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DOSSIER: LEONARDOS LETZTE GEHEIMNISSE


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 09.08.2018

Leonardo da Vinci ist der erstaunlichste Universalgelehrte der Geschichte. Was er als Maler, Bildhauer, Ingenieur, Anatom, Philosoph und Architekt hinterlassen hat, ist noch immer nicht vollständig aufgearbeitet. Eines verblüfft: Er ist unserer Zeit noch immer voraus.


Illustration „Leonardo da Vinci“ von Anita Brunnauer

Collage unter Verwendung folgender Werke: Selbstbildnis; „De divina proportione“; Goldener Schnitt & polygonale Körper; Der vitruvianische Mensch; „Mona Lisa“; „Das Abendmahl“; Anatomieskizzen und Naturstudien von Pferd, Hirsch, menschlichem Embryo und Kopf; Konstruktionszeichnungen und ...

Artikelbild für den Artikel "DOSSIER: LEONARDOS LETZTE GEHEIMNISSE" aus der Ausgabe 5/2018 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 5/2018

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... Skizzen von Flugobjekten, Rädern, Laufrad, Tauchanzug, Schnorchel und Harpunenpanzer sowie diverser architektonischer Entwürfe

Leonardo da Vinci. Das Selbstporträt entstand um 1505 und hängt in denGallerie degli Uffizi in Florenz. Leonardo war damals 53 Jahre alt und lebte in der Stadt am Arno. Zwei Jahre zuvor hatte er mit der „ Mona Lisa“ begonnen.


DIE GEWALTIGE EICHENHOLZTRUHE AUF DEM FUHRWERK IST VOLL MIT SCHÄTZEN VON ERSTAUNLICHEM WERT. Doch nicht Gold und Edelsteine reisen im Frühjahr 1519 mit dem jungen Adelsmann Francesco Melzi von Frankreich nach Mailand; es sind ungleich größere Kostbarkeiten. Die so gewichtige wie geheimnisvolle Kiste birgt die kühnen Ideen eines Genies, das wie ein Wolkenbruch auf die Welt herniedergefallen war: Leonardo da Vinci.

Mit Melzi, seinem begabten Schüler und treuesten Mitarbeiter, kehrt das geistige Erbe eines reichen Forscherlebens in die Heimat zurück.

Heute, fünfhundert Jahre später, ist von den tausenden Seiten, auf denen der vor allem als Maler der „Mona Lisa“ berühmte Leonardo furiose Entwürfe als Baumeister, Ingenieur und Erfinder skizziert hat, kaum ein Fünftel erhalten.

Der Großteil der Sammlung wird nach Leonardo Tod (und spätestens nach dem seines Erben Melzi) schmerzhaft in alle Winde zerstreut und liegt – im besten Fall – vergessen und verkannt in Kellern, Kisten und Regalen von Bibliotheken und Museen in Europa und der Welt.

Bis diese Schätze gehoben werden, kann man das erstaunliche Wissen nur erahnen, das der große Gelehrte der Renaissance erschlossen, erworben, erarbeitet hat. Bereits das Bekannte stellt den Mann aus dem Dorf Vinci auf eine Stufe mit Einstein, Newton oder Archimedes und in die Reihe der größten Geister aller Zeiten.

Dass Leonardos Gemälde „Salvator mundi“ 2017 für umgerechnet rund 380 Millionen Euro versteigert wurde, ist fast ein Ärgernis: Der aus den Fugen geratene Kunstmarkt reduziert den Mann aus Vinci naturgemäß auf den Maler und übersieht, wie vielen wissenschaftlich-technischen Entwicklungen er den Weg bereitet hat.

Der Einfallsreichtum des mit allen physikalischen Elementen vertrauten Konstrukteurs prägt seine Zeit – mit komplexen Maschinen, futuristischen Verkehrsmitteln und gewaltigen Infrastrukturprojekten. Leonardos Visionen ahnen bereits viele Errungenschaften unseres modernen Technikzeitalters voraus: Seine bis heute zum Teil ungelösten und uninterpretierten Geheimnisse lassen es möglich erscheinen, sogar noch unsere Zukunft beeinflussen zu könnten.

Vogelschwingapparat mit teilweise starrem Flügel, 1487–1490

Feder, Tinte und Rötel, Veneranda Biblioteca Ambrosiana, Mailand

Leonardo nennt die GeräteOrnithopter („Vogelflügler“) , weil die Tragflächen auf und ab schlagen. In der horizontalen Version trägt der Pilot die Flügel auf dem Rücken, bewegt sie über Pedale und Handkurbeln und steuert mit Seilzügen und Hebeln. In der vertikalen Version steht der Pilot im Cockpit und bewegt die Schwingen mit Händen, Füßen und Kopf. Materialempfehlung: versteifte Pappe.

FOTOS: WWW.PICTUREDESK.COM, WWW.PICTURE-ALLIANCE.DE

Entwurf Panzer und Sichelwagen, 1485–1488

Feder und Sepiatinte, The British Museum, London

„Ferner werde ich sichere und unangreifbare Wagen bauen, die mit ihren Geschützen durch die Reihen der Feinde fahren und jeden noch so großen Haufen von Bewaffneten zersprengen“, verspricht Leonardo im Bewerbungsschreiben an Mailands kriegerischen Herrscher Ludovico Sforza. Etwa den kegelförmigen Panzer, der 2009 realisiert wurde.

Hydrotechnische Vorrichtungen (archimedische Schraube) und andere Studien, 1478–1480

Feder und Sepiatinte, Veneranda Biblioteca Ambrosiana, Mailand

Das Wasser zu beherrschen ist Leonardo ein besonderes Anliegen. Hier zu sehen: ein Tauchanzug aus Schweinsleder (der Nachbau aus dem Jahr 2003 funktionierte), Schwimmbagger, U-Boot, Hafenanlagen, hydraulische Pumpen.

Zum einen war Leonardo pragmatisch unterwegs, mit seinen Dampfkanonen, Sprengschiffen und Maschinengeschützen. Sie begründen seinen Ruhm in einer Zeit ständiger militärischer Konflikte zwischen Städten und Fürsten mit permanenten Eroberungsgelüsten. Dann war er der an Technologie interessierte Tüftler, der Druckpumpe und Spinnmaschine, Fallschirm und Spiegelteleskop entwarf. Und natürlich der Philantrop mit Fantasie, der Brücken, Bewässerungsanlagen, Kanäle und Schleusen entwarf. Mit seinem Weitblick will er der Stadt seiner Jugend, Florenz, einen Schifffahrtsweg und Hafen bauen, damit man über den Fluss Arno im lukrativen Orienthandel mitmischen kann und nicht hinter die großen Seestädte Genua und Venedig zurückfällt.

Andere Einfälle des rastlosen Renaissance-Ingenieurs entwachsen erst jetzt, mithilfe moderner Technologie, dem Embryonalstadium. Die Ideenskizze eines „selbstfahrenden Karrens“(carro semovente) aus dem Jahr 1478 etwa wird zwar schon 1932 unter Benito Mussolini – wenn auch erfolglos – nachgebaut und patriotisch als „Fiat von Leonardo“ gefeiert. Doch erst im Jahr 1975 gelingt es Historiker und Leonardo-Spezialist Carlo Pedretti, die Skizze richtig zu lesen und Steuerung und Antrieb korrekt zuzuordnen. In den Neunzigern programmiert US-Robotikingenieur Mark Rosheim schließlich ein am Bildschirm funktionierendes dreidimensionales Computermodell. Im Jahr 2004 endlich gelingt es dem Museum für Wissenschaftsgeschichte dank der Zusammenarbeit weiterer Kunsthistoriker, Roboterexperten und Computergrafiker, ein 1,68 mal 1,49 Meter großes Holzmodell von „Leonardos Automobil“ korrekt nachzubauen und in Fahrt zu bringen – wenn auch nur für ein paar Dutzend Meter.

„Eine geniale Erfindung“, staunt Museumsdirektor Paolo Galluzzi, die leider „jahrhundertelang missverstanden“ worden sei. Denn, so der Experte: „Die Skizze war praktisch perfekt, doch auf dem Blatt findet sich keinerlei Beschriftung, nicht einmal die geringste Anmerkung.“ Das komplexe Ineinanderwirken der verschiedenen Teile, so Galluzzi, „erklärt sich ausschließlich aus der Zeichnung“. Das hölzerne Gefährt mit dem uhrwerkähnlichen Federmechanismus ist vermutlich gerade für kurze Strecken konstruiert worden, vielleicht für eine der damals beliebten spektakulären Bühnenfantasien an den Fürstenhöfen. Denn auch im Showbiz der Renaissance setzt sich Leonardo schon mit 21 Jahren an die Spitze des technischen Fortschritts und wirkt mit seinen verwegenen Inszenierungen laut Galluzzi wie ein „Steven Spielberg seiner Epoche“.

Ingenieur und Autor Mark Rosheim versammelt in seinem Buch „Leonardos verlorene Roboter“ eine Kollektion programmierbarer Maschinen für die frühneuzeitliche Unterhaltungsindustrie, etwa jenen mechanischen Löwen, der, konstruiert für die Krönung von François I. von Frankreich (1515), selbständig geht, seine Brust öffnet und die königlichen Lilien präsentiert.

DER RAFFINIERTE VERHEIMLICHER

Rosheim zeigt zudem auf, dass scheinbar isolierte Fragmente aus verschiedenen Manuskripten Leonardos in Wirklichkeit zusammenhängen: Bisher unverstandene Konstruktionsteile fügen sich zu funktionsfähigen Maschinen zusammen. Warum? Wie viele Erfinder ist auch Leonardo, so enthüllt der britische Biograf Charles Nicholl, ein misstrauischer Geheimniskrämer. Aus Furcht vor Ideendiebstahl tarnt er gewinnversprechende Denkansätze durch verwirrende Fragmentierung.

Klug macht das Genie auch die Erfahrung. Einer seiner Mitarbeiter, der deutsche Spiegelmacher Johannes, fällt ihm auf, weil dieser in der Werkstatt der Eisengießer„jeden Tag sehen und wissen wollte, was dort gemacht wurde, und es dann überall herumerzählte“. Offenbar lässt Leonardo Leute aus verschiedenen Fachgebieten getrennt voneinander arbeiten, um den Gesamtplan vor ihnen verbergen zu können.

In diesem Fall geht es um ein Projekt, das ins 20. Jahrhundert vorauseilt: Leonardo will die Sonnenenergie im großen Stil nutzen, etwa für Schmelzöfen.„Die durch Hohlspiegel zurückgeworfenen Strahlen“ , schreibt er in sein Notizbuch, hätten einen Glanz,„der dem der Sonne an ihrem Standort gleicht“. Und er berechnet auch gleich die verfügbare Energiemenge.

KURIOSES ÜBER LEONARDO

Zeremonienmeister Für seine Dienstgeber kreierte Leonardo spektakuläre Bühnenshows und baute eigene Erfindungen ein – etwa einen mechanischen Löwen. Er war damit wohl einer der ersten Eventmanager.

Vegetarier Seine Tierliebe machte Leonardo zum Vegetarier, aber zu einem mit Stil: Er schätzte Rezepte aus dem ersten gedruckten Kochbuch„De honesta voluptate et valetudine“.

Männerliebe Seine Schüler und Modelle waren oft seine Liebhaber; der Berühmteste darunter: Salai.

Linkshänder Er schrieb mit der linken Hand und in Spiegelschrift von rechts nach links. So blieb die Tinte seiner Schrift unverwischt.

Zerstreuter Professor Alles beginnen und hinterfragen, nicht alles finalisieren – das war Leonardos Schwäche. Auf Konstruktionszeichnungen fand sich oft auch eine Einkaufsliste.

Universalgenie Leonardo erfand auch Musikinstrumente, etwas ein Streichklavier, eine mechanische Trommel und eine Laute mit Tierkopf als Resonanzkörper.

Wachen statt schlafen Leonardo soll täglich nur neunzig Minuten geschlafen haben, verteilt auf vier Einheiten.

Eine andere Notiz über Brennspiegel tarnt er irreführend mit dem Titel„Perspectiva“ . In mehreren Skizzen auf blauem Papier gewährt Leonardo aber immerhin Einblick in seine energiewissenschaftlichen Vorstellungen: Seine Kraftstation ist eine pyramidenförmige Struktur aus vielen Facetten, die„so viel Kraft in einem einzigen Punkt versammelt“ , dass Wasser„in einem Heiztank, wie sie in Färbereien benutzt werden“ , zu kochen beginnt – frühe Solartechnik, wenn auch noch ohne Speichermöglichkeit.

Wie kommt Leonardo auf dieses Forschungsgebiet? Ahnt er die moderne Photovoltaik voraus? Finden sich in noch unentdeckten Schriftstücken möglicherweise gar Andeutungen zur Nutzung der gewaltigen Fusionsprozesse im Sonneninneren?„Wer zur Quelle gehen kann, der gehe nicht zum Krug“ , schreibt Leonardo. Zur genaueren Erforschung der Sonne trägt er eine blaue Brille, da„das menschliche Auge nicht unverwandt in den Glanz des Sonnenkörpers blicken kann“.

In dieser abergläubischen Zeit steigern solche Schutzmaßnahmen die Aura des Leonardo ins Mysteriöse: Nach Biograf und Journalist Charles Nicholl arbeitet Leonardo in seinem Labor in der Villa Belvedere „als Magus(Hexer) oder Adept(Schüler) mit seinem langen grauen Bart, der blauen Brille und seiner geheimen Vorrichtung zum Einfangen des Sonnenlichtes“.

Versuche in Alchemie sind damals für die Alchemisten lebensgefährlich, ebenso anatomische Studien, in denen Leonardo dem Geheimnis des Lebens nachspürt. Für die allmächtige Kirche ist das Teufelszeug, mit der Menschen Gottes Schöpfung in die Quere kommen. Ihr Heilmittel ist der Scheiterhaufen: Noch ein Grund für Leonardo, mit seinen erstaunlichen Erkenntnissen zu den Naturgesetzen vorsichtig umzugehen. „Bereits 100 Jahre vor Galilei, der das Prinzip der Erhaltung der Energie formulierte, erforschte Leonardo dieses Gebiet“, schreibt Wissenschaftsautor Thomas Ritter. „In seinen Arbeiten tauchen moderne Begriffe wie Trägheit, Moment, Leistung, Reibung, Schwerpunkt und Gleichgewicht auf.“

Leonardo studiert auch mit Leidenschaft Mechanik und Optik. Dabei entschlüsselt er eine Reihe von Naturgesetzen, etwa die Bewegungs- und Hebelgesetze. Er findet heraus, dass ein wahrgenommenes Bild auf der Netzhaut verkehrt herum steht und erst im Gehirn wieder umgedreht wird. Das mit Abstand berühmteste der nur 13 von ihm erhaltenen Gemälde wirkt wie ein Versuch, „Mona Lisa“ in 3D oder sogar in einer Art Holografie zum Leben zu erwecken wie einst Pygmalion seine Statue der Galatea: Bis an sein Lebensende übermalt Leonardo das Porträt deshalb immer wieder, bis nicht weniger als 31 hauchfeine Farbschichten übereinanderliegen.

„Licht und Schatten sollten ineinander übergehen, ohne Linien oder Grenzen, nach der Art des Rauchs“ , beschreibt der Künstler seine weiche MaltechnikSfumato . Besonders gut lässt diese sich am Lächeln der Mona Lisa erkennen: Augen und Mundwinkel scheinen im Schatten zu liegen, Abgrenzungen sind kaum erkennbar. Nicht zuletzt aus dieser Unklarheit entsteht das berühmte rätselhafte Lächeln der Florentinerin.

BEHERRSCHER DES WASSERS

Auch mit der Hydraulik befasst sich Leonardo intensiv. Seine Kenntnisse darin sind die Basis für Pläne zu Entwässerungs- und Kanalisierungsarbeiten. Nach sorgfältigen Berechnungen legt er seinem damaligen Gönner, dem Herrscher von Mailand, Ludovico Sforza, im Jahr 1485 ein Projekt von selbst heute unerhörten Dimensionen vor: „Am Meer oder am Ufer eines großen Flusses sollten insgesamt zehn Städte mit jeweils 10.000 Häusern gebaut werden, um die Hauptstadt zu entlasten“, berichtet Thomas Ritter. „Aufgrund eines ausgeklügelten Systems von Kaminen sollten diese Städte sogar rauchfrei sein.“

Wie das? Bis heute ringen moderne Großstädte weltweit um wirksame Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung durch Smog und Feinstaub. Weiß Leonardo um die Schädlichkeit dieser Belastungen? Die Metropolen seiner Zeit sind deutlich kleiner, doch auch das Mailand der Renaissance zählt über 100.000 Einwohner, die mindestens genauso eng zusammenleben wie heute ihre 1,3 Millionen Nachfahren.

Leonardo plant seine Städte auf zwei Ebenen: die obere für den Adel, die untere für das Volk. Der Entwurf, so Thomas Ritter, „erinnert in seiner Kühnheit an die Wolkenkratzer des 20. Jahrhunderts“. Finden sich in den verschollenen Schätzen also auch verschlüsselte Antworten auf aktuelle Fragen der Überbevölkerung, des Verkehrs oder anderer Umweltprobleme?

Entwurf für eine Riesenarmbrust, 1485

Feder und Tinte, Veneranda Biblioteca Ambrosiana, Mailand

Kriegerische Ambitionen seiner wechselnden Herren erfüllte Leonardo mit teilweise fantasievollen Waffenkonstrukten. Das verschaffte ihm Freiraum für seine künstlerische und wissenschaftliche Arbeit.

Leonardos letztes Studierzimmer. Schloss Clos Lucé in Amboise wurde Leonardo von seinem Gönner König François I. ab 1516 zur Verfügung gestellt. Dort starb er am 2. Mai 1519.


In anderen Visionen entwirft Leonardo Bausteine für eine bessere, schönere, gerechtere Welt. Er erfindet zerlegbare Wohngebäude als Vorläufer der modernen Fertighäuser. Er arbeitet Pläne für die Trockenlegung der malariaverseuchten Pontinischen Sümpfe bei Rom aus, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelingt. Eine aktuelle Gefahr für die Menschheit skizziert Leonardo bereits 1516 auf zehn Zeichnungen: Seine „Sintflut“ wirkt heute wie eine frühe Warnung vor dem Anstieg des Meeresspiegels als Folge einer unaufhaltsamen Erderwärmung. Live-Bilder als Vorlage liefern ihm Unwetter, Regenstürme und Überschwemmungen in Florenz.

Leonardo-Forscher Nicholl sieht in einigen Katastrophenszenen „den Feuerball, den Explosionspilz und den Fallout einer Wasserstoffbombe“. Die Zeichnungen „besitzen eine solche Kraft, dass sie auf dem Papier zu bersten scheinen“. Und Leonardo notierte: Bei der Explosion bleibe den Menschen zur Flucht nur so viel Zeit,„wie man braucht, um ein Ave Maria zu beten“.

Hätte der Militäringenieur Leonardo auch die größte Zerstörungskraft der Geschichte erahnt, könnte sich darüber ebenfalls etwas auf den verschollenen Seiten finden. Deshalb zählt auch Nukleartechnik zu den Feldern, auf denen manche Forscher in Leonardos verschollenem Wissensschatz zumindest Gedankenspiele vermuten.

Nicholl sieht die Sache nüchterner. Für ihn sind Leonardos albtraumhafte Armageddon-Fantasien womöglich nicht aus konzentrierter Verstandesarbeit entstanden – sondern infolge einer fiebrigen Erkrankung des Genies in der Hitze eines römischen Sommers.

Darstellung eines Fötus im Uterus, um 1510

Feder und Sepiatinte (laviert), Rötel, The Royal Library and Royal Archives, Windsor Castle, Windsor

Seine ersten anatomischen Studien betrieb Leonardo, um als Maler besser zu werden. Ab 1508 ging es ihm um wissenschaftliches Verständnis.

Hirnphysiologische Darstellung, um 1508

Feder und Sepiatinte, Kunstsammlungen zu Weimar, Schlossmuseum, Weimar

Vom Gehirn als Sitz des Intellekts war Leonardo speziell fasziniert: Sein Wissen als Bildhauer setzte er ein, um Wachsabdrücke anzufertigen.

PERPETUUM MOBILE

Eine Merkliste in Leonardos Notizen führt zwischen den üblichen Laborgegenständen der Zeit wie Zunderbüchse und Blasebalg auch eine„unendliche Bewegung“ an, unterlegt mit drei Reihen Hieroglyphen. Tatsächlich wagt sich der unerschrockene Universalerfinder in jungen Jahren an die Konstruktion einesPerpetuum mobile . Allerdings gibt er das ewige Sehnsuchtsprojekt einer Wundermaschine, die ohne Energiezufuhr endlos läuft, bald auf.„Oh, Ihr Erforscher der beständigen Bewegung“ , spottet er.„Wie viele eitle Hirngespinste habt Ihr geschaffen bei dieser Suche! Gesellt Euch also lieber zu den Goldmachern.“

Trotzdem: Leonardo-Fans vermuten hartnäckig eine Zeitmaschine in seiner verschollenen Hinterlassenschaft, hat er Gedanken dazu doch formuliert. Immerhin kennt die Astrophysik entsprechende Phänomene – doch sollte sich Leonardo wirklich mit Reisen in Vergangenheit und Zukunft beschäftigt haben, dann höchstens als Gedankenspielerei. In seinen„Profetie“ beschreibt er etwa„etwas aus der Erde, das mit seinem Atem Städte zerstören wird“. Schon Leonardos Zuhörer an den Fürstenhöfen gruselten sich gern, wenn er solche Geschichten erzählte.

Erfolgreicher war Leonardo auf einem anderen Gebiet: Als entscheidendes Hindernis für die „selbstbewegenden Räder“ seiner Entwürfe erkennt er den Reibungsverlust. Grundlage der Reibungslehre fester Körper sind zwei nach Guillaume Amontons benannte Gesetze – die jener freilich erst 200 Jahre nach dem Genie aus Vinci ausformulierte.

Am 2. Mai 1519 stirbt Leonardo da Vinci mit 67 Jahren in den Armen seines größten Gönners und Verehrers, des französischen Königs François I. Bald nach der Beisetzung kehrt Privatsekretär Francesco Melzi mit dem kostbaren Erbe in die Heimat zurück. In Mailand wird Melzi, so Nicholl, „der beharrliche Hüter und Herausgeber jener unendlichen Menge von Schriften und Zeichnungen, die uns – vielleicht noch mehr als die Gemälde – einen dunklen Zugang zu Leonardo bieten, als wären sie selbst eine Art Gedächtnis, durchsetzt mit fragmentarischen Aufzeichnungen aus seinen alltäglichen Beschäftigungen, den Geheimnissen seiner Träume, den Höhenflügen seines Geistes“.

Nach Melzis Tod aber verschleudert dessen Sohn Orazio den einzigartigen Schatz. Kunstfreunde schmücken damit ihre Sammlungen, Händler fleddern ihn für ihre Geschäfte, Diebe stehlen sich reich – und die Welt wird ärmer.

Nur zufällig kehrt ab und zu ein Kleinod wieder, so wie die beiden Notizbücher, die ein amerikanischer Romanistikprofessor 1967 in der Nationalbibliothek von Madrid aufstöberte – bei der Suche nach mittelalterlichen Balladen.

Anatomische Zeichnungen des Herzes und seiner Gefäße, um 1513

Feder und braune Tusche, The Royal Library and Royal Archives, Windsor Castle, Windsor

Mit seinem wachsenden Wissen um den Körper vollzog das Genie stets den nächsten Schritt: Leonardo erkannte etwa den Zusammenhang zwischen Pest und Schmutz. Nach der Pestepidemie in den Jahren 1484/1485 organisierte er deshalb mit Hilfe von Booten in Mailand die erste Müllabfuhr.


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