Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Drei Tage in Aschaffenburg


Logo von Weltkunst
Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 203/2022 vom 30.08.2022
Artikelbild für den Artikel "Drei Tage in Aschaffenburg" aus der Ausgabe 203/2022 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 203/2022

Schloss Johannisburg ist ein Höhepunkt der deutschen Renaissance, hier der Hof mit dem alten Bergfried

1. Tag

Die Architektur der deutschen Renaissance hat es nicht leicht. Irgendwie denkt man immer an die Tektonik und Klarheit der italienischen Bauten, wenn sich hierzulande die südlichen Elemente wie Säulen, Pilaster oder Ädikulä additiv mit Zierrat der Spätgotik mischen. Aber der Vergleich mit Florenz und Rom ist unfair, man muss im Norden eben umdenken – und das Aschaffenburger Schloss besuchen. Die Stadt ist selbst bei Kunstkennern unterschätzt. Dabei hat sie sich viel von ihrer Geschichte als kurmainzisches Nebenzentrum und »bayerisches Nizza« König Ludwigs I. bewahrt. Und es sind kapitale Kunstschätze von Lucas Cranach bis Christian Schad zu bewundern.

Schloss Johannisburg, die ehemalige Residenz der Mainzer Erzbischöfe, thront majestätisch über dem Main und bildet mit der Altstadt eine malerische Kulisse. Die Präsenz der Mainzer Kirche begann im 10. Jahrhundert, bis zur Säkularisation 1803 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Weltkunst. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 203/2022 von UNSER TITELBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER TITELBILD
Titelbild der Ausgabe 203/2022 von Liebe Leserinnen, liebe Leser. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Liebe Leserinnen, liebe Leser
Titelbild der Ausgabe 203/2022 von Mikrokosmos. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mikrokosmos
Titelbild der Ausgabe 203/2022 von WAS BEWEGT DIE KUNST ?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WAS BEWEGT DIE KUNST ?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Für den Kunstherbst wärmstens empfohlen
Vorheriger Artikel
Für den Kunstherbst wärmstens empfohlen
SAMMLER SEMINAR
Nächster Artikel
SAMMLER SEMINAR
Mehr Lesetipps

... war Aschaffenburg ein wichtiger Vorposten des Kurstaats. Ab 1604 ließ Erzbischof Johann Schweikart den Vierflügelbau mit seinen Ecktürmen errichten. Vom Altbau blieb nur der Bergfried, ansonsten verwirklichte der Architekt Georg Ridinger systematisch gegliederte Fassaden mit vielen Details der italienischen Renaissance und des Manierismus. Der rote Mainsandstein verstärkt die grandiose Wirkung.

Die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg waren verheerend, der Wiederaufbau dauerte bis in die Siebziger. Leider sind die rekonstruierten Paraderäume des 18. Jahrhunderts derzeit wegen Umbau geschlossen, ebenso die Filialgalerie der Münchner Pinakothek, deren exzellente Cranach- und Barocksammlung ab Frühjahr in neuer Hängung zu sehen sein wird. Umso ausführlicher beschäftigen wir uns mit den über 50 Korkmodellen von römischen Antiken, die der Hofkonditor Carl Joseph May und sein Sohn seit 1792 in faszinierender Akribie herstellten. Im Schlossmuseum erfährt man viel über die Hofkunst der Erzbischöfe bis hin zur Moderne in Aschaffenburg. Ein Höhepunkt ist die Schlosskirche, wo uns der Hochaltar mit Hans Junckers Figuren und Reliefs aus Alabaster in Bann schlägt. Die Szenen aus dem Leben Christi sind so dramatisch und ausdrucksstark in Bewegung gesetzt, als hätte Juncker bei Michelangelo oder Giambologna persönlich studiert. Es ist das Bedeutendste, was die deutsche Bildhauerkunst kurz nach 1600 an der Schwelle zum Barock zu bieten hat.

Nach diesen Höhenflügen geht es durch den Schlossgarten zum Pompejanum. Ludwig I. frönte auch in Aschaffenburg seiner Antikensehnsucht und ließ ab 1840 das »Haus des Castor und Pollux« in Pompeji samt Ausmalung rekonstruieren. Poppig bunt, fast postmodern wirkt die Anlage heute. Zugleich ist alles museal so aufbereitet, dass wir bestens instruiert durch diesen steinernen Traum vom alten Rom wandeln.

Passend zu dieser königlichbayerischen Italianità steuern wir jetzt in der Altstadt die Bar del Corso an und stärken uns mit einem späten Lunch für ein ganz anderes Kapitel von Aschaffenburgs Kunstgeschichte: Wer wusste, dass Ernst Ludwig Kirchner hier 1880 geboren wurde? Als er vier Jahre alt war, zog seine Familie weg, aber noch als 39-Jähriger zeichnete er aus der Erinnerung das bis heute erhaltene Haus gegenüber dem Bahnhof. Seit 2014 betreibt ein engagierter Bürgerverein am originalen Ort das Kirchner-Haus mit einer Dokumentation zum Leben und Wirken des Expressionisten und vor allem einer mittlerweile stolzen Reihe von kleinen, aber sehr feinen Ausstellungen. Zuletzt war der Fokus auf Kirchners frühe Zeit als Architekturstudent gerichtet, im Herbst wird der Malerfreund Erich Heckel beleuchtet.

Für den Rest des Nachmittags schlendern wir durch die Altstadt, die trotz der Kriegszerstörung wieder ein geschlossenes Ensemble bildet. Abends kehren wir im urigen Wirtshaus Zum Fegerer ein, wo wir bei fränkischer und anderer deutscher Küche die Eindrücke des Tages Revue passieren lassen.

2. Tag

Am Vormittag widmen wir uns der Stiftskirche St. Peter und Alexander, auch sie war jahrhundertelang eine Machtbasis der Mainzer Erzbischöfe. Die Baugeschichte der Kirche und der angrenzenden Stiftsbauten ist verworren. Ins Auge stechen zuerst der spätgotische Turm und die große Barocktreppe, in dem Stilgewirr hat sich aber vor allem eine romanische Basilika des 12. und 13. Jahrhunderts erhalten. Spannend sind die Kapitelle von 1220/40; es lohnt sich, diese Steinmetzkunst genauer zu betrachten. Auch für die Kunstwerke in der Kirche sollte man sich Zeit nehmen. Das beginnt mit dem Holzkruzifix aus der Zeit um 980, eine der ältesten Großplastiken in Deutschland. In den Jahrhunderten von der Spätgotik bis zum Barock entstanden zahlreiche Grabmäler oder Gedenkreliefs für Stiftsherren und Erzbischöfe. Ein Höhepunkt ist die Gedenkstätte für Albrecht von Brandenburg. Der Erzbischof war kunstsinnig und Auftraggeber Dürers, Cranachs und Grünewalds. Aber seine Verschwendungssucht und der exzessive Ablasshandel animierten Luther zu seinen 95 Thesen, der Rest ist Geschichte. Der Kardinal wurde 1545 im Mainzer Dom bestattet, nach Aschaffenburg kam das unvollendete Prunkgrabmal der Nürnberger Bronzegießer Peter und Hans Vischer – Reliefplatten, Skulpturen, besonders spektakulär der eherne Baldachin in antikischen Formen.

Und dann ist da der Künstler, mit dem sich die Stadt gerne schmückt: Mathis Gothart-Nithart, genannt Grünewald. Seine Herkunft liegt immer noch im Dunklen, und die These, dass er aus der Nähe von Aschaffenburg stammte, ließ sich nie zweifelsfrei erhärten. Fest steht aber, dass er um 1510 die Bauaufsicht am Schloss führte und später eine ganze Reihe von Altarbildern für die Stiftskirche schuf. Vor Ort ist nur noch die ergreifende Beweinung Christi erhalten. Für eine Seitenkapelle malte Grünewald um 1514/16 die in ihrer Expressivität und den grellen Farben fast schon verstörende »Stuppacher Madonna«, die so heißt, weil sie auf ungeklärtem Weg nach Stuppach bei Bad Mergentheim kam und dort zu Weltruhm gelangte. In Aschaffenburg blieb der originale Rahmen, in dem seit den 1940er-Jahren eine Kopie von Christian Schad hängt.

Im Stiftsmuseum nebenan lässt sich die Geschichte von Stadt und Kirche vertiefen. Da sind die Goldschmiedewerke des Stiftsschatzes zu sehen und ein Altarbild von 1240/50. Im Jahr 1986 taucht es bei Renovierungsarbeiten unter den Bodenplanken des Museums auf. Eine echte Sensation, denn aus dieser Zeit sind nur ganz wenige Tafelbilder erhalten. Die andere große Attraktion ist der ebenso sinnlich wie farbenfroh gemalte Magdalenenaltar von Lucas Cranach dem Älteren. Die Tafeln waren lange auf die Stiftskirche und die Münchner Pinakothek aufgeteilt, seit einigen Jahren sind sie im Stiftsmuseum wiedervereint.

Jetzt brauchen wir eine Pause. Die exquisit und überbordend bestückte Fromagerie Geiß in der Sandgasse bietet hierzu ein paar Tische und leckere Snacks. Danach fahren wir ein paar Kilometer in den Vorort Johannesberg und besuchen die Galerie Metzger. Es ist eine der wenigen deutschen Anlaufstellen für Studiokeramik. Angelika Metzger vertritt die große Beate Kuhn, aber auch den Nachlass des völlig zu Unrecht noch verkannten Klaus Lehmann, der mehr Bildhauer als Keramiker war. Wir bleiben lange, denn die Galeristin hat viel zu ihren Künstlerinnen und Künstlern zu erzählen, und im Lager befinden sich so viele gute Stücke, dass für jeden Keramikfreund etwas dabei ist.

Zurück in der Stadt, lassen wir den Nachmittag bei einem Spaziergang durch den Landschaftsgarten Schöntal gleich neben der Altstadt ausklingen. Zu Abend essen wir im Weinhaus Kitz, wo wir uns an der modernen Küche und fränkischem Müller-Thurgau erfreuen. Danach spazieren wir noch eine Weile am Mainufer entlang, hier frönen die Aschaffenburger in der warmen Jahreszeit noch lange am Abend der Geselligkeit und genießen die romantische Kulisse.

3. Tag

Nach langer Planungs- und Bauphase eröffnete Anfang Juni im ehemaligen Jesuitenkolleg das Christian Schad Museum. Auf einen Schlag hat sich die Stadt damit auf die Landkarte der Moderne katapultiert. Schad kam 1942 wegen eines privaten Porträtauftrags nach Aschaffenburg, wo der Oberbürgermeister auf den Maler der Neuen Sachlichkeit aufmerksam wurde und bei ihm die Kopie der »Stuppacher Madonna« in Auftrag gab. So blieb Schad und lebte bis zu seinem Tod 1982 in Aschaffenburg. Das Museum schöpft aus dem mehr als 3200 Werke umfassenden Nachlass, den die Künstlerwitwe 2000 der Stadt übereignete. Schads Leben und Schaffen lässt sich in allen Phasen und Facetten abschreiten. Dabei verlässt sich die Präsentation nicht allein auf die Macht der Originalwerke, sondern integriert sehr gelungen Dokumente, Fotos und multimediale Elemente. Heikle Aspekte werden nicht ausgespart, etwa sein egozentrischer Charakter, die Neigung zum Okkultismus, vor allem aber seine erfolgreichen Bemühungen, sich im Kulturbetrieb der NS-Zeit zu etablieren. Mit wachsender Faszination begreift man Schads Bedeutung und ebenso seine Schwächen.

Zum Museumskomplex gehört die Kunsthalle Jesuitenkirche. In dem profanierten Sakralbau von 1619–21 bietet derzeit der erotisch aufgeladene Realismus des Leipzigers Erich Kissing ein Seherlebnis abseits des Mainstreams. Danach erforschen wir noch ein bisschen die Altstadt und lassen uns im Café Fräulein Liese nieder.

Den Nachmittag beginnen wir mit einer Führung durch das Gentil Haus. Es ist eine Aschaffenburger Kuriosität. Der Pumpenfabrikant Anton Gentil erbaute das Haus 1922 in einem damals schon retrospektiven Arts-and-Crafts-Stil und stattete es von oben bis unten mit einer wilden Mischung aus Kunstwerken aus: gotische Skulpturen, Gemälde, Steinzeugkrüge, Fayencen, Ostasiatika und vor allem Sezessionskunst der Jahrhundertwende. Mit der Avantgarde hatte es Gentil nicht. Es gibt nicht allzu viele herausragende Werke, aber das Ensemble ist einzigartig.

Als Kontrapunkt fahren wir jetzt vor die Stadt nach Schönbusch, wo der vorletzte Erzbischof ab 1775 einen der frühesten großen Landschaftsgärten Deutschlands anlegen ließ. Wir sparen uns das klassizistische Schloss und wandern auch nicht alle der pittoresken Staffage-Bauten ab. Die letzte Station unserer Reise ist der Biergarten vor historischen Pavillons am Rand des Parks. Zufrieden und bereichert runden wir das Bild von einer zuvor gründlich unterschätzten Kunststadt ab.