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Drei Tage in Darmstadt


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 190/2021 vom 28.09.2021

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 190/2021

Linke Seite: Zauberhafter Jugendstil ? Blick aufs UNESCO-Welterbe Mathildenhöhe

1. TAG

Das Jugendstil-Ensemble Mathildenhöhe liegt im Osten der Stadt, und wer den auf jeder Postkarte abgebildeten Hochzeitsturm besucht und mit dem Fahrstuhl ganz nach oben fährt, genießt gleich ungestört den schönsten Ausblick auf Darmstadt – sofern nicht gerade geheiratet wird. In dem eigenwilligen Backsteingebäude, das mit seinen fünf abschließenden Dachbögen wie eine ausgestreckte Hand oder ein Armreliquiar aussieht, ist eine Außenstelle des Standesamts untergebracht. Bereits in der Eingangshalle dominieren unter einem romantischen Sternenhimmel zwei vielsagende Mosaiken: »Der Kuss« und »Die Treue« von Friedrich Wilhelm Kleukens. Der fast 50 Meter hohe Turm sollte an die Hochzeit von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und Prinzessin Eleonore im Jahr 1905 erinnern. Und damit sind wir schon beim Initiator der Künstlerkolonie, die jüngst als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet wurde.

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... Hessenland blühe und in ihm die Kunst« lautete der Wahlspruch dieses letzten Monarchen, der von 1899 an namhafte Künstler in die konservative Residenzstadt lud. In einem Landschaftspark außerhalb der damaligen Stadtmauern konnten bekannte und künftige Größen wie Peter Behrens, Hans Christiansen, Albin Müller oder Joseph Maria Olbrich, der Chefplaner der Mathildenhöhe und Architekt des Hochzeitsturms, ihren Ideen für zukunftweisende Bauund Wohnformen freien Lauf lassen. Von originellen Fassaden bis zu Schminkkommoden, Textilien oder Kaffeetassen. So ist bis 1914, in nur 15 Jahren, ein Gesamtkunstwerk aus markanten, sehr individuellen Gebäuden, Gärten und Skulpturen entstanden, das durch das Zusammenspiel von Kunst und Handwerk zudem die Wirtschaft beträchtlich ankurbelte.

Einen umfassenden Eindruck vom sehr geschmackvoll gestalteten Alltag gewinnt man im Ernst Ludwig-Haus mit seinen mächtigen Portalskulpturen. Das ehemalige Ateliergebäude und heutige Museum Künstlerkolonie ist die aktuelle Anlaufstelle, zumindest bis im Herbst nach zehnjähriger Sanierung das große Ausstellungsgebäude neben dem Hochzeitsturm wieder eröffnet wird.

Unterhalb des Platanenhains und des Lilienbeckens, eines veritablen Jugendstil-Schwimmbads, reihen sich entlang des Alexandrawegs die berühmten Künstlerhäuser: etwa das Haus Olbrich mit seinem blauweißen Kachelfries, das Haus Deiters, das an eine Ritterburg denken lässt, das schwungvolle Große Haus Glückert, in dem der gleichnamige Hofmöbelfabrikant seine modernen Interieurs präsentiert hat, oder das streng gegliederte und doch sakral verspielte Haus von Peter Behrens.

Ein Solitär neben dem Lilienbecken ist die russische Kapelle, die ganz unabhängig vom Reformprojekt Mathildenhöhe gebaut wurde. Alix, eine Schwester von Großherzog Ernst-Ludwig war mit dem letzten Zaren Nikolaus II. verheiratet, und das Paar wollte bei Besuchen »adäquat» beten. Längst ist das überreich verzierte Gotteshaus zu einem Wahrzeichen der protestantisch geprägten Stadt geworden.

Die Skulpturen in den Parkanlagen stammen von Bernhard Hoetger, im Platanenhain ein Zyklus der Licht-und Schattenseiten des menschlichen Daseins, farbige Reliefs oder das Löwentor aus sechs Backsteinpfeilern mit je einer expressiven Raubkatze. Das mächtige Tor bildet den Auftakt zur nahen Rosenhöhe, einem weitläufigen Park mit fein abgezirkelten Beeten und Wiesen, alten Mammutbäumen und einem duftenden Rosarium.

Ganz in der Nähe fanden Mitglieder des Hauses Hessen die letzte Ruhestätte. Auch Ernst Ludwig wollte in seinem Garten liegen, sodass »die Sterne blicken auf mein Grab«.

In dieser Idylle kann man den Tag ausklingen lassen. Wem nach einer Stärkung ist, der findet im Hofgut Oberfeld hinter der Rosenhöhe ein Café mit Hofladen. Besonders vielfältig ist das Käseangebot, vieles stammt aus der eigenen Käserei. Für eine etwas ausgedehntere Pause bietet sich wenige Schritte hinter dem Museum Künstlerkolonie an der Dieburger Straße eines der besten Restaurants der Stadt an: Im Shiraz wird Persisch-Orientalisches fantasievoll serviert.

2. TAG

Die Pläne waren kühn: Nach dem großen Brand von 1715 beauftragte Landgraf Ernst Ludwig den Architekten Louis Remy de la Fosse mit einer vierflügeligen Schlossanlage. Auf noch nicht einmal halber Strecke ging allerdings das Geld aus, deshalb ist die gerade frisch renovierte Hessen-Residenz ein Sammelsurium verschiedener Baustile. Hinter der barocken Fassade finden sich immer noch Gebäude aus der Renaissance.

Das meiste ist rekonstruiert, nach der Darmstädter Brandnacht im Jahr 1944 lag auch das Schloss in Schutt und Asche. 1965 konnte das seit den 1920er-Jahren öffentlich zugängliche Museum in den Räumen des Glocken- und Kirchenbaus wieder eröffnen, und beim Gang durch die mit viel Fingerspitzengefühl eingerichteten Zimmerfolgen taucht man tief ein in die Geschichte der Landgrafen von Hessen-Darmstadt und – nach der napoleonischen Konsolidierung – der Großherzöge von Hessen und bei Rhein.

Durch eine geschickte Heiratspolitik waren die Hessen mit dem englischen Königshaus, den Preußen, den bayerischen Wittelsbachern und den russischen Zaren verbandelt. Entsprechend gibt die ständige Ausstellung einen Einblick in die Gepflogenheiten europäischer Dynastien: von den Hochzeitsstrümpfen der sozial engagierten Alice, einer Tochter Queen Victorias, bis zur privaten Jugendstilsammlung Großherzog Ernst Ludwigs. Um die kleinen Prinzessinnen und Prinzen geht es in der neuen Sonderschau »Es war einmal … Kindheit bei Hofe« (22. Oktober 2021 bis 13. Februar 2022).

Ein schöner Spaziergang führt durch den nahen Herrengarten zur Großherzoglich-Hessischen Porzellansammlung im 1710 errichteten Prinz-Georg-Palais. Fast noch aufregender als die angenehm familiär geprägte Kollektion mit Objekten aus ganz Europa und der quasi hauseigenen Kelsterbacher Manufaktur ist der historische Garten vor dem Sommersitz. Neben einem Teehäuschen und einem kleinen Heckentheater sind hier Zierund Nutzpflanzen im barocken Stil kombiniert. Das heißt, eine raffiniert geordnete Mischung, in der Kohlköpfe, Lavendel, Möhren oder Margeriten aufeinandertreffen – und geerntet auch käuflich zu erwerben sind. Wer in dieser Umgebung Lust auf Lektüre verspürt, kann sich im Prettlackschen Gartenhaus sogar ein Buch leihen.

Man mag sich kaum lösen von diesem stillen Rokokospektakel, doch auch im Hessischen Landesmuseum blühen derzeit die Blumen: In der neuen Ausstellung »Ich. Max Liebermann – Ein europäischer Künstler« folgt man ab 7. Oktober dem Berliner Impressionisten durch ein Malerleben, das von intensiven Auseinandersetzungen mit dem Schaffen der Kollegen in Frankreich, Skandinavien oder den Niederlanden geprägt wurde. Und weil Liebermann mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht mehr reisen konnte, ist sein spätes Werk von den Eindrücken im eigenen Garten am Wannsee bestimmt.

Wer das ganze Museum besichtigen möchte, braucht mindestens einen Tag. Denn hier lockt längst nicht nur die Kunst quer durch die letzten Jahrhunderte, sondern auch eine naturkundliche Sammlung, die so attraktiv präsentiert und inszeniert ist, dass man zwischen Hain-Bänderschnecken und Asiatischen Marienkäfern, zwischen einem Japanischen Riesensalamander oder dem »letzten Wolf in Hessen« allzu leicht abhandenkommt. Im Obergeschoss wartet mit dem Block Beuys der weltweit größte authentische Werkkomplex des Künstlers.

Für eine Pause bietet sich das Museumscafé Herzblut und Zinke an. In der zweiten Wochenhälfte öffnet zudem die gut bestückte Weinbar. Zum Riesling oder Grauburgunder aus dem Rheingau genießt man am besten hessische Tapas wie den umwerfenden Odenwälder Kochkäs’ auf Bauernbrot, Sülzsalat oder luftgetrocknete »Ahle Worscht«. Danach ist wohl genug Energie zurückgekehrt, um zwischen der Kunsthalle oder dem vom Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei fabelhaft sanierten Staatstheater noch ein wenig durch die Stadt zu flanieren. Im studentischen Martinsviertel mit seiner bunten Kneipenszene trifft man auf Jugendstilbauten und nebenan im Bürgerparkviertel auf die – mehr oder weniger passende – »Waldspirale«, ein Wohn ensemble von Friedensreich Hundertwasser.

3. TAG

Nur 30 Kilometer von Darmstadt entfernt wartet im Süden gleich das nächste UNESCO-Weltkulturerbe: Die um das Jahr 900 errichtete Torhalle des Klosters Lorsch ist ein architektonischer Höhepunkt der späten Karolingerzeit. Erstaunlich gut erhalten, prägt sie sich durch ihre aufwendig ornamentierte Sandsteinfassade sofort ins Gedächtnis. In der Ära Karls des Großen besann man sich mit Vorliebe auf die Antike. Spolien, also Versatzstücke etwa aus römischen Bauten, sind keine Seltenheit, besonders wenn es darum ging, territoriale Ansprüche und Macht zu demonstrieren. Über die Funktion dieses von römischen Triumphbögen inspirierten Gebäudes mit seinen drei Durchgängen wird bis heute spekuliert. Sicher ist nur, dass es eine herausragende Stellung gehabt haben muss – als Gerichtsstätte, als Aufenthaltsort für den Kaiser und vielleicht sogar als überdimensionaler Schrein, etwa für die Präsentation der im damaligen Kloster aufbewahrten Reliquien des römischen Märtyrers Nazarius.

Die im Jahr 764 gegründete Benediktinerabtei gehörte – mit wechselnden Orden – bis ins hohe Mittelalter zu den bedeutenden Zentren abendländischer Klosterkultur. Neben der reich bestückten Bibliothek wird in etlichen Quellen das Skriptorium gerühmt. Im 8. Jahrhundert ist hier das Lorscher Arzneibuch entstanden und damit die älteste erhaltene medizinisch-pharmazeutische Handschrift seit der Spätantike. Dass das Kloster heute an der Nibelungenstraße 32 liegt, kommt nicht von ungefähr: In der Nibelungenhandschrift C ist die Abtei als Grablege Siegfrieds erwähnt, und in dieser Hinsicht muss sie freilich mit einigen anderen Orten konkurrieren. Die Touristiker haben bereits im 19. Jahrhundert jeden sich bietenden Hinweis auf das Heldenepos genutzt, um Besucher an die sowieso schon attraktive Bergstraße zu locken – mittlerweile unter der Wortmarke »NibelungenLand«.

Vom Kloster Lorsch sind neben dem Tor leider nur noch Überreste zu besichtigen. Doch die Qualität der karolingischen Kapitelle, die romanischen Zackenbögen und Bruchstücke der gotischen Maßwerkfenster erzählen von einer prachtvollen wie mächtigen Anlage. Ausgestellt sind die Fragmente im Schaudepot der einstigen Zehntscheune, die im 16. Jahrhundert aus Steinen der abgerissenen oder zerstörten Klostergebäude errichtet wurde.

Vor dem Hintergrund der von Beginn an großen Bedeutung Lorschs, dürfte die Torhalle mit einiger Wahrscheinlichkeit für den Empfang des jeweiligen Herrschers gebaut worden sein. Die ursprüngliche Bemalung des Innenraums mit Säulenreihen und farbigen Quadern deuten auf einen profanen Raum, die im 11. oder 12. Jahrhundert an der Ostwand geschaffene Altarnische und figürliche Malereien legen eine sakrale Nutzung nahe. Das Rätsel um die auch im Wortsinn sagenhafte Torhalle dürfte also noch lange nicht gelöst sein.

Keine zehn Kilometer entfernt und eng mit der Geschichte Lorschs verbunden liegt Heppenheim. Nahe der Grenze zu Baden-Württemberg und unterhalb der Starkenburg trifft man hier auf eine in weiten Teilen erhaltene Altstadt, deren Marktplatz von zwei-und dreigeschossigen Fachwerkhäusern umgeben ist. Das Gros der Gebäude entstand nach dem großen Stadtbrand von 1693, die Sockelzonen gehen vereinzelt bis ins 16. Jahrhundert zurück. Das um 1550 erbaute Rathaus erhielt zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein barockes Fachwerk in auffallendem Rot.

Gleich vis-à-vis, in der einstigen Apotheke Pirsch hat Justus von Liebig, der Erfinder des Fleischextrakts, des Backpulvers und der künstlichen Düngung, ein paar Monate seiner Lehrzeit verbracht. Sehenswert ist außerdem der Gasthof Goldener Engel, ehemals Zunftherberge der Schneider, mit einem prächtigen Portal aus dem Jahr 1782. Kein Jahrhundert später war die Heppenheimer Tagung der Auftakt der Deutschen Revolution von 1848/1849.

Der vor ein paar Jahren behutsam renovierte Engel wird mittlerweile in der siebten Generation als Hotel-Restaurant geführt. Wer ein paar Schritte weitergeht, findet vor der alten Stadtmauer die Fachwerkstube. Im Café-Restaurant kann man ausgiebig frühstücken, die Kuchen und Torten sind auch nicht zu verachten. Einmal in Heppenheim, sollte man auch dem kleinen Kunstverein einen Besuch abstatten, bis 17. Oktober ist hier der Wiener Maler Josef Zekoff zu sehen.

Eine Ausflugsalternative – vor allem mit Kindern – bietet sich nordöstlich von Darmstadt mit der zehn Kilometer entfernten Grube Messel. Nach einem langen Kampf um die Schätze weit unter der Erdoberfläche wurde das 50 Hektar große Terrain 1995 zum Weltkulturerbe ernannt. Beim Abbau von Ölschiefer entdeckte man im späten 19. Jahrhundert Fossilien; der erste Fund war 1876 das Skelett eines Alligators. Unter den mehr als 1000 verschiedenen Tier-und Pflanzenarten, die im Lauf der Zeit ausgegraben wurden, zählen die Überreste prähistorischer Pferde wie etwa ein Eurohippus, ein Kranichvogel oder ein früher Primat zu den bekanntesten Stücken.

Die Ausgrabungen geben Aufschluss über die Evolution der Säugetiere und deren Vielfalt. Denn als die Saurier ausgestorben waren, haben sich Fauna und Flora stark verändert. Das ist im heutigen Besucherzentrum gut aufbereitet. Auf Grubentouren geht es außerdem zu einem versteinerten See, der die 48 Millionen Jahre alte »eozäne« Welt und die Veränderungen einer vulkanisch entstandenen Landschaft vor Augen führt. Mit diesen hochästhetischen Strukturen schließt sich ein Kreis: Das Kunstvolle ist in der Region Darmstadt schon lange ein Thema.