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„Du musst versessen sein!“


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St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 14.03.2022

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Felix Etzel in Idealmanier, Bundestrainer Peter Thomsen im Sattel von Vize-Bundeschampionesse Geniale (re.) ? Trainingsszenen aus Lindewitt.

ZUR PERSON

Peter Thomsen

Jahrgang 1961, geboren in Flensburg, lebt mit seiner Frau Kirsten, einer promovierten Tierärztin, und den Töchtern Kaya und Annie auf dem elterlichen Hof in Lindewitt kurz vor der dänischen Grenze. Von 1993 bis 2014 hat er mit fünf verschiedenen, selbst ausgebildeten Pferden an drei Olympischen Spielen, vier Welt-und sieben Europameisterschaften teilgenommen und gewann vier Medaillen, war unter den Top 20 in Badminton und Burghley. Seit 2022 ist er Bundestrainer der deutschen Vielseitigkeitsreiter.

Da steht ein Pferd auf dem Flur, genauer auf der Auffahrt. Der Braune grast.

„Ist entweder von der Koppel abgehauen, oder die Boxentür war nicht zu.“ Unaufgeregter als Peter Thomsen kann man mit einem freilaufenden Sportpferd wohl nicht umgehen. Die Ruhe ist begründet, bei dem Bewegungsmanagement der Pferde des Thomsen Teams kommt keines auf die Idee, im Galopp ins nächste Dorf zu ...

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... rennen – weniger weil die nächste Siedlung weit weg ist, als vielmehr weil die Pferde drei-, „eher viermal“, am Tag aus ihren Boxen kommen.

Nordisch by nature

Zur dänischen Grenze könnte man reiten von dem kleinen Hof in Lindewitt, den schon Peter Thomsens Eltern bewirtschaftet haben. Einst „15 Kühe, 15 Schweine, Hühner, ein Pony, ein Pferd“, heute ein Pferdebetrieb. Ein Stall, dem man ansieht, dass er allmählich gewachsen ist. Hier drei Boxen, da ein Paddock. In der grünen Wellblech-Reithalle, Maße 30 mal 20 Meter, haben Mannschafts-Olympiasieger, Welt-und Europameister ihre Karriere begonnen.

Peter Thomsen atmet tief ein, der Wind weht durch die grau werdenden Haare. „Ich wusste gar nicht, wie groß Deutschland ist, das ist zumeist der erste Spruch.“ Thomsen nimmt vorweg, was man denkt, wenn man den schmalen Asphaltweg, gesäumt von Bäumen, hinter sich hat und auf dem Hof angekommen ist. „Logistisch ist das hier ’ne Katastrophe. Aber es ist Heimat.“

Logistik ist Thomsens Thema, nicht nur weil er früher bei DHL in diesem Bereich tätig war. Der Standort, „40 Minuten zur Ostsee, 45 zur Nordsee“, zwingt zur Planung. „Wir müssen mit dem LKW um halb vier los und um sechs durch den Tunnel sein. Sind wir um viertel nach sechs am Tunnel, dauert die Reise nach Strzegom oder Marbach gleich mal zwei Stunden länger.“ Der Elbtunnel, das Nadelöhr auf der A7. Fünfeinhalb Stunden sind es nach Warendorf, Minimum. Dort wird der neue Bundestrainer jetzt öfter sein.

Für Thomsen, Jahrgang 1961, der 1993 in Achselschwang seine erste Europameisterschaft ritt – Platz fünf mit der Trakehner Stute White Girl – hat sich einiges geändert, seitdem er im November 2021 im italienischen Pratoni del Vivaro seine letzte internationale Vielseitigkeitsprüfung geritten ist. Ausgerechnet in Pratoni, Austragungsort der Weltmeisterschaften in diesem Jahr, Thomsens Feuertaufe als Trainer. Schon beim Abgehen des Geländes habe er sich einen Sprung ganz genau angesehen, „das könnte der letzte sein“. Wobei Thomsen nicht ausschließt, doch noch mal die weiße Reithose herauszuholen. „Sollte einer meiner Bereiter mal ausfallen und es steht eine Geländepferdeprüfung an, wenn die mich dann brauchen …“ Thomsens Ehefrau Kirsten lacht. Die promovierte Tierärztin kann sich „Piet“ ganz ohne Reiten nicht vorstellen. „Seine sechs Pferde am Tag wird er wohl nicht mehr schaffen“, sagt die Mutter zweier Töchter, die den Stall managt, für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und selbst auch international Vielseitigkeit geritten ist. Ihr Rentner Master Boy steht eingemummelt auf einer der Weiden, die den kleinen Hof umgeben. Sturmböen blasen über seinen plüschigen Kopf. 25 Jahre alt ist der Dunkelbraune, wird noch täglich von einem Mädchen bewegt, „Seniorenpflege XXL“.

Das Thomsen Team um Bereiter Jan Mathias kümmert sich um etwa 40 Pferde. Beim Nachbarn gegenüber stehen viele davon. Jeder Mitarbeiter betreut vier bis fünf Pferde, „werthaltig“ nennt Thomsen das. Das koste Geld, aber zahle sich aus. Oftmals kämen schwierige Pferde, die nicht zu reiten seien, weil sie nicht losgelassen sind.

Nach vier Wochen Thomsen-Management, „laufen die nicht mehr weg“.

Eine goldene Regel gibt es auf dem Hof: keine Emotionen auf dem Pferd! „Zorn hat nichts auf dem Pferd verloren. Da kann jeder Pfleger auch mich vom Pferd holen“, betont der Bundestrainer.

Nackte Tatsachen

Peter Thomsens Sportkarriere ist vorbei. Spätestens „als die Mädels meine Sachen aus dem LKW geräumt haben“, wurde ihm das vor Augen geführt. Nun fährt der blaue Truck des „Thomsen Team“ mit Kaya Thomsens Pferden an Bord in die Welt. Die ältere der beiden Töchter ist Mannschaftseuropameisterin und gewann mit Da bin ich C Einzelbronze 2021. Jetzt steht das Abitur an, dann die Junge Reiter- Zeit. Vater Peter wird nicht immer dabei sein können. Das hat er mit der Familie abgestimmt, als Hans Melzer ihn nach Sport und Saunagang überraschend gefragt hat, ob er sich den Job als Bundestrainer vorstellen könne. Die Familie gab grünes Licht, auch wenn eigentlich geplant war, künftig mehr zu Hause zu sein. „Für die nächste Generation hat das auch Vorteile, wenn der Alte da nicht immer rumrennt“, findet Thomsen. Wobei er zugibt: „Loslassen ist unheimlich schwer.“

Was sich ändert? Den Pferdehandel, ein finanzielles Standbein der Familie, wird Thomsen als Bundestrainer drastisch reduzieren, nur noch für Tochter Kaya, „Compliance“-Gründe. Das Trainerdasein hat viele Gesichter, nicht alle haben mit Coffin, Wasser, Distanzen und neuerdings MIMs zu tun: „Veranstalter, Sichtungen, Planung, die FEI, Sicherheit …“ Letztendlich aber geht es um Medaillen. Das ist die harte Währung, je nach Ausbeute teilt das Bundesinnenministerium dem Reitsport Gelder zu. Team-oder Einzelgold? Egal, Hauptsache Edelmetall. Thomsen denkt in Fünf-Jahresplänen, will die Spitze breiter aufstellen. Vor allem auch was vierbeinige Athleten anbelangt.

„Pferde finden und binden!”

Die Idee eines Owners Club von Prof. Dr. Dietrich Baumgart möchte Peter Thomsen unterstützen und vierbeinige Talente für den deutschen Sport sichern.

„Pferde, die jetzt fünf-sechsjährig sind, sind die für L.A.“, spricht der Pragmatiker, Olympia im Hinterkopf. Er möchte einen Owners Club gründen, Züchter oder Pferdebesitzer mit passendem Reiter zusammenbringen. Junge Pferde made in Germany sind begehrt. „Da ist ein Pferd erfolgreich und plötzlich ’ne halbe Million wert. Der kleine Mann fragt sich dann, soll ich meiner Tochter ein Häuschen kaufen oder Spaß haben?“

Aktuell sind die Briten unter Trainer Chris Bartle das Maß der Dinge, Mannschafts-Olympiasieger, bei den Europameisterschaften alle Medaillen – ein dickes Brett. „Der Engländer kauft gern in Deutschland“, gibt Thomsen den Kicker, „Bayern München kauft bei Dortmund – du bekommst einen Superspieler und schwächst den Gegner.“

Dem will er Einhalt gebieten.

Chris Bartles falsche Rechnung

Chris Bartle ist Teil der DNA jener Generation, die 16 Jahre unter ihm erfolgreich war, Goldmedaillen einheimste, kaum zu schlagen war. Er hat den Deutschen beigebracht, dass nicht Kontrolle bis zum letzten Zentimeter wichtig ist. „Der Reiter bestimmt die Linie, das Pferd den Absprung.“ Für einen Deutschen sei das nicht einfach gewesen. Er selbst habe fünf Jahre gebraucht, aber gelernt, dass etwas nicht stimmt, wenn die reiterliche Einwirkung beim letzten Galoppsprung vorm Absprung so ist, dass das Ohr nach hinten kommt.

„Dann ist etwas falsch.“ Allerdings weiß Thomsen auch aus eigener Erfahrung:

„Bei diesen Badminton-Klamotten die Zügel auf den Hals und dann – er schnalzt – ,mach mal‘. Da musst du doch auch ’n A … in der Hose haben.“ Gut, dass die Klimkes, Jungs, Krajewskis , Auffarths und Co. den Bartle’schen Leitsatz kennen: „Der nächste Sprung ist immer der schwierigste.“ Bartle hat sie alle geprägt. Das, so Thomsen, habe man sogar den Briten voraus. „Du kannst nicht mehr Chris haben als wir! 16 Jahre, das haben nicht einmal die Engländer.“ Und Nachwuchs ist auch da.

Josephine Schnaufer reitet im April in Kentucky, Christoph Wahler in Badminton. Das sind nur zwei Namen. Thomsen darf als leitender Bundestrainer dem Vielseitigkeitsausschuss Vorschläge der deutschen Championatsreiter machen.

Er muss aber auch den Reservisten mitteilen, dass sie leider nicht dabei sein können – der unangenehmere Teil des Jobs. „Ich war ja häufig selbst erste Reserve, ich kenne das.“

Überbringer der Botschaft

Klare Kommunikation helfe, so Thomsen. „Du darfst das nicht am Telefon machen, du musst das persönlich machen, ausdiskutieren, Zeit haben, Fragen beantworten.“ Soweit die Theorie. „Trotzdem geht der Sportler meist mit dem Gefühl, der mag mich nicht.“

Aber das habe auch seinen Vorteil.

Ohne Leidenschaft geht es nicht. „Der Spitzensportler muss übers Ziel hinauswollen und du musst ihn als Trai ner ausbremsen. Er muss versessen sein.“

Thomsen hat als Bundestrainer schon 95 Prozent aller Kaderreiter zuhause besucht. Anne-Kathrin Pohlmeier ist neu für Dressurbelange. Im Springen hingegen steht Marcus Döhring nur noch eingeschränkt zur Verfügung.

Austausch, das System der Heimtrainer kennenlernen, das sind Dinge, die Thomsen wichtig sind. Sein Ziel: „das erfolgreiche Team noch erfolgreicher machen“.

„Chris hat einen Fehler gemacht, der hat mich ausgebildet, da hat er nicht dran gedacht”.

Peter Thomsen über Chris Bartle, heute Trainer der britischen Vielseitigkeitsreiter

Für das Geländetraining wurde der Franzose Rodolphe Scherer als „ausländische Befruchtung“ engagiert. Trainer aus England seien das Wunsch szenario gewesen, aber von dort hagelte es Absagen. Dr. Annette Wyrwoll brachte Scherer ins Spiel. „Beim Anruf hat er nach drei Minuten gesagt, wenn ich Deutschland trainieren darf, werde ich dem alles unterordnen.“ Scherer, der Badminton und Burghley kennt, Jahre bei Andrew Nicholson geritten ist und mit der französischen Equipe Vize-Weltmeister 2002 in Jerez wurde, sprach „nicht von Geld“, sondern von „Ehre“, von einer „einmaligen Chance“. Thomsen verspricht sich Insides in französischen Aufbau, noch zweieinhalb Jahre bis Olympia in Paris. „Wir werden mehr Turniere in Frankreich reiten als sonst.“ Der Franzose Scherer sei nicht nur ein positiver Mensch, sondern vielleicht auch etwas weniger wortkarg, als er selbst. „Ich bin ja eher norddeutsch, nicht so eine Spaßbombe.“ Auf das erste Training habe es gutes Feedback seitens der Reiter gegeben.

Training zuhause findet auf der Geländestrecke statt, die einst ein frühpensionierter Oberst konzipiert hat, zehn Schrittminuten von Thomsens Hof entfernt. Das fand der kleine Peter – „zu reiten habe ich mit sechs begonnen, Dressur mit Mitte 20, das gab es bei uns nicht“ – schon spannend. Und als er live bei der Weltmeisterschaft 1982 in Luhmühlen war, „40.000 Menschen, und dann dieser Teich“, war es um ihn geschehen. „Das war, was ich wollte Action, Geschwindigkeit, Abenteuer.“

Jährlich findet ein großes Turnier in Lindewitt statt, bis zu 300 Pferde gehen über die Strecke. Gerade trainiert Felix Etzel aus der Perspektivgruppe hier mit dem Bundestrainer, mit sechs Pferden ist er gen Norden gekommen. Auch Thomsens Tochter Kaya ist dabei. Sie brennt für den Sport, ihre Schwester Annie hat andere Schwerpunkte.

Eines der Pferde, das Mannschaftseuropameisterin Kaya den Einstieg in den Spitzensport geebnet hat, steht auf der Koppel und kaut Gras: Barny, Peters Mannschafts-Olympiasieger und Sechster der WM 2014. Der Holsteiner v.

Barnaul xx ist 20, topfit und Lehrmeister für zwei 13-jährige Mädchen, die ihn erfolgreich in E-und A-Springen reiten. Ihre Mutter war Peters Pflegerin, unter anderem in Atlanta bei den Olympischen Spielen 1996.

Barny, Cayenne, White Girl und The Ghost of Hamish, „Mickey“, sind Thomsens erfolgreichste Pferde gewesen. Ein Lieblingspferd hat er nicht, aber ganz besondere Erin nerungen. Etwa an Mickey, den Vollblüter aus Neuseeland, „mein bestes Geländepferd“. Trotz steinhartem Boden in Badminton gab Chris Bartle die Devise aus: „Mit dem Pferd musst du die Zeit halten.“ Thomsen sagt, er sei nie der schnellste Reiter gewesen, „und dann ist bei Minute 5 oder 6 die Uhr stehen geblieben. Ich bin in meinem Leben noch nie so schnell geritten“. Im Ziel war er 20 Sekunden unter der Bestzeit – wohlbemerkt in Badminton, der schwierigsten Prüfung der Welt.

Thomsen wünscht sich, dass der Vielseitigkeitssport „noch sicherer, noch pferdefreundlicher wird. Er muss gesellschaftsfähig bleiben. Es muss dem Pferd Spaß machen.“ Dann und mit den Medaillen, die von ihm erwartet werden, wird es sicher Momente geben, in dem auch „Piet“ kurzfristig zur Spaßbombe mutiert.

Autor

Jan Tönjes

Mit Peter Thomsen über Vielseitigkeit zu sprechen, ist immer ein Gewinn. Seine Ideen, wie sich der Sport weiterentwickeln kann, waren es wert, bei strömendem Regen und Sturmböen auf die Wolkenlücken fürs nächste Foto zu warten.