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Drei Tage in Zürich ZÜRICH


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 193/2021 vom 23.11.2021

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 193/2021

die zentrale Halle des Kunsthaus-Anbaus

1. Tag

Wie sehr Zürich eine Stadt der Kunst ist, springt dem Besucher schon bei der Ankunft im Hauptbahnhof ins Auge. Als quietschbunte Begrüßung schwebt dort in der Halle eine Nana-Figur von Niki de Saint Phalle über den Reisenden, ihre goldenen Flügel weisen sie als Schutzengel aus. Sie ist eines der vielen Kunstwerke im öffentlichen Raum, auf die man hier auf Schritt und Tritt stößt.

Vom Bahnhof geht es direkt in die Bahnhofstraße, Europas teuerste Einkaufsmeile. Jedes Jahr ist sie zur Adventszeit stimmungsvoll illuminiert, »Lucy« (nach dem Beatles-Song »Lucy in the Sky with Diamonds«) heißt die Weihnachtsbeleuchtung, die Shopping-Touristen aus aller Welt verzaubert. Nahe dem Paradeplatz, dem alten Zentrum der Schweizer Bankenwelt, treffen wir auf eine Pavillonskulptur von Max Bill.

Mit ihrer offenen Struktur sind die vertikal und horizontal gestapelten Granatquader, auf die man sich ...

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... setzen kann, ein Ruhepol inmitten des urbanen Trubels. Der Volksmund nennt sie spöttisch »Villa Durchzug«.

Wir biegen in den Rennweg ein, wo sich das Widder Hotel befindet, in dem wir Quartier beziehen. Das Boutiquehotel inmitten der Altstadt ist ein Highlight des behutsamen architektonischen Stadtumbaus.

Es verbindet neun mittelalterliche Stadthäuser, die früher von Adligen, Zunftmeistern oder Kaufleuten bewohnt wurden.

Chrom, Stahl und Glas ergänzen im Innern die alten Mauern und Holzbalken und schaffen so das Wunder eines historischen Hauses auf der Höhe der Zeit. Bekannt ist das Widder für sein exzellentes Restaurant.

Nach dem Einchecken bummeln wir weiter durch die pittoreske Altstadt, erfreuen uns an den alten Laternen, Erkern und Ladenschildern in der Augustinergasse und werfen einen Blick in die Blüemlihalle. So nennen die Zürcher die Eingangshalle ihrer Polizeiwache am Bahnhofquai, die 1925 von Augusto Giacometti, dem Onkel des weltberühmten Bildhauers, mit Decken-und Gewölbemalereien versehen wurde. In warmen Rot-und Ockertönen zeigt dieses Raumkunstwerk nicht nur Blumenornamente und geometrische Muster, sondern auch Darstellungen von Steinhauern, Zimmerleuten und Astronomen.

Am Ende unseres Spaziergangs gönnen wir uns etwas Kontemplation in der Kirche St. Peter, deren 1706 eingeweihten barocken Emporensaal Stuckaturen von Salomon Bürkli und Franz Schmuzer zieren. Schon von Weitem am riesigen Ziffernblatt ihrer Turmuhr zu erkennen, ist sie das älteste Gotteshaus Zürichs: Der Vorgängerbau stammt aus dem 8. Jahrhundert.

2. Tag

Nach dem Frühstück im Widder, wo die Porridges und Eierspeisen kleine Kunstwerke auf dem Teller sind, machen wir uns auf den Weg auf die andere Limmatseite. Unser Ziel ist das Kunsthaus Zürich, genauer: sein neuer, im Oktober eingeweihter Erweiterungsbau von David Chipperfield. Es ist das dritte Gebäude am Heimplatz für die Sammlung des Kunsthauses und zeugt von deren stetigem Wachstum. Das erste Kunsthaus von Karl Moser wurde 1910 eröffnet und 1958 durch einen markanten Ausstellungsflügel von den Gebrüdern Pfister ergänzt. Durch den Chipperfield-Bau kommen nun noch mal 13 000 Quadratmeter Fläche hinzu. Der Neubau ist ein Museum der Superlative geworden: technologisch, was Nachhaltigkeit und Klimaschutz betrifft. Ästhetisch mit seiner großzügigen Ausstrahlung und puristischen Perfektion. Und natürlich inhaltlich mit der Kunst von van Gogh, Cézanne, Monet, Gauguin, Picasso, Hodler, Twombly und weiteren Giganten der Kunstgeschichte. Wir beginnen unseren Rundgang im zweiten Stock, wo die Sammlung Bührle ihren großen Auftritt hat. Sie vereint Meisterwerke des Impressionismus, der klassischen Moderne in Paris, Landschaftsbilder von Hodler und Segantini sowie auch ausgewählte Positionen alter Kunst. Es fällt schwer, sich auf einzelne Höhepunkte festzulegen, aber ein solcher ist ganz sicher der Ecksaal mit Monets drei großen Nymphéas. Die späten Seerosenbilder entstanden in der Zeit des Ersten Weltkriegs und sind so etwas wie Monets Epilog auf die Moderne. Er versenkt sich in ihnen nur noch in die Fläche des Wassers, die Malerei geht vollkommen auf in dessen Bewegungen und Spiegelungen. Emil Georg Bührle (1890–1956), der diese Schätze erwarb, hatte ursprünglich Kunstgeschichte studiert, bevor er zum größten Waffenfabrikanten der Schweiz wurde. Hauptabnehmer seiner Geschütze war im Zweiten Weltkrieg Deutschland. Ein eigener Saal arbeitet die Hintergründe der Sammlung akribisch auf, die heute deutlich kritischer gesehen wird als zu Lebzeiten Bührles. Für den Chipperfield-Bau, in dem auch die Sammlung Merzbacher ihr Domizil gefunden hat, sollte man ruhig einen ganzen Tag einplanen. Zwischendurch nehmen wir unseren Lunch in der traditionellen Kronenhalle, wo das Zürcher Geschnetztelte mit Rösti sogar noch mal extra am Tisch aufgewärmt wird.

3. Tag

Neben der Kunst spielen in der Stadt auch Architektur und Design eine große Rolle. Schon der kleine faltbare Stadtplan von Zürich Tourismus ist ein Layout- und Typo-Wunder. Mit seiner Hilfe spazieren wir von der Altstadt runter zum See, wo wir uns den Pavillon Le Corbusier anschauen wollen. Der farbenfrohe Bau in unmittelbarer Ufernähe sticht unter den gediegenen Villen wie ein exotischer Vogel hervor. Das letzte Werk des Erfinders der »Wohnmaschine« (und sein einziges aus Stahl und Glas) wurde von der jungen Galeristin Heidi Weber initiiert und 1967 vollendet.

Anfangs ein Privatmuseum, wird es seit 2019 als Dependance des Museums für Gestaltung betrieben. Auf leicht zugängliche Weise macht es auf vier Geschossen mit der Denkwelt des Architekten bekannt und zeigt regelmäßig Sonderausstellungen. Von seiner Dachterrasse aus hat man einen schönen Blick auf das Zürichhorn und den See.

Nach so viel Idylle ist es Zeit für das rauere Zürich, das es auch gibt. Mit der Tram vom Rathaus machen wir uns auf nach Zürich-West, ein ehemaliges Industriequartier. Seit das Schauspielhaus hier im Jahr 2000 den Schiffbau, eine stillgelegte Kesselschmiede, als zweite große Spielstätte bezog, hat sich das Viertel rasant entwickelt.

Hotels, Lofts, Galerien, Clubs und Restaurants siedelten sich an, und heute ist Zürich-West ein beliebter Ausgehort einer jungen Szene.

In den Eisenbahn-Viadukt- Bögen warten eine Markthalle und zahlreiche Modeläden auf ihre trendige Kundschaft, die anschließend gern in Frau Gerolds Garten einkehrt, ein Außenrestaurant mit Hippie-Flair. Gleich daneben stapeln sich Container zum Freitag Flagship Store, auf dessen Treppenstufen sich das vermutlich kleinste und am leichtesten zu übersehende Kunstwerk in Zürich befindet. Geschaffen hat es der Londoner Künstler Ben Wilson, der zwanzig gefundene, plattgedrückte Kaugummis mit feinstem Pinselstrich in Miniaturen verwandelt hat, die nun als Farbtupfer den grauen Beton schmücken.

Deutlich auffälliger sind die fünf aus Backstein gemauerten Towers des kubanischen Künstlerduos Los Carpinteros gleich in der Nähe am Escher-Wyss- Platz, die an riesenhafte Aufsätze von Akkuschraubern erinnern. Überhaupt gibt es viel öffentliche Kunst in Zürich- West zu entdecken, selbst Harald Naegeli, der legendäre »Sprayer von Zürich«, ist hier in seinem späten Ruhm zu besichtigen. Über dem Eingang des Schiffbaus tanzt eines seiner Strichmännchen als Skulptur in pinkem Neon.