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Drahtseilakt zum Gipfeltreffen


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Wanderlust - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 24.06.2022

Allgäu

Artikelbild für den Artikel "Drahtseilakt zum Gipfeltreffen" aus der Ausgabe 5/2022 von Wanderlust. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wanderlust, Ausgabe 5/2022

Aussichtsreiche Gratwanderung: Der Weg folgt dem Kamm der Nagelfluhkette. Zwischen den Gipfeln von Buralpkopf und Gündleskopf wird er richtig schmal.

Der Rucksack zieht mich nach hinten. Die Hände klammern sich um die Sprossen. Brrr, ganz schön kalt! Doch lieber wieder zurück nach unten klettern: Erst mal die Handschuhe herauskramen. Sind schließlich 17 fast senkrechte Meter. Die Leiter überwindet den obersten Felssockel zum Gipfelkreuz des Steinebergs. Wäre doof, wenn oben die Gelenke so steifgefroren wären, dass die Finger nicht mehr richtig zugreifen könnten. Eigentlich scheint ja die Sonne. Sie zerfetzt die Wolken allmählich, die sich wie zu einem kuscheligen Daunenbett plustern und die Allgäuer Täler um Immenstadt zudecken. Doch die nackte Steinwand liegt schon lange im Schatten.

Der Steineberg reiht sich in der Nagelfluhkette zwischen Mittag und Stuiben. Auf den Mittag gondeln Zweiersessel. Ab der Mittelstation tauchen die entgegenkommenden wie von Geisterhand aus dem Nebel auf, die Sonne leuchtet darüber seltsam fahl als Spot ...

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... durch die graue Suppe. Kurz vor der Bergstation öffnet sich dann plötzlich blauer Himmel über uns, Farben und Geräusche hauchen der Szenerie wieder Leben ein. Welch spektakulärer Auftakt zu unserer dreitägigen Hüttentour!

Zweiter Versuch

Es ist schon der zweite Anlauf, den wir nehmen: Kurz bevor wir im Jahr zuvor aufbrechen wollten, schneite es heftig. Selbst die niedrigsten Passagen auf der Höhenwanderung knacken noch die 1.500 Meter. Da bleiben die Temperaturen im Herbst frostig. Sehr wahrscheinlich, dass Schnee und Eis irgendeine der kniffligen Stellen unpassierbar gemacht und uns zum Umkehren gezwungen hätten. Wegen Corona und der begrenzten Zahl an Betten auf den Hütten sollten Übernachtende aber unbedingt vorab reservieren. Das macht spontanes Umplanen unmöglich. Zwar schaffen gut Trainierte den Abschnitt zwischen den beiden Bergstationen von Mittagbahn und Hochgratbahn bei Oberstaufen-Steibis (beziehungsweise dem knapp unterhalb gelegenen Staufner Haus) auch an einem Tag. Doch was, wenn erst gegen Ende der kräftezehrenden Etappe ein vereistes abschüssiges Stück das Weitergehen zu gefährlich macht?

Die Handschuhe könnten griffiger sein. Aber immerhin frieren die Finger nicht mehr so. Die rechte Hand rutscht am Stahlseil empor. Darin könnten sich die Karabiner eines Klettersteigsets einklinken. Die meisten wagen sich aber ohne über die Leiter – in beiden Richtungen. Wem die luftigen Tritte zu viel Respekt einflößen, der kann sie auch umgehen. „Normalweg“ steht auf einem Schild an ihrem Fuße. Ein Pfeil weist nach rechts. An der Nordflanke schlängelt sich unterhalb der Steinwand ein Pfad. Am Ende des langgestreckten Felsens trifft er wieder auf den Gratweg.

Oben angekommen, fordert die Leiter uns noch einmal heraus: Irgendwie muss sich der Körper samt Rucksack von der Leiter weg links hinüberwuchten, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Danach findet er sich direkt unter dem riesigen Gipfelkreuz des Steinebergs wieder. Und in der Sonne! Sie vertreibt das Frösteln. Jenseits des Illertals erhebt sich mit dem Grünten, den ein rot-weißer Sendeturm krönt, der „Wächter des Allgäus“.

Er heißt so, weil er wie der Pfosten eines Eingangstores den Alpenrand markiert. Und ihm westlich gegenüber schließt sich die Nagelfluhkette wie eine Burgmauer an, grenzt die Alpen vom Vorland ab. Von Immenstadt bis Hittisau im Bregenzerwald, auf knapp 25 Kilometern. Als „Wehrgang“ turnt ein Weg entlang der höchsten Linie auf und ab. Durchaus anstrengend. Doch die exponierte Lage macht die Mühen wieder wett: Eiserne Steigbügel und Tritte geben Wanderschuhen im blanken Fels Halt, Seile sichern ausgesetzte Stellen, kürzere Leitern helfen über grobe Felsblöcke. Alles ohne Klettergurt machbar, doch ein bisschen abenteuerlustig und höhenfest sollte man für diese Tour schon sein! Die Blicke machen süchtig: Zur einen Seite rutschen sie über den nördlich vorgela- gerten Prodel-Kojen-Schichtkamm weit ins flachere Voralpenland. Auf der anderen Seite bäumen sich hinter dem südlichen Siplingerkopf-Schichtkamm die Zacken der Schneebedeckten auf. Von den drei parallelen Nagelfluh-Höhenzügen buckelt sich der mittlere am höchsten, bis auf 1.834 Meter am Hochgrat.

Eine zweite Alpendohle gesellt sich zur ersten. Von der hohen Kante, hinter der sich der Steineberg zu Tale stürzt, hüpfen sie auf einen Wanderstock, von den Rucksäcken herüber zu unseren Füßen. Zwischen den Steinchen picken ihre gelben Schnäbel Krümel vom Boden. Unter den Gipfelkreuzen fällt immer besonders viel für sie ab. Davon klappert die Gratwanderung so einige ab. Da werden wir wohl noch öfter Alpendohlen treffen. Diese verabschieden sich. Mit einem Satz von der Steilwand heben sie ab und segeln kreisend durch die Lüfte.

Herrgottsbeton

Links von uns rollen sich immer wieder Alpenmatten abwärts, während zur Nordseite schroffer Fels jäh abbricht, oft sogar überhängt. Wie ein Pultdach oder eine heranwalzende Welle, die der Gegenwind am Umschlagen hindert, stellt sich der Gebirgszug auf. Mit etwas Abstand zueinander stoßen Felsrippen fast senkrecht aus dem Grün hervor, setzen der Nagelfluhkette einen typischen Zebralook auf. Die Felsbänder sehen dabei glattgeschliffen aus, als überkrusteten sie nur etwas. In den Brocken stecken viele einzelne Steine. Wind und Wetter rieben das zementartige Bindemittel an der Oberfläche weg. So gucken die runden Kiesel wie Köpfe großer Nägel aus der Fluh, was Fels oder Felswand bedeutet. Wir nutzen sie als Griffe, wenn bei kleinen Kletterpartien die Füße Halt finden oder die Hände mal nach oben ziehen müssen. Die Allgäuer nennen dieses Gestein auch Herrgottsbeton.

Unter solch einer überhängenden Wand taucht schon die Hütte der Alpe Gund auf. Doch vor dem Abzweig fordert noch ein Felsabhang mit Halteseil Aufmerksamkeit. Hinter dem Steinköpfle senkt sich der Weg nach rechts in eine moorige Mulde. Nur hier, bei der Falkenhütte und in Hörmoos, schieben sich vor den ansonsten steilen Nordabfall Hochplateaus, auf denen im Sommer Kühe weiden. Zur Alpe Gund ziehen 120 Schumpen, so heißt das Jungvieh im Allgäu.

Als wir ankommen, blinzelt die Sonne noch über den Berg, tunkt die Holzschindeln an der Wand in goldenes Licht. Für eine schnelle Weizenlänge auf der Terrasse reicht ihre Wärme gerade noch. Innen schläft Töchterchen Mina inmitten des Gästepalavers seelenruhig auf einer Bank. Ihre kleinen Brüder Franz und Konrad flitzen umher, klettern immer wieder zum Verkaufsfensterchen hoch. Mama Katrin wird sich über ihre Hilfe bald freuen – noch trägt sie Fidel im Bauch.

Familie Hage kocht die Mahlzeiten auf einem Holzherd im großen Topf. Die Kartoffeln baut sie sogar selbst an. Nach getaner Arbeit spielt Vater Bernhard auf der Ziehharmonika. Es fällt schwer, sich loszureißen und in die rot-weiß karierte Bettwäsche zu steigen.

Am nächsten Morgen führt uns ein anderer Weg wieder hoch zum Grat. Das Gipfelkreuz des Stuiben haben wir jetzt ausgelassen. Dafür wartet am Sederer Stuiben eines im Menschenformat. Eine Alpendohle fliegt heran, will abstauben, aber das Frühstück füllt noch den Magen. Unter genialen Blicken schwingt der Weg ab und wieder auf zum Buralpkopf, über eine leicht ausgesetzte Seilstelle hinüber zum Gündleskopf, wo meine junge Mitwanderin uns im Gipfelbuch verewigt. Überrascht lesen wir, dass dieses Gipfelkreuz auf dem Weg vom Lake District in die Mongolei liegt. Zumindest für ein englisches Pärchen.

INFO

Naturbeton

Gegen Ende der Alpenbildung schwemmten Flüsse wie die Ur-Iller Unmengen Schutt aus älteren Alpenschichten ins Vorland. Riesige Kiesfächer entstanden. Floss der Fluss schnell, blieben größere Steine liegen. Floss er langsamer, setzten sich auch Lehm, Schluff und Ton ab. Dieses feinere Material mischte sich mit Kalkablagerungen aus dem Kluftwasser. Großer Druck verfestigte die Mixtur zu einer Art Zement. Er verkittete die groben Steine in Jahrmillionen zum Konglomerat Nagelfluh.

Währenddessen falteten sich die Alpen weiter auf. Sie schoben von Süden so gegen diese sogenannte Molasse, dass sie aufkippte. Daher ragen die Felsbänke mit spektakulärer Abrisskante aus den Hängen. Die weicheren Ton- und Mergel-Schichten dazwischen verwitterten schneller. Darauf finden Pflanzen genügend Humus, um wachsen zu können.

Die werden noch größere Strapazen auf sich nehmen als den folgenden Anstieg zum Rindalphorn. Auch wenn der nicht enden will und sich als Wadenbeißer erweist. Dennoch lohnt oben der kurze Abstecher nach rechts – schließlich stemmt sich dort wieder ein Gipfelkreuz dem Abhang entgegen. Das nächste wartet zwei Aufstiege weiter am Hochgrat. Noch größer und aus Metall. Zum Glück steht die Hochgratbahn schon still. Sonst wäre es viel trubeliger hier oben. Nur ein paar Jungs, die ihre Drohne testen. Konkurrenz in der Luft. Die Alpendohlen wirken verwundert.

Wieder nicht ganz!

Ein wunderschöner Abstieg über dunstverhangenen Bergketten bringt uns zum Staufner Haus. Auch wenn die Schleier den Blick auf Säntis und Bodensee verhüllen. Hüttenhund Mammut grüßt aufgeregt kläffend. Aus der gemütlichen Stube mit Kachelofen zieht nur das Rot, mit dem die Sonne sich hinter dem Seelekopf verabschiedet, noch mal kurz raus. Leider taucht sie am nächsten Morgen nicht wieder auf.

In feuchten Wolken kraxeln wir über den steinigen Grat. Beachten das Gipfelkreuz auf dem Seelekopf kaum. Es beginnt zu schneien. Wurzeltreppen werden glitschig.

Am Abzweig zur Falkenhütte fällt die Entscheidung: abbiegen nach unten. Zu ungewiss ist bei dem Wetter, wie rutschig die schwierigen Stellen zwischen Falken und Hochhäderich sein würden. Weiter unten löst Regen den Schnee ab. Zum Trost schenkt Michel von der Hörmooser Kräuter-Alp in der Probierstube einen Schluck seines prämierten Älpler-Absinths ein. Geschmacksexplosion. Die Aromen einer ganzen Kräuterwiese brennen sich durch den Rachen. Der wärmt!

Am nächsten Morgen muss ich das Frühstück im Berggasthof Hochbühl unterbrechen: Licht durchdringt das Grau vor den Fenstern. Die Trübe lockert sich zu Schwaden. Ein schwarzes Kälbchen guckt herüber, steht ganz allein auf der weiß verkrusteten Wiese. Eingezuckerte Bergspitzen tauchen auf. Rückblick auf die Gipfelkette.

Nebelfetzen wabern über Tälern und Hängen. Wie Slow-Fernsehen: In Zeitlupe verändert sich die Aussicht, entstehen neue Gucklöcher, fügen sich einzelne Puzzleteile allmählich zu einem größeren Bild aneinander. Anfang und Ende unserer Nagelfluhquerung liefern sich einen Wettstreit um den stimmungsvolleren Eindruck.

Die wenigen Meter über den Alperlebnispfad bis zum Imberghaus dehnen wir aus: Wir werfen uns Schneebälle um die Ohren und schauen den Ziegen zu, wie sie Grasbüschel zwischen vereisten Placken rupfen. An der Bergstation beginnt der Abstieg. Entlang der Gondelbahn kurvt der Weg locker zu Tale. Gewaltige Wolkentürme lupfen sich. Weit hinter den Häusern von Steibis blitzt die Kirche von Oberstaufen weiß auf. Ein würdiges Finale. Wenn auch Wehmut mitschwingt: Mit dem Grat an Falken und Hochhäderich fehlt immer noch ein Glied in der Nagelfluhkette. Es braucht wohl noch einen dritten Anlauf, um alle Gipfel zu treffen.

INFO

Tolle Tagestouren

Als Premiumwanderort sorgt Oberstaufen auf vier Rundwanderungen durch die Nagelfluhkette für durchweg hohes Niveau. Die Nagelfluhschleife Grenzenloser Weitblick beginnt in Riefensberg und dreht fast ausschließlich in Österreich ihre 11,5 Kilometer lange Runde. Die 16 Kilometer Alpenfreiheit starten an der Imbergbahn und erkunden den Grat der vorderen Nagelfluhkette bis zum Kojenstein. Der Luftige Grat nutzt die Hochgratbahn für den Aufstieg. Nach zehn Kilometern über den Grat an Baumveteranen vorbei zum Imberghaus erspart die Imbergbahn den Abstieg. Die vierte Nagelfluhschleife Wildes Wasser legt von der Bergstation der Hündle-Sesselbahn gut elf Kilometer zurück und kommt an den Buchenegger Wasserfällen vorbei. Mit der Kapfwald-Runde (6 km) gibt es sogar noch einen Winter-Premiumwanderweg.