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DRESSUR-DYNAMIK


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 60/2022 vom 06.05.2022

MIT KRAFTLINIEN REITEN

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 60/2022

Wenn Reiter und Pferd in Balance sind, fällt alles leichter. Das Pferd kann sich frei und energetisch bewegen, und es lässt sich dennoch mit feinen, unsichtbaren Hilfen dirigieren

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Es sind die kleinen Momente im Sattel des Pferdes, die uns regelrecht auf Wolken schweben lassen können. Zwei Individuen, die aufeinandertreffen, eine Einheit bilden und sich auf einen gemeinsamen Tanz einlassen. Beide Körper bewegen sich im Gleichklang, und auch auf psychischer Ebene ist ein ehrliches, respektvolles Zusammensein möglich. Wer einen solchen Augenblick schon einmal (oder mehrmals) erlebt hat, möchte das Gefühl am liebsten noch einmal spüren oder, solange es geht, festhalten. Doch wir können kein Lebewesen dazu zwingen, sich in Harmonie zu bewegen. Daher ist es wichtig, nicht einfach dem verführerischen Suchtpotenzial zu verfallen, sondern sich immer wieder vor Augen zu führen, dass sich dieser Zauber nahezu von selbst ergibt, wenn das Pferd auf eine ...

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... Art und Weise gearbeitet wird, die seiner Natur entspricht. Das beinhaltet auch, dass es freiwillig mit Fachverbands „The Dressage Foundation“. Dressurdem Reiter arbeitet, während dieser die Kontrolle über das Gleichgewicht behält.

UNSERE EXPERTIN

BETH BAUMERT

ist Dressurreiterin und -trainerin. In ihrem Stall in Connecticut, USA, bildet sie Pferde und Reiter bis Grand-Prix-Niveau aus. Zudem ist sie langjähriges Redaktionsmitglied der Reitzeitschrift „Dressage Today“ sowie Präsidentin des US-amerikanischen

Das Dilemma lösen

Das ist es, was Beth Baumert Dressurdynamik nennt: „Wenn diese Dynamik zum Tragen kommt, dann setzt das Pferd seine Muskeln so ein, dass es einerseits an Kraft und Beweglichkeit gewinnt, andererseits aber auch schonend arbeitet“, erklärt die Dressurreiterin und -ausbilderin. Geistig fühle sich das Pferd frei und zwanglos. „Das System der Dressurdynamik basiert auf Naturgesetzen, die unverrückbar und beständig sind und die zumindest in der Theorie bestimmen, ob Pferd und Reiter in Harmonie zusammenarbeiten“, erklärt unsere Expertin. Im täglichen Training kommt es häufig zu Problemen, die auf einem Interessenkonflikt basieren: Während der Reiter die Kontrolle behalten möchte, strebt das Pferd instinktiv danach, sich frei zu bewegen. Wir Menschen lernen im Leben, ständig Kompromisse einzugehen. Doch ein bisschen Freiheit gemischt mit einem bisschen Kontrolle sind keine gute Lösung. Ist es doch gerade die Freiheit, die das Pferd zum Strahlen bringt.

Stellen Sie sich ein Tanzpaar vor, das nur an den technisch perfekten Schritten arbeitet, dabei aber die Musik nicht mehr fühlt und sich auch den Ausdruck von Emotionen verbietet. Es wirkt schnell steif und gezwungen. „Reiter, die die Dressurdynamik in ihrem Reiten berücksichtigen, sind zufriedene Reiter – weil sie die innere Natur ihrer Pferde wertschätzen und den Pferden so erlauben, ihr Potenzial zu erreichen“, betont Beth Baumert.

Kommunikation und Harmonie

Ein gewisses Gleichgewichtsgefühl ist uns angeboren. Doch es unterscheidet sich unter Umständen stark von Reiter zu Reiter. Dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, gilt auch in Sachen Balance: Die meisten Reiter brauchen einfach ein regelmäßiges, gutes Training und viele Wiederholungen, bis sie das richtige Gleichgewicht im Sattel gefunden haben. „Dabei lernen wir, dass ein Verlust des Gleichgewichts zu Anspannung führt, was wiederum unweigerlich unser Gefühl beeinträchtigt“, gibt Beth Baumert zu bedenken.

So könne ein steifer Reiter sein Pferd nicht spüren, und das steife Pferd spüre seinen Reiter nicht. „Wenn sich jedoch das Gleichgewicht verbessert, kehren Gespür und das richtige Timing zurück, zusammen mit wirksamer Kommunikation und Harmonie“, sagt unsere Expertin. So viel zur Theorie. Doch in der Praxis stellen die Bewegungen des Pferdes eine Herausforderung für Sitz und Haltung des Reiters dar. In Beth Baumerts System spielen sogenannte „Kraftlinien“ eine Rolle. Diese Energiekanäle helfen gemeinsam mit einer positiven Körperspannung, die Wirksamkeit der Hilfengebung zu stärken und zu verbessern. „Mit wirksamer positiver Körperspannung und Kraftlinien können Sie Ihre Hilfen gefühlvoll am richtigen Ort, mit der richtigen Intensität und zum richtigen Zeitpunkt einsetzen. Ihre Hilfen werden Ihr Pferd ins Gleichgewicht bringen, sodass es in der Lage ist, frei für Sie zu arbeiten“, so die erfolgreiche Dressurreiterin.

TIPP

Gehen Sie vor jeder Reiteinheit eine Sitz-Checkliste im Kopf durch: vom Oberkopf über die Wirbelsäule, das Becken und die Knie bis hin zu den Fußgelenken und den Fersen.

Weg von der Vorhand

Daneben benötigen auch Pferde Unterstützung bei der Überwindung möglicher Koordinationsprobleme. Der natürliche Instinkt unserer Vierbeiner ist es, zu viel mit der Vorderhand zu machen und zu wenig mit der Hinterhand, also dem Motor. Sitzt dabei auch noch ein Reiter im Sattel, kann es leicht zu einem Verlust des Gleichgewichtes kommen. Die natürliche Schiefe des Pferdes kommt erschwerend dazu. Wir haben die Aufgabe, an der Geraderichtung zu arbeiten und unser Pferd dazu zu befähigen, sich selbst zu tragen. Auch hier gilt es, eine positive Körperspannung und Kraftleitungen aufzubauen – nur diesmal eben im Pferd. „Mit einer geschmeidigen positiven Spannung ist das Pferd in der Lage, halbe Paraden und Übergänge anzunehmen, die seine Vorhand verlangsamen, seinen Rücken nach oben bringen und die Hinterhand dazu animieren, Schub, Schwung und Tragkraft zu entwickeln. So geht das Pferd gerade, koordiniert und im Gleichgewicht“, erläutert Beth Baumert. Einfach im Gleichgewicht zu sein, sei jedoch nicht das Endziel, sondern vielmehr der Punkt, an dem das große Abenteuer beginnen könne, aus Ihrem Pferd den bestmöglichen Athleten zu machen.

KRAFTLINIE 1 DIE SENKRECHTE KRAFTLINIE

Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen geraden Turm bauen. Das geht nicht, ohne den passenden Grundstein. Nur so ist das Fundament ausbalanciert und zentriert. Die senkrechte Kraftlinie ist sozusagen der reiterliche Turm.

Da wir als Reiter allerdings nicht stocksteif im Sattel sitzen, befindet sich die erste Kraftlinie in einer dreidimensionalen Bewegung – sie ist also elastisch. Der Fuß ist dabei der unterste Baustein. Er muss den Körper in Bewegungsrichtung mit geschmeidigen Gelenken abfedern können. Das heißt, wer zum Beispiel die Absätze mit aller Kraft nach unten drückt oder im Fußgelenk blockiert, stört den Energie-und Kraftfluss durch den Körper. Bei einem korrekt senkrecht ausgerichteten Sitz befinden sich die Füße so zum Boden, als würde der Reiter stehen. Anhand der Gesetze der Schwerkraft befindet er sich im Gleichgewicht. „Das Großartige an der Schwerkraft ist, dass man immer auf sie zählen kann. Wenn Ihre Füße sich direkt unter Ihrem Schwerpunkt befinden, wird Ihr Gewicht gestützt, und Sie befinden sich in Selbsthaltung“, betont Beth Baumert. Das sei die perfekte Position, aus der heraus Sie von Ihrem Pferd verlangen können, dass es aufs Bein reagiert. „Auf Ihrem Pferd fühlen Sie sich genauso stabil, wie wenn Sie auf festem Boden stehen würden. Dabei sind Sie aber aktiv – wie eine senkrechte Feder mit biegsamen Fußgelenken, Knien, Hüften und Ellbogen“, so unsere Expertin. Schaffen Sie es, senkrecht ausgerichtet, ausbalanciert, geerdet und geschmeidig zu bleiben, dann benötigen Sie keine aktive Muskelkraft, jedoch eine starke Stützmuskulatur, um im Sattel sitzen zu bleiben. Denken Sie sich die senkrechte Kraftlinie wie eine Stange durch ein Karussellpferd: Dabei finden Sie Ihr eigenes Gleichgewicht aufgrund der Schwerkraft.

ÜBUNG 1 ZUM HIMMEL WACHSEN

Ihre Wirbelsäule endet nicht einfach am Hals, sondern führt bis in den Kopf hinauf. Daher wirkt es sich auch auf den gesamten Sitz aus, wenn Sie nach unten schauen oder das Kinn verschieben. So kann die Energie nicht mehr durch Sie hindurchfließen.

Das können Sie tun: Setzen Sie Ihre Wirbelsäule ganzheitlich ein. Stellen Sie sich vor, wie sie durch den Körper verläuft, und konzentrieren Sie sich nicht nur auf einzelne Segmente des Rückens oder den Kopf als isoliertes Körperteil.

Richten Sie sich von den Sitzbeinhöckern aus sanft durch die Wirbelsäule auf. Dabei können Sie sich einen Faden vorstellen, der an Ihrem Kopf befestigt ist und Ihren Körper regelrecht in den Himmel wachsen lässt. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet.

Dabei tragen Sie den Kopf automatisch hoch, und Ihre Wirbelsäule dehnt sich sanft nach oben und unten. Das Steißbein und die Füße drücken ebenso sanft nach unten.

Um eine positive Körperspannung zu entwickeln, können Sie sich vorstellen, Ihr Oberkopf wäre das Genick Ihres Pferdes.

Lassen Sie die Schwerkraft auf die Oberseite Ihrer Schultern einwirken, sodass diese weich nach unten fallen und Ihre Ellbogen tief und elastisch werden.

Ihr gesamter Körper pendelt rhythmisch mit den Bewegungen Ihres Pferdes sowie mit Ihrem Atem mit.

Öffnen Sie Ihre Vorderseite, indem Sie das Brustbein etwas nach vorne bringen und eine stolze Haltung einnehmen. So zeigen Sie Ihrem Pferd die Bewegungsrichtung auf positive Weise an.

Die Bauchmuskulatur ist wichtig, denn sie verbindet Sitzboden und Stützmuskulatur um Ihren Schwerpunkt mit Brustbein und dem gesamten Schultergürtel. So wird die senkrechte Kraftlinie koordiniert und stabilisiert.

Bleiben Sie locker im Becken, um mit den Bewegungen des Pferdes mitschwingen zu können, aber kontrollieren Sie Ihren Sitz auch, damit er nicht zu unruhig wird.

Ebenso wie auf die Ferse wirkt die Schwerkraft auch auf die Knie. Dabei wippt die Ferse durch ein geschmeidiges Fußgelenk bei jedem Schritt nach unten.

ÜBUNG 2 IN DIE PEDALE TRETEN

Diese Übung hilft Ihnen, die senkrechte Kraftlinie im Schritt zu maximieren und Ihr Pferd vor den Schenkel zu bringen. Stellen Sie sich vor, Sie würden zu Fuß gehen und Ihre Beine stützen Hüfte, Oberkörper und Kopf. Dann lassen Sie Ihre Energie abwechselnd auf der rechten und der linken Seite herunterfließen wie auf einem Fahrrad. So geht’s:

1. Reiten Sie Schritt und treten Sie im Takt Ihres Pferdes abwechselnd mit dem Bein leicht links und rechts herunter, so als würden Sie die Pedale eines Fahrrads treten. Dabei bewegt sich Ihre Hüfte nicht zur Seite. Sie bleiben im Gleichgewicht und ziehen das Bein nicht hoch.

2. Wenn das rechte Hinterbein Ihres Pferdes den Boden verlässt, sinkt automatisch Ihr Bein auf der rechten Seite des Pferdes ab, da der Rippenbogen wegschwingt. Genau in dem Moment lassen Sie Ihr Gewicht in den Steigbügel sinken. Dann folgt die linke Seite.

3. Ihr Trainer oder eine Hilfsperson kann Ihnen helfen, den richtigen Moment zu finden, und Ihnen ein Signal wie „Jetzt“ geben.

4. Sie können auch auf die innere Schulter des Pferdes achten: Wenn diese am weitesten hinten ist, verlässt das innere Hinterbein den Boden.

5. Folgen Sie dem Bewegungsrhythmus Ihres Pferdes, dann wird die geschmeidige, aber starke senkrechte Kraftlinie Ihnen helfen, Ihr Pferd vorwärts und vor dem Schenkel zu halten.

KRAFTLINIE 2 DIE VERBINDENDE KRAFTLINIE

Die zweite Kraftlinie verbindet Reiter und Pferd. Diese gerade Linie verläuft vom Ellbogen zum Gebiss. Der Ellbogen ist eines der wichtigsten Gelenke im Körper eines Reiters, denn er steht zum einen in elastischer Verbindung mit dessen Sitz und Rücken, zum anderen auch mit dem sensiblen Maul des Pferdes.

Der Ellbogen ist gleichzeitig die elastische Verbindung zwischen der verbindenden und der senkrechten Kraftlinie. Der Reiter muss die Linie zum Gebiss immer unter Kontrolle haben. Sensibilität und Können sind Voraussetzung, um Vertrauen aufzubauen und eine feine Einwirkung zu fördern. Ähnlich wie das Wasser in einem Wasserschlauch fließt die Energie dabei nur in eine Richtung: vom Schwerpunkt des Reiters durch die Ellbogen zum Gebiss. „Sie können den Energiefluss verlangsamen oder anhalten, aber die Energie kann nie vom Gebiss zurück in die Ellbogen fließen“, erklärt Beth Baumert. Das Pferd sollte innerhalb der verbindenden Kraftlinie nicht merken, wo der Zügel endet und wo die Hand beginnt. „Der passive Zügel folgt dem Maul des Pferdes ebenso, wie der passive Sitz der Bewegung folgt“, betont unsere Expertin. Die feste, aber weiche und elastische Verbindung bleibe im Idealfall durch die gesamte Linie hindurch gleich.

ÜBUNG 1 VERBINDUNG HERSTELLEN

Um die zweite Kraftlinie zu finden, beginnen Sie immer mit Ihren Ellbogen, denn sie verbinden Sie mit Ihrem Pferd dort, wo zwei Wirbelsäulen aufeinandertreffen. Dazu müssen Ihre Ellbogen elastisch mit Ihrem Rücken und Ihrer Hüfte verbunden sein, sich aber leicht davor befinden. So geht’s:

Finden Sie die richtige positive Spannung: Sind Ihre Ellbogen zu locker, können Sie keine Verbindung zu Pferd und somit auch keine zwischen Hinterhand und Gebiss des Vierbeiners herstellen. Zu wenig elastische Ellbogen hingegen verursachen Verspannungen, da kein feiner Kontakt zum Pferdemaul aufgebaut werden kann beziehungsweise keine ehrliche Anlehnung entsteht.

Ihre Oberarme sollten stabil, aber flexibel sein. Sie helfen, das Pferd einzurahmen und die Energie zu kanalisieren. Sie können sich Ihre Arme als Säulen vorstellen, die sowohl Ihren Mittelpunkt als auch die Vorhand Ihres Pferdes einrahmen und stabilisieren.

Ihre Hüfte bewegt sich im Einklang mit der Bewegung des Pferdes zum Zügelkontakt hin. Die Energie des Pferdes wird sozusagen durch die Säulen hindurch in die Bewegungsrichtung weitergeleitet.

Ihre Handgelenke lassen die Energie ebenfalls weiter zum Gebiss fließen. Dabei bestimmen Sie, in welcher Dosis.

Achten Sie darauf, Ihre Finger nicht unbewusst zu bewegen, sondern nur, wenn Sie eine entsprechende Hilfe geben.

Um eine feine Kommunikation mit Gefühl zu erlauben, dürfen die Finger beziehungsweise Fäuste nicht permanent fest geschlossen sein.

Stellen Sie sich die verbindende, gleichmäßige Linie flexibel vor. Ist der Zügel zu locker, kann keine Energie hindurchfließen, ist er zu straff, fehlt das Gefühl.

Sie sind dafür verantwortlich, diese Linie zu erhalten. Dazu gehört auch die jeweils passende Zügellänge.

ÜBUNG 2 VERBINDEN UND FOLGEN

Damit halbe Paraden gelingen und sich Ihr Pferd am Gebiss abstoßen kann, müssen Sie die Zügelverbindung prüfen beziehungsweise herstellen:

1. Fühlen Sie, wer an wem zieht: Sie an Ihrem Pferd, Ihr Pferd an Ihnen, oder ziehen womöglich beide? Korrekterweise soll Ihr Pferd Anlehnung und Kontakt suchen. Auf keinen Fall dürfen Sie als Reiter durch Halten oder Ziehen eine Verbindung erreichen.

2. Zunächst halten Sie gerade so viel Zügelkontakt, dass der Zügel nicht locker ist. Ihr Pferd soll die Möglichkeit haben, den Kontakt zu suchen.

3. Nun verlangen Sie von Ihrem Pferd, mehr in die Anlehnung zu gehen, indem Sie den Schenkel schließen.

4. Sobald das Pferd an das Gebiss herantritt, können Sie seinem Maul genauso folgen, wie Sie seinen Bewegungen mit Ihrem Sitz und Ihren Schenkeln folgen. Ihr Pferd ist nun aufmerksam und hört die Zügelhilfen.

Einführung in die Kraftlinien

Positive Spannung hat nichts mit Verspannung zu tun, vielmehr ist der Körper in einer geschmeidigen Spannung, und die Muskeln dehnen sich. Man spricht auch von einem offenen Körper. Ist er hingegen geschlossen, dann befindet sich der Reiter in einem Zustand negativer Spannung, in dem sich die Muskeln regelrecht verkrampfen.

Warum der Körper zumacht, kann diverse Gründe haben. Von psychischen Ursachen bis hin zu einer fehlenden positiven Körperspannung. „Der Zustand Ihrer Muskeln spiegelt sich in Ihrer Körperhaltung wider“, sagt Beth Baumert. „Eine elastische positive Spannung ermöglicht es Ihnen, gleichzeitig weich, geschmeidig und stark zu sein, sodass Ihr Körper ein kraftvoller Energieleiter werden kann. Es ist viel einfacher, mit positiver Spannung zu reiten als mit verkrampften Muskeln.“ Pferde und Reiter mit einer positiven geistigen Spannung hätten eine positive Einstellung sowie eine erhöhte Aufmerksamkeit und Geistesschärfe. Die positive Körperspannung des Reiters ist nicht nur elastisch, sondern schafft auch Energiekanäle, die Beth Baumert als Kraftlinien bezeichnet. Diese verlaufen absolut gerade und stabilisieren die Haltung. „Wenn Energie durch sie hindurchfließt, kanalisieren diese Linien die Energie des Pferdes und formen seinen Körper, indem sie geschmeidige, aber feste Grenzen bieten, innerhalb derer das Pferd sich gut ausbalancieren kann.“ Der Reiter bietet dem Pferd einen Rahmen, ohne es in seiner Freiheit einzuschränken.

KRAFTLINIE 3 DIE DREHENDE KRAFTLINIE

Bei Wendungen wird die senkrechte Kraftlinie zu einer drehenden: Die Wirbelsäule des Reiters dreht sich nach rechts oder links. Die Hüfte bleibt dabei auf einer Linie mit der Hüfte des Pferdes. Die Zügelhilfen bewegen die Schultern des Pferdes während der Drehung automatisch in die angestrebte Bewegungsrichtung.

„Setzen Sie Ihre drehende Kraftlinie ein, um Ihr Pferd zu unterstützen und zu führen. Sie kanalisieren es in Ihre gewünschte Bewegungsrichtung – sowohl auf geraden Linien als auch bei Wendungen und durch Ecken hindurch“, sagt Beth Baumert. Die inneren Hilfen formen die Biegung Ihres Pferdes zusammen mit den äußeren Hilfen. „Ihre Kraftlinie dreht sich ganz leicht in Bewegungsrichtung um Ihre Achse, wodurch der innere Steigbügel belastet wird. Dann unterstützt Ihre Innenschenkel-gegen-Außenzügel-Verbindung die Biegung und wendet das Pferd“, erläutert unsere Expertin.

ÜBUNG 1 PASSAGIERE AN BORD

In der Wendung will der Kopf häufig die Führung übernehmen. Lassen Sie das nicht zu, sondern achten Sie stattdessen auf folgende Punkte:

Stellen Sie sich Ihren Kopf, Ihre Schultern sowie Ihre Ellbogen als Passagiere vor, die sich nur drehen, weil sich Ihre Wirbelsäule dreht.

Dabei drehen Sie Ihre Schultern, damit auch das Pferd seine Schultern wendet.

Die Hüfte darf sich nicht zusammen mit den Schultern drehen, sondern muss parallel zur Hüfte des Pferdes bleiben. So erhalten Sie die Biegung Ihres Pferdes und sorgen dafür, dass die Hinterhand nicht nach außen ausfällt.

Da Sie Ihre Wirbelsäule drehen, wird die Zügelhilfe für die Wendung aktiviert. Ihr inneres Bein kommt automatisch in Verbindung mit dem äußeren Zügel.

Bleiben Sie weiter durch Ihre senkrechte Kraftlinie und Ihre Füße geerdet. Wenn Ihr Pferd nun über den Rücken arbeitet, wird die Vorhand durch die Verbindung zwischen innerem Schenkel und äußerem Zügel, also der diagonalen Hilfengebung, leichter.

Damit Sie Ihre inneren und äußeren Hilfen gleichermaßen einsetzen können, müssen Sie und Ihr Pferd aufeinander ausgerichtet sein.

Bleiben Sie zentriert sitzen, denn nur so kann das Pferd seine Energie durch den Körper kanalisieren.

BUCHTIPP

In ihrem Buch „Dressurdynamik“ erklärt die erfolgreiche Dressurreiterin Beth Baumert, wie der Reiter Gleichgewicht entwickeln und mithilfe der vier Kraftlinien die Energie seines Pferdes leiten und formen kann. Wenn Pferd und Reiter eine Einheit werden, können regelrechte Momente der Magie beim Dressurreiten entstehen.

Kosmos; 240 Seiten; 38 Euro; ISBN: 9783440167458

ÜBUNG 2 DREIECKIGE HILFESTELLUNG

Um Ihre Hilfen in den Wendungen besser koordinieren zu können, nutzen Sie das innere und äußere Hilfendreieck. Es reicht auf der jeweiligen Seite vom Ellbogen zum Gebiss, dann zu Ihrem Fuß und wieder zurück zum Ellbogen.

Das innere Hilfendreieck:

Es umfasst Innenschenkel sowie Innenzügel und bringt das Pferd vor den Schenkel.

Gleichzeitig hilft es, das Pferd zu lockern und zu biegen.

Das äußere Hilfendreieck:

Es umfasst Außenschenkel sowie Außenzügel und hält das Pferd zusammen, versammelt es, verbessert die Durchlässigkeit und wendet es.

Durch imaginäre Dreiecke können Sie sich die einzelnen Hilfen auf der Innen-beziehungsweise Außenseite als eine einzige Hilfe vorstellen. So fällt es leichter, selbst gerade zu bleiben.

Verbunden bleiben

Als Reiter können wir vier Kraftlinien einsetzen: „Mittels der senkrechten Kraftlinie schicken Sie Ihr Pferd vorwärts. Dadurch kommt das Pferd vor das Bein“, erklärt unsere Expertin. Die zweite Kraftlinie ist die verbindende. Durch sie stellt der Reiter Kontakt zu seinem Pferd her, versammelt und verlangsamt es. „Mittels der drehenden Kraftlinie lenken Sie, und die visuelle Kraftlinie verleiht Ihnen sozusagen eine magnetische Fähigkeit, Ihrer gewünschten Bewegungslinie präzise zu folgen“, so Beth Baumert weiter. Ist das Pferd innerhalb der Kraftlinien des Reiters ausbalanciert, fühlt es sich frei, um sich entspannt zu bewegen. Wir müssen uns also zunächst bewusst sein, wie wir mit unserem eigenen Körper auf unseren Vierbeiner einwirken und wie wir trotz dieses Rahmens Freiheit zulassen können.

KRAFTLINIE 4 DIE VISUELLE KRAFTLINIE

Während die senkrechte und die verbindende Kraftlinie das Pferd formen und ins Gleichgewicht bringen, handelt es sich bei der visuellen Kraftlinie um eine Verlängerung des reiterlichen Blicks.

„Die visuelle Kraftlinie verbindet Ihr Pferd und Sie mit der Außenwelt. Ihr Körper dreht sich in Bewegungsrichtung, und Ihre Augen fokussieren einen Punkt an, wie zum Beispiel einen Dressurbuchstaben oder ein Hindernis“, sagt Beth Baumert. „Dieser Punkt dient als Referenzpunkt, um das Pferd auf eine vorgeplante Strecke zu leiten, während es von Ihrer geerdeten senkrechten Kraftlinie kanalisiert wird.“

Wenn ein Reiter ständig hin und her guckt beziehungsweise die Augen nervös durch den Raum wandern, kann dieses Verhalten das Pferd ablenken und verunsichern. Ohne es zu merken, balancieren sich erfahrene Reiter im Sattel ständig neu aus. Um sowohl die senkrechte als auch die seitliche Ausrichtung zu erhalten beziehungsweise zu erlangen, geben sie sich selbst sozusagen viele halbe Paraden.

ÜBUNG 1 DEN FOKUS SETZEN

Damit Sie die visuelle Kraftlinie effektiv nutzen können, sollten Sie auf folgende Punkte achten:

Ihre Wirbelsäule befindet sich auf einer Linie mit dem Mähnenkamm des Pferdes. Hingegen zeigen Ihre Zehen, Knie, Hüfte und Handknöchel alle in dieselbe Richtung wie die Augen, also in die Richtung, in die Sie reiten wollen.

Da die Verlängerung des reiterlichen Blickes einen unglaublichen Einfluss auf das Gleichgewicht des Pferdes hat, dürfen Sie nicht ständig auf den Hals des Pferdes oder auf den Boden blicken. Sonst kommen Sie in ein Bergab-Gleichgewicht, und Ihr Pferd fällt eher auf die Vorhand.

Wenn Sie nach unten blicken, wird Ihr Sitz eher nach unten weisen, und Sie sind nicht mehr so gut in der Lage, dem Rücken des Pferdes zu folgen.

Durch eine waagerechte Blickrichtung bieten Sie Ihrem Pferd einen waagerechten Referenzrahmen. So können Sie die Wirbelsäule des Pferdes anregen, sich horizontal nach vorne zu bewegen, wodurch sich auch das natürliche Gleichgewicht verbessert.

Wenn Sie sich in Selbsthaltung befinden und Ihr Blick waagerecht nach vorne zeigt, dann können Sie Ihr Pferd besser in eine Bergauf-Haltung bringen.

Fällt Ihnen die Verlängerung Ihres Blickes schwer, dann stellen Sie sich vor, Sie würden halbe Paraden mit Ihrem Kopf geben. Dadurch atmen Sie ein, heben Ihren Kopf und bringen die Verlängerung Ihres Blickes auf eine Linie, auf der sich das Pferd besser ausbalancieren kann.

Nur wenn sich Ihr Kopf über Ihrer Wirbelsäule und der des Pferdes im Gleichgewicht befindet, können Sie klare und positive Hilfen geben.

ÜBUNG 2 MAGNETISCHE AUGEN

So können Sie Kraft und Fokus Ihres Blickes verbessern:

1. Sie sitzen auf Ihrem Pferd und stellen sich vor, Sie hätten magnetische Augen. Dabei bleiben Sie gerade auf Ihrem Pferd ausgerichtet, damit auch Ihr Vierbeiner unter Ihnen gerade bleibt.

2. Dann suchen Sie sich einen Fokuspunkt, den Sie so lange fixieren, bis Ihr Blick verschwimmt.

3. Werden Sie immer konkreter: Schauen Sie nicht einfach nur den Buchstaben A an der Bande an, sondern blicken Sie durch das Loch im oberen Teil des Buchstabens. Fokussieren Sie nicht einfach eine Baumkrone, sondern suchen Sie sich ein spezielles Blatt aus. Beim Springen visieren Sie einen bestimmten Abschnitt einer Stange in einer Farbe an.

4. Suchen Sie sich einen neuen Fokuspunkt, sobald Sie an Ihr Objekt herangekommen sind. Der neue Fokuspunkt sollte weiter weg auf der horizontalen Ebene liegen.

5. Nehmen Sie wahr, wie sich durch den bewussten Einsatz Ihrer Augen das Gleichgewicht Ihres Pferdes verbessert und Sie Ihrer Bewegungslinie präziser folgen können.

6. Üben Sie so nicht nur gerade Linien, sondern auch Wendungen.