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Dschungelmonstern auf der Spur


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Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 100/2022 vom 09.09.2022

KARPFEN & WELS

Artikelbild für den Artikel "Dschungelmonstern auf der Spur" aus der Ausgabe 100/2022 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blinker, Ausgabe 100/2022

Umgestürzte Bäume und wucherndes Grün erschweren das Angeln. Karsten Jaszkowiak und Lars Reineke schreckt dies nicht ab. Sie denken und lenken um ? und fangen im Unterwasserdschungel.

Dieser Fluss hat es in sich – ungefähr 20 Meter breit, im Durchschnitt drei bis vier Meter tief, im Sommer wuchern Kraut, Seerosen und Mummeln bis dicht unter die Oberfläche. Die Ufer sind entweder gesäumt von Schilf oder mehrere Meter überwachsen von Weiden und Büschen, die dicht über dem Wasser hängen. Sie gleichen einem Labyrinth aus Gestrüpp und sind kaum begehbar. Hin und wieder stürzen Bäume und Äste in den Fluss, die zur Befahrbarkeit teilweise entfernt werden, teilweise im Fluss liegen bleiben. Tagsüber herrscht auf dem Wasser viel Bewegung. Ein kleines Ausflugsboot fährt auf einem Abschnitt hoch und runter. Hinzu kommen bis zu 500 Stand-up-Paddler, Kanuten oder Ruderer, die im Sommer permanent den Angelplatz kreuzen. Dabei sind sie regelmäßig neugierig auf die Montagen oder wollen die Büsche vorbildlich von Schnur befreien. Teilweise sind sie auch einfach unerfahren und ...

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... steuern somit nur zu gern in die Ufer. Nachts ist es gut möglich, dass sich eine Wildschweinrotte grunzend, krachend und platschend neben deinem Boot ein Bad gönnt. Willkommen an meinem kleinen Fluss – dem Zuhause der Dschungelmonster.

Dieses Gewässer beherbergt wahre Schätze: Karpfen über 25 Kilo, die noch nie in ihrem Leben einen Haken gesehen haben, mit fast schwarzen Rücken und von grünlich bis ins dunkle Ocker gefärbten Bäuchen. Zudem gibt es ein riesiges Weißfischvorkommen. Und zu guter Letzt sind da noch die Welse – ein Bestand mit überwiegend zwischen 1,30 bis 1,70 Meter langen Fischen. Die Welse jedoch wachsen und auch sie überschreiten dank einer reich gefüllten Speisekarte mittlerweile die magische Zwei-Meter-Marke.

HARTNÄCKIG ZUM ZIELFISCH: GEHT NICHT, GIBT’S NICHT!

Der Fluss bietet eine Mischung aus dschungelartigem, idyllischem Biotop und Gewässerhighway. An ihm sechs Ruten – drei pro Angler – sinnvoll zu platzieren, scheint fast unmöglich. Hier zu angeln, ist traumhaft schön, aber auch eine Herausforderung, die Geschick und Einfallsreichtum an ihre Grenzen bringen. Kennenlernen durfte ich diesen romantischen Fluss durch Lars Reineke. Er ist einer meiner engsten Unterstützer und erzählte mir anfangs, dass es ihn viele Jahre gekostet hat, hier das anglerische Rezept herauszufinden. Welse gäbe es hier ohnehin nicht, hieß es. Lars blieb hartnäckig und fing sie. Mit ihm am Gewässer zu sein, prägte mein Verständnis vom Angeln im Hindernis und gab mir das Rüstzeug für eine ganze Palette an Lösungen, konventionell nicht erreichbare Spots zu befischen. Geht nicht, gibt’s nicht! Absenken, umlenken, drillen durch dichteste Krautfelder, die Schnur kappen und zusammenknoten und am Ende traumhaft schöne Fische in den Kescher ziehen – all das ist Teil des Angelns an diesem faszinierenden Fluss.

„Nach ein paar Nächten entwickelt sich diese Herangehensweise zu einer körperlichen Tortur.“

NAHRUNG IM ÜBERFLUSS – EINE ECHTE HERAUSFORDERUNG

Meine erste Begegnung mit ihm hatte ich beim Karpfenangeln. Es war Liebe auf den ersten Blick! Wir machten einen Trip vom Boot aus. Während tagsüber unzählige Wassertouristen für viel Bewegung und Lärm sorgen, kehrt zur Dämmerung eine unglaubliche Ruhe ein. Die meisten Abschnitte sind nur für Vereinsmitglieder oder über private Grundstücke zugänglich. Dadurch gibt es gerade eine Handvoll aktiver Angler auf mehreren Kilometern Wasser. Es gibt Platz ohne Ende, den es zu nutzen gilt.

Eine Herausforderung ist das Überangebot an natürlicher Nahrung. Es gibt hier viele schöne Fische, aber wo halten sie sich gerade auf ? Futter finden sie überall in Massen. Bei dem klaren Wasser kann ein kleiner Stalking-Spaziergang sehr sinnvoll sein. Füttern ist es in jedem Falle nicht – zumindest nicht wie gewohnt mit großen Boilie-Futterplätzen. Das haben bereits viele versucht und fast alle bissen sich die Zähne aus. Die Fische sind es hier nicht gewohnt, nach Boilies, ja nach Futter allgemein zu suchen. Sie haben kaum einen Bezug zu den merkwürdigen runden Murmeln. Das Rezept ist, die Fische zu finden und einen möglichst langen Flussabschnitt präzise zu beangeln. Das wiederum bedeutet an einem 20 Meter breiten, bewucherten Fluss voller Kraut und Hindernisse, je drei Ruten in beide Richtungen – stromauf und stromab – auf einem bis zu 300 Meter langen Abschnitt zu staffeln. Dabei muss man so vorgehen, dass die Fische nicht gefährdet und die Schnüre vom Verkehr am nächsten Morgen nicht eingesammelt werden. Diese Herausforderung hat mein Angeln grundlegend verändert. Im ersten Moment erschien sie mir als unlösbare Aufgabe, aber ich sollte noch viel lernen.

UMDENKEN UND UMLENKEN: IDEENREICHTUM IST GEFRAGT

Wir brachten die Ruten in unterschiedliche Flussabschnitte teilweise bis um die nächste Kurve herum. Dort legten wir sie auf kleine, maximal zwei Quadratmeter große Krautlöcher, alles bei einer recht sportlichen Strömung für diese Gewässergröße. Auf dem Rückweg senkten wir die Schnur mindestens einmal direkt ins Kraut ab. Bei den weiter entfernt abgelegten Montagen oft zweimal – ein Absenker an einem wichtigen, richtungsweisenden Punkt oder auf Höhe des Köders einer anderen Rute, um die Bahn freizumachen, falls ein Fisch beißt. Ein weiterer Absenker für alle drei Ruten folgte auf gleicher Höhe, um sie unter Wasser parallel nebeneinander aufzureihen. Dadurch konnten wir die Schnüre genauso anordnen, dass wir bei einem nächtlichen Biss nicht gleich alle Ruten einsammelten. Welche der drei Schnüre dabei sinnvoll an welcher Position nach unten muss, war für mich anfangs nicht leicht nachzuvollziehen. Wie soll das funktionieren? Diesen Fisch kann man doch niemals fangen beziehungsweise riskieren wir doch so die Gesundheit des Fisches, wenn er sich vom Haken reißt! Oder etwa nicht?

KOMPLETT ANDERS: ES GIBT KEINEN NORMALEN DRILL!

Es ist eine Frage des Mutes, aber auch der Erfahrung und Fähigkeiten. Entscheidend ist, dass es bei dieser Angelei keinen herkömmlichen Drill gibt. Um hier erfolgreich zu sein, muss ich mich von bisherigen Vorgehensweisen verabschieden und Gewohnheiten ad acta legen. Dazu ist ein Punkt unumgänglich – alle Gewichte müssen weg! Nur dann kann es funktionieren. So lehrte mich Lars ein neues Drillverhalten unter besonderen Bedingungen: Stellen wir uns einen wilden Hund beim Gassi gehen vor. Der Hund läuft an langer Leine zwischen zwei Laternen durch und um eine herum. Sie möchten ihn zurückziehen, aber er hält dagegen. Wild rennt er hin und her und wickelt sich dabei immer mehr zwischen den Laternen fest, da er sich gegen den Druck stemmt und immer nervöser wird. Warum entspannen wir nicht die Leine und folgen dem Hund einfach durch die Laternen? Genauso drillten wir – Bremse komplett auf ! Trotzdem kam bei all dem Umgelenke manchmal nur ein einzelner Ton am Bissanzeiger durch. Ein Piepser heißt raus und die Rute kontrollieren – mehrmals in der Nacht.

Lars hat sich nach langjähriger Erfahrung angewöhnt, hier sehr viel mit Pellets zu angeln. Für mich eine der wenigen Bedingungen, in denen ich überhaupt mit Pellets geangelt habe aber er sagt, sie funktionieren hier. Im Frühjahr und Herbst kein Problem, aber bei warmem Sommerwasser bedeutet das teilweise nachts aufstehen und die Ruten kontrollieren. Und dabei die Montage wieder präzise im Krautloch positionieren und die Schnur mit den Absenkern auf dem Rückweg exakt platzieren. Nach ein paar Nächten entwickelt sich diese Herangehensweise zu einer körperlichen Tortur und das Bedürfnis nach Schlaf wächst Tag für Tag. Der Reiz jedoch, diesem beeindruckenden Fluss mit anspruchsvollster Angeltechnik einen der unberührten und wunderschönen Fische zu entlocken, überwog und beruhigte unsere vom Schlafmangel gezehrten Nerven. Dieser Reiz war unser Motor, der unaufhörlich weiter ratterte.

BANGE MINUTEN: AHNUNGSLOS UND AUFGEREGT ZUM FISCH

Endlich durfte ich den ersten Drill live erleben und die einzige Option für das, was nun folgte, lautete: freie Schnur! Nicht zuletzt aus diesem Grund kam Lars vor ein paar Jahren auf mich zu, da unsere Steinmontagen von „Fishstone“ die optimale Lösung für seine Anforderungen bieten. Durch das enorm dichte Kraut und quasi keinen Gegendruck nach dem direkten Abwurf des Steins nehmen die Fische den Köder auf, erschrecken sich kurz, aber stellen sich prompt in der Nähe regungslos in ein dichtes Krautfeld. Auch aus diesem Grund wäre das Angeln mit Gewicht hier unmöglich, da es sofort im Kraut hängenbliebe und den Fisch zu weiteren Fluchten veranlassen würde.

Wir nahmen nach einem Piepser direkt die Rute auf, ruderten an komplett schlaffer Schnur los und waren aufgeregt und ahnungslos, was sich wohl am anderen Ende der Leine in wenigen Minuten zeigen würde – eine Brasse oder vielleicht doch einer der versteckten Schätze.

Auf dem Weg holen wir die Absenker hoch. Entweder ist der Stein hier bereits raus oder wir holen einen Krautbatzen hoch, den wir zügig abrupfen, den Absenker entfernen und weiter. Am Spot angekommen, nehmen wir nicht direkt Spannung auf. Wir schauen zuerst aufmerksam auf den Schnurverlauf. Erst wenn wir Gewissheit haben, entweder senkrecht über dem Fisch zu stehen oder ihn aus dem Ufer ziehen zu können, geht es wirklich los. Nicht selten jedoch erkennt man schnell, dass die Schnur quer durchs Holz verläuft. In diesem Fall fahren wir um das Hindernis herum, stechen mit der Rute ins Wasser und holen die Schnur mit der Spitze hinter dem Hindernis vorsichtig an die Oberfläche. Nun können wir versuchen, die Schnur über Ziehen an beiden um das Hindernis gelegten Enden zu befreien. Das muss alles passieren, ohne dabei Druck auf den Fisch aufzubauen. Ein emotionaler Drahtseilakt in dem Wissen, dass in wenigen Metern Entfernung ein wahrer Gigant auf uns warten könnte. Aus leichten Zweigen lässt sich die Schnur meist auf diese Weise befreien, aber gelegentlich hilft nur das Messer. Dann heißt es, die Schnur kappen, durch das Hindernis ziehen und neu zusammenknoten. Lars erzählte mir von seinem persönlichen Rekord bei dem er diesen Ablauf bis zum Fischkontakt mehr als zehn Mal durchgehen musste.

WILDE FLUCHTEN: WENN DER FISCH DAS KRAUT RASIERT ...

Es ist kaum vorstellbar, aber anfangs steht der Fisch einfach. Wovor sollte er auch flüchten – ohne Gewicht im schützenden Versteck verborgen. Sind alle Hindernisse überwunden und die Schnur befreit, geht es endlich los. In diesem Gewässer kann alles passieren. Endlich kommt der Moment der ersten Kontaktaufnahme, der Augenblick der Wahrheit und schnell zeigt sich die Dimension des Fisches. Der Drill läuft dann hauptsächlich möglichst vertikal ab, um dem Fisch wenig Chancen für Fluchten ins Kraut zu geben. Dennoch stürmt er immer wieder in die Krautfelder und rasiert durch sie hindurch. Gelegentlich dreht man dabei schon mal ganze Büsche um, bis der Fisch endlich ins Netz gleitet. Das Gewicht bei dieser Angelei nicht zu verlieren, wäre ein Todesurteil für jeden Drill.

Diese Fähigkeiten im Repertoire zu haben ist Gold wert. Ich möchte sie nicht mehr missen. Nach ein paar Tagen dieser besonderen Schule durchstieg ich die Herangehensweise und sie ist seither ein sehr wichtiges Werkzeug für meine Angelei. Erst auf meinem letzten Trip habe ich an einem unbekannten Gewässer auf einer unerreichbaren Stelle mit zwei Absenkern und zwei Umlenkern einem Freund einen Fisch an den Haken gezaubert und wir landeten ihn sicher. Mit dem neuen Verständnis entscheide ich nicht mehr nach der Zugänglichkeit einer Stelle, sondern nur noch nach ihrem möglichen Potenzial. Wichtig bei dieser Herangehensweise ist eine logische und klare Vorstellung davon, wie im Drill vorgegangen werden muss und in welche Richtung die Schnur aus dem Umlenker gehoben oder wo sie fest fixiert sein muss. Für diese Techniken sollte man genau wissen, was man tut und jedes Detail schon vorab im Kopf durchspielen. Nur so ist sicherzustellen, dass diese komplexen Vorgehensweisen den Fisch nicht gefährden und nicht nur zu erfolglosen Aussteigern führen.

WELSANGELN: JETZT WIRD ALLES NOCH EINE NUMMER HEFTIGER!

Als ich ein Jahr später an diesem Gewässer das erste Mal auf Wels angelte, verschärften sich die Techniken noch. Das Überwältigende daran ist, dass sie einfach funktionieren, wenn man sie einmal versteht. Ich bin zwar kein Welsangel-Spezialist, aber auf zahlreichen Reisen mit auf ihr Gewässer spezialisierten oder allgemein sehr erfahrenen Anglern unterwegs. Aus diesem Grund sehe ich viele verschiedene Techniken und bekomme schnell Einblicke in viele Jahre erarbeitete Fähigkeiten und Wissen von Experten. Mir wurde schnell klar, dass im Welsangeln alles nochmal eine Nummer derber und rauer ist. Allein die kräftigen Ruten, Rollen und Schnüre, mit denen man Autos ziehen kann und auch die Techniken des Spannens und Umlenkens sind von derberer Gestalt. Während beim Karpfenangeln viele darauf achten, ihre Schnur möglichst glatt und berührungsfrei zum Köder zu legen, wird beim Welsangeln einfach über den Baum gelegt oder besser über mehrere Bäume und quer über den Fluss gespannt.

ABSOLUTER QUATSCH: HIER GIBT’S DOCH KEINE WELSE!

Lars erzählte mir eine beeindruckende Geschichte seiner Welsangelei am kleinen Flüsschen. Er begann hier bereits damit, als nur wenige überhaupt darüber nachdachten. Belächelt worden sei er, es gäbe hier keine Welse. Und anfangs schien es für ihn durchaus so. Mehrere Jahre vergingen, bis Lars den Dreh raus hatte. Viele Fische in allen Größen und auch ein paar stattliche Exemplare können die Jungs dort mittlerweile vorweisen. Auch hier heißt es, noch viel größere Fische seien durchaus denkbar.

Gemeinsam mit Patti und Lars begannen wir unser „XXweLs“-System zu entwickeln und so ging es für mich nun abermals an den Fluss, diesmal mit einem anderen Ziel – Welse. Da wir an unserer Montage arbeiteten, nutzten wir überwiegend U-Posen-Montagen. Das gestaltet sich unter den beschriebenen Bedingung nicht leicht und wir suchten einen Bereich auf, in dem sich der Krautwuchs noch halbwegs im Rahmen hielt. Die Herausforderung war jedoch ähnlich. Wie platzieren wir sechs Ruten sinnvoll an einem 20 Meter breiten Flüsschen möglichst so, dass wir einen großen Bereich abdecken, um Fische zu finden.

ÜBER STOCK UND STEIN: DAS GROSSE AUSLEGEN BEGINNT

Stromauf legten wir die erste Rute auf kurze Distanz ans eigene Ufer und führten sie über die Bäume wieder zurück zum Camp. Den Stein legten wir mit Montage ab und gingen direkt im 45-Grad-Winkel in den Umlenker kurz über dem Wasser. Stromauf angeln wir grundsätzlich mit einem fixen Umlenkpunkt kurz oberhalb der U-Pose. Die Schnur ist an dieser Stelle fest in einem Clip fixiert. Auf diese Weise halten wir beim Biss die Spannung zum Fisch und können einen Anschlag setzen. Würden wir an diesem Punkt mit einer Reißleine arbeiten, hätten wir nach dem Sprengen enorm viel Schnur auf einem schmalen, überwucherten Fluss lose im Wasser liegen und der Fisch könnte auf dem Weg stromab einfach zu viele Hindernisse einsammeln.

„Endlich kommt der Moment der Wahrheit. Schnell zeigt sich die Dimension des Fisches.“

Nach dem Biss geht es direkt ins Boot. Der Fisch muss während der Fahrt zum Umlenker durch mäßigen Druck möglichst einigermaßen auf der Stelle gehalten werden, darf jedoch auch nicht in den Umlenker gepumpt werden, bis die Schnur frei ist. Aber so kann es klappen.

Die zweite Rute brachten wir ebenfalls ans eigene Ufer und nutzen die gleiche Vorgehensweise. Wir legten sie nur wesentlich weiter stromauf und führten sie auf dem Rückweg bis zum Camp über mehrere Bäume. Die dritte Montage stromauf legten wir ans gegenüberliegende Ufer – und nun wurde es langsam etwas wilder. Wir ließen den Stein und die Montage ab, führten die Leine ebenfalls direkt aus dem Wasser in den ersten Umlenker und auf der gegenüberliegenden Uferseite wieder durch die Bäume zurück Richtung Camp. Kurz davor hingen wir sie durch einen zweiten Umlenker, um sie hoch genug über den Fluss zu spannen. Drei Ruten waren scharf und die Spannung stieg. In diesem Moment ahnte ich noch nicht, dass es jetzt erst richtig losgehen sollte.

EIN BISSCHEN VERRÜCKT: EINMAL UMSTEIGEN, BITTE!

Stromab verschärfte sich die Auslegetechnik. Abermals war ich überrascht und fasziniert, mit welcher Selbstverständlichkeit wir die Ruten über unmöglichste Wege 200 Meter vom Platz entfernt positionierten. Vor dieser Erfahrung hätte ich mir solch eine Angelei niemals zugetraut.

Die erste Rute kam schnell ans eigene Ufer, direkt aus dem Wasser über einen Baum und fertig. Die zweite Rute wurde kniffeliger. Behalten wir die zusätzliche Challenge im Hinterkopf: Es ist notwendig, die Schnüre so zu platzieren, dass jederzeit ein Paddler passieren kann. Wir fuhren also für Rute Nummer zwei 150 Meter stromab. Dort positionierten wir eine Montage mit zwei Köderfischen am Einzelhaken in eine Strömungsverwirbelung vor einen Busch auf der eigenen Uferseite. Anschließend fuhren wir ans Ufer und es hieß aussteigen. Ich stapfte in den weichen Untergrund der Schilfbänke, legte die Leine direkt um einen stabilen Baum und lief weiter am Ufer entlang durch den sumpfigen Boden, wobei die Stiefel meiner Wathose immer wieder bis zu den Knien einsanken. Nach circa 100 Metern legte ich die Schnur um einen weiteren kleinen Baum und stieg dahinter wieder ins Boot. Nun fuhren wir durch einen umgestürzten Baum, und ich legte das 60er-Geflecht dabei so über die oberen Äste, dass ich es beim Drill im Vorbeifahren herunterreißen könnte. Nach weiteren 30 Metern erreichten wir das Camp und legten die Schnur abschließend noch ein weiteres Mal so hoch wie möglich über einen Baum kurz vor dem Rutenständer. Die ganze Rute war jetzt so platziert, dass wir die erste Angel drillen könnten, ohne der zweiten in die Quere zu kommen.

Mit der dritten Rute fuhren wir noch 50 Meter weiter. Auch diese Montage legten wir in die Verwirbelungen vor einem Busch. Dieses Mal jedoch in die Außenkurve auf das gegenüberliegende Ufer. Um den Drill von Rute zwei zu ermöglichen, mussten wir hier den letzten Abschnitt absenken, also die Strecke zum Baum an Land. Wieder raus ans Ufer, um beide Bäume laufen, zurück ins Boot, über den umgestürzten Baum und zurück in den Rutenständer. Ich verliere, während ich das beschreibe, selbst den Überblick bei all dem Umlenken und Absenken. Aber ich war Feuer und Flamme, zu sehen, wie diese verrückte Technik funktioniert.

AM MORGEN KLINGELN DIE GLÖCKCHEN – ACTION!

Diese Angelei war für mich die Geburtsstunde für eine neue Faszination. Ein Grund für mich, unser neues Tool den „Line Sinker“ zu entwickeln. Sie zeigte mir, dass mit der nötigen Ausrüstung an Stangen, Umlenkern, abwerfbaren Absenkern, Druckrichtungen und verschiedensten Werkzeugen praktisch jeder Spot beangelbar ist. Es bedarf nur Verstand und Kreativität! Ich konnte es kaum abwarten.

Schon bald klingelte die erste Glocke. Ich liebe diesen Widerspruch im Welsangeln: Derbes Material, große Haken, dicke Ruten und Rollen, riesige Flussmonster und dann diese feinen Glöckchen, die beim Biss doch heftig zu scheppern beginnen können. Das erste Läuten war nur ein Anfasser, aber am nächsten Morgen klingelte die kurze Rute stromab und der erste kleine Wels mit 1,20 Meter lag im Boot.

Von den kurzen Ruten hatte ich mir auch wenig Komplikationen erwartet. Viel zu routiniert und gelassen wirkte das Vorgehen selbst bei den Distanzfallen, als dass ich die kurzen Ruten nicht als selbstverständlich funktionierend angenommen hätte. Aber was passiert, wenn mitten in der Nacht eine der Glocken an den weit entfernt ausgelegten Ruten klingelt? Aus dem Schlaf gerissen, voller Adrenalin ins Boot poltern, immer die Spannung halten, die Schnur aus den Bäumen zerren, aussteigen, einsteigen, zweimal, um schlussendlich den eigentlichen Drill zu beginnen. Eine absurde Vorstellung, die mir eine leicht ehrfürchtige Vorfreude bereitete.

DER REIZ DES ANGELNS: FANGEN AUF ANDEREN WEGEN

In der kommenden Nacht blieb es leider ruhig und so wuchs die Anspannung weiter an. Eine Nacht später war es dann endlich so weit, und es schlug gleich zweimal in die am weitesten entfernte Rute stromab ein. In der beschriebenen Hektik und dennoch kontrolliert durchliefen wir die einstudierte Prozedur. Sowohl Lars als auch ich landeten jeweils einen schönen Fisch. Den größeren von ihnen mit 1,50 Meter konnte ich ins Boot hieven, aber die Punkte für diesen Wels übergebe ich wohlwollend an meinen Hindernis-Experten Lars. Es ist zwar kein 2,50-Meter-Ebro-Fisch, aber auch hier ist jeder Zentimeter hart erarbeitet – sowohl auf diesem Trip, als auch in den unzähligen harten Lehrstunden auf dem Weg zu diesem Erfolgskonzept.

Am Morgen fing Lars noch einen weiteren, letzten Fisch mit der Distanzrute stromauf. Vier Welse in drei Nächten an einem kleinen verwilderten, enorm anspruchsvollen Fluss – für mich ein ausgezeichnetes Ergebnis und ein einschneidendes Erlebnis. Der Reiz des Angelns muss nicht zwangsläufig bedeuten, mit gewohnten Techniken dicke Fische abzugreifen. Ich finde es reizvoll, beim Schmieden von Plänen und Strategien abwegige Herangehensweisen zu entdecken. Der Fisch, der auf diese Weise überlistet wird, fühlt sich für mich wie die größte Belohnung an – unabhängig von der tatsächlichen Größe. Er zeigt mir, dass ich ein Gewässer verstehe, das nötige Handwerkszeug beherrsche und ein Konzept entwickeln kann, um die Schatztruhe zu öffnen. Für mich ist Angeln das Abenteuer der Entdeckung. Ich wünsche Ihnen genauso viel Freude, wenn Sie Ihr Glück einmal auf ähnliche Weise versuchen.