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Du und ich für immer


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 41/2022 vom 08.10.2022

Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

Es war ein seltsames Gefühl. Vertraut und neu zugleich. Zwar hatte sich gar nicht so viel verändert, seit er hier weggegangen war, doch die Wege und Plätze erschienen ihm heute fremd und anders. Kleiner auch. Das Gebäude seiner Grundschule bei Weitem nicht so imposant, wie er es als Sechsjähriger empfunden hatte. Auch das Schwimmbad, der Waldspielplatz, selbst das Gymnasium waren in seiner Erinnerung mächtiger und größer. Nur in der Innenstadt herrschte jetzt mehr Betrieb, und das alte Kino war einem neonbeleuchteten Filmpalast gewichen.

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Es war einer dieser Zufälle gewesen, die das Leben manchmal aus dem Ärmel schüttelt. Auf einer Messe, bei der es um innovative Lösungen in der Zukunft des Wohnens ging, kam Henning mit einem anderen Besucher ins Gespräch.

Kai und er waren im gleichen Berufsfeld unterwegs: Digitalisierung praktisch nutzbar zu machen.

Henning hatte ...

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... in den letzten Jahren in verschiedenen großen Unternehmen an dieser Aufgabe gearbeitet, während Kai sich auf den privaten Bereich konzentrierte, um das alltägliche Leben mit intelligenter Technik zu erleichtern. Dann stellten sie fest, dass sie aus derselben Stadt stammten, wo Kai immer noch lebte. All dies gab ausreichend Gesprächsstoff für einen langen Abend, den sie bei ein paar Bier gemütlich verquatschten und hochfliegende Ideen austauschten.

Der Anruf kam keine drei Wochen später. Kai ließ der Gedanke nicht los, ein Start-up zu gründen. Beratung und Koordination rund um den Einsatz digitaler Technik im Wohnbereich. So vielen, gerade älteren Menschen könnte man damit das Leben erleichtern!

Er geriet richtig ins Schwärmen, und kam dann rasch auf den Punkt. Ob Henning mit einsteigen wollte? Er habe bereits einen Businessplan ausgearbeitet. Und sogar schon die idealen Räumlichkeiten gefunden, in diesem neu gegründeten Technologiezentrum, das schnell zur ersten Adresse für kreative Innovation in der Stadt geworden war.

Henning hatte eine Nacht überlegt. Am nächsten Tag war er ins Auto gestiegen und hingefahren.

Er war ewig nicht in der alten Heimat gewesen. Seine Eltern lebten jetzt im Taunus, die alten Kontakte waren lange eingeschlafen. Nichts zog ihn also hierher zurück. Oder doch? Auf dieser ersten Tour ließ Henning die Eindrücke auf sich wirken und stellte seine Empfindungen auf den Prüfstand zwischen Kopf und Bauch.

Den Ausschlag für seine Entscheidung gab schließlich die berufliche Perspektive. Es fühlte sich richtig an, jetzt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Und Kai schien ihm der geeignete Partner dafür. Ein bisschen visionär, dabei pragmatisch. Die Chemie zwischen ihnen stimmte auch. Also dann.

Ihre Anfangszeit war beherrscht von einer energiegeladenen Aufbruchsstimmung, die sich auch bei vielen anderen der Mieter in dem Bürokomplex fand. Kai hatte nicht übertrieben, was ihren Standort anging. Ein modernes Gebäude in zentraler Lage, zumeist junge Unternehmen wie das ihre, viel Pioniergeist und frischer Wind. Das wirkte beflügelnd, so dass sie oft bis spät abends zusammensaßen und neue Projekte entwickelten.

Öfter kam Henning auch samstags ins Büro. Nicht als einziger, wie sich zeigte, auch hinter anderen Türen herrschte Betrieb.

Zudem war eine Putzkolonne im Gebäude unterwegs. Eine ältere Frau schien die Arbeiten zu koordinieren und lächelte ihm immer freundlich zu, wenn er vorbeilief. Henning lächelte zurück.

Einmal klopfte die Frau an seine Tür und fragte, ob es recht wäre, dass sie jetzt hier sauber machten.

Es tat gut zu hören: „Wie schön, dass du wieder da bist!“

Als er zustimmte, schickte sie zwei Mitarbeiterinnen, die flink saugten und wischten. Danach erschien die Chefin wieder und nickte ihm zu. „Wir sind dann fertig. Ein schönes Wochenende noch.“

„Danke. Das wünsche ich Ihnen gleichfalls“, erwiderte Henning.

Plötzlich trat ein merkwürdiger Ausdruck auf das Gesicht der Frau. „Sie erkennen mich wohl nicht mehr, stimmt’s?“, fragte sie.

Henning sah sie überrascht an. „Nein“, sagte er langsam. „Nicht wirklich. Helfen Sie mir?“

„Du warst früher oft bei uns“, sagte sie schmunzelnd. „Ihr hattet ein Versteck in der Hecke. Ich musste Kekse und Limo irgendwo abstellen, die ihr euch dann geholt habt. Ich bin Peters Mutter.“

Eine vage Erinnerung stieg in Henning hoch, schließlich das Bild eines blonden Jungen. Sie waren noch in der Grundschule damals. Dann lächelte er. „Frau Schobert. Natürlich. Wie geht es Peter?“

„Gut, danke. Er ist Vermessungstechniker geworden und lebt mit seiner Familie in Offenbach.“

„Fein. Grüßen Sie ihn bitte von mir“, meinte Henning.

Sie nickte. „Ja. Das mache ich gerne.“ Damit zog sie sich zurück. An der Tür hielt sie kurz inne und lächelte ihm noch einmal zu. „Schön, dass du wieder da bist.“

Henning saß noch einen Moment und spürte dieser Empfindung nach, die ihn unversehens gepackt hatte. Etwas wie Nostalgie. Er war ohne Bedauern von hier fortgegangen. Hatte nicht zurückgeblickt, nichts vermisst, all die Jahre. Trotzdem berührte es ihn warm, von jemandem zu hören, es sei schön, dass er wieder da war.

Dieses Gefühl wirkte noch nach, als er eine Stunde später Schluss machte. Henning trat aus dem Gebäude und blieb unschlüssig stehen. Allein zu Hause zu sitzen erschien ihm wenig verlockend. So stieg er in seinen Wagen und kurvte ziellos durch die Straßen.

Das Haus, in dem er aufgewachsen war, hatte einen neuen Anstrich bekommen. Die Straße war jetzt verkehrsberuhigt, die Bushaltestelle neu. Hier, der Park. Als Jungs hatten sie auf der Wiese Fußball gespielt. Später, als Teenager, zwischen den Büschen heimlich das erste Bier getrunken. Oder sich mit Mädchen getroffen …

An dieser Stelle blendete Henning die Erinnerung aus. Er war ein Spätzünder gewesen. Die Liebeleien seiner Kumpels waren damals an ihm vorbeigegangen. Er fuhr noch seinen Schulweg ab bis zu seinem Gymnasium. Damit beließ er den Abstecher in die Vergangenheit, landete schließlich in einer Pizzeria in der Nähe des Bahnhofs und fuhr dann nach Hause.

Es hatte sich so ergeben, dass seine Wohnung am anderen Ende der Stadt lag. Und das war auch gut so. Er wollte immer lieber nach vorne als zurückgehen. Sich jetzt auch noch im gleichen Viertel niederzulassen wie damals wäre ihm doch ziemlich gestrig erschienen.

Schön, dass du wieder da bist. Die Worte spukten plötzlich durch seinen Kopf. Sie hatten sich gut angefühlt. Warum auch nicht? Es war doch schön, ein paar Leute am Ort zu kennen. Und so beschloss Henning, bei Gelegenheit einmal alte Kontakte aufzufrischen.

Im vollgepackten Tagesgeschäft ging dieser Vorsatz allerdings erst einmal unter. Henning verbrachte seine Tage im Büro oder bei Kundenterminen und blieb abends oft länger, um die Aufträge zu bearbeiten. Kai hatte Familie. Er nicht. Da konnte er genauso gut hier sitzen.

Eines Abends, nach einem langen Tag und mit dem Kopf noch halb bei seinem letzten Projekt, lief Henning durch die Stadt in Richtung City. Er hatte inzwischen ein paar Lieblingslokale, darunter diesen Asiaten, der sowohl Sushi als auch frisch zubereitete mongolische Spezialitäten anbot.

Als er am Kinocenter vorbeikam, ging sein Blick beiläufig durch die großen Glasscheiben ins Foyer mit dem Kassenbereich – und blieb an einem Gesicht hängen, das unvermutet einen ganzen Schwall lang verschütteter Empfindungen über ihm ausgoss.

Das unerwartete Wiedersehen wühlte Henning heftig auf

Henning hielt inne, blieb dann stehen, mit klopfendem Herzen und seltsam weichen Knien, und starrte wie verzaubert nach drinnen. 20 Jahre schienen wie weggewischt in diesem Moment, die Welt schmolz zusammen auf das Chaos in seiner Brust und die Frau hinter der Glasscheibe.

Sie war es, ohne jeden Zweifel. Die Augen hätte er unter Tausenden erkannt, das Lächeln berührte ihn wie kein zweites. Lara. Sie stand da mit einer anderen Frau, lebhaft plaudernd, lachend, ein Bild wie aus einem Traum.

Plötzlich drehte sie den Kopf und sah direkt zu ihm hin, einen kurzen Moment, in dem die Welt einen Rückwärtssalto schlug und Henning fast zu atmen vergaß. Dann ging ihr Blick weiter, durch ihn hindurch, zurück zu ihrer Freundin, ihrem Gespräch, ihrem Leben. Sie hatte ihn nicht erkannt, vielleicht nicht einmal wahrgenommen. Genau wie damals.

Später saß Henning an einem Tisch bei dem Asiaten und schob sich gedankenlos sein Essen in den Mund. Irgendwann stieg er vor seinem Haus aus dem Wagen, ohne die Strecke bewusst gefahren zu sein, und saß dann lange im dunklen Wohnzimmer auf dem Sofa, wo er blicklos die Wand anstarrte.

Immer noch brandeten in seinem Inneren Emotionen von verstörender Intensität hoch. Wie eine Zeitmaschine hatte ihn die Begegnung vorhin zurück katapultiert in diese Phase in seinem Leben, als er sich der Wucht nie gekannter Gefühle plötzlich hilflos ausgeliefert sah.

Er war 15, schmal und hochaufgeschossen, mit Pickeln und Zahnspange im ständigen Ringen um Selbstbewusstsein, als es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf.

Lara war 17, reif und selbstbewusst schon damals, dazu wunderschön – und unerreichbar für ihn. Zwei Jahre bedeuteten in diesem Alter ein Unterschied von Welten.

Und während seine Kumpels erste Erfahrungen mit Mädchen machten, war er gefangen in der Spirale seiner Fantasie. Jeden Tag trieb er sich vor ihrem Klassenzimmer herum, suchte in den Pausen ihre Nähe, doch was immer er anstellte, um von ihr beachtet zu werden, brachte ihm kaum mehr als einen flüchtigen Blick ein. Dabei stand sein Herz lichterloh in Flammen, und jede Nacht im Traum hielt er sie im Arm und explodierte fast vor Leidenschaft …

Ein Geräusch vor seinem Fenster riss Henning aus seiner Starre. Ein hohes Jaulen. Klang nach einem liebestollen Kater. Er stand auf, und trat ans Fenster. Er hätte auch am liebsten gejault damals, seiner Qual Luft gemacht, und durfte sich doch nicht die Blöße geben, seine Gefühle zu verraten. So verrannen zwei Schuljahre, in denen er nach außen hin zwar funktionierte und in seinem Inneren jedoch kein Stein auf dem anderen blieb.

Als sie die Schule beendete, verlor er sie aus den Augen. Sie aus seinem Herzen zu löschen dauerte länger. Erst kurz vor dem Abitur war er soweit, sich auf ein anderes Mädchen einzulassen. Später gab es Flirts, kurze Episoden, nichts Ernsthaftes. Irgendwie blieben alle Beziehungen oberflächlich. Vielleicht, weil keine Frau mehr diese Gefühle in ihm ausgelöst hatte.

Lange bevor am nächsten Morgen der Wecker klingelte, erwachte Henning aus einem wunderbaren Traum. Noch tief bewegt versuchte er sich an die Bilder zu erinnern, doch sie ließen sich nicht greifen, lösten sich auf wie Nebel in der Sonne. Was blieb, war nur dieses Gefühl eines tiefen, friedlichen Glückes. Und Laras Gesicht, ihr Lächeln, in dem stand, dass jetzt alles gut werden würde.

Lara. Mit einem Schlag war Henning wach, sah wieder ihr Bild vor sich, ihr Lachen gestern hinter der Glasscheibe. Sie war also noch in der Stadt. Und im nächsten Moment saß er am Rechner und gab ihren Namen in die Suchmaschine ein. Wenig später im Büro ging er die Termine des Tages durch. Bis zwölf waren einige Telefonate vorgemerkt. Danach war es ruhiger.

„Ich muss nachher mal weg“, sagte er zu Kai, der nur zerstreut nickte, während Hennings Gedanken schon weit vorausflogen.

Er hatte sie sofort gefunden. Lara war Fotografin und betrieb ein Studio hier in der Stadt. Hochzeiten, Porträts, Prospekte, Werbung, ihr Angebot war breit gefächert. Er würde also Fotos machen lassen. Und dann sehen, was passierte.

Henning rang mit seiner Entäuschung: Sie war es nicht!

Der Laden lag zentral, in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Großformatige Bilder in den Schaufenstern zeigten glücklich lachende Hochzeitspaare, Kinderportraits, ein wonniges Baby.

Henning wusste nicht, was er sagen wollte. Irgendwie war sein Kopf leer. Aber vom Herumstehen würde es auch nicht besser. So drückte er die Tür auf und trat ein. Ein leises Glockenspiel über dem Eingang kündigte den Besucher an. Gleich darauf trat eine junge Frau aus dem Nebenraum und lächelte ihm entgegen. „Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

Henning rang hart mit seiner Enttäuschung. Sie war es nicht! „Guten Tag. Ich möchte … Fotos machen lassen“, brachte er hervor.

„Sehr gerne. Passbilder? Oder Fotos für eine Bewerbung?“ „Ja, Bewerbung“, murmelte er. Und in diesem Moment erklang aus dem Hintergrund eine andere Stimme. „Schon gut, Melli. Mach du hier im Labor weiter. Ich kümmere mich um den Kunden.“

Henning riss den Kopf hoch. Da stand sie vor ihm, noch umwerfender als damals. Aus dem schönen Mädchen war eine faszinierende Frau geworden. Er starrte sie nur an, brachte kein Wort hervor.

Lara lächelte ihm zu. „Kommen Sie doch mit ins Studio. Dann können wir die Posen besprechen.“

Sie ging voran in den hinteren Teil des Ladens. Henning folgte ihr, wobei sein Blick wie gebannt ihr Bild in sich aufnahm. Die schmale Silhouette, das glänzende Haar, die langen Beine. Er hatte sie einmal im Schwimmbad beobachtet, die perlenden Wassertropfen auf ihrem perfekten Körper, eine Steilvorlage für seine Fantasie … „Was stellen Sie sich denn vor?“ Wenn sie wüsste! Henning blinzelte. Dann brachte er ein Lächeln zustande. „Sie machen das schon.“

Sie nickte. Dann wies sie auf den Hocker, einziges Möbelstück in dem kleinen Raum, in dem sie sich befanden. Henning nahm Platz und sah zu, wie Lara Scheinwerfer und Lichtschirme um ihn herum arrangierte, einen Hintergrund auswählte, die Beleuchtung ausrichtete. Dabei sprach sie über die Wirkung von Ausdruck, Blick und Lächeln.

Welche Wirkung ihr Ausdruck und ihr Blick auf ihn hatten, konnte sie nicht einmal ahnen. Er saß andächtig, befolgte jede ihrer Anweisungen, und viel zu schnell war die Sitzung vorüber. Lara lud die Bilder gleich auf ihren Rechner hoch, so dass sie das Ergebnis sofort auf dem Monitor betrachten konnten. Sie prüfte jede Aufnahme konzentriert, schlug hier und da eine Bearbeitung vor, während Henning die Fotos nur flüchtig ansah. „Was meinen Sie?“, fragte Lara, als er immer noch schwieg.

„Du erkennst mich nicht, stimmt’s?“, fragte Henning zurück.

Sie sah ihn überrascht an. „Nein. Kennen wir uns denn?“

Er ließ ihr einen Moment Zeit, sah sie an und funkte dabei stumm seine Gefühle und Erinnerungen, doch ihr Blick blieb fragend. „Wir waren zusammen auf der Schule“, erklärte er schließlich. „Ich war zwei Klassen unter dir, man hat sich mal in den Pausen gesehen. Ich bin Henning“, fügte er hinzu.

Ganz langsam zeigte sich etwas wie Erkennen auf ihrem Gesicht. „Ach“, machte sie. „Ja. Henning. Du hast doch meiner kleinen Cousine Nachhilfe gegeben.“

„Dir konnte ich ja nichts mehr beibringen“, platzte er heraus.

Sie sah ihn irgendwie seltsam an, lachte dann. „Klar. Was treibst du so? Bist du Lehrer geworden?“

„Nein. Ich mache … nun, sagen wir, smartes Wohnen. Und ich bin seit Kurzem wieder in der Stadt.“

„Aha. Na, vielleicht sieht man sich ja mal. Was ist jetzt wegen der Fotos, welche möchtest du?“

Mit einem Satz Bildern und einem Chaos von Gefühlen im Bauch stand er wenig später wieder auf der Straße. Irgendwie war er unzufrieden. Gut, sie hatte sich immerhin an ihn erinnert. Aber insgeheim hatte er mehr erwartet.

Laras Fotos waren gut – doch hatte sie dabei ihn gesehen?

Bloß was? Diese Frage pflanzte sich hartnäckig in seinen Kopf und begleitete ihn durch den Rest des Tages. An Feierabend schließlich ließ sie sich nicht länger ignorieren. Ja, was hatte er erwartet?

Zu Hause pinnte Henning ein paar der Fotos an den Kühlschrank und setzte sich nachdenklich davor. Sie waren wirklich gut geraten. Lara hatte einen präzisen Blick für die Vorzüge eines Gesichtes. Doch hatte sie wirklich ihn gesehen?

Darüber grübelte er, während er der Pizza beim Backen zusah. Nun, er hatte sich erst danach zu erkennen gegeben. Doch auch dann hatte er nicht das Gefühl, er wäre mehr als ein x-beliebiger Kunde.

War er das denn? Wohl kaum. Diese ernüchternde Erkenntnis legte sich schwer auf seine Brust. So wie er damals nur ein x-beliebiger Mitschüler gewesen war. Dabei hätte er alles für sie getan! Noch heute noch zerriss es ihn fast, wenn er dieses Gefühl rekapitulierte.

Die Pizza war längst kalt geworden, als Henning den halbvollen Teller von sich schob. Ein Gedanke vor allem war ihm auf den Magen geschlagen, den er lange Jahre erfolgreich verdrängt hatte, der aber nun wie ein Leuchtturm vor ihm aufragte: Dass diese unerfüllte erste Liebe ihn nie losgelassen hatte. Vielleicht hatte sie sein Leben sogar stärker bestimmt, als er sich eingestehen mochte. Diese Rastlosigkeit. Der Drang, sich beweisen zu müssen. Hatte er damit die Anerkennung gesucht, die er von Lara nie bekommen hatte?

In dieser Nacht träumte er wieder von ihr. Und am Morgen wusste er, was er zu tun hatte. Die Vergangenheit endlich hinter sich lassen nämlich. Sein Besuch im Fotostudio war von der gleichen alten Unsicherheit geprägt gewesen, die er in ihrer Gegenwart immer empfunden hatte. Doch er war kein pickeliger Teenager mehr.

Er war ein erwachsener Mann, souverän und erfolgreich. Als solcher würde er ihr gegenübertreten. Er müsste nur noch eine gute Gelegenheit dafür finden.

Die kam schneller als erwartet. Als Kai nämlich laut darüber nachdachte, einen Flyer zu erstellen. Kompakte Information, dazu ein paar professionelle Bilder …

Henning musste sofort an Lara denken. So erklärte er Kai, er wolle sich gern darum kümmern, und fuhr noch am selben Nachmittag wieder zu ihrem Fotostudio.

Diesmal stand sie selbst hinter dem Tresen, das Lächeln freundlich-zurückhaltend. Aber wenigstens erkannte sie ihn jetzt. „Hallo, Henning. Was kann ich für dich tun? Mehr Bewerbungsfotos?“

„Nein. Ich hätte einen größeren Auftrag“, erwiderte er. Dann beschrieb er in raschen Worten, wie er sich den Prospekt vorstellte.

Lara schien sehr interessiert. „Das kriegen wir auf jeden Fall hin“, versicherte sie, als ein Mann aus dem hinteren Raum dazu trat und Henning kurz zunickte.

Lara wandte sich ihm zu. „Ron? Wie sieht dein Terminkalender aus? Ich plane gerade ein Shooting vor Ort beim Kunden. Dann brauche ich dich hier im Laden.“

Ron warf ihr einen undefinierbaren Blick zu und hob dann vage die Schultern. „Sorry, ich hab die nächste Zeit wenig Luft. Plan mich mal lieber nicht ein.“ Damit schulterte er eine große Fototasche, nickte noch einmal in ihre Richtung und verließ den Laden.

Henning bemerkte einen unwilligen Zug um Laras Mund. Dann setzte sie wieder ein Lächeln auf. „Egal. Ich krieg das schon gelöst. Wann passt es denn bei dir?“

Sie fanden rasch einen Termin gleich am nächsten Tag und besprachen noch die Einzelheiten. Henning grinste zufrieden. „Schön, dass das so schnell klappt“, freute er sich. Dabei wanderte sein Blick kurz zur Tür nach draußen, wohin der Typ verschwunden war. War dieser Ron ein Angestellter? Oder vielleicht mehr? Henning wagte nicht zu fragen, auch wenn es ihm auf der Seele brannte.

Lara erschien pünktlich am nächsten Tag in ihren Büroräumen. Gemeinsam mit Kai besprachen sie die Motive, danach entstanden schon die ersten Bilder mit den beiden Männern am Schreibtisch oder vor der Präsentationswand.

Jetzt hatte Henning das Gefühl, aus den Schatten zu treten

Als Kai bald darauf zu einem Termin aufbrach, waren sie allein. Lara arbeitete mit ruhiger Konzentration, und Henning verfolgte gebannt jeden ihrer Handgriffe. Sie ließ sich das Konzept der Firma erklären und machte eine ganze Reihe von Aufnahmen. Dabei schien sie durchaus beeindruckt, was Kai und Henning in so kurzer Zeit auf die Füße gestellt hatten.

„Wir sollten noch ein paar Beispiele aus der Praxis aufnehmen“, schlug sie vor. „Wo eure Technik in der Anwendung zu sehen ist.“

Henning versprach, sich darum zu kümmern, und dabei beließen sie es für diesen Tag. Er war hoch zufrieden. Auch, weil er zum ersten Mal das Gefühl hatte, aus den Schatten zu treten, von ihr wirklich wahrgenommen zu werden.

Noch am selben Abend organisierte er einen Ortstermin bei einem ihrer Kunden, wo sie die komplette Haustechnik über intelligente Steuereinheiten geschaltet hatten. Und als er am nächsten Vormittag in der Stadt zu tun hatte, fuhr er kurzerhand am Fotoladen vorbei. Vielleicht traf er Lara an, und sie könnten gleich die nächsten Termine abstimmen!

Dass das nur ein Vorwand war, sie wiederzusehen, gestand er sich grinsend ein. Und wenn schon. Gestern war es so wunderbar gelaufen, da wollte er anknüpfen.

Der Laden war leer, als er eintrat. Aus dem Nebenraum aber drang gedämpft eine erregte Unterhaltung. Henning stand unschlüssig, als das Gespräch lauter wurde.

„Ich hab deine Eskapaden endgültig satt!“, vernahm er jetzt deutlich eine verärgerte Frauenstimme. „Am besten packst du deinen Krempel und verschwindest!“

Das war Lara! Henning riss den Kopf herum und starrte auf die angelehnte Tür. Hinter der jetzt ein merkwürdiges Geräusch hervordrang. War das ein Lachen?

Gleich darauf die Stimme eines Mannes. „Du schmeißt mich raus? Das träumst du aber nur.“

Der Tonfall klang unangenehm. Drohend fast. Dazu Schritte, irgendwas schleifte über den Boden. Hennings Herz schlug hart. Und ohne nachzudenken stieß er die Tür auf und trat in den Raum. „Alles in Ordnung?“, sagte er laut.

Zwei Köpfe ruckten in seine Richtung. Laras Wangen waren hektisch gerötet. Ron starrte ihn wild an. Dann kräuselte ein spöttisches Lächeln seine Lippen. „Hier ist privat. Sie haben sich in der Tür geirrt, Meister“, sagte er bissig.

„Und Sie haben sich im Ton vergriffen“, schoss Henning zurück.

In diesen Sekunden war die Anspannung in der Luft fast mit Händen zu greifen. Dann drehte Lara langsam den Kopf und wandte sich an Ron. „Ich glaube, wir haben alles besprochen.“,Sie sagte es fest, die Stimme spröde wie Glas.

Rons Augen blitzten wütend. Dann drehte er sich wortlos weg, schob sich mit einem letzten verächtlichen Blick an Henning vorbei und stapfte aus dem Laden.

Als die Tür hinter ins Schloss fiel, atmete Lara hörbar durch. Auch Henning musste sich einen Augenblick sammeln. „Was war das?“, fragte er dann vorsichtig.

Lara antwortete nicht gleich. Schließlich zwang sie sich ein schiefes Lächeln ab. „Der letzte Akt des Dramas“, murmelte sie halb zu sich selbst und starrte einen Moment versunken vor sich hin. Dann schüttelte sie den Kopf, wie um unliebsame Gedanken loszuwerden, und sah Henning ins Gesicht. „Na, egal. Gutes Timing jedenfalls von dir. Danke. Kann ich auch etwas für dich tun?“

Bei diesen letzten Worten rückte ihr Lächeln gerade, die Augen blicken wieder sanft. Und Henning hätte sie am liebsten in die Arme gezogen. Stattdessen nickte er und erwiderte ihr Lächeln. „Einen Termin für unser nächstes Shooting. Und vielleicht gehen wir mal irgendwo nett zum Essen?“

Das war ihm einfach so herausgerutscht. Aber warum auch nicht? Ihr Beisammensein gestern hatte etwas verändert. Er fühlte sich jetzt nicht mehr sprachlos und eingeschüchtert von so viel Perfektion, sondern irgendwo auf Augenhöhe. Vielleicht strahlte er das auch aus.

Lara lächelte wieder. „Aber ja. Das machen wir. Sobald dein Auftrag im Kasten ist. Einverstanden?“

Lara lächelte. „Das war Rons letztes Zeug“, sagte sie nur

Es wurden noch zwei Sitzungen, in denen großartige Bilder entstanden. Henning ließ es sich nicht nehmen, jedes Mal dabeizusein und sie zu beobachten. Laras Professionalität und ihre Ruhe beeindruckten ihn. Außerdem war sie bei der Arbeit so versunken, dass er sie ungeniert anstarren und jedes Detail in sich aufnehmen konnte.

Zur Endauswahl der Bilder trafen sie sich noch einmal in ihrem Laden. An einer Wand im hinteren Teil des Studios stand ein Schreibtisch, wo Lara sich vor den Rechner setzte. Sie hatte die besten Aufnahmen bearbeitet und klickte sich jetzt der Reihe nach durch.

Henning stand dicht hinter ihr und hatte Mühe, seine Aufmerksamkeit auf dem Bildschirm zu halten. Zu betörend war ihre Nähe und der Hauch ihres Duftes, der ihm fast die Sinne vernebelte.

Trotzdem schaffte er es irgendwie, die Bilder zu bestimmen, die in den Flyer sollten. Als sie endlich fertig waren, sah er sich im Raum um und fragte: „Hast du umgeräumt hier? Letztes Mal stand doch viel mehr Zeug herum.“

Lara lächelte schmal. „Das waren Rons Sachen“, sagte sie nur.

Henning kombinierte rasch. Er hatte nie nach Details gefragt. Ihren Andeutungen war jedoch zu entnehmen gewesen, dass die Verbindung mit Ron schon länger schwierig und unschön war. Wenn ihr Streit neulich der letzte Akt des Dramas gewesen war, wie sie es formuliert hatte, dann war nun offenbar der Schlussstrich gesetzt. Und ihr Herz wieder frei! Henning rang ein frohes Grinsen nieder.

„Okay“, meinte er bemüht leichthin. „Und wir sind hier auch erfolgreich durch. Wollen wir dann jetzt unser Essen ins Auge fassen?“

Er blinzelte ihr zu, und Lara nickte lächelnd. „Wollen wir.“

Sie entschieden sich nach einiger Überlegung für diesen schicken Italiener im City-Tower, wo einem die ganze Stadt zu Füßen lag, und reservierten auch gleich einen Tisch für den Abend. Dann stürzte Henning sich ganz bewusst in seine Arbeit, um die Zeit bis dahin so schnell wie möglich rumzubringen. Das Grinsen bekam er dabei allerdings nicht aus dem Gesicht.

Ein Abend mit Lara! Wie lange hatte er davon geträumt? Gefühlt seine ganze Jugend hindurch. Jetzt war es endlich so weit. Hatte auch nur 20 Jahre gedauert.

Sie bekamen einen Tisch am Fenster, und der Ausblick war tatsächlich noch eindrucksvoller als in seiner Erinnerung. Henning nahm das Bild tief in sich auf. „Ich hatte fast vergessen, wie schön es hier ist“, entfuhr es ihm.

Lara schmunzelte. „Ja. Du warst schließlich lange weg.“ „Stimmt. Immer auf der Suche.“ Sie sah ihn an. „Wonach?“ Henning lehnte sich zurück und ließ den Blick aus dem Fenster schweifen. „Vielleicht danach“, meinte er. „Wirklich anzukommen. Die Schönheit zu sehen.“

„Es kann doch überall schön sein. Man muss es nur zulassen“, gab Lara nachdenklich zurück.

Henning lachte. „Sehr philosophisch. Aber du hast recht. Sind erst die Altlasten über Bord geworfen, lebt es sich viel freier.“

Er sah in ihr Gesicht, nur eine Armlänge entfernt, und dachte an den pickeligen 15-Jährigen, der mit dieser Situation völlig überfordert gewesen wäre. Er war es nicht, wie er mit Genugtuung feststellte.

„Hast du denn Altlasten?“, fiel Lara in seine Überlegungen. „Und du?“, schoss er zurück. Einen Moment sahen sie sich fest in die Augen. Dann lächelte Lara verschmitzt. „Du zuerst.“

„Also gut.“ Henning holte tief Luft, nahm den Blick nicht von ihr. „Ich war meine ganze Jugend hindurch verzweifelt verliebt. In dieses wunderschöne Mädchen, das mich allerdings nie bemerkt hat. Sie war so cool und selbstbewusst, so umschwärmt – und so unerreichbar für mich. Ich hätte alles gegeben für ihre Aufmerksamkeit, hab mich zum Affen gemacht für ein Lächeln von ihr. Und jede Nacht von ihr geträumt. Na ja. Die Einzelheiten erspar ich dir.“ Er ließ seinen Tonfall ins Ironische driften.

Lara aber saß wie gebeutelt und sah ihn groß an. „Du meinst jetzt aber nicht mich. Oder doch?“

„Wenn es gäbe, was du dir wünschst …“, sinnnierte Henning

Sie schwieg bestürzt. Auch Henning sagte nichts. Eine lange Weile. Endlich schüttelte sie langsam den Kopf und sah ihn wieder an.

„Wow. Hammer. Ich hatte ja keine Ahnung. Und von wegen cool und selbstbewusst.“ Sie grinste schief. „Ich hatte damals schwer an der Trennung meiner Eltern zu knabbern. Schmerz, Chaos, Verwirrung, der ganze Mist. Diese Unsicherheit hab ich hinter einer coolen Fassade versteckt. Erfolgreich, offenbar. Und was umschwärmt angeht – ja, die Jungs sind auf mich geflogen. Es waren bloß immer die Falschen. Hohlköpfe, die sich nur mit mir schmücken wollten. Irgendwann war ich überzeugt, was ich mir wirklich wünsche, das gibt es gar nicht. Jemand zum Reden. Der hinter die Fassade sieht und mich nimmt wie ich bin.“

Sie brach ab. Schweigen legte sich über den Tisch, während Laras Gedanken noch einen Moment tief in der Vergangenheit verhakt zu sein schienen. Dann klärte sich ihr Blick, und sie grinste ihm zu. „Na, Schwamm drüber. Ist lange her.“

„Und wenn es das nun doch gäbe?“, sinnierte Henning.

Sie fing seinen Blick auf und hielt ihn fest. Hätte sie ihn damals nur einmal so angesehen, schoss es ihm durch den Kopf. Doch sie tat es jetzt, mit einem Ausdruck, fast als sähe sie ihn zum ersten Mal.

Du und ich, funkte er ihr stumm zu. Wir können es schaffen.

Allmählich bogen sich Laras Mundwinkel ein Stück nach oben. Und noch ein Stück. Du und ich, funkte Henning noch einmal, konzentriert, geradezu andächtig.

Ihre Augen blitzten, das Lächeln floss auseinander. Auch er fühlte sich plötzlich herrlich leicht und unbeschwert. Und war da nicht eben der aller-allerletzte Rest Altlast von ihm gefallen?

„Dann würde ich zupacken und es nicht mehr loslassen“, sagte sie, so bedeutsam, dass ihm ganz warm und froh und selig zumute wurde.

ENDE

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HEIMAT-ROMAN