strecke haben.

Grenzböcke

Natürlich sitzen einem besonders in unmittelbarer Nähe zum Nachbarrevier Gewissen und Erlegerwille auf der Schulter. Und das Gewissen flüstert: „Ja, genau so macht das total Sinn. Gut geplant, tolle Hegestrategie und mit Potential für die Zukunft!“ Das sieht der Erlegerwille natürlich anders: „Ja, das ist total klasse – aber wenn Du den mittelalten 6er schonst und der böse Nachbar ihn streckt hast Du auch nichts gewonnen.“ Hegen und Waidgerecht jagen ist schlussendlich die Kunst, nicht zu schießen sondern zu schonen. Für uns Jäger sollte das eine Frage von Moral und Gewissen sein, vom eigenen jagdlichen Kompass. Zudem ist es wie immer hilfreich, sich zur Abschussplanung mit dem Nachbarn abzustimmen – vor allem in Grenznähe und zu hoffen, dass sich alle an die Absprachen halten. Tun sie es nicht, so hat man sich selber wenigstens nichts vorzuwerfen.

Schwerpunktbejagung

Auch das ist ein Thema, dem man durchaus mehr Aufmerksamkeit schenken könnte. Und das etwas weiter reicht, als den Schwerpunkt auf (vermeintlich) reife Böcke zu legen. Da es hier im Wesentlichen um die Dos und Dont`s der Rehwildbejagung geht, will ich nur kurz einstreuen, dass es generell Sinn macht dort einen Jagdschwerpunkt zu setzen, wo es nötig ist: mehr im Wald als im Feld – und damit ist „im“ gemeint, nicht „am“. Und im Wald wiederum dort, wo es gilt Verbiss zu vermeiden: Naturverjüngungen und Anpflanzungen sollten im Augenmerk liegen. Beim Rehwild hat sich bei mir der beherzte Eingriff in die Jungendklassen in mehrfacher Hinsicht ausgezahlt. Seitdem ich, analog zum Projekt der Deutschen Wildtier Stiftung, bei Kitzen, Schmalrehen und Jährlingsböcken sehr straff bejage, gehen Fegeschäden und Verbiss deutlich zurück, das Revier wurde von „hochrot“ zu „tragbar“. Zudem steigt das Wildbretgewicht und, ganz nebenbei, auch die Stärke der Trophäen. Die Ricken setzen vermehrt Zwillingskitze. Weil der Populationsdruck abnimmt und die Rehe mehr Ruhe haben (das war die Kurzform).

Gabler im Visier

Gabler werden fast ausnahmslos geschont und nur die wirklich schwachen geschossen, denn ich bin der Auffassung, dass man viel zu wenig Rückschlüsse vom Jungendgehörn auf die Entwicklung in den Folgejahren ziehen kann. Wie stark sich ein Bock entwickelt, sieht man meist erst ab dem 3. Lebensjahr. Sollte jemand dieses Statement anzweifeln, kommt noch ein weiteres Argument: selbst wenn ich im 3. Jahr öfter feststellen sollte, dass meine These nicht stimmt – so kann ich den Bock dann immer noch erlegen.

„Ja, das ist total klasse – aber wenn du den mittelalten 6er schonst und der böse Nachbar ihn streckt hast du auch nichts gewonnen.“

Im Revier

Es klingt fast schon absurd. Aber scheinbar kommt das Aufgehen der Bockjagd jedes Jahr fast so überraschend wie Weihnachten. Und ähnlich wie zum Geburtstag von Herrn Jesu kommt manch ein Jäger erst kurz vor Knapp in Wallung und pimpt sein Revier. Da werden Hochsitze aufgebaut und freigeschnitten, Salzlecken freigesenst und Pirschwege quer durch die Dickungen gezogen.

Natürlich muss das gemacht werden. Aber bitte bis Mitte April. Danach sollte wieder etwas Ruhe im Revier einkehren, um unnötiges Stören des Wildes zu vermeiden. Für das Freischneiden noch ein kleiner Tipp: lieber zu viel als zu wenig. Vermeidet es, nur hier und da ein Zweiglein abzuzwicken, greift gerne etwas gröber an, denn ansonsten ist der Sitz in wenigen Wochen wieder zugewachsen.

Ein weiterer Tipp für Pirschwege, insbesondere in Regionen mit Freizeitdruck: beginnt die Pirschwege nicht direkt am weg, sondern erst ein, zwei Meter später. Und lasst sie dann die ersten Meter parallel zum Weg laufen, bevor sie in Richtung Sitz abknicken. Diese leichte Tarnung reicht oft schon um den Weg und den Sitz vor Neugierigen zu schützen.

Pirsch

An dieser Frage scheiden sich die Geister und jeder kann sicherlich zum einen oder anderen eine eigene Erfolgs-oder Frustgeschichte erzählen.

Generell ist es mit der Pirsch so eine Sache. Für mich war es ein ziemliches Erweckungserlebnis, als ich das erste Mal mit Wärmebildgerät gepirscht bin. Ich dachte wirklich, dass ich göttergleich, lautlos und unerkannt durch das Revier gleite. So kam ich auch an manches Stück, was mich in meinem Glauben natürlich noch bestärkte. Niemals würde so Wild vergrämt werden. Leider lehrte mich das Wärmebild eines Besseren: ich sah deutlich mehr Bewegung als vorher – und die meisten Konturen bewegten sich weg. Mein Fokus war viel zu sehr auf dem Hauptziel. Und die Masse der Nebenziele war mangels Technik unsichtbar.

Ansitz

Daher denke ich, dass ein Ansitz weniger Störung mit sich bringt, gerade bis in den Frühsommer hinein. Das Rehwild ist per se recht Standorttreu und man kann mit etwas Revierkenntnis fast die Uhr danach stellen, wann und wo es austritt. Anders ist es im Spätsommer und in der Brunft. Hier lohnt es sich zu pirschen und zu locken, um den einen oder anderen Überraschungsgast zu finden.

Das Privileg

Mit dem Mai beginnt eine der schönsten Jahreszeiten. Und wir haben das Privileg, diese tollen Wochen bei der Jagd zu erleben. Verfallt nicht dem Trophäenwahn, selektiert von Jung nach Alt und von schwach zu stark. Es steht nirgends geschrieben, dass man Anfang Mai einen Bock bejagen muss, um ein guter Jäger zu sein, Schmalrehe und Jährlinge sollten im Fokus liegen. Plant Eure Jagd und jagt mit Weitblick, ich versichere Euch, dass sich das auf Dauer auszahlt. Wer hegt, hat langfristig Freude an Jagd und Revier.

Hartwig Görtler

Der Autor lebt und jagt in Oberbayern, ist 1. Vorsitzender der BJV-Kreisgruppe Starnberg und Pächter eines Niederwildreviers. Seine große Leidenschaft gilt der Niederwildhege sowie der Pirsch-und Bewegungsjagd auf Schwarzwild. Er führt einen Deutsch Kurzhaar und ist zudem Dozent für Jagdrecht. Für uns schreibt er über alle Themen praktischer Jagdausübung sowie besondere Jagden auf das borstige Wild. Bei Instagram als: hunt_hike_happy zu finden.