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DRAMA: ERDBEBEN IN EISIGER HÖHE


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 24.09.2018

Voller Ehrgeiz macht sich Natalia Martinez an die Besteigung des höchsten Gipfels in Kanada. Dann erlebt sie ein …


Artikelbild für den Artikel "DRAMA: ERDBEBEN IN EISIGER HÖHE" aus der Ausgabe 10/2018 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 10/2018

AM 1. MAI 2017 UM FÜNF UHR saß Natalia Martinez in ihrem Zelt im kanadischen Yukon Territory und kochte Wasser aus etwas Schnee, den sie von einer Wand des höchsten Berges in Kanada abgeklopft hatte. Sie befand sich in 3901 Meter Meeres höhe auf einem hängenden Gletscher an der Ostflanke des Mount Logan, zwei Drittel des Weges hinauf zur Spitze. Die argentinische Bergsteigerin war immer noch drei Tagesetappen vom Gipfel entfernt. Nachts war es eisig gewesen, minus zehn Grad. Doch jetzt ging ...

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AM 1. MAI 2017 UM FÜNF UHR saß Natalia Martinez in ihrem Zelt im kanadischen Yukon Territory und kochte Wasser aus etwas Schnee, den sie von einer Wand des höchsten Berges in Kanada abgeklopft hatte. Sie befand sich in 3901 Meter Meeres höhe auf einem hängenden Gletscher an der Ostflanke des Mount Logan, zwei Drittel des Weges hinauf zur Spitze. Die argentinische Bergsteigerin war immer noch drei Tagesetappen vom Gipfel entfernt. Nachts war es eisig gewesen, minus zehn Grad. Doch jetzt ging die Sonne auf und tauchte die Umgebung in dämmriges Licht, das bald durch die frostbedeckte Zeltwand schimmerte.

Sobald das Wasser heiß war, schaltete Martinez den Campingkocher aus, brühte eine Tasse Tee auf und rührte Haferbrei an wie jeden Morgen in den letzten zehn Tagen.

Während die 37Jährige ihr Frühstück verzehrte, dachte sie über die vor ihr liegenden Gefahren nach. Bis zum Gipfelplateau musste sie noch 600 Meter überwinden – mit voller Ausrüstung über den vereisten Bergrücken. Von dort wäre es eine weitere 6KilometerTour zum Gipfel, vorbei an lebensgefährlichen Spalten und instabilen Schneewechten eines brüchigen Gletschers. Erst dann wäre sie die erste Frau, die den Mount Logan im Alleingang erklommen hätte. Sie war diesem Ziel schon ganz nahe.

Martinez hatte ihr Frühstück fast beendet, als das Eis und der Schnee unter ihrem Zelt plötzlich schwankten. Dann ertönte ein lautes Grollen vom Berg. Der Bergsteigerin schien es, als würde sie zusammen mit ihrem Zelt vom Bergrücken gefegt werden.

Rund 2500 Kilometer südöstlich, in der Stadt Whistler in der Provinz British Columbia, schlief Camilo Rada noch, der Lebensgefährte von Martinez, als das Telefon klingelte. Er war seit zehn Jahren mit Natalia zusammen und wusste, dass sie nur im Notfall um diese Uhrzeit anrufen würde.

Rada sprang aus dem Bett, als Martinez in ihr Satellitentelefon rief, dass etwas Schreckliches passiere. Doch dann hielt sie plötzlich inne. Der Mount Logan hatte sich beruhigt. Martinez war sich sicher, dass ihr Zelt von einer Lawine losgerissen worden war. Sie saß ganz still, voller Angst, dass eine plötzliche Bewegung ihr Todesurteil bedeuten könnte.

Camilo Rada lauschte angespannt, während Martinez ihren Mut zusammennahm, um den Schaden zu begutachten. Sie versprach zurückzurufen. Dann legte sie auf und öffnete den Reißverschluss ihres Zeltes.

15 Minuten später rief Martinez wieder an, noch besorgt, aber ruhiger. Sie stand vor dem Zelt. Soweit sie es beurteilen konnte, hatte es sich nicht bewegt. Doch viele schmale Schneebrücken, die die Gletscherspalten des Berges überspannt hatten, waren eingestürzt und durch lockere Schneehaufen ersetzt worden, die über die Spalten geschoben worden waren und nun deren Gefahren verbargen.

Dennoch schien alles ruhig zu sein. Nur der Westwind, der den Berg umtoste, weil ein arktisches Sturmtief über dem Pazifik lag, war zu hören.


NATALIA MARTINEZ KENNT DAS RISIKO: 1987 STARBEN ZWEI ALPINISTEN AM MOUNT LOGAN, ALS SICH EINE SCHNEEWECHTE LÖSTE


„Ich packe zusammen und klettere höher“, sagte sie Rada. „Hier fühle ich mich nicht sicher.“ Sie legte auf und kroch ins Zelt. Im selben Moment erwachte der Berg erneut zum Leben.

MARTINEZ HATTE davon geträumt, den Mount Logan zu besteigen, seit sie dessen enorme Eiswände und aufragenden Flanken das erste Mal vom benachbarten Mount Malaspina aus erblickt hatte. Bis zum 15. August 2015, als Martinez und Rada den Gipfel erreichten, war der Malaspina der höchste unbestiegene benannte Berg in Nordamerika gewesen. Doch selbst er war ein Zwerg im Vergleich zum majestätisch aufragenden Logan. Was Martinez reizte, war auch die Tatsache, dass ihn noch keine Frau, allein oder im Team, bestiegen hatte.

2007 hatte Martinez, die kletterte, seit sie 15 war, bei einem ErsteHilfeKurs in der Wildnis an der argentinischchilenischen Grenze Camilo Rada kennengelernt. Sie verliebten sich ineinander und sicherten sich bald gegenseitig an Bergwänden in den Anden und dem Himalaja.

Als Rada 2011 an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver ein Geophysik-Studium begann, zog das Paar in die Nähe des rund anderthalb Autostunden entfernten Whistler, um die umliegenden Berge zum Üben nutzen zu können.

Vier Jahre später erzählte Martinez ihrem Partner von ihrem Plan, den Mount Logan mit einer Freundin zu erklimmen.

IN DEN FOLGENDEN beiden Jahren machte sich Martinez als Bergführerin und Skilehrerin mit der Geografie und Geschichte des Bergs vertraut. Sie kannte die Risiken: 1987 waren die erfahrenen Alpinisten Catherine Freer und David Cheesmond umgekommen, als eine Wechte abbrach. Jedes Jahr versuchen im Schnitt 25 Bergsteiger, den Gipfel zu besteigen – nicht allen gelingt es. Vier mussten in den letzten fünf Jahren gerettet werden. Die Freundin, mit der Martinez den Aufstieg hatte machen wollen, konnte nicht mitkommen. Also würde sie die 38,6 Kilometer lange Traverse von der Ost- zur Westseite des Logan allein bewältigen.

Beim Ersteigen der 3819 Höhenmeter musste jeder Schritt sorgfältig gewählt werden, um den tückischen, alsKnife’s Edge (Messers Schneide) bekannten Grat zu bewältigen. Von dort würde sie den Gipfel erreichen und dann den langen Abstieg über die Westflanke des Berges beginnen.


NACH DEM ZWEITEN BEBEN UND WEGEN DES STURMS VERSUCHT MARTINEZ, ZU EINER GESCHÜTZTEREN STELLE ZURÜCKZUKEHREN


Um elf Uhr am 20. April 2017 verabschiedete sie sich auf dem Flughafen Vancouver von Rada. Zuerst flog sie nach Whitehorse, von dort ging es per Auto zum Nationalpark und Naturschutzgebiet Kluane. Hier beauftragte sie Tom Bradley, einen Buschpiloten mit einem einmotorigen Propellerflugzeug mit Gleitkufen, sie zum Berg zu fliegen. Am 22. April setzten sie am Gletscher an der östlichen Basis des Logan-Bergmassivs auf.

Der Himmel war wolkenlos, als sie ihre Ski anlegte und sich auf den Weg machte, wobei sie ihre 80 Kilogramm schwere Ausrüstung auf einem Schlitten hinter sich her zog.

Nach zwei Tagen erreichte sie den Fuß der östlichen Bergflanke. Hier schlug sie ein Lager auf, wo sie die Nacht allein mit ihren Gedanken zubrachte. Dieser Aufstieg war ihr wichtiger als irgendjemandem sonst. Ihre Aktion hatte keine große Aufmerksamkeit erregt. Lediglich Rada und ein paar Freunde verfolgten ihren Weg anhand der Koordinaten, die sie per Satellitenverbindung im Internet postete.

Am dritten Tag schnallte sie Steigeisen an ihre Stiefel, holte ihre Seile heraus, legte sich die Schlaufe des Eispickels ums Handgelenk und begann, einen 60 Grad steilen Hang zu erklimmen, der mit verdeckten Gletscherspalten durchzogen war. Am sechsten Abend erreichte sie Knife’s Edge, einen beinahe senkrecht verlaufenden Grat, wo sich Bergsteiger an einer Schneewechte entlangarbeiten müssen, in der Hoffnung, dass die Eiskruste unter ihrem Gewicht nicht wegbricht.

Am achten Abend hatte sie die schwierige Passage überwunden. Sie holte ihre Schaufel heraus, häufelte eine Mauer aus Schnee und Eis an, um das Zelt vor dem Wind zu schützen, und errichtete ihr Lager.

SEINE ENORME MASSE und Größe verdankt der Mount Logan seiner Position unweit der Schnittstelle zweier tektonischer Platten und einer Mikroplatte, einem Fragment der Erdkruste, das vom Pazifikboden abgebrochen ist. Tektonische Verschiebungen ließen den Berg über Jahrmillionen wachsen.

Am 1. Mai um fünf Uhr morgens, als Martinez frühstückte, wurde ein Erdbeben der Stärke 6,2 in der Nähe des Logan verzeichnet. Es war heftig genug, um Lawinen auszulösen und einen Aufstieg unmöglich zu machen.

Kurz nach dem ersten Erdbeben hatte Martinez geglaubt, es sei am sichersten, weiter in Richtung Gipfelplateau zu klettern. Nach dem zweiten Beben und angesichts des arktischen Sturms, der mit 130 km/h vom Pazifik hereinblies, hielt sie es für klüger, zu einer tieferen, geschützteren Stelle der Bergflanke zurückzukehren. In einer dichter werdenden Wolke versuchte sie, ihre Schritte zurückzuverfolgen. Doch inzwischen musste sie gegen Selbstzweifel und Angst ankämpfen, da sie den Weg im Schneegestöber und Nebel nicht wiederfand.

Martinez war rund 300 Meter weit abgestiegen, als sie sich gezwungen sah zu kampieren. Sie schlug das Zelt nahe einer Gletscherspalte auf. Falls ihr Unterschlupf durch den Sturm beschädigt würde, könnte sie sich in den Spalt hinablassen und dort unten eine Wetterbesserung abwarten. Nachdem sie ins Zelt geklettert war, stellte sie ein Alarmsignal ein: Alle zwei Stunden wollte sie in den tosenden Wind hinausgehen und den Schnee vom Zelt räumen, damit es nicht unter der Last zusammenbrach.

„Mein Zelt ist meine Burg“, sagte sie laut und entschlossen, um sich selbst Mut zuzusprechen.

Dank ihrer Sorgfalt schaffte sie es sicher durch die Nacht. Immer wieder hörte sie im Heulen des Sturmes auch ihr Satellitentelefon läuten. Jedes Mal waren Rada oder die Verantwortlichen des Kluane-Parks dran, die auf ein Zeitfenster für eine Rettungsaktion warteten. Ihr Lagerplatz machte eine Evakuierung schwierig. Die einzige Möglichkeit, sie vom Berg zu holen, wäre per Hubschrauber. Doch aufgrund des Wetters war die Navigation in der Luft viel zu gefährlich. So blieb Martinez keine andere Wahl als auszuharren.

Der Sturm blies mit solcher Wucht, dass sich die Zeltstangen bogen und das Zelt zusammenzuklappen drohte. Martinez hob die Hände über den Kopf und stütze die Stangen ab. Wenn ihre Arme erlahmten, drückte sie in veränderter Position mit dem Kopf. Als sie auch das nicht mehr schaffte, stützte sich die Bergsteigerin auf Händen und Knien ab und presste den Rücken gegen die Zeltwand.

Im Lauf der Nacht verließen Martinez allmählich die Kräfte. Sie aß und trank nicht, aus Furcht, das Zelt würde zusammenbrechen, wenn sie es nicht mehr stabilisierte. Dann würde sie ihr Heil doch noch in der nahen Gletscherspalte suchen müssen.

In ihrer gemeinsamen Wohnung in Whistler bereitete sich Camilo Rada derweil auf einen Flug nach Whitehorse vor. Ursprünglich hatte er beabsichtigt, Martinez im KluaneNationalpark zu begrüßen, nachdem sie es geschafft hatte, um ihr zu sagen, wie hoch er ihre Leistung schätzte. Stattdessen beantwortete er Anrufe von lokalen und internationalen Medien, die sich plötzlich für die erste Soloexpedition einer Frau auf den Mount Logan interessierten, weil sich eine Katastrophe anbahnte.


DER PILOT VERSUCHT ZU LANDEN. DOCH ERST BEIM DRITTEN MAL KANN ER MIT DEN SPITZEN DER KUFEN AUFSETZEN


AM NACHMITTAG des 3. Mai ließ der Sturm endlich nach. Nachdem sie 24 Stunden lang ihr Zelt gestützt hatte, konnte sich die völlig erschöpfte Martinez endlich hinlegen. Die Sicht blieb schlecht. Von Rada hatte sie erfahren, dass ein neuer Sturm im Anzug war, und sie fragte sich, wie viel ihr Zelt und sie selbst noch aushalten konnten.

Am selben Nachmittag flog Tom Bradley, der Pilot, der Martinez am Fuß des Berges abgesetzt hatte, wieder zum Logan. An Bord waren zwei Passagiere, die einen Panoramablick auf die Berge haben wollten. Bradley bemerkte als Erster das zwischenzeit liche Abflauen des Sturms und verständigte die Parkranger.

Als Martinez gegen 19 Uhr ihr Satellitentelefon ausschalten wollte, um den Akku zu schonen, erhielt sie eine Textnachricht von Rada, der sie bat, in der Parkzentrale anzurufen. Scott Stewart, Koordinator für Besuchersicherheit und Brandschutz, forderte sie auf, sich innerhalb der nächsten Stunde für die Rettung bereitzuhalten. Stewart hatte Martinez’ Lage im Auge behalten, seit er von dem ersten Erdbeben im fast 300 Kilometer entfernten Whitehorse geweckt worden war. Doch während des Sturms war keine Rettungsmission möglich.

Jetzt saß er mit Ian Pitchforth, einem Piloten aus Whitehorse, und zwei weiteren Parkmitarbeitern im Hubschrauber. Auf dem einstündigen Flug zum Logan wurde der Berg vor ihnen immer größer, bis er schließlich das ganze Cockpitfenster ausfüllte.

Unterdessen packte Martinez ihr Zelt zusammen und versuchte, eine flache Landezone für ihre Retter in den Schnee zu graben. Erstmals seit Tagen erhielt sie einen Eindruck von ihrer Umgebung – die Risse in Eis und Schnee zeugten von den abgegangenen Lawinen rund um ihren Standort.

Dann ertönte das Geräusch von Rotorenblättern, das von den umliegenden Berghängen widerhallte. Im Tiefflug umkreiste der Hubschrauber Martinez, die sich im Schnee zusammengekauert hatte. Zweimal versuchte der Pilot, neben der Bergsteigerin zu landen, doch jedes Mal nahm ihm eine aufgewirbelte Wolke aus Pulverschnee die Sicht. Beim dritten Versuch gelang es ihm, mit den Spitzen der Landekufen aufzusetzen. Stewart stieg aus, um Martinez zu helfen. Innerhalb einer Minute waren ihre Ausrüstung und sie selbst an Bord.

Im Hubschrauber des Rettungsteams, wenige Minuten nach dem Start von der Ostflanke des Mount Logan. Von links: Pilot Ian Pitchforth, Natalia Martinez sowie die Parkangestellten Sarah Chisholm und Scott Stewart


NACH IHRER RETTUNG war Martinez perplex angesichts der großen medialen Aufmerksamkeit in Kanada und Argentinien. Einerseits fühlte sie sich geschmeichelt, andererseits war sie bestürzt, dass sie erst in Lebensgefahr hatte geraten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. „Ohne das Erdbeben hätte es niemanden interessiert, dass ich den Berg besteige“, meint sie. Ihre Entschlossenheit wurde dadurch nur stärker.

Seit den dramatischen Ereignissen haben sie und Rada bereits den Gipfel eines bislang unbestiegenen Berges in Patagonien erklommen. Sie haben ihn „Enroque“ getauft, das spanische Wort für Rochade, ein Schachzug, der zur Absicherung dient und bei dem als Einzigem zwei Spielfiguren gleichzeitig bewegt werden können.

Eines Tages, sagt sie, werde sie den verpassten Aufstieg zu Ende bringen.

Wir sollten uns um unsere Zukunft sorgen, denn wir werden den Rest unseres Lebens dort verbringen.
CHARLES F. KETTERING , US-amerikan. Ingenieur u. Philosoph (1876-1958)


FOTOS: (VORHERIGE DOPPELSEITE) © JOHN ZADA/ALAMY STOCK PHOTO; (MARTINEZ) © MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON NATALIA MARTINEZ (KLEINES BILD)

FOTO: © PARKS CANADA, SCOTT STEWART