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Drei Tage in Hannover


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 188/2021 vom 27.07.2021

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 188/2021

1. TAG

Für Hannover braucht man Zeit und gute Schuhe. Das fängt gleich in den Herrenhäuser Gärten an, die zu den schönsten Parkanlagen Europas zählen: Gartenkunst auf 135 Hektar.Allein für den Berggarten bräuchte man einen Tag. Viel größer noch ist der Große Garten, den man durch das moderne transparente Glasfoyer des dänischen Architekten Arne Jacobsen betritt.

Schon sind wir von der strengen Geometrie der Buchsbaumhecken, Rabatten, Kanäle und Sichtachsen umgeben, ein perfekter Barockgarten. Sein Mittelpunkt ist das 2013 wieder-errichtete Sommerschloss des Hofbaumeisters Georg Ludwig Friedrich Laves, der das Königreich Hannover mit seinen Bauten klassizistisch prägte. Zur Wahl stehen höfische Verlustierungen wie Schwanenteiche, Irrgarten, Orangerie mit Goldtor und Wasserspiele mit tanzenden Fontänen.

In der historischen Grotte verzaubert die Wunderwelt der Niki de Saint Phalle. Die ...

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... Pop-Art-Künstlerin kleidete sie komplett mit funkelnden Glas- und Spiegelmosaiken und Fantasiefiguren aus. Es ist das letzte große Werk, das die Ehrenbürgerin Hannovers abschloss.

Im Georgenpalais widmet das Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst die obere Etage ganz dem humoristischen Dichter, Urvater des modernen Comics und Schöpfer der bösen Buben Max und Moritz. Im Herbst wurde die Sammlung um das wohl berühmteste Selbstporträt von 1894 erweitert.

Eine vierreihige Lindenallee verbindet die Sommerresidenz mit dem Welfenschloss, das als dynastischer Hauptsitz geplant war. Bezogen wurde es nie.Stattdessen zog 1879 die Technische Hochschule, die heutige Gottfried Wilhelm Leibniz Universität, ins prunkvolle Gemäuer. Imposant bäumt sich davor das landeseigene Wappentier auf: das Sachsenross in Bronze.

Mit der Kestner Gesellschaft kommt man in der Gegenwart an, Hannovers Aushängeschild für Zeitgenössisches. Der Kunstverein holt seit mehr als 100 Jahren international renommierte Künstlerinnen und Künstler in die Stadt.

Ursprünglich ein Damenhallenbad, wurden 1997 beim Umbau die beiden Jugendstilfassaden durch einen wassergrünen Glasriegel verbunden. In fünf Hallen auf zwei Ebenen rückt ab 12. September die surreale Malerei des Schweizers Nicolas Party in den Fokus. Zeitgleich sind Filme der amerikanischen Videopionierin Ericka Beckman zu sehen.

Linke Seite: das Neue Rathaus am Maschteich, errichtet 1901 bis 1913

Wand an Wand erhebt sich daneben das Anzeiger-Hochhaus im schönsten Backsteinexpressionismus. Umgesetzt 1927/28 von Fritz Höger, setzte er dem zehnstöckigen Skelettbau eine patinagrüne Kuppel aufs Dach. Der nächste architektonische Leuchtturm folgt in Sichtweite: der Gehry-Tower.Der amerikanische Stararchitekt verdrehte das neunstöckige Bürohaus um die lotrechte Mittelachse, sodass sich die Außenfläche aus Edelstahl aufregend dreidimensional wölbt.

Die letzte Kunststation für heute ist die Galerie Robert Drees am Weidendamm. Hell ist die Etage im ehemaligen Fabrikgebäude, auf der bis 5. September Dorothee Liebschers und Johannes Kerstings Experimente mit Raum und Landschaft zu sehen sind.

Zum Abschluss des Tages lassen wir uns im Gartenrestaurant Loretta’s in der Culemannstraße in entspannter Atmosphäre frisch zubereitete, leichte Sommerküche schmecken.

2. TAG

Kunst im öffentlichen Raum ist eine unverkennbare hannoverische Leidenschaft. Mit einem städtischen Straßenkunstprogramm holte sich die Landeshauptstadt seit den 1960er-Jahren gezielt hochrangige zeitgenössische Kunst ins Stadtbild. Namhafte Designer gestalteten Bushaltestellen. Seither wurden mehr als 200 Skulpturen, Plastiken oder Installationen unter freiem Himmel aufgestellt – unaufdringliche, surreale oder auch schrille wie die drei Nanas von Niki de Saint Phalle. Seit 1974 verbreiten die drallen, großbusigen Frauenkörper in Knallbunt am Hohen Ufer Lebensfreude. Anfangs löste die gewollt indiskrete, übermächtige Weiblichkeit heftige Proteste aus. Inzwischen sind die Nanas zu Maskottchen der Leinestadt geworden. Auf der Skulpturenmeile entlang dem Leineufer und den sechsspurigen Straßen Brühlstraße und Leibnizufer verteilen sich außerdem meist konstruktivistische Arbeiten, etwa »Symphony in Red« von John Henry, ein großformatiges Stahlobjekt, oder Erich Hausers »Stahlengel« aus dem Jahr 1987.

Im Hintergrund von Niki de Saint Phalles bunten Polyesterdamen sieht man schon den Beginenturm von 1357, das Tor ins Mittelalter, wo das Gassengeflecht, die Fachwerk-und Giebelhäuser und die gotische Marktkirche von Hannovers historischem Kern erzählen.

Wie die meisten Gebäude ist auch das üppig im Renaissancestil geschmückte Leibnizhaus rekonstruiert, in dem der berühmte Philosoph lange lebte. Das Alte Rathaus glänzt mit dem prächtigen Schaugiebel und der neogotischen Fassade, ein Meisterwerk der Hannoverschen Architekturschule.

Längst lechzt man nach einer Pause, für die sich im Neuen Rathaus das Bistro Der Gartensaal anbietet. Es serviert kulinarische Kleinigkeiten, auf der Terrasse mit Blick auf den Maschpark, in dem wir anschließend noch die Skulptur Glenkiln Cross von Henry Moore besuchen.

Die Vorderseite offenbart, was das Neue Rathaus vom Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich ist: ein Prachtbau wie ein Barockschloss – Neorenaissance auf 6026 Pfählen und sumpfigem Gelände. Mit dem Bogenaufzug, einer technischen Rarität, gelangt man zur Kuppel und zur knapp 100 Meter hohen Aussichtsplattform, von der man bis zum Maschsee und weit in die Ferne blickt.

Neben dem Monumentalbau der Bürger geht das Museum August Kestner fast unter. Die Außenfassade aus wabenartigen Fenstermodulen und integrierter Lichtinstallation umhüllt wie ein Mantel die Fassade von 1888, die im Museum das gewaltigste Ausstellungsstück darstellt. Drinnen kann der Besucher in einer Stunde durch 6000 Jahre europäische Kultur spazieren und Münzen, Mumien und Möbel sehen, die der Sammler Kestner zusammengetragen hat.

3. TAG

Von Anfang an großzügig als Haus für die Kunst geplant, zeigt der Kunstverein von 1832 in lichten Sälen aktuelle Entwicklungen junger Schaffender. Die Blickrichtung ist international, mit der »89. Herbstausstellung« vom 4. September bis 31.Oktober, wird der Fokus jedoch auf die lokale und regionale Kunstszene gelegt.

Auf dem Weg liegt die Städtische Galerie Kubus, die sich als experimentelle Plattform profiliert hat. Ein Schwergewicht ist das Sprengel Museum. Das Sammlerehepaar Margrit und Bernhard Sprengel kaufte in den 1950er-Jahren Werke der Moderne, etwa von Emil Nolde, Max Beckmann, Kenneth Armitage oder Lynn Chadwick. 1969 schenkte es sie der Stadt Hannover, die einen Neubau dafür errichtete. Mittlerweile ist die quaderförmige Architektur aus grauem Sichtbeton, im Volksmund »Maschsee-Brikett«, auf 7000 Quadratmeter Ausstel-lungsfläche angewachsen. Zum Fundus gehören das Schwitters- Archiv mit dem weltweit größten Bestand des Dadaisten und gebürtigen Hannoveraners sowie 457 Arbeiten von Niki de Saint Phalle. Bis 10. Oktober gibt es hier eine große Überblicksschau der Fotografien von Zanele Muholi aus Südafrika.

Im Museumsrestaurant bell’ Arte stärken wir uns mit italienisch angehauchten Gerichten, bevor wir die Stadt gut 45 Autominuten in Richtung Süden verlassen. Schloss Derneburg war bis 2006 der Lebensmittelpunkt des Malers Georg Baselitz. Seit dem Verkauf an den amerikanischen Sammler Andrew Hall wachsen das Schloss im Tudorstil und die einstige Klosteranlage zu einem musealen Gesamtwerk heran.

Hier gibt es genügend Platz und Atmosphäre, um die rund 5000 herausragenden Werke einiger Hundert Gegenwartskünstler wie Joseph Beuys, Anselm Kiefer, A. R. Penck, Andy Warhol und natürlich Georg Baselitz in Szene zu setzen. Das gelingt im Kreuzgang besonders gut oder auch im Schafstall bei »Flower Paintings« von Jorge Galindo in Zusammenarbeit mit Pedro Almodóvar.

Vor der Haustür lockt der Laves-Kulturpfad, ein einstündiger Rundgang und eine Referenz an Hannovers Oberbaudirektor, der im 19. Jahrhundert nicht nur das Kloster zum Schloss machte, sondern auch den englischen Landschaftsgarten anlegte. Zwischen Wald und Fischteichen führt der Weg zu Laves’ klassizistischen Stationen: zum dorischen Tempel, zum Pyramidenmausoleum und zur zierlichen Fußgängerbrücke.

Der Spaziergang endet am Glashaus, das heute als Kulturzentrum dient. Im Mittelteil kann man ab September wieder Kaffee und Kuchen oder vegetarische Kost wie Suppen, Gemüsequiche oder Flammkuchen genießen.