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Drei Tage in Wien


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 162/2019 vom 26.09.2019

Ringstraße, Hofburg, Prater, alles schön und gut. Auch Wiens Galerien sind mit Recht berühmt. Doch der Reiz liegt im Verborgenen. Hinter den Mauern hochherrschaftlicher Palais, in Gewerkschaftshäusern, Hotelbars und Bankgebäuden führt die Kunst hier ein fröhliches Schattendasein. Wir nehmen Sie mit auf eine Tour voller Überraschungen


Artikelbild für den Artikel "Drei Tage in Wien" aus der Ausgabe 162/2019 von Weltkunst. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 162/2019

1. TAG

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1 Maruša Sagadin schuf die begehbare Baseballkappen- Installation im 10. Bezirk
2 Gianni Colombos »Spazio elastico« (1967/68) im Mumok
3 Die Galerie nächst St. Stephan zeigt im Rahmen von Curated By das Video »_o_o__o (red and green)« von Katinka Bock

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... Blick auf Schönbrunn, die einstige Sommerresidenz von Maria Theresia

Das neudeutsche Jugendwort »chillax« – eine Fusion auschill undrelax – hätte in Wien erfunden werden können. Trotz Globalisierung ist die Stadt noch immer einen Tick langsamer als andere Metropolen. Der deutsche Gast kann also getrost einen Gang zurückschalten. Wo gelingt das am besten? Genau: im Kaffeehaus. Den ersten Tag starten wir aber bitte auf keinen Fall im Café Central, da steht man Schlange für Kaffee zu unverschämten Preisen! Sondern selbstverständlich im Café Prückel. Das Café, in dem garantiert immer irgendwelche Künstler sitzen, liegt gleich gegenüber vom Museum für angewandte Kunst (MAK). Dort können wir ab 26. Oktober japanische Farbholzschnitte in einer groß angelegten Schau besichtigen. Wenn wir schon einmal da sind, müssen wir natürlich auch die permanente Sammlung besuchen, etwa die 2013 neu aufgestellte Kollektion Wien 1900: Kunstgewerbe und Design von Josef Hoffmann, Adolf Loos und vielen anderen. Wer will, kann mit einer Virtual- Reality-Brille in Gustav Klimts florale Welten eintauchen.

Wenn wir den Vormittag dort verbummelt, auf den Sofas von Franz West in die Luft geschaut und vielleicht einen Gimmick im MAK Design Shop gekauft haben, bleibt noch ein wenig Zeit für einen kleinen Galerienrundgang. In unmittelbarer Nähe warten Zeller van Almsick, Croy Nielsen, Sophie Tappeiner und Emanuel Layr mit junger Kunst auf, bieten Krinzinger, nächst St. Stephan, Mauroner sowie Elisabeth & Klaus Thoman Etabliertes; Straihammer und Seidenschwann, Artmark und Hummel haben eher Österreichisches im Angebot. Die meisten dieser Galerien nehmen an dem in Wien erfundenen Festival Curated By teil, das noch bis 12. Oktober läuft: Internationale Kuratoren und Kuratorinnen werden dabei eingeladen, in den Galerielokalen Ausstellungen zu gestalten, nach einem vorgegebenen Thema. Diesmal lautet das Motto »Circulation«.

Da dieser Teil der Innenstadt vom gefürchteten Overtourism bisher verschont blieb, finden sich hier Gastwirtschaften, die nicht vorwiegend von asiatischen Reisegruppen auf der Suche nach dem besten Schnitzel frequentiert werden. Zum Beispiel das Gasthaus zu den 3 Hacken, wo wir ein spätes Mittagessen einnehmen. Derart gestärkt, bewegen wir uns – entweder zu Fuß oder mit der U3 (Station: Stubentor) – nun in Richtung Museumsquartier. Dort angekommen, steuern wir das Mumok an: Die Ausstellung »Vertigo« bietet bis 26. Oktober illusionistische Kunst von den Anamorphosen des Barock bis zu großräumigen Op-Art-Installationen wie jener von Marina Apollonio – eine Schau, die auf einer sinnlichen Ebene anspricht und auch Kindern Spaß macht. Wer nach diesem Tag noch immer nicht genug hat, kann die Wiener Moderne im Leopold Museum besichtigen oder die Kunsthalle Wien – oder einfach in der Buchhandlung Walther König beim Haupteingang des Museumsquartiers stöbern.

Den Abend beenden wir stilgerecht in der Bar Das Loft des SO/ Vienna beim Schwedenplatz: Unter der Decke von Pipilotti Rist und bei einem großartigen Wien-Blick lässt es sich gut in die Nacht trinken. Man sollte aber reservieren, und Achtung: Es gibt einen Dresscode.

2. TAG

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1 Tomás Saracenos »Aerocene« ist bis Ende November in der Karlskirche zu sehen
2 »An Mendelssohn Bartholdy, dem Menschen und dem Künst- ler« (1985) von Günter Brus bei Wienerroither & Kohlbacher
3 Moderne Möbelklassiker sind im MAK Design Lab zu bewundern

Da unser Schwerpunkt am Vortag eher auf der zeitgenössischen Kunst lag, wollen wir heute etwas ganz anderes machen. Wir nehmen uns eine Tour durch Wiener Palais vor, die großteils im Barock und in der Gründerzeit entstanden. Die Innenstadt ist regelrecht vollgestopft damit! Viele der einstigen aristokratischen Domizile sind öffentlich zugänglich. Das erste, das wir besuchen, wurde allerdings tatsächlich nie als Wohnhaus genutzt. Im Palais Dorotheum, 1901 von Kaiser Franz Joseph eröffnet und nach Plänen des bekannten Wiener Ringstraßenarchitekten Emil von Förster errichtet, ist nämlich seit je das gleichnamige Auktionshaus untergebracht. Schmuck, Briefmarken, feinste Kunst: All das steht hier auch außerhalb von Versteigerungen zum Verkauf. Aber auch ganz ohne Kaufab- sicht macht es einfach Spaß, durch die Räumlichkeiten zu flanieren; und das Café ist ein angenehmer, meist nicht allzu überrannter Ort.

Für das nächste Palais braucht man nicht weit zu spazieren. Wenige Meter weiter ließ sich einst die Familie Eskeles ein Haus erbauen, in dem heute das Jüdische Museum untergebracht ist. Die sehenswerte permanente Ausstellung bietet einen Blick in die Wiener Vergangenheit, der die hier so allgegenwärtige Habsburger-Euphorie entschieden kontrastiert. Eine temporäre Schau zeigt, wie der spätere »Nazijäger« Simon Wiesenthal im KZ ein Café entwarf: ein »Zeugnis des Überlebens im mörderischen System des Nationalsozialismus«, wie es Kuratorin Michaela Vocelka ausdrückt.

Nun geht es weiter in die Palais des Barock. Zwei Architekten waren damals in Österreich stilprägend: Johann Lucas von Hildebrandt und Johann Bernhard Fischer von Erlach. An der Freyung treffen wir ein Bauwerk des Ersteren an: das Palais Daun-Kinsky, in dem ebenfalls ein Auktionshaus seine Dienste offeriert. Seit Neuestem betreibt das Im Kinsky im Haus auch einen Ausstellungsraum, in dem Gegenwartskunst mit Werken aus früheren Jahrhunderten zusammengebracht wird: Ab 17. September werden etwa neun Künstlerinnen aus Österreich, darunter Maria Hahnenkamp und Suse Krawagna, präsentiert. Wenn wir schon in der Gegend sind, können wir übrigens auch gleich das Palais Ferstel besuchen, eher eine Einkaufspassage (für Menschen, die schon alles haben). Ein kleines französisches Lokal, das Beaulieu, bietet sich hier für ein – wenn auch ziemlich unwienerisches –déjeuner an (… wer unbedingt ein Wiener Schnitzel möchte, ist im Stadtcafe daneben besser aufgehoben).

Danach spazieren wir an einen weiteren besonderen Ort: das Palais Schönborn-Batthyány in der Renngasse, geplant von Fischer von Erlach. In den überaus prunkvollen Sälen zeigt die Galerie Wienerroither & Kohlbacher zeitgenössische Kunst, was zumeist spannungsreiche Kontraste ergibt: Derzeit stellt man Arbeiten des Wiener Aktionisten Günter Brus aus.

Wenn wir dessen Werke, die ziemlich an die Nieren gehen können, verdaut haben, flanieren wir in Richtung Schottenring. Dort, an der Ecke zur Schottengasse, liegt übrigens das Palais Ephrussi, das Edmund de Waal in seinem Roman »Der Hase mit den Bernsteinaugen« beschrieb. Erbaut hat es der Ringstraßen- Architekt Theophil von Hansen, der bekannt für das Wiener Parlament ist.

Doch eigentlich sind wir hier nur auf der Durchreise ins Gartenpalais Schönborn im 8. Bezirk, wieder ein Hildebrandt- Bau. Das Volkskundemuseum, das hier beheimatet ist, hat nichts mehr zu tun mit den verstaubten Institutionen dieser Disziplin, wie man sie von früher kennt. Hier wird nicht die Heimat verklärt, sondern mit innovativen Ansätzen ein kritischer Blick auf die Gegenwart geworfen: So gestalteten Asylwerberinnen und -bewerber die Dauerpräsentation, man lädt Menschen muslimischen Glaubens zu Gesprächen und zeigt Ausstellungen zu aktuellen Themen wie etwa Müllvermeidung. Einmal pro Monat bietet das Haus beim »Dinner im Palais« ein Abendessen hinter den Kulissen.

Sollte uns nach so viel historischer Architektur wieder der Sinn nach etwas Modernerem stehen, sind wir abends im nahe gelegenen Birdyard gut aufgehoben: In der Bar mit der exotischen Vogeltapete und einer kleinen, aber feinen Speisekarte lässt sich der Tag angenehm abschließen.

3. TAG

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1 Im Schaudepot des Jüdischen Museums Wien wird zerstörte und lebendige Geschichte sichtbar
2 Wien-Panorama mit Volksgarten, Parlament, Ringstraße und Museen

Man kann in Wien Tage damit verbringen, Kunst an Orten zu besichtigen, die gar nicht dafür gedacht sind. Wie in vielen Metropolen stolpert man hier nämlich ständig über Kunst im öffentlichen Raum. Früher dominierten das Geschehen die gefürchteten »Muhr-Brunnen«, skulpturale Gestaltungen, die der Volksmund nach ihrem Schöpfer, einem Freund des einstigen Bürgermeisters Helmut Zilk, benannte. Doch längst hat sich das Bewusstsein gewandelt. Das beweist unter anderem die Gestaltung des neuen Sonnwendviertels im 10. Bezirk hinter dem Hauptbahnhof. Dort hat die Bildhauerin Maruša Sagadin eine riesige Baseballkappe installiert: ein Raum, der für Skaterinnen oder überhaupt für weiblichen urbanen Aktivismus konzipiert ist.

Doch allein deswegen sind wir heute nicht in diese Gegend gefahren: Wir besichtigen auch den Erste Campus, ein riesiges Gebäude, durch das man flanieren und nebenbei Kunst von Roman Ondák, Lois Weinberger und Ashley Hans Scheirl besichtigen kann. An dieser Stelle entwickelt sich gerade ein heimlicher Hotspot – gleich gegenüber punktet auch das Belvedere 21 mit Gegenwartskunst. Tipp: Aktuell zeigt das Haus Josef Bauer, einen international wenig bekannten Bildhauer, der in den 1970er-Jahren nicht nur frühe Konzeptkunst schuf, sondern auch Werke bekannterer Österreicher wie Franz West und Erwin Wurm vorwegnahm.

Monica Bonvicini hat für das Belvedere 21 eine raumgreifende, ortsspezifische Installation geschaffen, die noch bis zum 27. Oktober zu sehen ist


Natürlich können wir nach dieser möglicherweise neuen Entdeckung auch Altbekannte besuchen: Gustav Klimt und Egon Schiele in der Dauerausstellung des Oberen Belvedere (übrigens, um an den Vortag anzuschließen, der Architekt des Schlosses heißt Johann Lucas von Hildebrandt). Wegen des großen Andrangs muss man hier mit Wartezeiten rechnen, ein neues Online-Reservierungssystem schafft jedoch Abhilfe. Wer keine Lust hat, sich mit Tausenden anderen um ein Selfie vor Klimts »Kuss« zu balgen, kann an einen eher leeren Ort gehen: nämlich zur Arbeiterkammer gleich gegenüber. Dort bietet man bei freiem Eintritt wechselnde (kleine) Personalen, aktuell eine des österreichischen Künstlers Clemens Fürtler.

Nun können wir einen kurzen Stopp einlegen, in fußläufiger Nähe am Ring, und zwar im Café Schwarzenberg, auf Apfelstrudel oder Gulasch, je nach Gusto. Der Nachmittag ist dem Karlsplatz gewidmet: Dort flanieren wir, vom Ring kommend, durch die Passage, gestaltet von Ernst Caramelle, biegen bei der Filiale des berühmtesten Schnellrestaurants der Welt rechts ab, wo Ken Lums LED-Installation anzeigt, wie viele Verliebte es in Wien angeblich gibt und weitere Statistiken mehr. Wir schlendern zurück in Richtung Resselpark: In der Karlskirche (der Architekt ist diesmal Fischer von Erlach) installierte Tomás Saraceno eine unfassbar riesige, glänzende Kugel, in der sich die ganze barocke Pracht verzerrt.

Von hier aus ist es, zum Ende dieses intensiven Trips, nicht weit zu einer gastronomischen Institution der Wiener Kunstszene: dem Café Anzengruber, wo sich Kunstschaffende, Schriftsteller und Modedesignerinnen gern hitzige Debatten liefern. Die Sperrstunde wird dort übrigens bisweilen recht großzügig ausgelegt.

Wien auf einen Blick

Vom Grandhotel mit Pomp und Schmäh bis zum Traveller-Treff mit Bienenstock und Veggie-Burger: unsere Hoteltipps für Wien

1 Hotel Daniel Ein hippes, urbanes Haus in unmittelbarer Nähe des Belvedere. Auf dem Dach prangt ein Boot von Erwin Wurm, Bienen für den hauseigenen Honig leisten ihm Gesellschaft.
DZ ab 82 Euro

2 Hotel Altstadt Vienna Ein elegant-gediegenes Boutiquehotel im 7. Bezirk in der Nähe des Museumsquartiers. Die Zimmer und Suiten sind mit Kunst und Design namhafter Wiener Kreativer wie Josef Hoffmann, Markus Prachensky oder Iris Kohlweiss bestückt.
DZ ab 189 Euro

3 Hotel Bristol Schon Gustav Mahler und Herbert von Karajan stiegen in diesem Juwel des Fin de Siècle direkt neben der Wiener Oper ab. Das Grandhotel bietet alle Annehmlichkeiten eines Fünf-Sterne- Hauses, Stararchitekt Pierre-Yves Rochon hat neben den Zimmern und Suiten auch die legendäre Bar erneuert.
DZ ab 260 Euro

4 Hotel Kaiserhof Dieses Haus wurde errichtet, als das heutige Wien mit der Ringstraße sein prachtvolles Gesicht erhielt. Seit 1896 verwöhnt man hier stilvoll die Gäste, dank der zentralen Lage des Vier-Sterne- Hotels sind viele Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichbar.
DZ ab 116 Euro


Bild links: Paul Bauer/Wien Tourismus; Bilder rechts: Ulrich Dertschei/KÖR GmbH, 2018; Markus Wörgötter/Archivio Gianni Colombo, Milano/mumok; Galerie Jocelyn Wolff

Bilder: Leonhard Hilzensauer; W&K – Wienerroither & Kohlbacher, Wien; Stefan Lux/MAK

Bild: Jens Ziehe, © Monica Bonvicini/VG Bild-Kunst, Bonn 2019