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Drang nach Leben


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 14/2019 vom 30.03.2019

Therapien Ein Depressionskranker berichtet über seine Suizidversuche, seine Erfahrungen in der Psychiatrie und die lange Suche nach einer wirksamen Behandlung.


Vor einiger Zeit meldete sich ein 42-jähriger Mann aus Bayern beim SPIEGEL. Er bot einen Artikel über ein zeithistorisches Thema an. Als die Redaktion ablehnte, antwortete er: »Ich hätte noch eine Bitte an Sie. Gerade schreibe ich an einem Text über meine Depression, die mich über eineinhalb Jahre gefangen hielt.« Er wolle über seine Erfahrungen in der Psychiatrie schreiben, über das Gefühl, als verrückt zu gelten. Und über Suizidversuche und sein »lang anhaltendes Gefühl von Scham, nicht einmal diese zu Ende gebracht zu haben«.

Er brauche noch eine Weile zum Schreiben. Ob es okay sei, einen solchen Text an die Redaktion zu schicken? In den folgenden Wochen und Monaten gab es Telefonate und Treffen. Der Mann zeigte Filmaufnahmen, die er über sein Patientenleben gemacht hatte, Zeichnungen, mit denen er seine Krankheit zu bewältigen versuchte, und schließlich den Text über seine Depressionen. Der ...

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... Autor kommt aus einem kleinen bayerischen Ort. Er wurde 1976 geboren, studierte und arbeitete als Lehrer. Er ist Frührentner, möchte aber gern wieder in den Beruf zurück, sobald er stabil genug ist. Vor mehr als zwei Jahren war er zuletzt in stationärer Behandlung, bis heute nimmt er Anti -depressiva.

Mit seiner Geschichte will er Vorurteile über die Psychiatrie ausräumen und anderen Patienten Mut machen, immer wieder Hilfsangebote und Therapien zu suchen. Und er möchte Verständnis für die Nöte von Depressionskranken wecken. Um sich und seine Familie vor Stigmatisierung zu schützen, möchte der Autor seinen Namen nicht veröf fentlichen.

Der SPIEGEL konnte einen zehn Seiten langen ärztlichen Befund der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München lesen, der die psychiatrische Vorgeschichte des Patienten seit 2005 zusammenfasst und dessen ambulante und stationäre Behandlungen bis Mitte 2016 beschreibt. Die Angaben des Autors decken sich mit den Diagnosen seiner Ärzte. Frank HornigEs ist Samstagabend, der 19. März 2016. Ich weiß, dass ich heute Nacht sterben werde, sterben will. Keine Sekunde habe ich daran gezweifelt. Vielmehr breitet sich immer stärker ein Gefühl der Erlösung aus, diesen schrecklichen Zustand endlich hinter mir lassen zu dürfen.

Seit mehr als drei Monaten bin ich in der Psychiatrie. Aufgrund eines kürzlich festgestellten Aneurysmas habe ich erfahren, dass keine Elektrokrampftherapie durchgeführt werden sollte. Bei einer früheren, fast eineinhalb Jahre andauernden Depressionsepisode führte mich diese Therapie zurück ins Leben. Sie war auch jetzt meine allerletzte Hoffnung.

Ich versuche, Haltung vor den Ärzten zu bewahren. Und ich verschweige, was unumkehrbar vor meinem geistigen Auge auftaucht: Ich habe alles probiert, nun darf ich sterben. Es ist mir bewusst, dass die Suizidgedanken ein zentrales Symptom der Depression sind. Dennoch will ich sterben, denke seit Monaten fast ununterbrochen daran, bin ohne jeden Zweifel.

Der Autor dieses Textes in Berlin: Die Angst, in die Selbstvernichtungsspirale abzurutschen, kehrte zurück


GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

Einige Tage darauf fahre ich zu meinen Eltern. Ich hatte meinen Ärzten erklärt, dass ich mich besser fühlte und übers Wochenende nach Hause wolle.

Gegen 21 Uhr erkläre ich meinen Eltern, dass ich mich schlafen lege. Ein letztes Mal versuche ich, ihnen in die Augen zu sehen, doch ich schaffe es nicht. Ich schäme mich, meinen Eltern dies anzutun. Doch stärker ist das Gefühl, mich nicht länger zumuten zu können. Ich schließe die Zimmertür hinter mir, suche meinen Vorrat an Tabletten zusammen und schlucke sie. Ich verspüre keine Angst.

Die letzten Tage habe ich viel darüber nachgedacht, wie mein Abschiedsbrief aussehen könnte, und alles verworfen. Ich weiß, mir bleibt nur wenig Zeit, bevor ich einschlafe. Schließlich schreibe ich: »An alle, die mich liebten und mochten, ich kann nun nicht mehr.«

Ich würde 39 Jahre alt werden.

Schon als Kind habe ich erfahren, wie brutal und bedrohlich Depressionen sind. Meine Mutter litt an dieser Krankheit.

Mit 17 Jahren bekam ich dann selbst Probleme. Ich sollte einen Text laut vor der Schulklasse vortragen. Plötzlich bemerkte ich, wie mein Herz immer schneller schlug. Es erschien mir, als bekäme ich keine Luft, schließlich versagte meine Stimme.

Von diesem Tag an war alles anders. Angst umhüllte meinen Körper, sobald ich die Schule betrat. Immer häufiger täuschte ich Krankheiten vor, um nicht in den Unterricht zu müssen. Schließlich vertraute ich mich meinem Vater an, der selbst Psycho loge ist. Er vermittelte mich an einen Therapeuten. Nur knapp schaffte ich das Abitur.

Ich zog nach Berlin, studierte und begann eine intensive Verhaltenstherapie. Mehrere Psychotherapien folgten – keiner der Psychologen riet mir, zusätzlich einen Psychiater aufzusuchen. Aber meine Ängste manifestierten sich, irgendwann mochte ich kaum mehr mein Zimmer verlassen. Der Gedanke, so nicht mehr leben zu können, wurde mein ständiger Begleiter. Ich brach das Studium ab. Schließlich suchte ich zum ersten Mal einen Psychiater auf. Er empfahl mir Paroxetin, ein Antidepressivum mit angstlösender Wirkung. Zuerst war ich erschrocken, als er das Wort Antidepressivum aussprach. War es nun so weit, dass ich nicht mehr allein dazu fähig war, mein Leben zu führen?

Mein Zustand veränderte sich schon kurze Zeit später schlagartig. Ich fühlte eine unbändige Lebensfreude, erst jetzt wurde mir bewusst, welche Lebensqualität ich in den vergangenen Jahren eingebüßt hatte. Aus Scham erzählte ich niemandem, dass ich Medikamente einnahm. Als Erster bemerkte mein älterer Bruder die Veränderung. Er hatte sich schon länger große Sorgen um mich gemacht, jetzt wirke ich, sagte er, ausgeglichener und unbeschwert.

Dass freute mich sehr, zeigte es doch, dass das Medikament keinen anderen Menschen aus mir gemacht, sondern mich vielmehr wieder zu mir gebracht hatte. Ich spürte mein altes Selbstvertrauen wieder und meisterte ein Lehramtsstudium und das nachfolgende Referendariat mit Auszeichnung. Auch eine erfüllende Beziehung ging ich ein, und meine Ausbildungsschule gab mir eine Anstellung.

Nach etwa einem Jahr kam in mir der Wunsch auf, ohne Medikamente leben zu wollen. Mein Psychiater hatte keine Einwände, riet aber dazu, die Medikamente langsam und vorsichtig abzusetzen – was ich genau befolgte. Die Tablettenmenge wurde kleiner, mein Zustand blieb stabil. Die Hölle kam so plötzlich, so gnadenlos und total, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können.

Ich wachte mitten in der Nacht auf, zitterte am ganzen Leib. Alles Glück war aus meinem Leben entschwunden. Am selben Morgen telefonierte ich mit meinem Arzt, zusammen entschieden wir, dass ich das Medikament wieder nehmen würde. Wochen verstrichen. Es ging mir immer schlechter. Ich zog mich zurück, beendete meine Beziehung. Was sollte meine Partnerin mit einer lebenden Leiche anfangen? Der ständige Wunsch, mein Leben zu beenden, beherrschte wieder meine Gedanken. Ich hatte Angst, die Küche zu betreten, verstaute die Messer ganz hinten in einem Schrank. Immer öfter bat ich meinen Vater, bei mir zu übernachten. Mein Arzt ver-schrieb mir neben einem starken Beruhigungsmittel Antidepressiva.

Mit jeder neuen Tablette war die Hoffnung verbunden, sie könnte anschlagen. So ging es über Monate, ein neues Antidepressivum wurde angesetzt und, nachdem es nach vier bis sechs Wochen keine Wirkung gezeigt hatte, ausgetauscht. In den Gesprächen mit meinem Arzt kristallisierte sich heraus, dass ein stationärer Aufenthalt notwendig sei.

Manche Bücher und Filme prägen uns ein Leben lang. Im Hinblick auf die Psychiatrie spielt der Film »Einer flog über das Kuckucksnest« eine wichtige Rolle: Ein gesunder Mensch kommt in die Psychiatrie und wird dort festgehalten, mit Medikamenten sediert; seine Persönlichkeit wird schließlich so weit gebrochen oder verändert, bis er wirklich in die »Irrenanstalt« gehört – dieses Angstbild ist weitverbreitet. Als Psychiatrieerfahrener kann man über solche und andere abschreckende Klischees nur den Kopf schütteln. So habe ich die häufig kritisierten Zwangsmaßnahmen nur äußerst selten miterlebt.

In meiner Zeit auf der geschlossenen Station lernte ich einen Mann kennen, der sich das Gesicht mit einer Rasierklinge zerschnitten hatte, weil er in diesem phasenweise ein gefährliches Gegenüber sah. Sein Antlitz war eine einzige Wunde. Als man ihm die Klingen abnahm, malträtierte er sein Gesicht mit heftigen Faustschlägen. Er hatte dabei schon einige Zähne verloren. Beruhigendes Zureden hatte keinerlei Wirkung, ermusste fixiert werden, bis er wieder friedlich wurde. Auch bei Zwangseinweisungen unterschlagen Kritiker häufig, dass in vielen Fällen Familienangehörige oder Freunde aus existenzieller Sorge für den Betroffenen darum bitten. Die allermeisten Patienten begeben sich freiwillig in die Klinik. Es liegt mir jedoch fern, die Psychiatrie zu glorifizieren. Auch hier passierten und passieren Dinge, die nicht passieren dürften. Auch hier gibt es Menschen, die ihre Macht missbrauchen.

Vorurteile führen aber leider dazu, dass Schwerkranke erst sehr spät oder nie psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen und ihrem Leben vorzeitig ein Ende setzen. Auch in mir waren ungeheure Ängste, die mich lange Zeit davon abhielten, mich in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Ganz ohne Pathos muss ich jedoch sagen, dass die Psychiatrie mein Leben gerettet hat. Als ich zum ersten Mal eine Psychiatrie betrat, war das Erste, was mir auffiel, die ungeheure Stille. Natürlich gab es auch Schreie der Angst und Verzweiflung. Aber meistens war es sehr ruhig.

Man trifft auf Menschen, die von schweren Schicksalen gezeichnet sind und unter einer außer Kontrolle geratenen Psyche leiden: einen Anwalt und Familienvater, der in einer schweren manischen Phase seine Ersparnisse, selbst sein Haus verpfändete, im Kasino alles verlor und nun vor dem Nichts stand.

Die tiefe Scham und Verbitterung einer schwer depressiven Mutter, die kaum für sich selbst sorgen konnte und immer wieder darauf angewiesen war, ihr Kind dem Pflegepersonal anzuvertrauen, weil sie keine Kraft mehr hatte.

Eine 18-Jährige, die abgemagert durch die Gänge rannte und sich die Magen -sonde herausriss, die Eltern mussten ihrem Kind beim Verhungern zusehen. Ein Arzt, kaum älter als ich, der selbst in Behandlung war und immer wieder verzweifelt im Gang weinte, weil er sein Zimmer nicht mehr fand.

Unter den Mitpatienten entsteht eine Gemeinschaft, in der man sein Gebrechen nicht mehr verstecken muss. Man redet sehr offen darüber, versucht, einander zu trösten. Jedoch verschweigen viele Patienten, soweit dies möglich ist, Zeiten in einer Psychiatrie verbracht zu haben. Ich lernte einen bekannten Schweizer Politiker kennen, der durchaus in seiner Heimat einen Klinikplatz gefunden hätte. Er war (wohl zu Recht) überzeugt, dass seine politische Karriere bei Bekanntwerden seines Psychiatrieaufenthalts sofort zu Ende wäre.

Meine Tage in der Klinik waren ausgefüllt mit Angeboten und Therapien, besonders die Kunsttherapie half mir, meinen inneren Zustand sichtbar zu machen. Ich hatte das feste Ziel vor Augen, die Psychiatrie bis zum Ende der Sommerferien wieder zu verlassen. Doch mein Zustand verbesserte sich nur sehr schleppend.

Trotzdem verließ ich, gegen den Rat der Ärzte, das Haus und fing mit Schuljahresbeginn wieder an zu arbeiten. Keiner meiner Kollegen sollte von meinem Aufenthalt in der Psychiatrie erfahren, zu groß war die Scham.

Eine schreckliche Zeit begann. Tod -müde fuhr ich zur Arbeit, ich vermied Gespräche und versteckte mich in den Pausenzeiten auf einer Toilette. Das Einzige, was ein wenig Hoffnung aufkeimen ließ, waren Autobiografien von Menschen, die an einer Depression erkrankt waren und wieder zurück ins Leben fanden. Nach einigen Monaten konnte ich einfach nicht mehr – ich ließ mich krankschreiben.

Kein Antidepressivum zeigte nachhaltige Wirkung, auch ein mehrmonatiger Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik besserte meinen Zustand nicht. Ich ließ mich an das Klinikum der Universität München überweisen, um eine Elektrokrampftherapie durchführen zu lassen.

Die Angst vor dieser Therapiemethode verflog bald. Die Behandlungen fanden unter Kurznarkose statt. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, spürte ich keiner lei Schmerz oder Einschränkungen. Die Therapie zeigte Wirkung, es ging mir zusehends besser. Ein Antidepressivum sollte mich vor Rückfällen schützen. Ich verließ die Psychiatrie in der Hoffnung auf ein neues Leben. Die quälenden Suizidgedanken hatten mich verlassen, und ich ging wieder meiner Arbeit als Lehrer nach. Doch blieb die chronische Erschöpfung. Die Angst, wieder in die Selbstvernichtungsspirale abzurutschen, kehrte zurück.

Szenen aus einem Film des Autors über seine Zeit in der Psychiatrie Langsam erwächst neuer Mut in mir

Mein Arzt schlug mir schließlich eine Frühberentung vor, ich solle mir für ein, zwei Jahre eine Auszeit nehmen und wäre finanziell abgesichert. Nach längerer Überlegung willigte ich ein.

Ich zog nach Berlin und begann, die Zeit am Rande des Todes künstlerisch zu ver -arbeiten. Auch lernte ich eine Frau kennen, die mich trotz meiner häufigen Phasen von Antriebslosigkeit liebte. Sie erzählte mir von ihrem Kinderwunsch. Ich wollte immer Vater werden, doch sah ich mich wegen der Erkrankung dazu außerstande. An der Berliner Charité gab es, wie ich erfuhr, eine neue Therapieoption: Ketamin. Das als Partydroge bekannte Medikament zeigte sofortige Wirkung, die Antriebslosigkeit war verschwunden. Leider hielt dieser Zustand nicht lange an, was mich sehr frustrierte. Die Oberärztin schlug mir ein neues Antidepressivum vor. Wieder setzte ich das Paroxetin ab, wieder war die Hoffnung groß, doch schon nach einer Woche kam die Depression in ihrer ganzen Härte zurück.

Kurz vor Weihnachten 2015 fuhr ich zu meinen Eltern. Mir ging es immer schlechter, ich konnte kaum mehr sprechen und entwickelte eine Stereotypie, indem ich mit meinem Oberkörper wippte.

Oft erwachte ich gegen drei oder vier Uhr morgens, und gleich umschlossen mich eine unfassbare Angst und der Wunsch, diesen Zustand sofort zu beenden. Auswüchse selbstverletzenden Verhaltens wurden immer drastischer, mein Psychiater überwies mich schließlich in die Klinik. Ich bekam starke Beruhigungsmittel, die mir meinen kaum aushaltbaren Zustand etwas erträglicher machten. Als einzigen Ausweg sah ich eine erneute Elektrokrampfbehandlung. Bis ich erfuhr, dass diese Therapie wegen meines nun fest -gestellten Aneurysmas nicht mehr durchgeführt werden sollte.

Den Tag nach dem Suizidversuch habe ich nur eingeschränkt in Erinnerung. Mein Vater erzählte mir, dass er lange versucht habe, mich zu wecken. Doch fiel ich durch die Nachwirkungen der Tabletten immer wieder in Ohnmacht. Schließlich brachte er mich zurück in die Psychiatrie, ich wurde auf die geschlossene Abteilung verlegt. Man hatte mir Gürtel, Schal, Föhn, Rasierzeug abgenommen. Das Einzige, was ich fand, war eine dünne Plastiktüte – sofort schloss ich mich auf der Toilette ein und stülpte die Tüte über meinen Kopf. Ich hoffte, bald ohnmächtig zu werden, doch als die Luft ausging, zerriss die Tüte. Wie von Sinnen rannte ich zu meiner Ärztin und bat sie, mich in ein künstliches Koma zu versetzen. Es folgte ein langes Gespräch.

Die Ärztin bot mir an, die therapeutischen Sitzungen zu intensivieren. Bei außer Kontrolle geratenen Suizidgedanken sollte ich mich umgehend melden. Ich versprach es unter der Bedingung, Informationen zur Sterbehilfe einzuholen. Die Ärztin willigte schließlich ein. Es mag absurd erscheinen, aber der Gedanke, sterben zu dürfen, ist in diesem schrecklichen Zustand häufig das einzige Ventil, um nicht völlig durchzu -drehen. Eines Morgens hat uns das Stations -team zusammengerufen. Man berichtete uns, dass ein Mitpatient gestern von einem Ausgang nicht zurückgekommen sei. Er habe sich bei der nächsten U-Bahn-Station vor einen Zug geworfen. Wir hatten am Abend zuvor einige Zigaretten zusammen geraucht. Ich habe nichts bemerkt.

In mein Tagebuch schrieb ich damals: »Ich wollte bald den Versuch unternehmen, die Klinik zu verlassen, doch jetzt steht wieder alles infrage. Noch immer gibt es Momente, in denen ich den Suizidgedanken vollkommen ausgeliefert bin und den Schutzraum der Klinik benötige.« Es dauerte, bis sich mein Zustand besserte.

Ich konnte wieder besser sprechen, auch die Stereotypien gingen langsam zurück. Gegenüber meiner Psychiaterin sprach ich eine baldige Entlassung an. Sie hatte erst große Vorbehalte, bestärkte mich aber schließlich, den Schritt zu gehen. Ich unternahm eine Reise entlang der spanischen und portugiesischen Küste. Ihre Schönheit konnte ich nur streckenweise genießen, doch ein Anfang war gemacht. Die Suizidgedanken waren nicht verschwunden, aber seltener und weniger zwingend.

Das Wort »Seelenkrebs« scheint mir angemessen, die Ernsthaftigkeit einer schweren Depression zu umschreiben. So wie sich beim Krebs veränderte körpereigene Zellen überschießend teilen und zu einem Tumor anwachsen, produziert das eigene Gehirn einen Zustand der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit und demontiert den sonst so starken Überlebenswillen.

Fast täglich überkommt mich die Angst, der Seelenkrebs könnte wieder wachsen und wuchern. Ich weiß, ich werde mein Leben lang medikamentöse Unterstützung benötigen und mit starken Einschränkungen umgehen müssen.

Dennoch will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass durch neuere Forschung eine Therapie entwickelt wird, die mich weiter gesunden lässt. Meine Antriebslosigkeit ist noch immer stark ausgeprägt. Es gibt Tage, die ich nur liegend bewältigen kann. Noch immer fühle ich mich unfähig, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ein großer Wunsch von mir wäre es, bei der Suizidprävention an Schulen mitzuwirken.

Suizid ist weltweit unter jungen Menschen die zweithäufigste Todesursache – eine leider noch immer viel zu selten thematisierte Tragödie.

Langsam erwächst, wenn auch zaghaft und mit Rückschlägen verbunden, neuer Mut in mir. Wenn ich morgens erwache und den Drang nach Leben spüre, ist dies für mich immer noch wie ein Wunder.

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