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DRAMA: STURZ IN DIE TIEFE


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 25.11.2019

Ein Weltklasse-Snowboarder löst bei der Abfahrt von einem unberührten Gipfel eine Lawine aus und wird von den Schneemassen mitgerissen


Artikelbild für den Artikel "DRAMA: STURZ IN DIE TIEFE" aus der Ausgabe 12/2019 von Reader´s Digest Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 12/2019

ILLUSTRIERT VON CHRISTY LUNDY

BROCK CROUCH STAND AUF EINEM FELSEN, blickte auf den unberührten Schnee vor sich und überlegte, wie er seine Abfahrt gestalten wollte. Es war 14.15 Uhr am 22. April 2018, ein wenig spät in der Saison für Heliskiing auf dem Pemberton Icefield. Das Eisfeld liegt nördlich des kanadischen Wintersport orts Whistler. Hier wurde der Sport erfunden, bei dem man per Hubschrauber zu entlegenen Gipfeln geflogen wird, um dann im Tiefschnee den Berg ...

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... hinabzufahren.

Mit zehn Grad war es recht warm an diesem Apriltag, was die Schneedecke aufweichte. Brock war Darsteller in einem Snowboard-Film, der kurz vor dem Abschluss stand. Nach monatelangen Dreh arbeiten in den Schweizer Alpen wurden nun in der Provinz British Columbia ein paar letzte Szenen mit dem Teenager gefilmt.

Der Surfprofi aus dem US-Bundesstaat Kalifornien gilt als aufstrebendes Talent im „Slopestyle“, einer Wettkampfform des Snowboardens, bei der diverse Hindernisse möglichst kunstvoll zu überspringen sind. Auf einem so abgelegenen Berg wie diesem hatte Brock sein Können aber noch nie zuvor ausprobiert.

Mit jeder Minute wuchs die Wahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs. Brock und die sechs anderen Mitglieder des Filmteams wägten auch dieses Risiko ab, während sie mögliche Hänge durchgingen. Auf der Suche nach einem Drehort für ihren Film war die Crew hierhergekommen, um dem Filmpublikum todesmutige Sprünge bieten zu können.

Brock hatte alle möglichen gewagten Sprünge drauf, aber er musste sich darauf verlassen, dass die ortskundigen Führer ihm sagten, welche Stellen zu gefährlich wären. Wichtigster Mann im Team war Shin Campos, ein 46-jähriger ehemaliger Profi-Snowboarder, der inzwischen als Filmproduzent arbeitete. Seit nahezu drei Jahrzehnten lebte und arbeitete Shin in der Region Whistler.

Kein anderer kannte die Risiken, die in den Bergen lauerten, so gut wie er. Mehr als einmal hatte er Kunden aus dem Schnee gegraben und vor dem sicheren Tod bewahrt. Shin gehörte zu den Guides, die bisher Glück gehabt hatten. Knapp einen Monat zuvor war seine gute Freundin Lisa Korthals, die ebenfalls als Guide arbeitete, durch eine Lawine ums Leben gekommen.

Shin Campos postierte sich normalerweise auf dem Gipfel, denn von dort aus konnte er am besten in sämtliche Richtungen agieren, sollte einer seiner Kunden in Schwierigkeiten geraten. Er achtete darauf, nicht ins Schussfeld der Kamera zu geraten, während Brock und Cam Fitzpatrick den Abhang hinunterfuhren. Dann sah er zu, wie der Helikopter sie wieder nach oben flog.

Cam, ein 25-jähriger Snowboarder aus dem US-Bundesstaat Wyoming, hatte den Winter über in Europa an der Filmproduktion mitgearbeitet. Genau wie Shin kannte er Brock erst seit wenigen Tagen, aber dessen Talent und Auftreten hatten ihn bereits beeindruckt.

Nachdem der Hubschrauber Cam und Brock ein letztes Mal abgesetzt hatte, kamen die beiden jungen Männer zu Shin herüber, um mit ihm über ein breites Stück frischen Pulverschnees zu sprechen, das sie entdeckt hatten, während sie in der Luft waren. Es schien wie gemacht für spektakuläre Aufnahmen.


„VORSICHT!“, RUFT CAM FITZPATRICK. „EINE SCHNEEWECHTE.“ DOCH ES IST ZU SPÄT, DER SCHNEE GIBT BEREITS NACH


Wenn sie 50 Meter über den Gipfel klettern würden, sollten sie eigentlich Zugang bekommen, glaubte Cam. Shin teilte die Einschätzung und erinnerte sie daran, besonders auf Wechten zu achten, überhängende Schneemassen, die von oben trügerisch fest aussahen, tatsächlich aber jederzeit abbrechen konnten.

Er beobachtete Cam und Brock, wie sie zwischen den Felsbrocken auf dem Bergrücken verschwanden. Shin hörte, wie sich die Männer regel mäßig über Funk beim Team meldeten. Cam fuhr voraus und achtete darauf, nicht den Bereich zu verlassen, den sie als sicher eingestuft hatten. Plötzlich merkte er jedoch, dass sie zu weit gefahren waren und dass Brock nun auf einer Wechte stand, die die Nachmittagssonne erwärmt hatte.

Brock Crouch vor dem Unfall


Brock zurückreißen konnte er nicht, denn sein eigenes Gewicht würde die Situation möglicherweise noch verschlimmern. Aber er musste Brock unbedingt warnen.

„Vorsicht!“, rief Cam. „Das ist eine hängende Wechte.“

Doch es war zu spät – der Schnee gab bereits nach. In Sekundenbruchteilen ging die Lawine ab – mit dem lautesten Geräusch, das Cam je gehört hatte. Entsetzt musste er mitansehen, wie Brock verschwand. Einen Moment lang hörte er seinen Kollegen noch schreien, während dieser mit den 140 Quadratmetern Schnee, die vom Bergrücken abgebrochen waren, talwärts schoss. Dann wurde es still.

Wie eine Puppe war Brock über eine Klippe geschleudert worden, dann rollte er 300 Meter hinab. Sein Board hatte sich nicht gelöst. Mit dem Gesicht nach unten lag der Snowboarder da, sein Kopf war zwischen seinen Knien eingeklemmt – normalerweise eine sehr schmerzhafte Position. Aber nachdem seine Wirbelsäule gegen einen Felsen gekracht war, hatte der Teenager überhaupt nichts mehr gespürt.


WIE EINE PUPPE WIRD BROCK CROUCH ÜBER EINE KLIPPE GESCHLEUDERT. DANN ROLLT ER 300 METER HINAB


Die Schneedecke lag kalt und fest über ihm wie Beton. Es war dunkel. Seine Arme konnte Brock zwar spüren, sie aber nicht bewegen. Nur ein halber Meter Schnee lag auf ihm, aber der Snowboarder konnte sich nicht bewegen, um wenigstens seinen Kopf frei zu bekommen. Er konnte noch nicht einmal die Reste der abgebrochenen Zähne ausspucken.

Brock steckte fest, er war schwer verletzt. Sein Rückgrat war gebrochen, ebenso sein Helm – er war mit dem Kopf gegen einen Felsen geschlagen und hatte dabei eine Gehirnerschütterung erlitten. Benommen schloss Brock die Augen. Der Snowboarder hörte nicht, wie seine Freunde ihn verzweifelt über Funk riefen. Er hörte auch nicht, wie die Rotorblätter des Hubschraubers am Himmel über ihm die Luft durchschnitten. Brock war ohnmächtig geworden.

Von seinem Landeplatz auf dem Gipfel konnte der Hubschrauberpilot Josh Poole erkennen, wie eine Schneewolke in der Nähe der Stelle aufstieg, wo er die beiden Snowboarder abgesetzt hatte. Der 40Jährige hatte gerade den Motor abgestellt und sich in die Sonne gesetzt.

Noch bevor Cam „Lawine! Lawine!“ über Funk schrie, sprang Josh zurück ins Cockpit und startete den Motor. Er stieg auf, drückte dann die Nase des Helikopters nach unten und jagte die 1,5 Kilometer zur Schneewolke hinüber, die sich langsam senkte.

Gemeinsam mit Mark Tremblay und John Jackson, zwei Snowboardern, die ebenfalls im Film mitspielten, machte sich Shin Campos umgehend auf den Weg zu Cam, der noch immer an derselben Stelle stand, starr vor Schock. Dann wägten sie die Risiken ab, die mit ihrem eigenen Abstieg einhergehen würden.

Josh flog heran und befürchtete das Schlimmste. Er war wenige Wochen zuvor vor Ort gewesen, als Korthals starb, und hatte über der Unfallstelle gekreist, während Rettungskräfte versuchten, die junge Frau aus der Lawine zu bergen. Die Chancen für Brock standen nicht gut: Lediglich 47 Prozent aller Lawinenopfer überleben – und das auch nur, wenn sie innerhalb der ersten zehn Minuten ausgegraben werden.

Der Pilot konnte den Auslaufbereich der Lawine ausmachen, aber von Brock war weit und breit nichts zu sehen. Über Funk hörte er Shin, der Unterstützung herbeirief. Die Snowboarder wollten den Teenager selbst suchen, befürchteten aber, in weitere Lawinen zu geraten.

Josh hielt Ausschau nach Spuren – einem Handschuh, einer Schneebrille, einem Helm. Bald glaubte er, etwas auszumachen. War das dort nicht die Spitze eines Snowboards? Er prägte sich die Stelle ein und überlegte sich rasch eine Abstiegsroute für die Snowboarder. Per Funk gab Josh die Anweisungen durch, dann flog er auf das Objekt im Schnee zu.

MINDESTENS DREI MINUTEN waren vergangen, seit Brock vor Cams Augen verschwunden war. Gefühlt verstrichen Ewigkeiten, bis die Snowboarder es für sicher genug hielten, sich auf den Weg zu machen. Shin, John und ein dritter Snowboarder eilten zur Auslaufzone, während Cam und Mark weiter oben blieben. Sie hofften, ein Funk signal von Brocks Lawinenverschüttetensuchgerät zu empfangen.

Der Helikopterpilot fand derweil eine Stelle, an der er sicher landen konnte, und setzte auf. Josh stellte den Motor ab, sprang mit einer Schaufel bewaffnet aus dem Cockpit und rannte dorthin, wo der Gegenstand aus dem Schnee ragte. Es war Brocks Board! Über Funk informierte er die anderen und begann zu graben.

Die Rotorblätter des Helis hatten noch nicht aufgehört, sich zu drehen, als Shin und John dazustießen. Die Männer begannen sofort zu graben. Nach ein, zwei Minuten hatten sie Brocks Beine freigelegt, wenig später auch seinen Kopf. Das Gesicht war blau angelaufen, Brock atmete nicht.

John steckte Brock die Hand in den Mund und befreite die Mundhöhle von Schnee und ausgeschlagenen Zähnen. Kopf und Füße des Verunglückten lagen frei, der restliche Körper war noch begraben. Blut floss aus den Ohren, Brock schien tot zu sein.

Shin Campos wollte gerade Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten, als Brock plötzlich die Augen aufschlug und nach Luft japste.
„Er lebt!“, rief Shin.

BROCK HATTE ETWA sieben Minuten unter dem Schnee gelegen. Nun blickte er sich um, begriff aber nicht, was geschehen war. Er begann vor Schmerzen zu stöhnen. Shin fragte Brock, ob er seine Finger und Zehen spüre. Das tue er, erwiderte der Snowboarder, aber er klagte über starke Rückenschmerzen.

Inzwischen waren Cam und Mark eingetroffen, und schon bald hatten die fünf Männer den Verunglückten befreit. Vorsichtig streckten vier der Männer Brocks Körper aus, während Josh zum Hubschrauber rannte, um eine Trage zu holen.

Um 14.40 Uhr, etwa 20 Minuten nach Brocks Sturz, startete der Pilot den Helikopter erneut. Gemeinsam trugen die Männer Brock in die Maschine. Nachdem sie ihn fest gezurrt hatten, hob Josh ab und flog zur rund 20 Kilo meter entfernten Whistler Medical Clinic.

Erst als der Hubschrauber aus dem Sichtfeld verschwunden war, ließen die Zurückgebliebenen ihren Emotionen freien Lauf. John war der Erste, der in Tränen ausbrach, aber nicht der Letzte.

ES DAUERTE FAST eine Woche, bis das ganze Ausmaß von Brocks Verletzungen geklärt war. Neben den ausgeschlagenen Zähnen hatte er sich die Bauchspeicheldrüse gerissen und drei Wirbel angebrochen. Aber er war froh, dass er überlebt hatte. „Ich dachte, ich sei tot“, sagt er.

Trotzdem verging in den Monaten seit dem Unglück kein Tag, an dem er nicht darüber nachdachte, wieder aufs Snowboard zu steigen.

Shin Campos besucht Brock Crouch im Krankenhaus. Mittlerweile kann der junge Mann wieder snowboarden


Im September 2018 fand in Zürich die Premiere vonStay Tuned statt, dem Film, bei dessen Dreharbeiten Brock verunglückt war. Wenige Tage später, inzwischen waren seit dem Unfall fünf Monate vergangen, überbrachten Brocks Ärzte die frohe Botschaft: „Du kannst zurück aufs Board.“

Und tatsächlich ist Brock wieder in den Bergen unterwegs: „Vergangene Saison habe ich mir viel Ruhe gegönnt, aber ich bin auch wieder aufs Brett gestiegen. Ich bin schon ganz heiß darauf, nächstes Jahr nach Whistler zurückzukehren und diesen Berg zu besiegen.“


FOTO:MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON RED BULL

FOTO: MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON BROCK CROUCH/INSTAGRAM