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DRAMA: ANGRIFF AUS DEM NICHTS


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.02.2019

Eine junge Familie macht einen Wanderausflug. In der Nähe eines Wasserfalls erfolgt plötzlich ein …


Artikelbild für den Artikel "DRAMA: ANGRIFF AUS DEM NICHTS" aus der Ausgabe 3/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 3/2019

UNSER SOHN BRIDGER WAR ZWEI WOCHEN ALT ,
als meine Frau Turin und ich uns zu der Reise entschlossen. Turin war noch drei Monate in der Elternzeit, ich konnte mir meine Zeit frei einteilen. Solch eine Gelegenheit zu einem längeren Urlaub würden wir so schnell nicht wieder bekommen.

Zwei Wochen später kauften wir ein Wohnmobil Baujahr 1988. An einem warmen Frühlingsmorgen 2017 fuhren wir von unserem Zuhause in Los Alamos in New Mexico los.

Turin und ich waren seit sieben Jahren verheiratet. Ich war 33. Bevor ...

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Turin und ich waren seit sieben Jahren verheiratet. Ich war 33. Bevor ich Schriftsteller wurde, hatte ich Buschfeuer bekämpft und Abenteuerfilme fürNational Geographic gedreht. Ich war in Belize auf eine Lanzenotter getreten, im Kongo von Guerillas mit Kalaschnikows aufgehalten worden und in Papua-Neuguinea nur knapp einem zuschnappenden Krokodil entkommen. Doch bisher war mir nie etwas Schlimmeres passiert, als Verdauungsbeschwerden zu bekommen.

Turin war ähnlich abenteuerlustig wie ich. Seit unserer Hochzeit hat sie 14 Auslandsreisen unternommen, teils aus beruflichen Gründen. Sie betreibt am Los Alamos National Laboratory Studien zum Klimawandel. Doch hauptsächlich reist sie zum Vergnügen. In ihrem ersten Trimester paddelte sie 230 Kilometer bei Wildwassertouren in Alaska.

Auf unserer einmonatigen Reise samt Kind schlotterten wir vor Kälte im Canyonlands-Nationalpark, kletterten durch den San Rafael Swell in Utah und surften an der Küste von Oregon.

An unserer letzten Station, dem Yosemite-Nationalpark, erwartete uns meine Familie. Mein älterer Bruder Garrett lebt in El Portal in Kalifornien. Der Ort liegt an der Südwestzufahrt des Parks. Er besteht im Grunde aus dem Unternehmen, das den Nationalpark verwaltet und das für die Vegetation des rund 3000 Quadratkilometer großen Parks zuständig ist. Garrett hatte dort mit seiner Frau Erin – beide sind Botaniker – ein Eisenbahndepot aus dem Jahr 1908 gekauft.

Meine Eltern waren seit Kurzem im Ruhestand und seit Januar in El Portal, um beim Umbau des Depots zu helfen. An unserem Ankunftsabend schliefen wir in ihrem Wohnwagen. Am nächsten Morgen, dem 23. April, schlug Garrett eine Wildblumenwanderung oberhalb des Ortes vor. „Es ist gerade Blütezeit“, erklärte er.

Nach fünf Kilometern Aufstieg von El Portal erreichten wir einen mehrstufigen Wasserfall gleich unterhalb von Foresta. Die Blumen blühten in sämtlichen Farben, und Garrett und Erin kannten alle ihre Namen. Wir fotografierten eifrig.

Kyle, Turin und Bridger auf ihrer einmonatigen Reise vor dem Unfall


Um 11.45 Uhr kamen wir an eine Brücke über einen Wasserfall. Proviant wurde herumgereicht. Erin stand am Brückengeländer. Außer mir war sie die einzige, die die Schlange sah. „Sie war braun und groß“, weiß sie noch. Ich spürte sie eigentlich nur – als hätte mich etwas leicht auf den rechten Knöchel geklopft. Dann verlor ich das Bewusstsein.

ALS ICH ZU MIR KAM, setzte die erste Übelkeitswelle ein: Ich erbrach mich heftig. Meine Eltern überlegten, wie man mich wegbringen könnte. Meine Mutter hatte 35 Jahre als Ambulanzschwester und Arzthelferin gearbeitet. Doch auf den 700 Einsätzen mit meinem Vater in einem Such- und Rettungsteam hatten sie nie mit einem Klapperschlangenbiss zu tun gehabt.

Ich lag im Gras und hoffte, die Übelkeit sei die schlimmste Auswirkung des Gifts. Was ich nicht wusste: Bei Klapperschlangenbissen spielt Zeit die wichtigste Rolle. Ob der Gebissene einige Stunden in der Notaufnahme verbringt, amputiert werden muss oder stirbt, hängt davon ab, wie viel Zeit vergeht, bis er das Gegengift erhält.

Ich übergab mich alle paar Minuten in immer kräftigeren Schüben. Garrett rannte bereits in Richtung El Portal. Er wollte einen Notruf absetzen, sobald er wieder Netz hatte. Auf der Karte sah die Straße dort hin, die Crane Creek Road, befahrbar aus. Das war sie aber nicht. Kurz zuvor hatten Buschbrände gewütet, und die Straße war kaum noch als zweispurig zu bezeichnen. Die Frau vom Notdienst wusste das aber nicht. Sie forderte einen Rettungshubschrauber und einen Krankenwagen an, der im Tal stationiert war. Dann bat sie Garrett, den Sanitätern nach Foresta entgegenzulaufen, um ihnen den Weg zu zeigen.

Ein Blutrinnsal, vom Gift verdünnt, sickerte aus den Bisswunden. Mein Bein brannte. Ich hatte einen Schock – eine Nebenwirkung der Toxine – und lag neben einer Lache Erbrochenem. Turin strich mir über den Rücken, wenn ich mich gerade nicht übergab. „Nimm Bridger hier weg“, bat ich sie. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie mich sterben sehen würden. Sie behielt mich aus der Distanz im Auge, während mir meine Eltern die Hand hielten.

AUF DEM WEG nach Foresta kam Garrett an eine Brücke über den Crane Creek. Der Fluss war über die Ufer getreten, und die Brücke war bis auf vier Stahlträger abgebrannt. Die Träger waren feucht von der Gischt und vibrierten vom tosenden Wasser. Weiter flussabwärts fiel der Fluss über eine 50 Meter hohe Stufe. Garrett hielt inne. Mit beiden Händen ergriff er das Geländer, setzte sich auf einen der Träger und rutschte hinab.


EIN UMGESTÜRZTER BAUM VERSPERRT DIE STRASSE. DER KRANKENWAGEN BLEIBT IM UNBEFESTIGTEN SEITENSTREIFEN STECKEN


Den Aufzeichnungen des Rettungsdienstes zufolge legte Garrett in 19 Minuten rund 3,2 Kilometer zurück. Da war Park Ranger Jason Montoya, Spezialist für technische Rettungseinsätze bei Yosemite Search and Rescue, schon zu mir unterwegs – mit Blaulicht und Sirene. Er hatte einen zweiten Hubschrauber und ein Ersatzteam aus sechs Freiwilligen angefordert, die von El Portal aus hochwandern sollten, falls die Rettung mit dem Helikopter scheiterte. Montoya nahm an, man würde mich am Hubschrauber hängend aus dem Canyon fliegen und in ein Rettungsflugzeug umladen.

In der Hochsaison gibt es im Yosemite einen Hubschrauber mit Seilwinde. Doch der würde erst nächste Woche eintreffen. Der Ersatzhubschrauber war noch im Einsatz. Ein zweiter Ersatzhubschrauber verlor Öl und durfte nicht starten. Um 13.11 Uhr hob ein Hubschrauber im eindreiviertel Stunden entfernten Paso Robles ab.

Kurz vor Foresta traf Garrett auf den Krankenwagen. Ein umgestürzter Baum versperrte die Straße, das Auto blieb im unbefestigten Seitenstreifen stecken. Die drei Sanitäter holten ihre Ausrüstung aus dem Wagen: Infusionen, aufblasbare Trage, Medikamente, medizinischen Bedarf. Garrett kannte einen der Sanitäter. Im Jahr zuvor hatte er den 34-jährigen Levi Yardley bei einer Klettertour kennengelernt.

Bei Wanderern beliebt: der rund 3000 Quadratkilometer große Yosemite-Nationalpark


Yardley warf ihm eine Tasche mit medizinischer Ausrüstung zu. Dann machte sich Garrett mit Montoya, Yardley und einem weiteren Sanitäter auf den Weg. Als sie die abgebrannte Brücke erreichten, kehrten sie um. Wenn einer abrutscht, ist er tot, dachte Montoya. Das Risiko konnten sie nicht eingehen. Also stiegen sie gut anderthalb Kilometer bergauf und überquerten den Crane Creek auf einer Brücke weiter oben. Dann kämpften sie sich über Felsstufen und durch hohes Gestrüpp wieder nach unten. Um 12.51 Uhr kamen die Sanitäter an. 20 Minuten nach dem Biss hatte ich Durchfall bekommen, meine Hose war herabgezogen, meine Eltern rollten mich hin und her, damit ich mich erbrechen oder den Darm entleeren konnte. Ich war bleich, schwitzte und stöhnte vor Schmerzen. Aus den Bisswunden am Knöchel trat Blut aus. Oberhalb des Knies zeigten sich blaue Flecken, ein Zeichen für innere Blutungen.

IM YOSEMITE-NATIONALPARK hält man einen kleinen Vorrat an Gegengift, doch der war im Vorjahr aufgebraucht und noch nicht wieder aufgestockt worden. Stattdessen warf Yardley meiner Mutter eine Blutdruckmanschette zu und griff nach Salzlösung und einem Medikament, das das Erbrechen stoppen sollte, sowie dem starken Schmerzmittel Fentanyl.

Zurück aus dem Krankenhaus: Kyle mit seiner Mutter und Turin an seiner Seite


Er setzte mir Infusionen. Die Medikamente wirkten – Schmerzen, Durchfall und Erbrechen ließen nach. Durch die Salzlösung normalisierte sich mein Flüssigkeitshaushalt vorübergehend. Wenig später lud mich das Ersatzteam aus El Portal auf die aufblasbare Trage. Jeden Augenblick musste der Hubschrauber eintreffen. Um 14.07 Uhr transportierte mich das Nofallteam zum Hubschrauberlandeplatz. Ab da ging alles schief.

Montoyas Funkgerät hatte in dem Canyon keinen Empfang, und so wusste er nicht, dass in El Portal in einer Werkstatt ein Feuer ausgebrochen war. Würde es sich weiter ausbreiten, stünden meine Chancen schlecht. „Wenn wir ihn nicht rauskriegen, haben wir nicht die nötigen Medikamente“, sagte Yardley zu Montoya. Die Wirkung der Infusion ließ nach, meine Symptome kehrten zurück.

Sieben Ersthelfer standen bei mir, als mich eine Biene in den Oberschenkel stach. „Ich bin allergisch!“, japste ich. Yardley ließ einen der Sanitäter einen Autoinjektor zum Injizieren von Epinephrin – eine synthetische Form von Adrenalin – gegen einen allergischen Schock holen. „Bitte nicht“, flehte ich. Ich befürchtete, das Epinephrin würde die Wirkung des Gifts verstärken. Endlich tauchte der Hubschrauber über dem Berg auf. Es war 16.30 Uhr. Ein Drahtseil kam herunter. Ich spürte, wie ich hochgehoben wurde. Erleichterung erfasste mich.

Als sich der Hubschrauber entfernte, übermannten Turin die düsteren Gedanken, die sie verdrängt hatte. Meine Eltern und sie brachen in Tränen aus. Bridger war ruhig. Seit dem Biss hatte er nicht einmal geweint.

ALS DER HELIKOPTER am Doctors Medical Center von Modesto landete, rollten mich die Pfleger in die Notaufnahme und schnitten mir Shorts und T-Shirt vom Leib. Fünfeinhalb Stunden nach dem Biss bekam ich die erste Infusion mit dem Gegengift.

Während der nächsten 72 Stunden erhielt ich 18 Ampullen davon. Die sechs Ärzte, die mich untersuchten, sagten entweder, dies sei ihr erster Schlangenbiss, den sie sahen, oder der schlimmste. Alle zwei Stunden unterrichteten Pfleger die Giftnotrufzentrale, die die Behandlung überwachte.

Mein Bein wurde schwarz und gelb, schwoll auf mehr als das Doppelte des normalen Umfangs an. Am ersten Tag im Krankenhaus erhielt ich alle zwei Stunden Morphium und konnte trotzdem vor Schmerzen nicht schlafen. Der orthopädische Chirurg war überzeugt, ich hätte ein Kompartmentsyndrom entwickelt, bei dem die Blutversorgung von Gliedmaßen abgeschnitten wird. Schlimmstenfalls musste amputiert werden. In einer Notoperation wurden tiefe Einschnitte über die gesamte Länge meines Beines gesetzt, um den Druck zu verringern. Mein Nachtpfleger John, ein 71-jähriger Vietnamveteran, der selbst zweimal von einer Klapperschlange gebissen worden war, war meine Rettung. Am frühen Morgen fand er einen Puls an meinem Fuß – ein Zeichen, dass das Bein noch durchblutet wurde. Es musste nicht amputiert werden. Nach vier Tagen konnte ich statt im Bett zu liegen auf einem Stuhl sitzen. Zwei Tage später durfte ich aufstehen. Nach weiteren acht Tagen entließen mich die Ärzte aus dem Krankenhaus.

IM SEPTEMBER ging ich mit Garrett noch einmal zu der Brücke, wo ich gebissen worden war. Ich wollte mit der Sache abschließen und wissen, ob ich etwas falsch gemacht hatte. Bei uns waren Robert Hansen, Herausgeber eines medizinischen Fachblatts, und Rob Grasso, Ökologe im Yosemite-Nationalpark. Garrett und ich legten Schutzkleidung an, als wollten wir eine Autobombe entschärfen. Hansen rollte mit den Augen, als er uns zusah. „Die legen es nicht darauf an, euch zu beißen“, sagte er. Endlich erreichten wir die Brücke. „Ich würde sagen, dort“, meinte Hansen und zeigte auf einen schattigen Überhang etwa zehn Meter über einer geneigten Granitplatte, wo er das Schlangennest vermutete. Als wir den Vorsprung erreichten, schaute ich vorsichtig über den Rand in die dunkle Felsspalte. Ich konnte keine Schlangen sehen.

Hansen hatte recht – Klapperschlangen legen es nicht darauf an, Menschen zu beißen. Sie bleiben am liebsten unsichtbar. Manchmal hat man eben Pech. Und wird dann auch noch von einer Biene gestochen.

Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.VOLTAIRE, franz. Philosoph u. Schriftsteller (1694-1778)


FOTOS: (VORHERIGE DOPPELSEITE) © JACOB LUND; (BEINE) © FIVESPOTS (SCHLANGEN); © SHUTTERSTOCK

FOTO: MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON KYLE DICKMAN

FOTO: © ILIAS KOUROUDIS/SHUTTERSTOCK

FOTO: MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON KYLE DICKMAN