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DOSSIER BERUF & LEBEN: Keine Sorge?! Über Angst bei der Arbeit


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 12.12.2018

Einen Job zum Fürchten – wer möchte den schon haben? Tatsächlich haben viele Menschen am Arbeitsplatz mit Ängsten zu kämpfen. Wann wird die Angst zum Hindernis? Und was können Betroffene tun?


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 1/2019

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REDAKTION: EVA-MARIA TRÄGER

Achim Pankow* ist ein begabter Designer. Bereits im Studium gewann der heute 40-Jährige Preise für seine Arbeiten. Sein Professor bot ihm eine Stelle als Assistent an, es folgten Stationen in namhaften Unternehmen, mehrere Patente. Jeden Job, um den er sich bewarb, bekam er. Ein Mann, der in seinem Traumberuf Karriere macht, könnte man meinen. Pankow selbst sieht das ganz anders. „Mein ...

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... Beruf macht mir keinen Spaß mehr. Jeden Tag quäle ich mich ins Büro. Ich muss etwas verändern“, sagt er. Von der Zusammenarbeit mit Madeleine Leitner erhofft er sich neue Impulse für seine Karriere.

Die Münchner Diplompsychologin und Psychotherapeutin ist Expertin für berufliche Potenzialanalysen und Karriereberatung. In ihrer Beratung beleuchtet sie neben den beruf lichen Aspekten auch die Psyche und Biografie ihrer Klienten. „Nur so lassen sich die tiefen Ursachen für Blockaden ergründen“, sagt Leitner. Immer häufiger erlebt sie derzeit, dass Menschen zu ihr in die Beratung kommen, die vordergründig unzufrieden mit dem Job sind. Beim genaueren Hinsehen verbergen sich dahinter oft Ängste. Häufig seien es Mobbing- und Ausgrenzungserfahrungen in der Kindheit oder extrem ängstliche oder abwertende Eltern, die den Grundstein für tiefgehende Sorgen legen, die sich später auch am Arbeitsplatz zeigen, so die Psychologin.

Achim Pankow erzählt, er sei ein guter Schüler und begabter Sportler gewesen, außerdem schon früh ein guter und leidenschaftlicher Sänger. Seine Eltern unterstützten ihn in seinen Talenten. Doch in dem kleinen Ort, in dem er aufwuchs, war Herausstechen kein Vorteil. In der Schule wurde er von den Mitschülern aufgezogen, wenn ein Foto von ihm als Solist im Chor in der Zeitung erschien. Die Nachbarn fanden es seltsam, dass seine Eltern ihr Kind so förderten. Oftmals spürte er mehr Neid und Missgunst als Anerkennung. Zwar meint er heute, das sei lange her und abgehakt. Doch Psychologin Madeleine Leitner glaubt, dass die früheren Erfahrungen weiter nachwirken: „Tief im Inneren hat dieser begabte Designer noch immer eine riesige Angst, sich zu blamieren, vorgeführt oder bloßgestellt zu werden.“

Genaue Zahlen, wie vielen Menschen solche und andere Ängste das Arbeitsleben schwer machen, fehlen bislang. Sicher ist nur: Ängste sind häufig, und sie sind (Mit-)Ursache der meisten psychischen Probleme. 27,7 Prozent der Deutschen leiden innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung, Angsterkrankungen liegen dabei mit 15,3 Prozent an erster Stelle der Erkrankungen, wie die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) des Robert-Koch-Instituts zeigt. Die Zahlen verändern sich seit Jahren nicht. Und immer häufiger treten besonders solche Ängste oder ängstlichen Tendenzen in den Fokus, die sich vor allem im Berufsleben zeigen und die durch die Arbeit ausgelöst oder zumindest verstärkt werden. Bei manchen Betroffenen werden die Probleme so gravierend, dass sie sich gar nicht mehr in der Lage sehen zu arbeiten. Ist die Angst der Arbeitsunfall der Moderne?

Angst per se ist nichts Schlimmes. Sie dient dazu, uns vor Gefahren zu warnen. Wenn wir eine Situation oder ein Gegenüber als stark bedrohlich wahrnehmen, empfinden wir Angst. Unsere Hände schwitzen, unser Herz rast, in Gedanken sehen wir bereits die Katastrophe kommen. Wir wollen nur eines: fliehen. Angst führt uns instinktiv weg von größeren Gefahren. Wenn wir allerdings eine Chance sehen, die Situation zu bewältigen, kann Angst oder besser die Aktivierung, die mit ihr verbunden ist, auch beflügeln. Vor allem in der Berufswelt ist dieses Phänomen gut beschrieben: Das sogenannteYerkes-Dodson-Gesetz etwa besagt, dass Menschen auf einem mittleren Erregungsniveau die besten Leistungen erbringen. Zu viel, aber auch zu wenig Aktivierung führt hingegen zu einem schlechteren Abschneiden.

Bereits um das Jahr 2000 herum untersuchte der Soziologe Winfried Panse den Angstlevel in deutschen Unternehmen. Die kleinen, leistungssteigernden Ängste, wie sie zum Beispiel ein gewisser Zeitdruck oder der Wunsch nach einem guten Auftritt hervorrufen können, beschrieb er als anspornende „Mikroängste“ – im Gegensatz zu „ Makroängsten“ wie den existenziellen Ängsten, die uns lähmen. Kritisch wird es, wenn die mit der Arbeit verbundene Angst groß, also eine „Makroangst“ und ein Dauerzustand wird.

Die Fähigkeit, Angst zu empfinden, ist dem Mensch angeboren. Doch viele Situationen oder Dinge, die wir später als beängstigend einstufen, bewerten wir erst durch negative Erfahrungen, Erziehung oder Vorbilder so. Manchmal übertragen wir dabei auch Gefühle aus einer furchterregenden Begegnung, die wir etwa als Kind hatten, auf andere Gelegenheiten oder Objekte, auf die wir dann auch als Erwachsener mit Angst reagieren. Mitunter können schon kleine Auslöser, die teils nur entfernt Ähnlichkeiten mit dieser ursprünglichen Situation aufweisen, ausreichen, dass wir uns angesichts der vermeintlichen Bedrohung vergleichsweise übertrieben gebärden; für die Betroffenen ist die Angst aber real.

Die arbeitsplatzbezogene Angst ist ein Spezialfall unter den Angsterkrankungen, den Psychologen erst seit einigen Jahren ernsthafter ins Blickfeld nehmen. Bedarf besteht: Allein unter den Patienten, die sich nach einer längeren Phase von körperlicher oder seelischer Erkrankung in einer Rehaklinik auf den Wiedereinstieg in den Beruf vorbereiten, haben zwischen 40 und 60 Prozent arbeitsplatzbezogene Ängste, wie Erhebungen von Beate Muschalla zeigen, Professorin für Psychotherapie und Diagnostik an der Technischen Universität Braunschweig. Und selbst bei sonst gesunden Beschäftigten leidet jeder Zwanzigste unter so starken Ängsten im Job, dass er sich zeitweise krankschreiben lässt.

Für die Betroffenen hat das vielerlei Auswirkungen. „Eine Arbeitsplatzangst kann das Lebensgefühl und die Arbeitsfähigkeit stark beeinträchtigen“, sagt Beate Muschalla. Sie hat gemeinsam mit dem Berliner Psychiater Michael Linden einen speziellen Diagnosefragebogen für Ängste am Arbeitsplatz entwickelt. Darin unterscheiden die Experten sieben verschiedene Formen von Angst, die typischerweise in diesem Umfeld auftreten und die sich auf teils sehr unterschiedliche Art im (Arbeits-)Alltag äußern können (siehe Kasten rechts).

Der Grat zwischen noch gesund und schon beeinträchtigend ist bei allen Arbeitsängsten schmal. „Gelegentliche Anspannung oder auch ein flaues Gefühl angesichts mancher Arbeitssituationen ist völlig normal“, sagt Muschalla. Kurzfristige Sorgen, weil im Unternehmen umstrukturiert wird oder der Chef einen kritischen Kommentar abgegeben hat, seien gesund. Und auch wenn ein Polizist nach einem gefährlichen Einsatz ein paar Tage nicht zur Ruhe kommt, gibt es keinen Grund zur Sorge. „Problematisch werden Arbeitsängste dann, wenn Betroffene Situationen oder Aufgaben meiden, anfangen, Fehler zu machen, dauerhaft gestresst sind und schließlich ausfallen.“

Treten solche Alarmzeichen auf, ist rasches Handeln wichtig – am besten bevor die Angst ihren zerstörerischen Krankheitswert entfalten kann. Denn Arbeitsplatzangst ist gravierend, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen Ängsten unmittelbar die Existenz bedroht. „Jemand, der Platzangst hat, kann aufhören, ins Kaufhaus zu gehen, oder Aufzüge meiden“, sagt Muschalla. „Aber wer im Job Konfrontationen aus dem Weg geht, hat ein großes Risiko, in die Arbeitsunfähigkeit abzugleiten.“ Früh zu reagieren ist deshalb ratsam.


Unsicherheit fördert Ängste, Sicherheit verringert sie


Wer bei sich Alarmzeichen spürt, kann zunächst versuchen, der Angst zu begegnen, indem er der Situation den Schrecken nimmt. Während Unsicherheit Ängste fördert, führt das Gefühl von Sicherheit dazu, dass sie geringer werden. Im ersten Schritt geht es deshalb darum, herauszufinden, was genau das Beängstigende ist. Darauf aufbauend lässt sich eine persönliche Sicherheitsstrategie entwickeln, mittels derer sich die Angst auf ein handhabbares Maß reduziert und man ihr die lähmende und zerstörerische Kraft nimmt. Hier helfen Fragen an sich selbst: Welche angstförderlichen Gedanken steigen angesichts der Situation in mir auf? Wie realistisch sind die Katastrophenszenarien? Was genau fürchte ich? Wäre es wirklich so schlimm? Was würde mir Sicherheit geben – und damit meine Angst lindern? Ausgehend davon lassen sich viele angstfördernde Situationen schon mit kleinen Maßnahmen, guter Vorbereitung und etwas Übung besser aushalten und gestalten (siehe dazu auch unsere Tipps unter psychologie-heute.de/beruf).

Designer Achim Pankow hat gemeinsam mit Psychologin Madeleine Leitner herausgefunden, dass es soziale Ängste sind, die ihn behindern und Situationen vermeiden lassen, in denen er fürchtet, bewertet zu werden – die ihn im Beruf aber voranbringen könnten. Um seiner Angst auf die Spur zu kommen, hat er sich auf Empfehlung von Leitner gefragt, wie in seiner Familie und in der Schule mit Fehlern umgegangen wurde: Wurde er ausgelacht, verspottet, bestraft? Welche Erfahrungen hat er mit Ausgrenzung gemacht: Fürchtet er, Erwartungen zu enttäuschen oder auf Ablehnung zu stoßen, weicht er Konflikten lieber aus? Wie ist sein Umgang mit Aufmerksamkeit: Bekommt er bei der Vorstellung, eine Präsentation halten zu müssen, sofort Herzklopfen, Schweißausbrüche oder Panikgefühle? Dann hat er versucht, sich seine Befürchtungen durch Selbstbeobachtung bewusstzumachen. Sehr oft seien es alte „Katastrophen im Kopf“, die uns Angst machen, bei genauer Betrachtung aber völlig irrational erscheinen, sagt Leitner – und allein diese Einsicht kann das Bedrohungspotenzial auf lösen. Für Achim Pankow waren diese Erkenntnisse ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zur Bewältigung seiner Probleme.

Bei der Behandlung von tiefergehenden Ängsten, derer man allein nicht mehr Herr wird und bei denen auch eine Beratung nicht ausreicht, werden häufig verhaltenstherapeutische Maßnahmen eingesetzt, und auch von psychodynamischen Therapien profitieren Betroffene. Die Behandlung von starken Arbeitsängsten berge im Gegensatz beispielsweise zu einer Spinnenphobie oder Höhenangst aber eine wichtige Besonderheit, erklärt die Psychologin Beate Muschalla: „Die Möglichkeit der Konfrontation ist bei Personen mit Ängsten, die auf den Beruf bezogen sind, sehr begrenzt. Die Betroffenen in reale Jobsituationen zu schicken wäre viel zu angstauslösend.“ Die Angst schrittweise abzubauen, Stufe für Stufe, funktioniere hier nicht: Wer zur Arbeit geht, wird sofort wieder massiv mit seiner Angst konfrontiert.

Gute Erfahrungen haben Behandler mit konkret arbeitsbezogenen Bewältigungstrainings gemacht, die in vielen Rehakliniken angeboten werden und häufig mit Prinzipien der Verhaltenstherapie arbeiten. Dabei werden die Patienten von den Therapeuten angeleitet, sich die Situation in all ihren Facetten vorzustellen, um herauszufinden, was eigentlich die Angsttrigger und die Reaktionen darauf sind. Therapeut und Patient erarbeiten dann gemeinsam Ideen, wie die Betroffenen mit den angstmachenden Gedanken und den damit verbundenen körperlichen Reaktionen wie etwa zitternden Händen umgehen können, ohne sich direkt in die angstbesetzte Situation begeben zu müssen.

Eine Callcenter-Mitarbeiterin beispielsweise, die sich nach einer Depression davor ängstigte, im Job wieder zusammenzubrechen und beschämt hinauszurennen, spielte genau diese Situation gedanklich viele Male durch – und übte parallel als Entspannungsmethode dieprogressive Muskelentspannung nach Jacobson, um ihre Anspannung zu reduzieren. Nach fünf Wochen traute sie sich wieder zu, am Arbeitsplatz zu bestehen.

Manche Unternehmen schüren bewusst Ängste

Tatsächlich zeigt eine Studie der Universität Potsdam mit 300 Teilnehmern in Rehabilitationskliniken in den Jahren 2012 bis 2014, dass bereits vier bis sechs Sitzungen in einer Trainingsgruppe den Mut der Betroffenen förderten, sich auf die Wiedereingliederung einzulassen. Die in der Trainingsgruppe erfolgte intensive Auseinandersetzung mit ihren Ängsten hilft den Patienten, ihren angstauslösenden Denkmustern auf die Spur zu kommen, ihre Urteilsfähigkeit zu trainieren und zu lernen, nützliche von übertriebenen Sorgen zu unterscheiden. Sie analysieren ihre körperlichen Reaktionen und bewerten sie neu. Weitere Übungen verbessern Konfliktkompetenz, Handlungsfähigkeit und auch die Fähigkeit, Unveränderliches zu akzeptieren.

Von der Trainingsgruppe profitieren vor allem Patienten, die keine andere psychische Grunderkrankung haben: Ihre Arbeitsunfähigkeit nach der Rehabilitation verkürzte sich auf elf Wochen im Vergleich zur Kontrollgruppe, die erst nach 16 Wochen wieder in den Job zurückkehrte. Bei Menschen mit psychischer Grunderkrankung verkürzte das Training zwar nicht die Krankheitsdauer, aber es half, die Bewältigungsstrategien der Person zu erhalten, und verhinderte damit, dass die Angst chronisch wurde.

Dazu, dass berufsbezogene Ängste sich nicht zu einer Erkrankung auswachsen oder gar nicht erst entstehen, können auch Unternehmen beitragen. Offenheit im Team und soziale Unterstützung etwa sind wichtige Präventionsfaktoren, die auch die Organisationspsychologin Julie McCarthy von derUniversity of Toronto Scarborough beschreibt (siehe Kasten links).

Allerdings sorgen nur wenige Unternehmen derzeit aktiv für eine solche Arbeitsatmosphäre. Manche schürten im Gegenteil sogar bewusst Ängste bei den Mitarbeitern, sagt Andreas Krause. Der Arbeitspsychologe von der Fachhochschule Nordwestschweiz erforscht die Auswirkungen von Managementtechniken auf die Gesundheit von Beschäftigten. „Viele Unternehmen haben das Ideal, dass Mitarbeitende wie Selbständige agieren und sehr kundenorientiert arbeiten sowie den ökonomischen Erfolg der eigenen Arbeit nachweisen“, sagt er. Über Kennzahlen und andere Indikatoren würden die Erfolge gemessen und ständig an die Beschäftigten kommuniziert. Das wirke bei manchen motivierend, vor allem wenn man die Ziele durch eigene Anstrengung realistisch erreichen kann. Daraus könne aber auch das Gegenteil resultieren, indem der Betroffene sich fragt, was passiert, wenn der Standort, der Geschäftsbereich oder er selbst die Ziele nicht erreicht.

„Wenn Unternehmen das Fortbestehen eines Bereichs an das Erreichen vorgegebener Ziele koppeln und ansonsten Stellenabbau oder den Verkauf des Bereichs anstreben, schürt das Ängste“, sagt Krause. Dass gerade diese dauerhafte Befeuerung von Existenzsorgen Beschäftigte krank macht, zeigen beispielsweise viele Studien des inzwischen emeritierten Düsseldorfer Medizinsoziologen Johannes Siegrist ebenso wie aktuelle Erhebungen des Helmholtz-Zentrums.

Natürlich gibt es auch Berufe, bei denen Ängste zum Alltag gehören. Polizisten, Ärzte, Soldaten, Feuerwehrmänner oder Rettungssanitäter erleben mitunter täglich reale Gefahren. Wer diese Arbeit macht, ist in der Regel psychisch sehr belastbar. „Trotzdem können infolge von belastenden Einsatzsituationen Ängste entstehen“, sagt Thomas Feltes vom Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Offenheit und soziale Unterstützung könnten auch hier verhindern, dass sich diese unvermeidbaren Angsterfahrungen zu Angststörungen auswachsen. Darum helfe es, „belastende Einsatzsituationen und die damit verbundenen Ängste bei Fortbildungen oder besser noch bei der Supervision zu thematisieren“.

Feltes zufolge stehen Polizei und Rettungskräfte dabei aber noch ganz am Anfang. Die Gründe dafür finde man auf beiden Seiten. „Ganz nach dem Motto ‚Indianer kennen keinen Schmerz‘ versuchen manche Betroffene, die Belastungen und daraus entstehende Ängste zu überspielen – und teilen sich nicht dem Vorgesetzten mit“, erklärt er. „Zugleich fällt es vielen Führungskräften auch schwer, mit solchen Mitteilungen konstruktiv umzugehen und Hilfe anzubieten, ohne zu stigmatisieren.“

Angst fördert Lügen

Dabei profitiert von mehr Achtsamkeit für die Angst nicht nur der Einzelne, sondern auch das gesamte Unternehmen. Die Organisationspsychologin Maryam Kouchaki von derKellogg School of Management an derNorthwestern University in Illinois kommt in einer Übersichtarbeit zu dem Schluss, dass Angst zu eigennützigem und unethischem Verhalten führt. Ängstliche Versuchsteilnehmer waren beispielsweise eher als emotional neutrale Probanden bereit, zu lügen und zu betrügen, um in einer Situation einen Vorteil für sich herauszuschlagen. „Die ängstlichen Personen empfinden ihre unethischen Handlungen als weniger problematisch als ähnliche Handlungen anderer“, erklärt Kouchaki. Die Angst gibt ihnen quasi innerlich die Erlaubnis, auf Kosten anderer für ihre Sicherheit zu sorgen.

Vielleicht hätte auch Achim Pankow irgendwann angefangen, in seinem Angestelltendasein mit unlauteren Methoden für eine gewisse Entschädigung für sein Leiden zu sorgen – oder er wäre ernstlich krank geworden. Doch der Designer stellte sich seinen Ängsten und konnte so die Weichen für Job und Privatleben in eine günstigere Richtung stellen. Mit der Psychologin Madeleine Leitner überlegte er nach der ersten Analyse, wie er sich mit seiner sozialen Angst konfrontieren und ihr so Schritt für Schritt die Macht nehmen kann. Dabei beherzigte er auch den Grundsatz, dass Ängste immer unbedeutender werden, je öfter man sich ihnen stellt. Er plante beispielsweise einen Vortrag vor Kollegen. Er bat darum, seinen Entwurf bei einem Wettbewerb selbst präsentieren zu dürfen anstelle des Inhabers des Büros.

Die Arbeit hat sich gelohnt: Sein Selbstwertgefühl wuchs von Aufgabe zu Aufgabe mehr. Ein Jahr später tritt Pankow aus dem Schatten seiner Angst heraus – und wagt den Sprung in die Selbständigkeit. „Der Job macht endlich wieder Spaß“, sagt er. Sorgen und Unsicherheiten erlebt er natürlich auch als Selbständiger immer wieder – aber nun hat er auch die Zuversicht, seine Ängste und neue Hindernisse selbst bewältigen zu können.

Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie unter psychologie-heute.de/literatur

Tipps gegen die Furcht

Nicht alle Angste lassen sich leicht losen. Doch es gibt drei Dinge, die laut Studien besonders wirksam bei der Reduktion von arbeitsplatzbezogenen Angsten sind

Austausch. Bauen Sie gute Beziehungen zu Ihren Kollegen auf. Offen über Sorgen zu sprechen, die mit der Arbeit zu tun haben, bringt oftmals große Entlastung. Vermutlich haben auch andere im Team Ängste, die sie bisher verschweigen. Sie machen allen Mut, das Tabu zu brechen.
Auszeit. Achten Sie mehr auf Pausen. Das hilft, die „Batterien“ wieder aufzuladen, die durch die ängstliche Anspannung ausgezehrt werden. Eine gute Pausenkultur ist für jeden Beschäftigten gesundheitsförderlich.
Ausgleich. Eine aktive Freizeitgestaltung kann ebenfalls Ängste reduzieren. Sie lenkt den Fokus auf andere Bereiche im Leben, die keine Angst auslösen.


ILLUSTRATIONEN: KATHARINA BOURJAU